Retrozension | Red Hot Chili Peppers – Californication

1999 geschah das, was man davor eigentlich schon für unmöglich gehalten hatte. Die Red Hot Chili Peppers veröffentlichten nach vier Jahren Studiopause wieder ein Album. Das besondere daran war aber zunächst einmal weniger das Album selbst, als die Tatsache, dass das Album wieder mit John Frusciante aufgenommen werden. Wer sich erinnert; John Frusciante war bis nach Blood Sugar Sex Magik der Gitarrist der Band, hatte sich aber dann so mit den übrigen Bandmitgliedern überworfen, dass die Band ohne ihn weitermachte. Folge war damals ein gigantisches Gitarristencasting, dass David Navarro für sich entscheiden konnte. Das einzige Album mit Navarro, One Hot Minute, war zwar musikalisch absolut top, stellte aber einen deutlichen Stilbruch für diie Chili Peppers dar.

Nun also gab es RHCP wieder mit Frusciante und die Band reagierte prompt mit einem neuen Album, dass zwar auch nicht wirklich an Blood Sugar Sex Magik erinnerte, dennoch aber ein wirklich würdiges Comeback darstellte.

Schon der Opener Around the World macht mächtig Spaß. Das macht sich erfreulicherweise bereits in den ersten Takten bemerkbar. Der Bass knackt wie man es sich von den Chilis wünscht, die Gitarre rückt wieder mehr in den Hintergrund, der Rythmus darf wieder die Führung übernehmen. Neu ist die unglaubliche Liebe zu Gesangsharmonien, wie sie der Refrain aufweist. Hier zeigt sich insbesondere die Wiedereingliederung von Frusciante, der vornehmlich die teilweise extrem hohen Backgroundgesänge übernimmt. Parallel Universe glänzt dann durch eine bsonders feine Melodieführung. Dazu die Spannung aus angenehm ruhiger Instrumentenbegleitung in der Strophe und ehrlichem Geschrammel im Refrain. Sicherlich eines der vielen Highlights auf dem Album.

Scar Tissue setzt dem noch eins oben auf. Besonders begeistert bin ich von den fast minimlistischen Gitarrenparts, die aber doch völlig ausreichend sind und den Songs eine fantastische Leichtigkeit verleihen. Auch Otherside lässt keinen Raum für tiefgreifende Kritik. Nach dem kleinen Intro entfaltet sich der Song langsam aber stetig, baut Spannung auf und geht letzten Endes in eine fast schon poppige Nummer über. Die Melodie reißt mit und bleibt im Gedächtnis.

Get On Top lässt dann doch ein bißchen BSSM-Zeiten durchscheinen. Hier gibt es grundehrlichen Crossover der ein wenig an Give it Away erinnert, dabei aber deutlich braver bleibt. Soll aber ganz explizit keine Kritik sein. Zumindest keine schlechte. Der Titelsong Californication ist dann der wahrscheinlich komplexeste Song des Albums. Mir persönlich kommt der Song immer ein Stück weit wie ein Film vor. Selbst wenn man kein Wort Englisch versteht hat man durch die Musik schon den Eindruck eine mitreißende Geschichte erzählt zu bekommen. Eine leicht deprimierte Grundstimmung mit dem nötigen Fünkchen Hoffnung darin, so muss gute Musik einfach sein.

Easily geht dann wieder stärker in Richtung Pop-Rock. Sehr mainstreamig und dennoch nicht banal oder gar plump. Einfach, knackig und gut. Porcelain hingegen ist geradezu schwermütig und fragil. Begleitet überwiegend durch gestrichene Snare-Drum und Bass mit melodischen Einwürfen der Gitarre. Danach mit Emit Remmus (bitte Rückwärts Lesen) wieder etwas mehr Rock. Diesmal schön verquietscht durch Gitarre, die Hauptrolle darf auch hier einmal mehr der Bass übernehmen. Einfach gut halt. Besondere Erinnerung an diesen Song ist für mich übrigens an die Zeile “We could walk through Leicester Square” geknüpft. Ich erinnere mich heute noch wie ich damals auf einem Schulausflug mit Walkman im Ohr über den Leicester Square in London lief und in diesem Moment plötzlich erstmals die Zeile wirklich verstand. War schon lustig.

