Recently Released | Arctic Monkeys – Suck it and See

Lange hatte ich mich auf den Release des vierten Arctic Monkeys Longplayers gefreut. Die Beziehung von Retrozension zu Arctic Monkeys ist schnell erklärt: Der Erstling Whatever People say I am, that’s what I’m not war die erste Albumbesprechung, ja sogar der erste Blogeintrag überhaupt auf Retrozension.de. Aber auch unabhängig davon liebe ich Kontinuität in meiner Musiksammlung. Ich gehe gerne auch mal mit einer Band durch dick und dünn, wenn die Qualität sich später wieder einfindet. Warum ich das an dieser Stelle schreibe? Nun, wie ich schon sagte, Ich hatte mich gefreut:

Es ist erstaunlich wie sich die Arctic Monkeys seit Platte eins entwickelt haben. Vielleicht wäre unglaublich das bessere Adjektiv an dieser Stelle. War das Debut im Wesentlichen ein vom Britpop inspiriertes und eingefärbtes Punkalbum von unglaublicher Strahlkraft, haben sich die Polaraffen schon mit Favourite Worst Nightmare mehr auf den Britpop, denn auf den Punk versteift. Das an sich ist mal noch nichts Negatives.  Humbug reißt dann etwas heraus, klingt dank Josh Hommes Produktion erstaunlich amerikanisch und hat die Band im Sound nachhaltig verändert. Suck it and See geht klanglich wieder stärker auf die Insel zu und verneigt sich geradezu vor dem Pop, erhält sich aber klanglich Einiges von dem, was Humbug so anders machte.

Suck it and See klingt stellenweise wie eine wiederentdeckte Platte aus den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Weniger wegen des Sounds, als wegen des Songwritings. Man kann sich geradzu bildhaft vorstellen, wie die Band in Anzügen gekleidet und mit schlechtem Haarschnitt in Schwar-Weiß über den Bildschirm flimmern. Ich übertreibe bewusst, aber der Kern der Aussage steht. Die Arctic Monkeys wollen weiter wie kompromisslose Rocker wirken, schreiben aber handzahme Songs vom Stühleverrücken. Da hilft auch die Unterstützung von Josh Homme leider nicht viel.

Der Einstieg in diese Rezension ist ein wenig unfair, denn die Songs für sich genommen sind gar nicht schlecht. Besonders positiv fällt da etwa Library Pictures auf. Eine gelungene Melange aus der Unruhe, die auf WEPSIATWIN noch vorherrscht, sowie der klanglichen Aufweitung, die Josh Homme auf Humbug platziert hat und die eindeutig den Stil der Arctic Monkeys nachhaltig verändert hat. Auch Don’t sit down ’cause I’ve moved your Chair ist eigentlich ziemlich gut. Auch die anderen Songs, fast alle gar, sind für sich genommen gut bis wirklich gut.

Dennoch kann das Album als Gesamtwerknicht die Erwartungen erfüllen, einfach weil die Bandbreite zu gering ist und die Songs insgesamt zu brav und vorhersehbar sind. Das Phänomen gleicht ein Stück weit dem das sich ‘gerade’ erst bei den Foo Fighters gezeigt hat: Irgendwie gut, aber die Erwartungen wurden nicht erfüllt. Drehen die Foos eher zu viel auf, bleiben die Arctic Monkeys definitiv zu verhalten. Im direkten Vergleich würde ich den Arctic Monkeys unbedingt die besseren Noten geben. Die Songs sind längst nicht so uninspiriert wie die letzten Machwerke der Foo Fighters. Es ist einfach nur schade, dass der Zauber des ersten Albums, dieser fast beispiellos druckvolle und gedrängte Sound, nicht mal mehr im Ansatz erreicht wird.

Dennoch ist Suck it and See kein Fehlkauf für Freunde der Band. Neue Fans lassen sich so vermutlich aber auch nicht gewinnen.

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Recently Released | Foo Fighters – Wasting Light

Zugegeben, ich habe lange gebraucht, bis ich diese Rezension fertig hatte. Das lag zum Einen daran, dass ich momentan einfach wenig Zeit finde überhaupt zu bloggen, das lag aber auch daran, dass Ich sicher gehen wollte das Album der Foos auch richtig verstanden zu haben. Nun, davon bin ich jetzt überzeugt. Ob mich das Album auch überzeugen konnte? Weiterlesen!

