Retrozension | Red Hot Chili Peppers – Californication

1999 geschah das, was man davor eigentlich schon für unmöglich gehalten hatte. Die Red Hot Chili Peppers veröffentlichten nach vier Jahren Studiopause wieder ein Album. Das besondere daran war aber zunächst einmal weniger das Album selbst, als die Tatsache, dass das Album wieder mit John Frusciante aufgenommen werden. Wer sich erinnert; John Frusciante war bis nach Blood Sugar Sex Magik der Gitarrist der Band, hatte sich aber dann so mit den übrigen Bandmitgliedern überworfen, dass die Band ohne ihn weitermachte. Folge war damals ein gigantisches Gitarristencasting, dass David Navarro für sich entscheiden konnte. Das einzige Album mit Navarro, One Hot Minute, war zwar musikalisch absolut top, stellte aber einen deutlichen Stilbruch für diie Chili Peppers dar.

Nun also gab es RHCP wieder mit Frusciante und die Band reagierte prompt mit einem neuen Album, dass zwar auch nicht wirklich an Blood Sugar Sex Magik erinnerte, dennoch aber ein wirklich würdiges Comeback darstellte.

Schon der Opener Around the World macht mächtig Spaß. Das macht sich erfreulicherweise bereits in den ersten Takten bemerkbar. Der Bass knackt wie man es sich von den Chilis wünscht, die Gitarre rückt wieder mehr in den Hintergrund, der Rythmus darf wieder die Führung übernehmen. Neu ist die unglaubliche Liebe zu Gesangsharmonien, wie sie der Refrain aufweist. Hier zeigt sich insbesondere die Wiedereingliederung von Frusciante, der vornehmlich die teilweise extrem hohen Backgroundgesänge übernimmt. Parallel Universe glänzt dann durch eine bsonders feine Melodieführung. Dazu die Spannung aus angenehm ruhiger Instrumentenbegleitung in der Strophe und ehrlichem Geschrammel im Refrain. Sicherlich eines der vielen Highlights auf dem Album.

Scar Tissue setzt dem noch eins oben auf. Besonders begeistert bin ich von den fast minimlistischen Gitarrenparts, die aber doch völlig ausreichend sind und den Songs eine fantastische Leichtigkeit verleihen. Auch Otherside lässt keinen Raum für tiefgreifende Kritik. Nach dem kleinen Intro entfaltet sich der Song langsam aber stetig, baut Spannung auf und geht letzten Endes in eine fast schon poppige Nummer über. Die Melodie reißt mit und bleibt im Gedächtnis.

Get On Top lässt dann doch ein bißchen BSSM-Zeiten durchscheinen. Hier gibt es grundehrlichen Crossover der ein wenig an Give it Away erinnert, dabei aber deutlich braver bleibt. Soll aber ganz explizit keine Kritik sein. Zumindest keine schlechte. Der Titelsong Californication ist dann der wahrscheinlich komplexeste Song des Albums. Mir persönlich kommt der Song immer ein Stück weit wie ein Film vor. Selbst wenn man kein Wort Englisch versteht hat man durch die Musik schon den Eindruck eine mitreißende Geschichte erzählt zu bekommen. Eine leicht deprimierte Grundstimmung mit dem nötigen Fünkchen Hoffnung darin, so muss gute Musik einfach sein.

Easily geht dann wieder stärker in Richtung Pop-Rock. Sehr mainstreamig und dennoch nicht banal oder gar plump. Einfach, knackig und gut. Porcelain hingegen ist geradezu schwermütig und fragil. Begleitet überwiegend durch gestrichene Snare-Drum und Bass mit melodischen Einwürfen der Gitarre. Danach mit Emit Remmus (bitte Rückwärts Lesen) wieder etwas mehr Rock. Diesmal schön verquietscht durch Gitarre, die Hauptrolle darf auch hier einmal mehr der Bass übernehmen. Einfach gut halt. Besondere Erinnerung an diesen Song ist für mich übrigens an die Zeile “We could walk through Leicester Square” geknüpft. Ich erinnere mich heute noch wie ich damals auf einem Schulausflug mit Walkman im Ohr über den Leicester Square in London lief und in diesem Moment plötzlich erstmals die Zeile wirklich verstand. War schon lustig.

Weiter gehts mit I like Dirt. Hier regiert der Funk. Ich erinnere mich noch, dass mir dieser Song anfangs irgendwie gar nicht so recht gefiel, insbesondere wegen dem Refrain, der ebenso wie die Strophe quasi ohne Melodie auskommt. Mittlerweile gefällt mir aber auch der Song ohne wenn und aber. So entwickelt man sich weiter mit der Musik die man so hört. This Velvet Glove reiht sich dann wieder eher in die Kategorie ruhiger Rocksong ein. Auch hier gibt es nichts zu mäkeln. Dafür aber ist dieser Song vielleicht mehr als die anderen ein bißchen eine Art Prototyp für das, was man auf nachfolgenden Alben der Chilis geliefert bekam. Savior leitet dann irgendwie ein bißchen schon das Albumende ein. Ist zwar der viertletzte Song des Longplayers, aber er verbreitet die Stimmung, dass sich das Album dem Ende neigt.

Purple Stain widmet sich dann noch mal verstärkt dem Funk und Crossover. Dazu gibts einen denkbar eindeutigen Text, der mit Sicherheit einen “Explicit Lyrics”-Aufkleber verliehen bekommen hat. Musikalisch gehört dieser Song definitiv zu meinen Favoriten auf em Album. Right on Time ist dann fast schon ein bißchen zu sehr chaotisch. Da löst sich zwar im Refrain sehr schön auf, wird aber für die zweite Strophe sofort wieder aufgenommen. Auch hier blitzt wieder ein bißchen Blood Sugar Sex Magik durch. Den wirklich grandiosen Albumabschluss bildet dann das lagerfeuertaugliche Gitarren- und Basspicking von Road Trippin’. Die vielleicht einfühlsamste Ballade der 90er. Einer der wenigen Songs die auch ich manchmal gerne fünfmal hintereinander gehört habe. Zumindest aber ein Song den ich so niemals den Chili Peppers zugetraut hätte. Wer da nicht ins träumen kommt, dem ist leider nicht mehr zu helfen.

Insgesamt haben die Red Hot Chili Peppers mit Californication ein mehr als gutes Album vorgelegt. An die Einzigartigkeit und Originalität von Blood Sugar Sex Magik kommt es mit Sicherheit nicht ganz heran. Einen Grund hier bei der Wertung auch nur einen Stern wegzulassen sehe ich aber auch nicht.

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