Retrozension | Radiohead – OK Computer

Wenn es eine Band gibt, die mich in diesem Jahr ganz besonders begleitet und beeindruckt hat, dann ist es wohl Radiohead. Grund genug für mich, ein weiteres Album der Band aus Oxford mit einer Retrozension zu ehren.

Heute geht es also um das dritte Album, das im Falle von Radiohead wohl in seiner Bedeutung gar nicht überschätzt werden kann. OK Computer, so der etwas ungewöhnliche Titel, katapultierte die Band in einem Schlag aus dem Schatten aller zuvor verarbeiteten Einflüsse und etablierte im Grunde ein eigenes Genre. Ich meine hier nicht das oft angebrachte Label Postrock, sondern vielmehr die unglaubliche Komplexität und Kompositionstiefe, die die Songs auf dem Longplayer von allem abheben, was die Rockmusik sonst so zu bieten hat.

Der aufmerksame Leser bemerkt unschwer, dass das Ergebnis dieser Retrozension gar nicht schlecht werden kann. Es tut mir leid, dass ich es hier gar nicht erst versuche einen Spannungsbogen aufzubauen, aber OK Computer begeistert mich derart nachhaltig, dass ich mit meiner Meinung gar nicht hinter dem Berg halten möchte. Schauen wir uns das Album aber im Einzelnen mal etwas genauer an:

Der Opener Airbag beginnt zunächste eher unauffällig mit bis dahin typischen Gitarrenriffs und Schlagzeugeinlagen. Schon beim Einsetzen von Thom Yorkes Gesang wird aber klar, dass irgend etwas diesmal anders wird. Die Stimmung wirkt irgendwie fragil, der Sound trotz zurück haltend agierenden Instrumenten unglaublich dicht und atmosphärisch. Dies wird mit Paranoid Android noch deutlich verschärft. Hier verfällt die Rythmussektion bereits in Muster, die man bis dahin eher von elektronischer Musik kannte. Dazu werden Gitarreneinwürfe geboten, die so voller Leidenschaft und Schmerz klingen, dass man sich dem Zauber des Songs eigentlich nicht entziehen kann. Insbesondere der dynamisch sehr krasse Wechsel zwischen absolut dichten Gitarrenwänden und atmosphärisch entrückten Songfragmenten macht schon beim zweiten Song klar, dass OK Computer in anderen Sphären unterwegs ist.

Subterranean Homesick Alien lautet der etwas sperrige Titel des nächsten Songs, der im Dreiviertel-Takt daher kommt. Auch hier wieder absolut entrückte Gitarrensounds, eigenwillige Gesangslinien und dieses bestimmte Gefühl als ginge es um Alles oder Nichts. Hier wird Musik mit einer Hingabe gefeiert, die man sonst eher von Jazzplatten kennt. Exit Music (For a Film) ist das wohl traurigste Stück auf dem ganzen Album. Thom Yorkes Stimme klingt geradezu zerbrechlich, das Tempo ist absolut rausgenommen. Zunächste wird die Begleitung nur durch eine Akustikgitarre übernommen, erst nach und nach setzen Synthiesounds, Klangsamples und der Rest der Band ein, um den Song schrittweise zur Ekstase zu führen. Das ist Songwriting par Excellence grandios umgesetzt!

Let Down baut wieder auf klassischeren Songstrukturen auf und überzeugt durch seine Einfachheit, die wieder überwiegend durch die überirdische Gesangsleitung von Thom Yorke getragen wird. Die Band bleibt vornehm im Hintergrund und schafft einfach nur eine dichte Stimmung, die den Song absolut passend trägt. Das nächste Highlight lässt mit Karma Police nicht lange aus sich warten. Ich erinnere mich noch gut daran das Video zu diesem Song dereinst auf MTV gesehen zu haben und völlig in den Bann gezogen zu werden. Nicht nur musikalisch taten sich da ganz neue Welten für mich auf, auch das Video mit seiner alptraumhaften Atmosphäre hinterließ einen bleibenden Eindruck. Der Song selbst wird vorwiegend durch das Piano und den Bass getragen, die verqueren Lyrics geben einem Rätsel auf aber auch hier unterliegt eine Simplizität, die ich einfach faszinierend finde.

