Retrozension | Foo Fighters – In Your Honor

Foo Fighters - In Your Honor Lange Zeit hatte die Band um Dave Grohl bei mir einen schweren Start. Das änderte sich erst 2005 mit Erscheinen des Doppel-Longplayers In Your Honor. Dafür war der Einstieg in die Diskographie dann umso rasanter; innerhalb weniger Monate konnte ich so sämtliche Alben nach und nach in meine Sammlung aufnehmen.

Kommen wir aber zunächst einmal auf In Your Honor zu sprechen. Verpackt im schönen Digipack, besteht das Album musikalisch aus zwei Teilen mit jeweils exakt 10 Songs. Das raffinierte daran ist, dass der erste Albumteil knallhart rockt, während der zweite eher melancholische, akustisch arrangierte Liederchen enthält. Zudem befindet sich auf den Rückseiten der CDs (ja, auch eine CD hat eine Rückseite) jeweils eine DVD-Schicht, die auf  Disc Eins eine kleine Making-of Dokumentation zum Entstehen des Albums enthält und auf Disc Zwei einen 5.1 Surround-Mix des gesamten Albums, abspielbar zum Beispiel auf dem heimischen Computer. Wer sich jetzt wundert, dass die eigene Version des Albums nicht so umfangreich ausgestattet ist, der hätte ebenso wie ich im CD-Handel auf die teurere Limited Edition optionieren müssen. Ob sich so etwas lohnt ist Geschmackssache, ich denke aber schon.

One

Anders als etwa die Smashing Pumpkins auf Mellon Collie and the Infinite Sadness haben die Foo Fighters sich erspart, eigene Titel für die zwei Silberlinge zu suchen. So heißt Disc Eins schlicht und ergreifend One, wie die zweite Scheibe heißt, verrate ich später. Musikalisch steigen die Foos gleich voll ein. Der Opener In Your Honor ist sowas von ehrlichem, uramerikanischem Alternative Rock, dass man den Song eigentlich nur lieben kann. Wer die Foos schon vorher kannte wird insgesamt eher wenig überrascht gewesen sein. Für mich öffnete sich damals aber eine neue Welt da, wie ich eingangs schon erwähnte, dies meine erste ernsthafte Begegnung mit den Foos war. Die Musik ist so unglaublich reif, so erwachsen und doch unverfälscht, dass ich mich ernsthaft frage, wie ich so ein Phänomen so lange nicht für mich entdecken konnte. No Way Back macht da keinen Unterschied. Dave Grohl spielt sein Gesangstalent voll aus und reißt einfach mit. Wer da mithören kann ohne den Takt wenigstens zu klopfen ist musikalisch vermutlich tot.

Best of You ist dann die erste Single aus In Your Honor und war für mich mit der Grund die 17 oder 20 Euro in die CD zu investieren. Das Video dazu ist zwar nach meinem Befinden reichlich einfallsfrei inszeniert, hat aber seinen Zweck was mich betrifft wie man sieht völlig erfüllt. Weiter rockts ohne Pause und ohne wesentliche Tempovariation durch DOA, Hell und The Last Song, der eigentlich wirklich an ein Albumende gehört hätte und zwar nicht nur aus textlichen Gründen. Free Me macht aber schnell klar, dass das Ende des Rock noch lange nicht gekommen ist und so bretzeln die Foos noch ein bißchen weiter.

Resolve ist meines Wissens die zweite Singleauskopplung des Doppelalbums gewesen und gefällt mir persönlich besser als Best of You, aber im Grunde haben Singles ja auch glücklicherweise nichts bis nicht viel über die Qualität von Alben zu sagen. Zwischen den beiden Singles lassen sich auch hier acht hervorragende Rocksongs entdecken, die den beiden Singles in nichts nachstehen. Der ruhigste Song auf One ist dann The Deepest Blues are Black. Eine kleine Pause kann aber ja auch wirklich nicht schaden. Den Abschluss von One macht dann End Over End, ein Song der ebensogut wie The Last Song als Plattenabschluss funktioniert. Hier kann man der Band höchstens vorwerfen, sich nicht zwischen den Nummern entschieden zu haben und zwei “Rausschmeisser” auf eine CD gepackt zu haben.

