Retrozension | Pearl Jam – No Code

Pearl Jam - No CodeHeute kam es irgendwie über mich. Auf dem Weg zur Arbeit hörte ich noch Portugal. The Man, dann ging mir plötzlich Breakerfall, der Opener vom Pearl Jam Album Binaural im Kopf rum, und nach einem Durchlauf wechselte ich dann zu No Code – und war glücklich.

Das überraschte mich insofern, weil No Code irgendwie immer sehr stiefmütterlich behandelt wird. Im Allgemeinen gilt es als das schlechteste PJ-Album und manchmal kann ich diese Kritik auch wirklich nachvollziehen. Heute aber haute das gar nicht hin.

Schon die ersten Takte von Sometimes wecken pure Begeisterung in mir. Vielleicht ein bißchen übertrieben, aber so ist es nun mal. Einen so stimmungsvollen Einstieg in ein Album erlebt man doch eher selten. Die meisten Bands setzen zu Beginn doch eher auf harte Kost. Ok, im Grunde ist das auf No Code nicht viel anders, wenn man Sometimes wirklich nur als Prelude betrachtet. Denn das darauffolgende Hail, Hail knallt dann richtig los und gehört damit zu den villeicht besten und ehrlichsten Rocksongs, die PJ bis dahin und vielleicht auch bis heute geschrieben haben. Interessant ist, dass mich die Gitarrensounds insbesondere bei diesem Song unwahrscheinlich an Stone Temple Pilots Purple erinnern.

Den Hang zu leicht experimentellen Ausflügen leben Pearl Jam dann in den nächsten drei Songs Who You Are, In My Tree und Smile aus. Dieses Paket hat für mich irgendwie immer eine kleine eigene Einheit im Album gebildet. Sozusagen eine EP im Album. Who You Are fällt durch die sehr eigenwillige Percussion-Linie auf, während in In My Tree die Basslinie den Song wesentlich prägt. Smile setzt dann einen dermaßen fröhlichen (bitte in Relation betrachten) Gegenpunkt zu den bisher gehörten Songs, dass man fast meinen könnte zwischendurch das falsche Album eingelegt zu haben. Hier fällt als wesentliches Element die Mundharmonika auf. Wirklich gut!

Off He Goes ist eines der Stücke, die nicht so recht zu begeistern wissen. Ein sehr ruhiges, allem anschein nach live eingespieltes Gitarrenstück, das sehr traurig daher kommt und vermutlich ziemlich gut die Gefühlswelt von Eddie Vedder zu jener Zeit widerspiegelt. Insgesamt aber ein bißchen zu lahm und einfallslos – dennoch: andere Bands waren froh, könnten sie so schlechte Lieder schreiben. Einer der Knaller schlechthin ist dann Habit. Konträrer könnte man einen solchen Song nicht plazieren, nach der balladesken Akustiknummer kommt hier ein Song, der ein wenig an Satan’s Bed erinnert und vielleicht noch einen Schritt weiter geht.

Eines der Highlights des Albums ist sicherlich Red Mosquito. Ein Song im Dreivierteltakt, der im Grunde sehr für sich selbst steht und den jeder PJ-Jünger wohl liebt. Hierauf folgt das nicht weniger markante Lukin – kurz aber ehrlich. Eine meiner früheren Lieblingsnummern und auch heute noch ganz weit oben dabei ist dann Present Tense. Ein Song, der wirklich aus dem tiefsten Inneren der Seele von Eddie Vedder zu kommen scheint. Die Bassarbeit von Jeff Ament ist gerade bei diesem Song besonders fantastisch.

Einmal darf noch gerockt werden auf No Code. Mankind ist ein erschreckend poppiger Song, der – ähnlich wie Smile – eher  zu den Antidepressiva des Albums gehört. Macht Spaß, ist knackig und gut. Nur irgendwie klingt Eddie da ein bißchen seltsam. Aber wie gesagt: Macht Spaß!

Zum Abschluss wirds düster. I’m Open und Around the Bend bilden mal wieder ein Ensemble. Wobei I’m Open als fast ausschließliche Spoken Words Performance vielleicht nicht wirklich Song genannt werden sollte. Im Hintergrund heulen Wölfe und Eddie Vedder, die untergelegte Musik ist aber durchaus Stimmungsvoll und erinnert von der Atmosphäre ein bißchen an R.E.M., wobei mir jetzt aber nicht einfällt an welchen Song ich da genau denke. Ich glaube irgendwas von Up. Around the Bend ist dann ein Gutenachtlied erster Güte. Das meine Ich jetzt zum Glück nicht im mindesten sarkastisch. Der Song ist wirklich gut. Die Produktion lässt nur meiner Meinung nach etwas zu wünschen übrig. Vielleicht ist das aber auch der Tatsache geschuldet, dass der Song wieder sehr stark nach “live einspielen und fertig” klingt.

No Code ist wirklich kein schlechtes Album. Es hat zwar seine Schwächen und klang damals sicherlich nach “typisch PJ“, aber das sollten auch die nachfolgenden Alben noch etwas strapazieren. Zum Glück wie ich finde. No Code leidet etwas unter der sehr düsteren Stimmung, die die Band zur Zeit der Aufnahme befallen hatte. Dannoch sind dabei ein paar Songs entstanden, die auch heute noch auf den meisten Konzerten der Band gefordert und gespielt werden. Kein Grund also, die Band wegen des Albums allzu sehr zu kritisieren. Ich hatte im Vorfeld eigentlich gedacht, No Code mit drei Sternen abspeisen zu müssen, aber heute habe ich es geschafft, das Album mit voller Begeisterung ganze sechs mal durchzuhören. Das passiert nicht mit einem drei-Sterne-Album. Deshalb gibts vier.

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