Fitter Happier lässt dann in ungewöhnlicher Weise den Computer zu Wort kommen. Im Grunde besteht der Titel nur aus den elektronisch verlesenen Lyrics, unscheinbar hinterlegt mit Samples und Pianoklängen. Electioneering bringt dann einen der vielleicht ehrlichsten Rocknummern auf OK Computer. Hier treibt der Rythmus, hier krachen die Riffs und es wird einfach mal wieder ganz bodenständig gerockt. Textlich ist diesem Song, wie eigentlich allen auf dem Album, sehr viel abzugewinnen, wenn man sich ein wenig Zeit für eine Interpretation nimmt.

Climbing up the Walls ist die nächste Nummer und hier wird wieder stärker auf elektronische Klangwelten gesetzt. Zurückhaltung und Depression in hervorragender Intonierung, kein Hit aber irgendiwe absolut notwendig und grundehrlich. Sehr schön auch das anschließende No Surprises, das zunächst irgendwie an ein Schlaflied erinnert. Textlich entpuppt sich der Song jedoch zunächst als abschließende Gedanken eines Selbstmörders, diese werden dann in der letzten Strophe unmittelbar mit einem ruhigen leben in einem hübschen Vorstadthäuschen gesetzt. Sozialkritik am Rande des Erträglichen. Davon mag man halten was man möchte, die Umsetzung macht auch diesen Song zu einem der vielen absoluten Highlights des Longplayers.

Lucky setzt noch einmal alles auf große Emotion und wirkt fast etwas pathetisch. Aber nur fast. EIn grandioser Refrain und ebenso grandiose Strophen, dazu wieder eher grungenahe Gitarrenarrangements, die nicht unwesentlich an Bush erinnern, nur das Bush nie diese Genialität erreicht haben. The Tourist schließt dann letztlich das Album. Auch hier setzen Radiohead ganz klar auf ruhige, melancholische Elemente. Sehr gemäßigtes Tempo, sehr stark zurückgenommene Instrumentierung, dafür aber umso mehr Raum für den Gesang gelassen. So wirkungsvoll können Songs produziert werden, wenn die Musiker in einer Band dazu bereit sind sich selbst mal ein bißchen zurückzunehmen. Das Ergebnis ist dafür absolut umwerfend.

Ich habe es bereits zu Anfang vorweggenommen, aber ich wiederhole mich gerne. Mit OK Computer haben Radiohead sich eine eigene Liga geschaffen, die meines Wissens nach bislang auch nur von Radiohead bedient wird. Die Band hat sich dem Fortschreiben der Rockmusik verschrieben und mit OK Computer 1997 ein Werk vorgelegt, dass derart viele Maßstäbe setzte, dass man meinen müsste ein komerzielle Erfolg sei so nicht machbar. Ganz im Gegenteil schaffte es das Album im United Kingdom (sowie in Neuseeland) gar auf Platz 1 der Albumcharts. Darüber hinaus dürfte es wohl auch retrospektiv zu einem der Einflussreichsten Alben der 90er Jahre gehören. Besonders reizvoll für mich ist dabei diese irgendwie vorhandene, aber kaum greifbare Nähe der Songs und Arrangements zum Jazz. Zwar klingt wirklich Nichts auf OK Computer wie Jazz, aber die Atmosphäre und Songtiefe scheint mir unmittelbar vergleichbar zu einem Künstler wie Miles Davis. Fest steht: Ok Computer ist ein Geniestreich, wie er nach diesem Album nur Radiohead selbst wieder gelungen ist.

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