Recently Released | Bonaparte – My Horse Likes You

Musikblogging ist nicht immer ein einfaches Hobby: Zwar höre ich mehr oder weniger den ganzen Tag Musik, wenn es die Situation zulässt, aber nicht immer bin ich der Meinung, auch etwas dazu sagen zu müssen. Für den Popkiller ist das besonders schwierig zu lösen, da ich hier trotzdem Worte finden muss, die Musik zu beschreiben und zu bewerten. Auf Retrozension.de habe ich den Luxus, tatsächlich nur über das schreiben zu können, was mich wirklich bewegt und beeinflusst. Das hat zwar zur Folge, dass es hier kaum böse Rezensionen zu lesen gibt, dennoch empfinde ich es als sehr befreiend, all die schlechte Musik ignorieren zu können, die uns heutzutage so tausendfach um die Ohren fliegt.

Umso erfreulicher finde ich es, dass ich mal wieder – und mal wieder durch den Popkiller – an eine Entdeckung gekommen bin, die mich unmittelbar und nachhaltig begeistert. Die Band heißt Bonaparte, kommt mehr oder weniger aus Deutschland und macht so unbeschwert und kreativ Musik, dass sich nach meiner Ansicht alle Mainstream-Acts der täglichen Radio-Rotation ehrfürchtig auf die Knie werfen müssten. Bonaparte sind nur schwer einem Genre zuzuordnen (ein Umstand, der nur selten schlecht ist). Die Musik vereint Elemente aus Pop, Rock, Swing, Western, russischer Volksmusik, Elektronika und mindestens 45 anderer Musikrichtungen die mir entweder unbekannt sind oder die einfach noch keinen Namen haben. Und das ganze wirkt so ausgesprochen lässig, leicht und natürlich, dass es mir mal wieder alle musikalischen Sinne freigespült hat.

Das Album beginnt zunächst undefinierbar mit einer Ouverture, die halb orchestral, halb elektronisch wirkt/ist. Viel mehr als eine musikalische Randnotiz ist sie mit ihrer minnenhaften Melodieführung jedoch nicht. Hinweise auf das, was das Album noch zu bieten hat sind nur zu erahnen und leiten erst gegen Ende den eigentlichen Opener und Titeltrack My Horse likes You ein. Ein Elektropunksong erster Güte, der aufhorchen lässt dank seiner Kraft, Einfachheit überbordenen Idiotie und einem Beat, der zur Bewegung förmlich zwingt. Hier werden Erinnerungen an die Band Cake wach, die zwar musikalisch ganz anders unterwegs sind, deren Songs aber die selbe Motivation zu haben scheinen. Im direkten Vergleich darf Bonaparte aber als verrückter und frischer bewertet werden.

Computer in Love setzt den Trash-Ansatz konsequent fort und erzählt zu viel Elektronischem die stalkerhafte Liebeserklärung eines Computers an seinen Besitzer: Sozialkritik und eine ganze Menge Humor inbegriffen, ohne das es irgendwie angestrengt wird. Hier wird Elektronika und Rockmusik miteinander vereint und verschnitten, ohne das es dabei den geringsten Gegensatz zu geben scheint. Fast als wären die Genres dafür gemacht, kombiniert zu werden.

Boycott Everything könnte 1:1 auch von den Woog Riots stammen. Der Text mehr gesprochen als gesungen, die musikalische Untermalung verlässt sich mehr auf Keyboard und Synthie-Sounds denn auf Gitarre und dennoch hat man permanent das Gefühl eigentlich ein kleine Punkhymne zu hören. L’etat c’est moi klingt dann sogar wirklich verdächtig nahe nach Cake, hier wird tatsächlich schwerpunktmäßig gerockt. Der Gesang kurz vor der Schreigrenze könnte der Song aber genausogut von The Strokes oder The Hives stammen.

Besonders gut gefällt mir dann Fly a Plane into Me. Die vielleicht leichteste Nummer auf dem gesamten Album. Eine zuckersüße Melodie, leicht untermalt mit Gitarrenriffs, die mich an Voom erinnern und leichten Keyboardssounds, die wieder an Woog Riots denken lassen. Rave Rave Rave lässt dann Western Swing auferstehen, indem das ganze Stück konsequent nach Saloon-Piano klingt. Darüber wieder ein Gesang, der eigentlich näher an der Spoken-Word-Performance liegt. Der Text wortverliebt und wortwitzig und alles schreit geradezu danach das Tanzbein zu schwingen.

Intermission in Mexiko greift kurz nochmal die Ouverture auf, wirft ein paar musikalische Fragmente in den Raum und erfüllt an sich weiter keinen Zweck, als den Raum zwischen dem letzen und dem nächsten Song zu füllen. Transportiert dabei aber hervorragend die Stimmung von Western Swing rüber zum Balalaikapolkapunk der uns im Song Technologiya erwartet – samt russischem Refrain. Dazu dieser wunderbar idiotische Lobgesang auf die Technologie: “Technolgy will outlive us all!”. Einfach riesig!

Wir sind keine Menschen bleibt ebenso rockig, packt auf die leichte Punknummer Technologiya aber noch eine Schippe Härte drauf und rockt in bester Alternative Manier bis die Fetzen fliegen. Englische Strophe, deutscher Refrain, und trotzdem – oder gerade deswegen – wird daraus ein ganz großer Song auf My Horse Likes You. Ein echter Entfruster. Und ein harter Kontrast zum Folgenden My Body is a Battlefield, das sich wesentlich stärker auf Elektronika konzentriert und die Gitarre erst im Refrain emanzipiert, dann aber voll einen auf Indierock macht.

Mit Unterstützung von Modeselektor folgt dann Orangutan, eine wieder stark elektronische Nummer, die textlich wieder einmal Volltrash ist, aber dennoch musikalisch zu überzeugen weiß. Die Synthies dürfen auch bei Adabmal die Hauptrolle spielen, dabei sogar kanglich kurz Erinnerungen an Pink Floyds Wish You Were Here Album wecken, nur um dann scharf in Richtung Orient abzubiegen. Textlich passiert nicht viel, als kurz vor Schluss-Nummer aber ein voll gelungenes Stück.

Ein Trommelwirbel läutet dann das Ende des Albums ein; der Titel treffenderweise The End, fahren Bonaparte nochmal kurz auf, was sie so alles in ihrem Repertoire stecken haben: Gitarren, Synthies, Keyboards, Drums vereinen sich in einer kurzen Kakophonie, die letzlich aprubt von Stille abgelöst wird, bis sich schließlich der freundliche Mitarbeiter der Bonaparte Helpline meldet.

Ende eines grandios kreativen, sehr trashigen Albums das von Anfang bis Ende einfach nur erfrischend gut ist. Mir bleibt nur die Verneigung vor der scheinbaren Leichtigkeit und Unverfrorenheit mit der das Album geschrieben und produziert wurde. Sicher nichts fürs Mainstream-Radio, aber musikalisch ein voller Gewinn. Für solche Bands blogge ich.


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