Weiter gehts mit I like Dirt. Hier regiert der Funk. Ich erinnere mich noch, dass mir dieser Song anfangs irgendwie gar nicht so recht gefiel, insbesondere wegen dem Refrain, der ebenso wie die Strophe quasi ohne Melodie auskommt. Mittlerweile gefällt mir aber auch der Song ohne wenn und aber. So entwickelt man sich weiter mit der Musik die man so hört. This Velvet Glove reiht sich dann wieder eher in die Kategorie ruhiger Rocksong ein. Auch hier gibt es nichts zu mäkeln. Dafür aber ist dieser Song vielleicht mehr als die anderen ein bißchen eine Art Prototyp für das, was man auf nachfolgenden Alben der Chilis geliefert bekam. Savior leitet dann irgendwie ein bißchen schon das Albumende ein. Ist zwar der viertletzte Song des Longplayers, aber er verbreitet die Stimmung, dass sich das Album dem Ende neigt.

Purple Stain widmet sich dann noch mal verstärkt dem Funk und Crossover. Dazu gibts einen denkbar eindeutigen Text, der mit Sicherheit einen “Explicit Lyrics”-Aufkleber verliehen bekommen hat. Musikalisch gehört dieser Song definitiv zu meinen Favoriten auf em Album. Right on Time ist dann fast schon ein bißchen zu sehr chaotisch. Da löst sich zwar im Refrain sehr schön auf, wird aber für die zweite Strophe sofort wieder aufgenommen. Auch hier blitzt wieder ein bißchen Blood Sugar Sex Magik durch. Den wirklich grandiosen Albumabschluss bildet dann das lagerfeuertaugliche Gitarren- und Basspicking von Road Trippin’. Die vielleicht einfühlsamste Ballade der 90er. Einer der wenigen Songs die auch ich manchmal gerne fünfmal hintereinander gehört habe. Zumindest aber ein Song den ich so niemals den Chili Peppers zugetraut hätte. Wer da nicht ins träumen kommt, dem ist leider nicht mehr zu helfen.

Insgesamt haben die Red Hot Chili Peppers mit Californication ein mehr als gutes Album vorgelegt. An die Einzigartigkeit und Originalität von Blood Sugar Sex Magik kommt es mit Sicherheit nicht ganz heran. Einen Grund hier bei der Wertung auch nur einen Stern wegzulassen sehe ich aber auch nicht.

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Retrozension | Garbage – Version 2.0

Garbages erstes Album mit dem etwas einfallslosen Titel Garbage hatte mir damals (1995) ja schon ziemlich gut gefallen. Das komplett in pink gehaltene Album sollte 1998 mit Version 2.0, diesmal komplett orange, seinen Nachfolger bekommen.

Um es schon einmal vorwegzunehmen, ein wenig hatte ich bis dahin schon genug von Garbage. Auf Dauer konnte mich der Vorgänger nicht voll begeistern, zur vier-Sterne Wertung stehe ich auch weiterhin. Aber das Verlangen nach mehr Garbage war bei mir kaum da. Insofern hatte Version 2.0 bei mir auch einen schweren Start.

Die ersten beiden Songs des zweiten Albums gefielen mir dann aber doch auf Anhieb ziemlich gut. Mit Temptation Waits und I Think I’m Paranoid gelang der Band um Butch Vig ein ziemlich guter Einstieg in das neue Album. Umso erschütterter war ich dann aber nach When I Grow Up, einem Song den ich mir heute sehr gut in einer Interpretation von, sagen wir einmal, Avril Lavigne vorstellen könnte. Die kannte man 1998 zum Glück noch nicht, dass der Song jedoch nicht gut ist konnte mir auch damals direkt auffallen. Zu lieb, zu mädchenhaft, zu Pop. Leider scheint auch Medication in etwa gleicher Facon nachzulegen. Hier ist lediglich der Refrain eigentlich ziemlich gut. Die Strophe und Bridge wirken dagegen so gewollt, dass es schon ein wenig weh tut.

Special ist dann trotz sehr strakem Hang zum Pop wieder ein wirklich cooler Song. Jetzt nicht unbedingt zum mitsingen geeignet, aber doch angenehm unterhaltsam. Auch Hammering in my Head kann schon wieder mehr gefallen. So wirklich begeistert hinterlässt mich aber auch dieser Song nicht. Push it überzeugt da schon mehr, ist griffig, hat ein paar wirklich gute Riffs. Dennoch kann die betont unaffektierte Stimme von Frontfrau Shirley Manson gelegentlich schon etwas nerven.

Wirklich gut gefällt mir dann aber The Trick is to keep Breathing. Hier stimmt einfach die Gesamtstimmung, das Arrangement und die Produktion. Wirklich toll. Mit Dumb kommt endlich mal wieder etwas mehr Tempo und Action ins Album. Schade nur, dass das Stück insgesamt nicht wirklich besonders ist. Insbesondere der Refrain passt einfach so gar nicht. Sleep Together legt dann wieder etwas zu, aber der Funke will bei mir immer noch nicht überspringen. Zu gleichförmig, zu uninspiriert für meinen Geschmack. Fehlen noch Wicked Ways und You look so Fine. Nun, es gibt keinen Grund hier künstlich zu versuchen Spannung zu erhalten wo einfach keine ist. DIe Songs sind ok, aber beide klingen ebenso bemüht wie fast alle Songs zuvor.

