Retrozension | Stone Temple Pilots – No. 4

Man ahnt es fast, wenn man den Titel des Albums sieht. No.4 ist tatsächlich die Nummer vier der Stone Temple Pilots. Das Album erschien drei Jahre nach dem Vorgänger Tiny Music ... im Jahr 1999. Vorangegangen waren wie schon beim Vorgänger unzählige Gerüchte, dass die Band bereits aufgelöst sei. Grund hierfür waren die immer häufiger notwendigen Entziehungskuren des Sängers und Frontmanns Scott Weiland, der seine Heroinsucht einfach nicht unter Kontrolle bekam. Dazu kam, dass die Musiker sich zunehmend Solo-Projekten widmeten, was bandtechnisch fast immer ein schlechtes Zeichen ist.

Umso erfreulicher also, dass die Band aus San Diego es dann doch noch schaffte ein Album aufzunehmen. Schon die ersten Klänge des Openers Down klingen so unverkennbar nach STP, dass man sich grundsätzlich sofort wohl fühlt im Album. Die Nummer ist sehr rockig ausgelegt und die stampfenden Drumparts sowie die sehr eigenwillig aber kräftig produzierte String-Section erinnern an frühere Alben. Auch Heaven & Hot Rods sowie die Nummer Pruno halten Tempo und Grundstimmung des Openers aufrecht. Diese liegt irgendwo zwischen Wut, einer Priese Verzweiflung, einer ganzen Menge Energie und einem Fünkchen Hoffnung.

Church on Sunday ist dann erstmals ein wenig ruhiger und poppiger, die Lyrics lassen aber keinen Zweifel, dass es auch hier nicht wirklich freudig zugeht. Sour Girl ist dann der erste wirkliche Ruhepol auf  No. 4. Ein sehr ruhiger Strophenteil wird gefolgt von einem überraschend sanften aber eingängigen Refrain in Mehrstimmigkeit. Auffällig ist, dass auch in diesem ziemlichen ruhigen Stück das Grundtempo relativ hoch gehalten wird. So bleibt auch hier eine gewisse Unruhe erhalten, die dem Album bis (fast) zum Schluß eigen ist.

Richtig düster wirds dann bei No Way Out. Rotzige, fast schon Alice In Chains-hafte Gitarrensounds, ein böser stampfender Rythmus und ein verzweifelt klingender Scott-Weiland scheinen die Vorhänge ganz dicht zuzuziehen. Wieder etwas poppiger wirds beim nächsten Stück. Kein Wunder eigentlich, schließlich lautet der Titel doch Sex & Violence. Wie anders als mit einer fröhlich ironischen musikalischen Untermalung könnte man solch ein Thema angemessen besingen?

Glide ist einer meiner klaren Favoriten auf No. 4. Die Gründe hierfür sind ganz einfach. Glide ist das Einzige Stück das in der Qualität des Songwriting an die Songs auf Purple oder Tiny Music … heranreicht. Nur hier gelingt es der Band wirklich nachhaltig diese wunderbare und dichte Atmosphäre aufzubauen, die einen in Tagträume zu entführen vermag und die Songs zu Klassikern macht. Der Song ist wie eine kleine Reise und bietet unheimlich viele verschiedenen Stimmungen und Eindrücke. Davon hätte ich gerne mehr.

I Got You schafft es dann nahezu, die Qualität von Glide aufrecht zu erhalten. Auch hier ein großartiger, wieder etwas poppiger ausgelegter Song, der zu Anfang fast schon nach Country klingt. Insgesamt aber wieder etwas weniger vielfältig als dies Glide ist. Dennoch wirklich gut. MC5 kündet dann schon quasi vom Ende des Albums. Der vorletzte Song mobilisiert noch einmal die rockige Ader der vier Musiker und passt wieder stärker zu den ersten sieben Stücken des Albums. Viel Energie, viel Flow aber im Songwriting wieder etwas flacher, wenngleich nicht so flach, dass es schlecht wäre. Hervorstechendstes Merkmal ist aber weniger der Song selbst als der in der letzten Sekunde reingerufenen Satz “I broke a String”. Nicht ganz “I got blisters on my fingers” aber immerhin.

Kommen wir zum Ende, und das ist mit Atlanta angemessen vertont. Der einzig wirklich ruhige Song auf No. 4. Traurig in der Grundstimmung, sehr zurückhaltend und akustisch instrumentiert, unterlegt mit den im Grunge fast schon obligatorischen Streichern kann man hier sein Wehleiden noch einmal voll ausleben. Eine großartige, wenn auch sehr schlichte Nummer; oder vielleicht gerade deshalb. In jedem Fall kann hier Scott Weiland seine Stimme noch einmal in vollem Umfang und mit höchstem Niveau zum Einsatz bringen. Einfach genial!

Alles in allem ist No.4 ein ordentliches Album, das aber leider mit wenigen Ausnahmen nicht ganz das Niveau seiner Vorgänger erreicht. Nichtsdestotrotz wird hier Alternative-Rock auf hohem Level zelebriert und daher muss man fairerweise einfach sagen, dass vier Sterne dennoch gerechtfertigt sind.

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