Two

Der pfiffige Leser hat es sich wahrscheinlich schon denken können. Die Zweite Disc trägt analog zur Bennenung der ersten den schlichten Namen Two. Still leitet die Scheibe mit sphärischen Klängen ein. Dazu spielt ein recht simples aber völlig ausreichendes Gitarrenriff bis Dave Grohl mit sanfter Stimme einsetzt. Schnell wird klar: hier ist träumen erlaubt. In ruhigem Tempo wird der Melodie Raum gegeben, sich zu entfalten. Die Band experimentiert mit anderen Elementen als auf One und scheint sich dabei nicht im Mindesten unwohl zu fühlen. What if I do? steigt dann direkt hitverdächtig hinterher. Eine unglaublich anschmiegsame Melodie in Verbindung mit einem direkt eingängigen aber nicht nervig naivem Refrain, das ist Songwriting wie man es nicht jeden Tag zu hören bekommt.

In die selbe Kategorie passt Miracle. Hier stimmt einfach alles: Melodie, Instrumentierung, Stimmung. Led Zeppelin-Legende John Paul Johnes ist hier übrigens am Piano zu hören. Danach darf er dann noch für Another Round in die Mandolinensaiten greifen. Das Tempo bleibt verhalten, die Grundstimmung eher nachdenklich aber nicht depressiv; schön und ergreifend. Friend of a Friend ist das am simpelsten arrangierte und produzierte Stück: nur Dave mit viel Hall in der Stimme und einer Akustikgitarre in den Händen. Textlich lassen sich hier ohne Zweifel Geschichten zu Kurt Cobain erkennen. Das hat einen guten Grund, denn der Song ist nach Aussage von Dave Grohl der erste Song den er überhaupt jemals geschrieben hat – und zwar noch zu Nirvana-Zeiten.

Over and Out wirkt dahingegen wieder wie ein musikalischer Qunatensprung. Extrem klare Gitarrenklänge und diese Stimme … ich bin begeistert. On the Mend schließt sich da insgesamt perfekt an und lässt einen gerade weiter in seinen Gedanken schwelgen. Virginia Moon, aufgenommen mit Norah Jones, die sowohl Pianoklänge als auch Gesang beisteuert, gehört der Song für mich zu den Perlen des gesamten Albums. Gitarre spielt hier übrigens niemand aus der Band sondern Joe Beebe, der mir dennoch völlig unbekannt ist.

Cold Day in the Sun wirkt dann fast ein bißchen unpassend auf Two. Im Grunde handelt es sich dabei um einen ganz eindeutig rockigen Song. Singen darf hier Drummer Taylor Hawkins. Der Song ist gut, aber passt nicht 100%-ig ins Konzept. Einen Tiefpunkt möchte ich das aber ausdrücklich nicht nennen. Razor ist dann der sehr spannende Abschluss des zweiten Albumsteils. Josh Homme von QOTSA darf die Gitarre bedienen, Dave singt gedankenverloren auf grandios schöne Weise das sehr ergreifende Liedchen.

Ich habe mittlerweile mehrfach in Foren und Bewertungen gelesen, dass In Your Honor nicht zu den stärksten Momenten der Foos zählen soll. Wie man zu einem solchen Schluss kommen kann, erschließt sich mir auch heute, nachdem ich alle Albend der Band kenne, nicht. Für mich zählt das Album zu den klaren Highlights der 2000er und ich bin froh, die Foos dann doch noch für mich entdeckt zu haben. Auch wenn es ketzerisch klingen mag: Ich bin mir sicher, dass Kurt Cobain keine besseren Songs hätte schreiben können, würde er noch leben.

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