Hier bleiben einem leider keine Melodien im Ohr weil es einfach viel zu wenige Melodien gibt. Das Album macht vielmehr den Eindruck, die Band hätte die Songs zunächst komplett ohne Sängerin geschrieben und eingespielt. Die wiederum kam dann irgendwann auch mal ins Studio, allerdings ohne viel Lust und Kreativität, weshalb auf Melodien eben einfach mal verzichtet wurde. Insesamt wirklich schade. 1999 hatte ich Gelegenheit die Band auf Rock am Ring live zu sehen und da machte es wirklich Spaß, aber Version 2.0 bleibt meiner Auffassung nach deutlich hinter dem zurück, was ich mir von Garbage erhofft hatte. Zwar gibt es viele Alben die deutlich schlechter sind, aber das man hier keine Begeisterung entwickelt ist dann doch schon schade.

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Retrozension | Nirvana – Incesticide

Im Dezember 1992, also kurz vor Release des letzten Studioalbums In Utero, erschien Nirvanas Incesticide. Bei dem Longplayer handelt es sich um eine B-Seiten Sammlung, die im grunde wohl vor allem deshalb veröffentlicht worden war, weil man befürchtete, den Hype um die Band aus Seattle nicht ausgiebig genug in Produkte umzusetzen.

Heraus kam dabei eben Incesticide. Die Platte präsentiert sich als Zusammenstellung von Songs, die Kurt & Co. in den Jahren um Bleach und Nevermind geschrieben hatten und die zumindest in Teilen zuvor unveröffentlicht waren. Der logische Nebeneffekt ist, dass man sehr schnell bemerkt, dass die Songs eben aus mehreren Schaffensperioden der Band stammen und daher teils deutlich andere Produktionsqualitäten aufweisen. Auch songwritingtechnisch lassen sich hier sehr große Bandbreiten identifizieren. Teils klingen die Songs fast wie eine Demoaufnahme, teils sind die Stücke etwas banal, und dennoch lassen sich auch wirkliche Schätze entdecken.

Der Opener Dive gehört nach meiner Einschätzung zur letzteren Kategorie.  Auch Sliver, ein Song der bereits 1990 als SIngle heraussgebracht wurde und nach relativ kurzer Zeit vergriffen war darf getrost zu den Klassikern im Nirvana-Repertoire gerechnet werden. Stain ist vom Songwriting her immer nch sehr spannend, fällt in der Produktion aber ein wenig ab. Hier wäre sicher mehr rauszuholen gewesen.

Dafür legt Been a Son deulich nach. Das Stück gehört für mich zu den Highlights des Albums. Eine knackige Nummer, die trotz leichter Schwächen in der Produktion wirklich Spaß macht und mitreißt. Turnaround hingegen ist zwar nicht schlecht, aber so richtig begeistern kann der Track zumindest mich nicht. Molly’s Lips ist mir dann schlicht zu simpel und punklastig. Keine Spur von Grunge auch bei Son of a Gun. Das Stück ist nicht schlecht, könnte aber auch fast von Green Day stammen. Auch (New Wave) Polly, oder besser gesagt insbesondere (New Wave) Polly, eine speedige Punkversion des Songs Polly aus Nevermind reiht sich in diese belanglosen Punknummern mit ein und hat im Grunde auf einer Rarities-Compilation nichts zu suchen.

Beeswax entschädigt dann deutlich. Klanglich eindeutig der Schaffensperiode um Bleach zuzuordnen handelt es sich hierbei um ein ziemlich unorthodoxes, aber sehr eigenwillig interessantes Stück. So liebt man Nirvana auch heute noch. Downer verwundert alleine schon durch Anwesenheit auf dem Longplayer, schließlich ist der Song die Schlußnummer auf Nirvanas Erstlingswerk Bleach gewesen. Immerhin, eine wirklich gute, knackige Nummer. Mexican Seafood scheint mir auch zur Bleach-Periode zu gehören. Eine interessante Nummer ohne große Besonderheiten aber auch nicht schlecht.