Sie haben es endlich wieder getan. Die Foo Fighters haben am 15. April ihr sechtes Studioalbum Wasting Light veröffentlicht. Die gute Nachricht gleich vorweg: es wird wieder zünftig gerockt. War der Vorgänger Echoes, Silence, Patience, Grace eher ein sanftes Album, werden auf Wasting Light endlich wieder die Verzerrer auf voll gedreht und Gas gegeben. Das weckt wieder Hoffnungen nach Foo Fighters wie man sie nicht unbedingt im Radio spielen wird, und das wäre nach der Single Wheels ganz eindeutig ein Kompliment.

Leider sind Träume aber Schäume. Das Album rockt zwar Standesgemäß, es finden sich aber keine wirklichen Hymnen à la Hero oder Everlong auf dem Album. Selbst typische Songstrukturen, die die Foos auf ihren alten Alben so spielend einzubauen wussten, fehlen leider völlig.

Das ist dann auch das Kernproblem. Die Foos schaffen endlich wieder das geladene Album, dass man sich schon beim letzten Mal gewünscht hat und man will es geradezu lieben, aber die Suche nach Highlights fällt erschreckend schwer. Es ist nicht etwa so, dass die Songs schlecht wären oder am Ende gar die Produktion nicht passen würde. Es ist vielmehr so, dass die Songs nicht überraschen. Sie sind handwerklich wirklich gut, es macht sich aber der Eindruck breit, dass die Foo Fighters seit ihrem eingeschlagenen Erfolgsalbum In Your Honor ein wenig bequem geworden sind.

Genau genommen besteht ganz akut die Gefahr, dass die Band zum neuen Bon Jovi mutiert. Das wäre der grösste anzunehmende Unfall.
Es gibt aber auch viel Gutes auf Wasting Light. Insbesondere die etwas ruhigeren Nummern können da weitgehend überzeugen. So wird I should have known zum echten Highlight des Albums und lässt die leider überwiegende Mittelmäßigkeit des übrigen Werks ein Stück verzeihen.

Ein Fazit muss leider eher nüchtern ausfallen. Ich wollte mich begeistern lassen, ich war wirklich heiß auf ein Foo Fighters Album, dass endlich mal wieder ordentlich Drive hat. Leider hat Wasting Light wenig mehr als Drive zu bieten. Es finden sich keine neuen Evergreens und es bleibt im Grunde eine Sammlung von 11 Songs, die sich nur wenig voneinander absetzen und die zwar alle für sich gute Rocknummern sind und nach Foo Fighters klingen, aber nicht die Erwartungen an Foo Fighters erfüllen können.

Es scheint als wären die Foos damit an dem Punkt angekommen, an dem man sich durch Verweis auf analoge Aufnahmetechnik und die Rückbesinnung auf die heimische Garage davon abzulenken versucht, dass das Mojo fehlt. Ich hoffe die Band kann sich davon wieder erholen.

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In the Press | Radiohead – The King of Limbs

Radioheads neuestes Werk The King of Limbs dürfte seit langem mal wieder das erste Album sein, über das sich die Musikpresse, sei sie nun on- oder offline, so richtig hergemacht hatte. Zweifelsohne ist das achte Album der Briten das bisher wichtigste Release des aktuellen Jahres. Ich finde es mal wieder schön zu lesen, wie unterschiedlich dieses meiner Meinung nach geniale Album aufgenommen wurde. Zeit, mal wieder in meiner Kategorienschublade nach In the Press zu kramen und endlich mal wieder eine Presseschau zu bloggen.

Fangen wir mal an mit Laut.de. Die geben dem Album die verdiente 5/5 Wertung, ohne allzu klar darauf einzugehen wie das Album insgesamt wirkt. Erich Renz flüchtet sich eher in die kleinen Beobachtungen zu den einzelnen Songs. Dies macht er aber meist durchaus treffend, wie ich finde. Schade nur, dass sich Teile der Rezension hinter einer Formulierungswut verstecken, die ihresgleichen sucht. Ein echtes Bild vom Album wird damit nur bedingt vermittelt. Dennoch möchte ich gerne wiedergeben, was Herr Renz zum Song Seperate zu sagen hat.

