Retrozension | R.E.M. – New Adventures in Hi-Fi

Zu R.E.M.s New Adventures in Hi-Fi habe ich irgendwie eine besondere Beziehung. Das liegt vermutlich vor allem daran, dass das zehnte Album der Band aus Atlanta das erste R.E.M. Album war, dessen Release ich bewusst erlebt habe.

Nicht lange vor dem Release im Jahr 1996 habe ich erkannt, dass R.E.M. eine wirklich gute Band sind. Hier gehört ein kurzer Dank meiner Schwester ausgesprochen, die Automatic For The People besaß und mich so auf den Geschmack brachte. Den Release von Monster hatte ich dann irgendwie auch noch verpasst, für New Adventures in Hi-Fi im Jahr 1996 war ich dann aber endlich auf den Geschmack gekommen. Und im Nachgang darf man wohlsagen: kein Album zu früh!

New Adventures in Hi-Fi ist bis heute das erfolgreichste Album von R.E.M., zumindest wenn man die Chartplatzierungen auf Wikipedia richtig interpretiert. Nummer eins in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Finnland und Schweden und immerhin noch Nummer zwei in den USA, das ist doch mal eine gute Leistung.

Die viel bessere Leistung daran ist aber, dass das Album nicht nur erfolgreich sondern auch wirklich gut ist. Wesentlich vielschichtiger als Monster oder Automatic for the People, atmosphärisch angenehm melancholisch und für ein Mainstreamalbum ziemlich experimentierfreudig. Schon der Opener How The West Was Won And Where It Got Us überzeugt auf ganzer Linie. Vor allem dadurch, dass das Stück mit Hörgewohnheiten aufbricht. Das Intro wird nur durch Drums gespielt, die Begleitung ist sehr rudimentär durch Bass und Klavier gegeben und irgendwie klingt das Stück auch im Refrain sehr filigran ohne dabei aber “unrockig” zu werden. Cool gemacht.

The Wake Up Bomb ist wohl bis dato eines der rockigsten und besten Stücke von R.E.M. Orgel, verzerrte Gitarren und einen überzeugenden Rythmus. Da bleibt kein Kopf ruhig auf dem Hals sitzen. Ich liebe diesen Song. New Test Leper folgt als ruhigerer Song. Hier kann man wieder einmal in den wirklich poetischen Zeilen schwelgen. So gut schreiben neben Michael Stipe nur die wenigsten.

Undertow bringt wieder etwas mehr die klanglich experimentelle Seite der Band zum Vorschein. Hier begrüßen den Hörer zunächst dampfend, stampfende Maschinensounds, ehe der Midtempo-Rocksong Form annimmt. Auffällig auch hier die teilweise fast zerbrechliche Gesangsstimme von Michael Stipe, die immer relativ nahe am Sprechgesang vorbeischrabbt. Sehr relaxt. Ebenso E-Bow the Letter, ein – wie es der Titel schon suggeriert – auch mit dem E-Bow gespieltes Stück. Der hilft, E-Gitarren ohne Anschlag spielen zu können, was in etwa an das Bogenspiel auf einer Geige erinnert. Ein cooles extra ist auch die Background-Stimme, die hier von niemand geringerem als Patti Smith geliefert wird.

Leave ist dann noch so ein echtes Highlight auf dem Album. EIne der konsequentesten und beeindruckendsten Kombinationen aus Synthesizer und Rocksong, die die Musikgeschichte bisher vorgebracht hat. Dabei wunderbar simple in der Grundstruktur und rockig ohne Abstriche. Echt beeindruckend. Thematisch passend schließt sich dann das Stück Departure an. Auch hier wird gnadenlos gerockt und eine Mischung aus Spoken Words Performance (man fühlt sich an Stadionrockansagen erinnert) und Gesang unterlegt mit einem sehr griffigen Gitarrenriff und ergänzt durch einen Mitgröl-Refrain. klassische Entfruster-Nummer, nichts zu kritisieren.

Etwas Entspannung bringt dann Bitersweet Me. Atmosphärisch erinnert der Song zunächst ein wenig an Automatic for the People, mündet dann aber in einen fantastisch eingängigen Refrain. Be Mine wird dann noch einmal deutlich ruhiger und zeigt wieder die poetischen Fähigkeiten der Band. Die Musik wie auch der Text laden zum Verweilen, zum Nachdenken, zum Sich-Selbst-Verlieren ein. Toll!

Die nächsten Textzeilen widmen sich dann Binky the Doormat, also einem Fußabtreter. Merkwürdig, aber trotzdem ein ziemlich guter Song. Zither schließt direkt als Instrumentalstück an (Automatic For The People lässt grüßen) und wird wiederum von So Fast, So Numb gefolgt. Hier gehts wieder etwas rockiger zur Sache. Insgesamt ein ziemlich entspannter Song mit cooler Klavierbegleitung.

Den Abschluss bilden dann zunächst Low Desert, eine ruhige Rocknummer mit viel Slideguitar-Einsatz, und abschließend dann Electrolite, eine Stück, dass vor allem von der Klavierbegleitung und der bestechenden Gesangslinie lebt. Ein überraschend positiv gestimmter Abschluss für das insgesamt doch oft schwermütige Album.

New Adventures in Hi-Fi konkurriert bei mir immer wieder mir Automatic For The People um den Platz des besten R.E.M. Albums. Eine Entscheidung kann man hier kaum treffen, denn beide Alben stehen für sich und sind ohne jeden Zweifel große Kunstwerke. Selten gelingt es Bands so dorchgehend eine Stimmung zu schaffen und so das Album zu mehr zu machen als nur eine wahllose aneinanderreihung von Songs. Hier wird das Hörerlebnis zur Entdeckungsreise und genau so müssen gute Alben einfach aussehen/klingen. In jedem Fall ist New Adventures in Hi-Fi pflicht in einer gut sortierten Indie-Rock Bibliothek.


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