Retrozension | Radiohead – The Bends

Radiohead hatten mit ihrem Debutalbum Pablo Honey bereits Aufmerksamkeit generieren können. Der Nachfolger The Bends sollte die Band aus England schließlich als feste Größe im Rock-Business etablieren. 1995 erschienen ist The Bends deutlich dichter als das Vorgängerwerk. Wer Muse mag wird The Bends mit Sicherheit lieben. Auf keinem anderen Album geben sich Radiohead dermaßen rockig.

Der Opener Planet Telex markiert ziemlich gut die Bandbreite, in der sich The Bends bewegt. Dichte Sounds, viel Atmosphäre, viel Gewicht auf Produktion und einen sehr eigensinnigen musikalischen Stil. Insgesamt vielleicht einer der besten Opener die ich kenne. Auch der Titelsong The Bends ist ein sehr eingängiger Rocksong. Hier ist die Nähe zum amerikanischen Alternative Rock und Grunge ganz klar zu erkennen. Lediglich gesanglich zeigen Radiohead schon erste Ansätze dessen, was in OK Computer so deutlich zum Tragen kommen würde.

High and Dry widmet sich der ruhigeren, noch melancholischeren Seite des Albums. EIn sehr ruhiger, getragener Song mit traurig schöner Melodie und Text. Die Stimme von Thom York ist in großen Teilen verantwortlich für die Eindringlichkeit dieses Liedchens. Fake Plastic Trees beruht sogar noch stärker auf der Stimmgewalt des schmächtigen Frontmanns. Der Song steigert sich im Verlauf immer stärker bis hin zur musikalischen Ekstase. Sowas geht unter die Haut – wirklich genial.

Bones täuscht dann irgendwie Fröhlichkeit vor, die man dem Song aber dann doch nicht abnimmt. Dabei geht es dann wieder deutlich rockiger zu. Ein geniales Riffspektakel im Refrain, dezentere Klänge im Strophenteil und wieder diese Eindringlichkeit, als wäre jedes gesungene Wort bedeutend auf Leben und Tod. (Nice Dream) stützt sich wieder stärker auf akustische Klangwelten. Die Schönheit dieses Songs lässt sich für mich im Grunde nicht in Worte packen. Hört am besten selbst mal wieder rein. Ich schmelze bei solchen Songs einfach dahin.

Just dürfte zu den bekannteren Songs auf The Bends zählen. Auch hier wieder starker Hang zum Alternative Rock des “neuen” Kontinents und ein genialer Song, aber abgesehen vom Gitarrensolo am Schluß sicher kein Highlight auf dem Album, was alleine schon für die Gesamtqualität des Longplayers spricht. My Iron Lung ist dann wirklich in Musik verpacktes Genie. Dieses so schepp klingende Riff berührt einfach mit jeder Note. Dazu der sehr eigenwillig verpackte Refrain und das alles in perfekter Produktion. Hier hat auch der Produzent Nigel Godrich ein dickes Lob verdient. Da passt einfach alles.

Bullet Proof … I wish I was lautet der Titel des nächsten Songs und hier kann man sich getrost zurück lehnen und einfach in den Klangsphären schwelgen. Hier zeigt sich ganz deutlich, was ich bis heute an Radiohead so bewundern kann, Hier scheint einfach jeder Klang so unglaublich gut erarbeitet und der Song so wunderbar arrangiert. Da zeigt sich ein klarer Unterschied zu Bands, die weniger hart an ihren Stücken feilen. Der Sound zeigt aber klar, dass sich jedes Feilen unendlich lohnt. Black Star wirkt gegen die vorigen Songs erstaunlich leicht. Das ändert nichts an der sehr melancholischen Grundstimmung, aber der Song klingt eher nach Travis (aber sowas von) als nach Grunge, und das tut zuweilen auch mal gut. Sulk passt sehr gut in die selbe Kategorie, ich glaube soeben entdeckt zu haben auf welcher Inspiration wenigstens zwei Alben von Travis beruhen. Den gleichen Produzenten hatten sie ja eh. Der Song hat wieder ein fantastisches Gitarrensolo gegen Ende. Ich liebe diesen Krach! Mit Street Spirit (Fade Out) geht dann auch das zweite Album von Radiohead zu Ende. Eindrucksvoller lässt sich dieses wirklich ergreifend traurige und geniale Album nicht beenden.

Insgesamt gehört The Bends sicher zu den drei besten Alben von Radiohead bisher. Nach diesem Album entfernte sich die Band deutlich vom Grunge und schuf mehr oder weniger ihre eigene Musikrichtung, die auch meines Wissens nach bis heute keine andere Band zu bedienen weiß. Hier würde ich mich aber liebend gern vom Gegenteil überzeugen lassen. Denjenigen, die bedauern, dass Radiohead heute nicht mehr so klingen wie auf The Bends kann man wiederum nur Muse ans Herz legen. In der Wertung gibts auf jeden Fall von mir keine Abzüge!

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