“Separate” Zeit für Weingläser und Duftzüge. Nach der Epilepsie in den ersten Stücken steht die nachrauschende Entgiftungskur an. Hallende, kreisende Worte zieren das Gefühl einer zunehmend proportionaler werdenden Entspanntheit und die grazile Gelenkigkeit dieses freien Spiels beugt sich allen umtreibenden Mächten. Natürlich wären Radiohead kein (außer-)musikalisches Paradigma, wenn sie nicht mit juristischer Rücksichtslosigkeit handeln würden: “If you think this is over / Then you’re wrong“. Man möchte nicht glauben, dass es ein Finish markiert.

Auch DER SPIEGEL weiß, was sich gehört. So landet The King of Limbs unter den wichtigsten CDs der Woche in der Rubrik Angespielt. 9 von 10 möglichen Punkten erzielt das Album hier und wird nach meiner Meinung insgesamt besser beschrieben als bei Laut.de. Jan Wigger geht vor allem auch auf die Bedeutung der Band und ihrer Veröffentlichung ein. Bei Radiohead sicher nicht verkehrt. Er kommt zur absolut richtigen Analyse:

So viel ist klar: Die Veröffentlichung neuer Radiohead-Songs, ganz ohne Mitwirken und Beteiligung der Plattenindustrie, wirbelt immer noch mehr Staub auf als jede arme Sau, die von den Labels durch den neuesten Hype getrieben wird (Sorry, James Blake). Klar ist auch: Mit Referenzen aus der Hitparaden-Historie kommt man hier nicht weiter, dazu haben sich Thom Yorke, Philip Selway, Ed O’Brien, Jonny und Colin Greenwood schon viel zu weit auf uncharted territory gewagt.

Im Fazit sieht Jan Wigger auch klar. Nun, den einleitenden Satz des Fazits wage ich zwar zu bezweifeln. Weil er aber so schön ist, lasse ich ihn hier mal stehen.

Sie klingen mechanisch und artifiziell, wo sie echte Instrumente benutzen – und wohlig-warm, wo alles aus der Maschine kommt. Sie spielen ein Vexierspiel mit Popkultur und Publikum, das keinerlei Erwartungen und Ansprüchen genügt, sondern möglicherweise nur sich selbst. Ehrlichere, im ästhetischen Sinn schönere Musik hat unsere Zeit gerade nicht zu bieten. Wen kümmert es da, ob diese Platte besser oder schlechter als die letzte ist?

Es wird Zeit für die Gegendarstellung, die an dieser Stelle unbedingt von Peter Rehbein von Schallgrenzen.de kommen muss. Ist er mir doch schon mehrfach als unbeirrbarer Radiohead-Verschmäher aufgefallen. Trotz aller Beteuerungen, OK! Computer gar nicht so schlecht zu finden. Man merkt leider, dass bei Peter die Bereitschaft fehlt, das Album wirklich neutral zu betrachten. Gut, dass habe ich wahrscheinlich auch nicht geleistet, aber man sollte dem Album doch mehr Zeit einräumen, als nur einen kurzen Durchlauf, falls das überhaupt passiert ist. Sarkastisch schon die Einleitung:

Hurra, Hurra, Hurra, das neue Album von Radiohead ist da. Da freuen wir uns. Die Indie-Götter geben Rauchzeichen. Neues Album. Erst werden die MP3`s gekauft,  später die CD und noch später für die beleuchtete Glasvitrine das Vinyl. Das mein Puls deswegen Sperenzchen veranstaltet kann ich aber leider nicht behaupten.

Nun ja, da hat er wohl einen Treffer gelandet. Ich persönlich freue mich wahnsinnig auf mein Exemplar des Newspaperalbums. Ich bin ein wenig überrascht, dass Peter sich nicht dafür begeistern kann, wenn eine Band heute noch die Verpackung zur Musik mitzelebriert. Ich finde das sehr sympathisch.
Bezüglich der Musik kommt Peter eindeutig zum falschen Schluss, nicht ohne vorher noch ein wenig über das Video zu Lotus Flower herzuziehen:

Der Song “Lotus Flower” klingt nett, ist einer der besten Songs auf dem Album und den gibt es auch als Video. Nicht via YouTube, den dürfen wir dort nämlich nicht sehen, sondern diesmal via Dailymotion. Wirklich nette Popmusik für das Hier und Jetzt. Das Video mit Thom York in epileptischer Verzückung möchte ich mir aber kein zweites Mal ansehen. Ziemlich gruselig mit Tendenz zum Fremdschämen.

