Retrozension | Muse – Absolution

Muse - Absolution Mal wieder ignoriere ich die Diskographie einer Band und fange bei den Retrozensionen nicht mit dem ersten Album der Band an, sondern mit dem ersten Album, das ich selbst kennen gelernt habe.

Im Falle von Muse ist dies das dritte Studioalbum mit dem sehr vielversprechenden Titel Absolution. Absolution stammt aus dem Jahr 2003 und trägt laut Tracklist 14 Titel mit sich rum. Das stimmt nicht ganz, aber dazu gleich mehr. Meine erste Begegnung mit Muse fand lange vor meinem Zusammenstoß mit Absolution statt. Genau genommen war das im Jahr 1999 oder aber 2000 (soviel zu “genau genommen”). Ich habe Muse nämlich als Vorband bei Bush erleben dürfen. Hab daran aber zugegebener Maßen nicht wirklich viele Erinnerungen. Ebenfalls noch im Gedächtnis verborgen lag die Single Uno aus dem Debutalbum Showbiz. Danach kommt lange nichts, und zwar bis zum Februar letzten Jahres. Da brachte meine Freundin eine gebrannte CD einer Freundin mit und unter anderem fand sich darauf auch das Album Absolution.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben; schon beim ersten Reinhören erschien mir das Album wie eine Offenbahrung. Das beste Adjektiv, dass mir in Bezug auf den Stil von Muse einfällt ist “episch”. Schauen wir uns das Werk doch einmal näher an. Titel 1, “Intro” isteigentlich gar kein Titel. Man hört nur lauter werdende Schritte, etwa so wie wenn Soldaten maschieren. Dafür kann dann Apocalypse Please als Song gezählt werden. Es fällt mir schwer zu beschreiben, wie der Song es schafft so viel bedeutender zu klingen, als das meiste an Musik was man sonst so hört. Die Instrumente scheinen jedenfalls quasi orchestral durcharrangiert zu sein. Insbesondere die Klavierparts verstärken diesen Eindruck enorm. Wenn man dann noch die unglaublich kräftige, unglaublich hohe, dabei unglaublich klare und unglaublich an Thom Yorke erinnernde Stimme von Frontmann Matthew Bellamy hört, weiß man, das hier echte Künstler am Werk sind.

Ganz anders wirkt der dritte Titel Time is Running Out. Wesentlich treibender in der Basslinie und im Rythmus, aber genauso apokalyptisch, sofern diese Wort existiert. Hier merkt man, dass Muse im Grunde wirklich aufrichtige Alternative-Rocker sind. Wirklich gut. Danach folgt Sing for Absolution. Hier erscheint mir das Wort “theatralisch” recht passend zu sein. Obwohl einen das sicher auf eine falsche Fährte bringt, fühle ich mich bei diesem Song gelegentlich an das Theme from Love Story erinnert. Aber nur ganz entfernt. Wirklich stark setzt dann Stockholm Syndrome die Reise fort. Hier wird gerockt, dass die Schwarte kracht, wie man so unschön sagt. Sehr interessant ist dabei, dass der Song nicht vollständig auf der CD enthalten ist. Wer den vollen Song hören möchte, der muss online einkaufen gehen. Eine fragwürdige Praxis, wenn man bedenkt, dass man als Käufer der CD dazu genötigt wird, nochmals Geld auszugeben. Dafür hat es dazu geführt, dass Stockholm Syndrome durch die künstlich eingerabeiteten Störungen und das abprupte Ende mitten im Song fast noch stärker wirkt, als die volle Version des Songs.

Falling Away with You stimmt dann wieder etwas lieblichere Töne an. Bleibt aber der recht düsteren Stimmung des Albums treu. Interlude ist genau das, was der Name suggeriert, eine Überbrückung. Zum wirklich grandios genialen Hysteria. Eine derart akrobatische Basslinie, dazu einen wirklich stämmigen Rythmus und Gitarren, die klingen als könnten sie das gesamte Leid der Welt übermitteln und alle Wut im Refrain kanalisieren. Wer solche Songs schreiben kann ist gesegnet. Dazu wieder einmal die Stimmgewalt von Belamy. Kaum zu glauben, dass diese Band nur drei Mitglieder hat.

Blackout folgt ebenfalls wieder in ruhigeren Stimmungslagen. Hier wird mit Streichern gearbeitet, was dem Song fast schon eine Musical-Qualität verleiht, zum Glück nur fast. Ansonsten gibt es hier eine mitreißende Melodie, die einen wirklich berühren kann. Um dass mit den ruhigen Songs nicht Überhand nehmen zu lassen folgt dann das vielleicht zentrale Stück des Album Butterflies & Hurricanes. Hier kann wirklich nur das Wort episch beschreiben, was der Song vermittelt. Da geht es um alles oder nichts, da wird Klanggewalt aufgefahren, wie sie wirklich keine andere Band inne hat. Der Song hat eine Dynamik, die wirklich orchestral anmutet. Dazu gipfelt der Song in einem Klaviersolo, dass eher an Klassik denn an Rockmusik erinnert, zudem das Klavier streckenweise wirklich solo ist. Das im Sommer an Ampeln zu lustigen Situationen führen, wenn man mal wieder die Fenster unten hat und eigentlich laut Rockmusik hört, für Passanten aber nur Klavier zu hören ist. Und dennoch rockt Butterflies & Hurricanes dermaßen, dass man gar nicht regungsslos zuhören kann. Man wird förmlich mitgerissen.

Es folgen noch The Small Print, Endlessly, Thoughts of a Dying Atheist, sowie Ruled by Secrecy. Alle im selben Spektrum unterwegs wie die bereits näher besproechenen Songs. Endlessly sticht dabei nochmals besonders heraus, weil es sehr viel poppiger wirkt, als die restlichen Songs; fast schon hoffnungsfroh, obwohl der Text hopelessly, I love You endlessly nicht gerade von Hoffnung zeugt.

Absolution ist wirklich und ohne Frage eines der größten Alben, die in diesem Jahrzehnt aufgenommen wurden. Man kann schon fast von musikalisch festgehaltener Borderline-Störung sprechen. Das Album scheint absolut und kompromisslos wie kein zweites, so relevant, dass es fast schon erschrenkend ist. Und genau das erfrischt so ungemein. Wer nach dem Hören von Absolution nicht entfrustet ist, der hat das Album vermutlich nicht verstanden. Mir jedenfalls bedeutet das Machwerk auch heute noch sehr viel.

Similar Posts: