Recently Released | Akron/Family – Set ’em Wild, Set ’em Free

Wieder einmal eine musikalische Erleuchtung, die ich dem Popkiller zu verdanken habe: Die neue Platte der Band Akron/Family. Der etwas ungewöhnliche Bandname ist im Prinzip nur der Auftakt zu einem noch ungewöhnlicheren musikalischen Abenteuer. Der Albumtitel Set ’em Wild, Set ’em Free weckt Bilder einer weiten Prärie mit Büffelherden und Mustangs, und tatsächlich ordnet sich die Musik der Amerikaner (sehr dezent) dem amerikanischen Folk-Rock unter. Keine Angst, wirklich Country ist das nicht und auch Erinnerung an die ein oder andere irische Folk-Band sind glücklicherweise fehl am Platz.

Das Album hatte mich schon mit dem ersten Track völlig überzeugt. Da hatte ich zwar die anderen Songs noch gar nicht gehört, aber allein die Idee hinter Everyone is guilty war schon so überragend, dass der Rest nur gut sein konnte. Der Song startet mit sehr trickigen Percussion und geht dann in ein funkig-grooviges Riff über. Schon hier absolut grandios. Aber es kommt tatsächlich noch besser. Zunächst setzt der fast schon gospelhafte Gesang ein, geht dann aber radikal in eine Art über, die man sonst am ehesten von der Band Battle kennt. Dann eine Interlude á la Portugal. The Man und wieder zurück. So viele Einflüsse in nur einem Song so gekonnt verarbeitet kennt man sonst wirklich nicht. Mir bleibt nur helle Begeisterung.

Ganz anders darf dann der Song River daher kommen. Geradezu brav läutet er die ruhigere Phase des Albums ein, klingt dabei vor allem beim Gesang zunächst nach einer ruhig-melodiösen 50er Jahre Rock-‘n-Roll Nummer, schafft es aber bei aller scheinbarer Banalität immer mal wieder aus den bekannten Muster auszubrechen. Wirklich schön.
Ähnlich zurückhaltend geht es bei Creautures zu. Die Nummer klingt mehr nach Elecronica denn nach Folk oder Rock, atmet aber eindeutig Rockatmosphäre. Ein sehr chilliges Stück, das ein wenig nach Jazz klingt und wundervoll gesungen ist.

The Alps & their Orange Evergreen ist dann die erste Nummer, die man aufrichtiger Weise als Folk bezeichnen darf. Sehr gut vergleichbar mit Matt Costa, entspannt und nachdenklich zugleich, dazu ein schickes Picking auf der Gitarre. So kann man es sich gut gehen lassen. Auch Set ’em Free ist eindeutig eine Folknummer. Hierzu gibt es auch auf YouTube ein Video, aber sehenswert ist das nicht unbedingt, dafür überzeugt der Song an sich durch Country-Atmosphäre im erträglichen Maß, ein gutes Picking und einer bestechend einfachen, aber gehaltvollen Melodie.

Gravelly Mountains of the Moon entzieht sich auf wundervolle Weise jeder Genre-Einordnung. Hier kommt wieder mehr die künstlerische Ader der Band durch. Die Eröffnung macht wildes Querflötengezwitscher. Erst sehr langsam bekommt der Song Struktur, wird zunächst um Gitarre und Bläser ergänzt um dann mit einer nicht wirklich in der Tonleiter liegenden Melodie ergänzt zu werden. Das ist schräg, zugegeben für sich genommen nicht wirklich überzeugend, und kann sicher den ein oder anderen davon überzeugen, dass die Band scheiße ist. Ist aber falsch. Denn die Nummer funktioniert innerhalb des Albums sehr gut. Vor allem nachdem sie letztlich in die wohl wildeste Gitarrenorgie übergeht, die ich in den letzten Jahren gehört habe. Dazu klingt die Band hier so wunderbar direkt und ehrlich nach Rock, dass man einfach nur dahinknien möchte. Das ist Psychedelic Rock in Reinkultur.

Many Ghosts ist dann wieder mehr Song. Bietet wieder etwas gemächlichere Klänge und vor allem eine Melodie. Dazu schicke glockenhafte Klänge im Hintergrund und einen schön schrägen Refrain. Danach MBF das wieder mehr nach Proberaum zu, Verstärker auf laut und dann losgeschrammelt klingt. Ist zwar letztlich kaum mehr als eine Noise-Attacke, macht aber im Zusammenhang doch Spaß und hat seine Berechtigung auf dem Album. Das meine ich ernst.

Dann mein zweiter erster Favorit, They will Appear. Das Stück beginnt in einer Atmosphäre, die mich unglaublich an Fuzzmans Liabale erinnert. Wir erinnern uns kurz: Liabale ist ein Stück, das nach Österreichischer Volksmusik klingt. Doch auch hier schon die ersten Klanglichen Andeutungen in Richtung Mike Watt, der sich gegen Ende sozusagen auch klanglich durchsetzt. Einfach ein klasse Song.

Die beiden letzten Stücke The Sun will Shine und Last Year beruhigen das Album wieder spürbar bilden einen angemessenen Abschluss nach einer wirklichen Achterbahnfahrt. Schön vor allem das musikalische Zitat von “Nehmt Abschied, Brüder” am Ende von The Sun will Shine, sei es Absicht oder nicht. Es ist da.

Set ’em Wild, Set ’em Free ist wagemutig, verrückt, anders aber auch durchweg gut. Hier gibt es wirklich keine Schwachpunkte und auch wenn hier die Grenzen dessen, was landläufig noch als Musik bezeichnet wird, häufig weit überdehnt werden – das kann man natürlich auch gerne als Vorteil auslegen – ist das Album mit Sicherheit einer der Knaller des Jahre. Am ehesten lässt sich das Gesamtkunstwerk wohl mit Mugisons Mugiboogie gleichsetzten. Oft verwegen aber immer wieder auch einfach gute simple und ruhige Nummern und insgesamt ein Act, der die Grenzen der Musik wieder etwas ausbaut. Kurzum: Saugeil!

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