Und hier noch das verfehlte Fazit:

Der Rest ist Indie-Pop für die Abendstunde. Für die Zeit, bis der nächste angestrengte Seelenstrip im chinesischen Original und mit dänischen Untertitel auf Arte beginnt.

Eine derart sperrige Platte wie The King of Limbs einfach nur als Indie-Pop zu bezeichnen greift wesentlich zu kurz. Kommt Pop doch auch als Indiemusik eher seicht daher und geht gut und leicht ins Ohr. Hier merkt man, dass Peter sich nicht wirklich mit dem Album beschäftigt hat. Dass The King of Limbs Pop sein soll, kann man nur beim ersten Durchgang glauben. Die musikalischen Feinheiten gehen so natürlich schnell unter und werden nicht wahrgenommen.

Ebenfalls zurückhaltend urteilt Christoph Brandl – aka SomeVapourTrails – auf Lie In the Sound. Hier wird das Album in einer sehr lesenswerte Rezension fast komplett ignoriert, was genau genommen gar nicht so verkehrt ist. Vielmehr widmet sich Christoph der Meta-Ebene des Releases, und kommt dabei zu einem ernüchternden Urteil:

Als bekennender Jünger der Band knalle ich mir mit meiner flagellantschen Expertise die Peitsche ins eigene Fleisch. Die Erkenntnis, wonach Radiohead mit The King of Limbs ausschließlich dann betören, wenn ich mir einrede, herbeifantasiere, schlichtweg mit Haut und Haar wünsche, dass sie mein Hirn und Herz befruchten, trifft mich hart. Radiohead sind die Könige des subjektiven, oftmals auf Selbsthypnose beruhenden Empfindens. Dies Phänomen macht sie einzigartig, erhebt sie zum Kult, die jüngste Platte allerdings taugt bestenfalls zum auf die Schlachtbank geführten Kalb.

Auch Nicorola.de kann die Zweifel am Werk nicht ganz überwinden. Nico Schipper hat trotzdem eine ebenfalls sehr lesenswerte Rezension gezimmert, die die richtigen Fragen aufwirft.

Verhuschte Elektronik, jazzige Drumpatterns, flirrende Soundtexturen und die weitestgehende Abwesenheit von klassischen Instrumenten: Ich bin mir ziemlich sicher, das dieses Album die Fans spalten wird. Wer nach diesem Werk noch denkt, Radiohead seien eine klassische Rockband, der hat nicht hingehört. Jetzt bleibt für mich die Frage: schaffen es diese acht fragilen Soundskizzen die Zeit zu überdauern?

Und natürlich die bohrende Ungewissheit: kommt da noch mehr?

Nicorola beschäftigt sich damit, nach einem entsprechenden Tweet, auch noch mit den Gerüchten um “die zweite Hälfte” von The King of Limbs.
Ob daran etwas dran ist mag ich insofern bezweifeln, dass ich nicht davon ausgehe dass mit dem Newspaper-Release The King of Limbs plötzlich zum Doppelalbum wird. Auch wenn das bei In Rainbows mit der B-Seiten CD so war, wage ich die Diagnose, dass das Wunschträume enttäuschter Fans sind, die noch immer an einen Scherz glauben, statt sich mit TKOL abzufinden. Freuen würde ich mich aber ganz sicher auch darüber.
Insgesamt kann man nun festhalten, dass die Blogospäre sich nicht einig ist, was vom Album zu halten ist. In einem waren sich aber offenbar sogar die schärferen Kritiker einig: es lohnte sich darüber zu schreiben.
 

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Recently Released | Radiohead – The King of Limbs

Fangen wir diese Rezension doch einmal ganz anders an. Mit Dankbarkeit, dass Retrozension.de nicht den Anspruch hat Nachrichten als Erster unter die Leute zu bringen, sondern die Zeit hat, Musik wirken zu lassen bevor man seinen Senf abgibt. Sehr dankbar! Aber soviel sei nur als Ankündigung genutzt, dass es die Tage auch eine kleine Presseschau zu diesem Thema geben wird.

