Retrozension | Stone Temple Pilots – Tiny Music and Songs from the Vatican Gift Shop

Stone Temple Pilots - Tiny Music and Songs from the Vatican Gift ShopVon den Stone Temple Pilots hört man ja in letzter Zeit wieder häufiger. Zunächst kamen Reunion-Gerüchte auf, dann kamen Gerüchte um die Trennung von Velvet Revolver auf, dann setzte Scott Weiland den Gerüchten ein Ende, indem er erklärte, dass Velvet Revolver ohne ihn auskommen musste. Schließlich wurden dann ein oaar Konzerte für diesen Sommer bekanntgegeben und mittlerweile tauchen auch schon die ersten Gerüchte um ein neues Album auf. Das alles sollte uns aber zunächst einmal egal sein, dass es ein neues Album der STPs geben wird glaube ich persönlich erst, wenn man es kaufen kann, freuen würde es mich aber sicherlich.

Das die Stone Temple Pilots bislang aber schon mehr als ein gutes Album auf den Ladentisch gebracht haben, dass steht unumstösslich fest. Eines dieser insgesamt fünf Machwerke dreht sich derzeit auf meinem – zugegebener Maßen virtuellen – Plattenteller. Bekannt geworden unter dem Namen Tiny Music ist dieses das dritte Album der Band aus San Diego. Ich erinnere mich noch ziemlich gut daran, wie verwirrt ich war, nachdem ich das Album das erste mal gehört hatte. Irgendwie hatten es STP geschafft mit allen Erwartungen und Hörgewohnheiten zu brechen und dabei ein Album zu schreiben, dass zunächst verwundert, aber dann durchaus begeister.

Der Opener Press Play, soviel sei vorweggenommen, darf nicht wirklich als solcher gelten. Die beste Beschreibung die mir für diesen musikalischen Fetzen einfällt ist Fahrstuhlmusik. Insofern wird man auch mal ganz schnell auf eine falsche Fährte gelockt. Wer sich nämlich nach diesem Instrumental-(ja was ist es eigentlich?)-Stück auf eine entspannte Fahrstuhlfahrt einstellt, wird gleich mit dem ersten Song Pop’s Love Suicide (kann ein Liedtitel denn erfreulicher klingen) feststellen, dass die Tragkabel soeben gerissen sind, und eine Bremsvorrichtung nicht existiert. Auch Tumble in the Rough gehört definitiv zur Sorte Rohe Rockmusik. Hier wird aggresiv und wütend gerockt – aber nicht auf irgendeine uninspirierte Art, nein, es klingt gut – man muss sich nur erstmal dran gewöhnen.

Big Bang Baby hebt sich von den ersten beiden Songs erstmal dadurch ab, dass das Schlagzeug direkt poppig wirkt, ein bißchen Handgeklatsche ergänzt den Rythmus zuckersüß. Gesang, Bass und Gitarre sprechen aber eine klar andere Sprache. Nur der Refrain vermittelt wieder dieses zuckersüße poppige. Wirklich gut. Zumal mir wenige Songs bekannt sind in denen die Bassgitarre eine solch tragende Rolle innehat. Lady Picture Show ist dann eines der Stücke, die man am ehesten als gut empfindet. Hier wird schmachten schön melodiert. Leicht melancholisch aber dennoch nicht balladesk. Ein wirklich guter Song. And so I know bricht dann letztendlich doch noch mit dem hohen Tempo und der permanent drohenden Wut. Hier wird wieder in schönem jazzigen Stil eine wirklich bewegende, ruhige Melodie gesponnen. Alles klingt ein wenig nach rauchiger Clubatmosphäre und das finde sogar ich als überzeugter Nichtraucher gut. Besonder schön: das im Klang sehr weiche Gitarrensolo.

Nach so viel Entspannung darf Trippin’ on a Hole in a Paper Heart auch wieder etwas mehr Tempo vorlegen. Auch hier ist wieder erstaunlich bewegte Bassarbeit zu bewundern. Ansonsten ein wirklich schnelles aber zufriedenes Liedchen. Art School Girl ist da wesentlich verstörter. Da wechselt ein sehr minimalistischer Strophenteil mit einem Vollgas-alles-was-geht-muss-raus Refrain, der einen wundern lässt, ob sich da nicht doch irendeine Gewaltmetalband im Studio versteckt hat. Gewöhnungsbedürftig, aber Kunst. Um die Ohren nicht zu sehr zu strapazieren, werden unsere Flimmerhärchen dafür anschließend von Adhesive gestreichelt. Wieder ein bißchen Clubjazz, aber diesmal mit mehr Rock eingestreut. Ohne Ironie muss ich dagen, dass dieser Song mich immer wieder dazu verleitet, meine Gedanken ziellos durch die Welt treiben zu lassen. Insbesondere das bemerkenswerte Trompetensolo krönt die Komposition immer wieder. Genial.

Ride the Cliché bretzelt dann wieder unverwechselbar rockig weiter. Fast schon ein bißchen zu gewöhnlich für dieses Album, aber nur fast. Daisy haut dafür mal wieder alles bisher Erlebte in die Pfanne und zeigt sich als rein instrumentales Gitarrenstück so unglaublichversöhnlich, dass man sich wundern muss wer aus der Band solche harmonischen Einfälle zu Stande bringt. Gefolgt wird dieses Stück von Seven Caged Tigers, dem Schluss des Albums. Und irgendwie finde ich, dass es wenige Songs gibt, die so gut am Ende eines Albums platziert wurden wie dieser. Die Stimmung ist so hundertprozentig passend, dass man einfach mal anerkennen muss, dass da produktionstechnisch einfach alles richtig gemacht wurde. Ein wirklich starker Song mit viel Atmosphäre.

Als ich 1996 das erste mal mit Tiny Music and Songs from the Vatican Gift Shop konfrontiert wurde, war ich stark verwundert. Dann lernte ich das Album aber näher kennen und finde bis heute, dass es wenigstens das zweitbeste Album der Stone Temple Pilots ist. Ob der Begriff Psychedelic Rock, der damals in der Musikpresse häufig Verwendung zur Beschreibung der Musik fand, wirklich passend ist weiß ich nicht. Das das Album aber ungewöhnliche Rockmusik präsentiert steht fest. Vieles der Musik scheint gerade förmlich die Problembewältigung von Sänger Scott Weiland herauszuschreien. In jedem Fall wurde hier Musik mit viel Herz und Seele gemacht, und das merkt man.


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