Widmen wir uns nun dem Release um das es hier gehen soll. Radiohead haben dieser Tage mit rekordverdächtig kurzer Ankündigung den Releasetermin für ihr achtes Studioalbum bekannt gegeben (Digitalrelease Samstag den 18.02.2011) und dann doch noch einen Tag früher releast. Ich liebe Radiohead und habe natürlich zugegriffen. Ich freue mich schon jetzt darauf in ein paar Wochen das Newspaper-Album in den Händen zu halten. Bei In Rainbows hatte ich die Gelegenheit leider nicht genutzt.

Zwischenzeitig kann man aber ja schon das Machwerk hören, und das habe ich in den letzten Tagen ausgiebig getan.
The King of Limbs ist keine leichte Kost, aber das war bei Radiohead schon vorher klar. TKOL ist zudem enttäuschend, weil es mal wieder so anders ausgefallen ist, als erwartet. Wer Gitarrenklänge erwartet wird kaum fündig. Verzerrerklänge sind noch spärlicher gesät. TKOL ist näher an Amnesiac als an jedem anderen Radiohead-Longplayer und doch gar nicht vergleichbar. Der erste Eindruck erinnerte mich am ehesten an Jazz. Vermutlich geht das in eine Fusion-Richtung, so gut kenne ich mich da aber nicht aus.

Acht Songs sind auch so eine Enttäuschung und kein Vergleich zu opulenten Hail to the Thieves-Zeiten; die Gesamtspielzeit erreicht nicht mal 38 Minuten. Ist deswegen das ganze Album eine Enttäuschung? Man ahnt es schon: Mitnichten!

TKOL liebt die Stille, vielmehr die Ruhe, ist fragil und hauchzart. Ich fühle mich an eine Seifenblase erinnert, ein Traum, der jederzeit zu zerplatzen droht und einen doch völlig in seinen Bann zieht. Die Schöhnheit der Songs liegt in der Detailverliebtheit der Arrangements. In der offen höhrbaren Verletzlichkeit des gesamten Konzepts. Der erste Hördurchgang lässt einen leiden. Man ist enttäuscht, desillusioniert und ein wenig orientierungslos. Die Songs wirken völlig belanglos; soll das etwa Radiohead nach dem Geniestreich von In Rainbows sein? Man sucht vergeblich nach Rock, nach den Elementen, die Radiohead bisher dann doch noch als Rockband durchgehen ließen, obwohl die Musik schon längst nicht mehr so richtig in die vorbereitete Schublade passen wollte.

Aber The King of Limbs wächst schnell und nachhaltig. Die Songs dringen ein, sickern geradezu ins Unterbewusstsein und nisten sich fröhlich ein in ihrer ausgesprochenen Unfröhlichkeit. Schon Freitagabend kamen mir einzelne Höreindrücke nicht mehr aus dem Sinn. Es entstand eine wahre Sucht nach den so herrlich minimalistsch aber doch effektvoll inszenierten Stücken.

Alle Songs bedienen dabei ähnlichen Grundstimmungen der Melancholie. Es gibt keine groß angelegte dynamische Vielfalt im Sinne von Track 1 rockt und Track 5 ist dafür eher balladesk angelegt. Nein, Radiohead bearbeiten im Wesentlichen acht musikalische Einfälle mit allem gebotenen Ernst und dem musikalischen Wissen, dass im wirtschaftlich verwertbaren Musikbereich so wohl nur bei Radiohead gefunden wird. Dabei bauen sie die einzelnen Tracks sehr gekonnt auf und schaffen dynamische Bandbreiten, die ohne das übliche Laut-Leise auskommen. Da liegen noch in den entferntesten Winkeln der Klanglandschaft Elemente, die es zu entdecken und zuzuordnen gilt. Dass das ganze Album dabei dennoch so organisch und aufgeräumt wirkt ist die wahre Kunst und wohl auch die wahre Arbeit beim austüfteln der Stücke gewesen.

Das Album könnte keinen oder kaum Wiederhall erwarten, käme es von einer unbekannten Indiecombo. Das ist schade, aber leider wahr – sagt aber glücklicherweise nichts über die Qualität und melancholische Schönheit des Machwerks aus.
Radiohead stehen schon lange weit außerhalb des Mainstreams, sogar weit außerhalb jeglicher Kategorien und Genres, in die Musikblogger und -journalisten so gerne einordnen; ich nehme mich da nicht raus.

Das Radiohead dennoch so gut funktionieren und millionenfach Platten unters Volk bringen; dass sie mit ihrem Album derart die Medien beherrschen, einfach weil jeder glaubt, seine Meinung zum Ausdruck bringen zu müssen, das spricht für sich und hat alleine schon jeglichen Respekt verdient. Das Radiohead es aber davon scheinbar unbelastet weiterhin schaffen, geniale, wenn auch schwierige Alben zu schreiben, ohne den Versuchungen des simpleren Pops und den Verlockungen des einfacheren Ruhms zu verfallen, dass zeichnet sie in meinen Augen wahrlich aus.

Über all dem Meta-Zeugs sollte nicht vergessen werden, dass The King of Limbs nicht an In Rainbows anknüpft, es aber auch keinen Takt lang versucht. TKOL steht für sich, genau wie die alte Eiche, deren Namen es sich entliehen hat. Ob es gefällt ist Geschmackssache. Mir jedenfalls gefallen die Songs verdammt gut.

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You Asked For It | Bored Man Overboard – Rogue

Das Label Hazelwood hat wieder einmal eine absolut höhrenswerte Veröffentlichung bevorstehen. Bored Man Overboard heißt die Band, die eine Melange aus IndiePop mit leicht folkigen Einflüssen zu ihrem Stil erkoren hat. Ich musste beim ersten Hören spontan an Editors und Interpol denken, was insofern lustig ist, da ich weder die ein noch die andere Band jemals wirklich gehört hätte und sie daher kaum kenne. Dennoch waren das die ersten Namen, die mir beim Sound von Bored Man Overboard in den Sinn kamen.

Fangen wir mal mit ein wenig Band-Trivia an. BMO kommen aus Schweden, genauer genommen aus dem inzwischen nicht mehr ganz so beschaulichen Stockholm. Sieben Köpfe formieren die Gelangweilten Überbordgeher. Laut Bandinfo sind BMO ganz schüchtern und bescheiden. Das ist immer ein guter Anfang.

Der Sound von Bored Man Overboard hat in etwa den selben sperrigen Charme, der einigen R.E.M.-Alben innewohnt. Insbeondere denke ich da an Up, wobei der Stil insgesamt kaum vergleichbar scheint, die Stimmung nach meinem Dafürhalten aber sehr wohl. Die Instrumentierung ist zunächst einmal relativ klassisch gehalten. Ergänzt wird die übliche Gitarren-, Bass-, Schlagzeug-Kombo durch Keyboard/Piano. Die Garnierung kommt dann in Form von Streichern und Bläsern, die zumeist eher der Atmosphäre als der Melodie unterstützend beistehen. Insbesondere in Bezug auf die Streicher ist mir das hin und wieder vielleicht ein bißchen zu dick aufgetragen, das kann aber natürlich auch Geschmackssache sein.

Rogue, so der Titel des Debutalbums von BMO ist ein eher kantiges, dennoch ruhiges und melancholisches Album. Die Melodien schmiegen sich nicht unbedingt sofort ins Ohr, der Gesang ist fast fragmentarisch angelegt. Die relativ dumpf produzierte Instrumentierung lässt eine wunderbar düstere, fast nebelige Atmosphäre entstehen. Ziemlich passend für die dunkle Jahreszeit und durch die gute Produktion macht das auch wirklich Spaß.

Kritisch anzumerken ist, dass die Songs auf Rogue im Wesentlichen alle die selbe Stimmung zu Grunde legen. Auch die Variationen in Punkto Tempo und Songstruktur fallen eher spartanisch aus. Wenn man sich mit einem einzelnen Song nicht anfreuden kann, mag man sehr wahrscheinlich gleich das ganze Album nicht. Das ist insofern gefährlich, da Rogue Zeit braucht, um dem Hörer ins Ohr zu gehen. Mir erschloss sich der Charme erst mit dem dritten Durchlauf so richtig. Seit dem wächst das Album immer mehr. Einen echten Earcatcher kann ich aber dennoch leider nicht entdecken.

Bored Man Overboard liefern mit Rogue ein respektables Erstlingswerk ab, das mit seiner düsteren Atmosphäre und guten Produktion durchaus zu überzeugen weiß. Es fehlt allerdings ein echter Ohrwurm, der einem den Zugang zum etwas sperrigen und schwermütigen Sound der Band erleichtert. Reinhöhren kann aber uneingeschränkt empfohlen werden. Gerade wo es doch inzwischen so früh dunkel wird …

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