Hairspray Queen wirkt dagegen schon wieder etwas spritziger und vor allem abgedrehter. Ziemlich schräg klingende Gitarrenriffs, noch schrägere Gesangsparts und dazu ein krachiger Rythmus. Cooler Track, aber nicht geeignet so nebenbei zu laufen, was aber ja im Grunde eher Prädikat als Kritik ist. Aero Zeppelin ist dann eine ziemlich fette Nummer, die mit besserer Produktion sicher auch einen Albumsplatz verdient gehabt hätte. So bleibt die Freude eines wirklich starken Tracks auf Incesticide mit dem Charme einer Demo. Big Long Now war zumindest in meiner Depri-Teenie-Phase mein absoluter Favorit auf dem Silberling. Eine wunderbar traurige Stimmung ekszessiv ausgekostet und zelebriert. Das Feinste vom Feinen im Sinne der Brückenspringer-Fraktion. Nur Aneurysm kann diesem Song dann doch tatsächlich noch eins draufsetzen. Hier wird gerockt das die Schwarte kracht. Ein wirklich griffiges Riff treibt den Song voran, der für Incesticide eine außergewöhnliche Produktionsqualität liefert und zudem auch vom Songwriting her das absolute Highlight der Platte darstellt. Zumindest heute mein Favorit der Zusammenstellung und ein genialer Abschluss einer interessanten Zusammenstellung.

Als Fazit lässt sich villeicht feststellen, dass auch bei einer so vergötterten Band wie Nirvana manche Songs schlechter waren als andere und verdientermaßen nicht auf Studioalben zu hören waren. Das macht für mich die Band im Grunde noch fantastischer, weil man sieht das auch ein Kurt Cobain an seinen Songs feilen musste und nicht nur Topsongs zu schreiben vermochte. Dabei ist Incesticide eine gute Rarities und B-Sides Compilation die Spaß macht, aber doch deutlich hinter den Alben zurückbleibt. So wie es im Grunde sein sollte.

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Retrozension | Therapy? – Infernal Love

Es wird Zeit, das sechste Album der Band Therapy? – in meiner Sammlung nur das zweite – mal genauer anzuhören. Therapy? kamen mir ja erstmals mit dem Album Troublegum unter, und obwohl es sich dabei um astreinen Punk mit hohem Tempo gehandelt hatte, gefiel mir die Musik zu meiner eigenen Überraschung prompt. Grund genug, das darauf folgende Infernal Love aus dem Jahr 1995 zu kaufen.

Und zu meiner großen Überraschung überraschte mich Infernal Love dann ganz schön. Im Gegensatz zu Troublegum ist das sechste Album der Band aus Nordirland ziemlich abwechslungsreich und vielseitig.

Der Opener Epilepsy, aus dem auch die namengebende Zeile Infernal Love entstammt. Ist zunächst Highspeed-Rock mit schön wütender Gesangsstimme und reichlich Power. Wer solche Songs schreibt braucht live vermutlich keine Vorbands um das Publikum aufzuheizen. Hier gibts auch wieder die verdammt guten, wenn auch kurzen,  Gitarrensolis from Hell, die mir schon auf Troublegum zu gut gefallen haben. Zwischendurch eine kleine, fast jazzig-swingige Episode und dann wird brachial weiter gerockt. Fantastisch!. Und dieses Ende!

Stories bleibt auch erst einmal beim eher hohen Tempo. Wenn hier auch ein klein wenig Gas rausgenommen wurde. Was sich hier jedoch schon langsam als roter Faden im Album einstellt, sind die Soundsamples, die das Album insgesamt zu einer kleinen Geschichte zusammenstricken wollen, was meiner Meinung nach auch gelingt. Moment of Clarity ist dann ein Song, den es auf Troublegum nicht gegeben hätte. Absolut ‘tranquille’, wie der Franzose sagt und geradezu entspannend. Als ich das Album neu hatte war dieser Song mein absoluter Albumfavorit. Heute sehe ich das etwas differenzierter.

Jude the Obscene wird dann wieder rockiger, wobei das Tempo für Therapy?-Verhältnisse maximal Midtempo ist. Bowels of Love wird wieder ein eher ruhigeres, wenn auch kein langsames, Stück. Hier wird schön mit Akustikgitarren und Streicherhinterlegung gearbeitet. Der Song ist auf jeden Fall einer der Titel, die besonder viel Leidenschaft – bzw. in diesem Fall Verzweiflung – ausstrahlen. Wirklich mitreissend. Misery begint zunächst mit einer etwas synthetisiert klingenden Kriegsgeräuschkulisse. Darin schneidet dann das Gitarrenriff ein, dicht gefolgt vom Rest der Band. Ein Heidenspaß, dieses Stück auf der Gitarre mitzuschrammeln. Schon deshalb immer eines meiner Lieblingsstücke des Albums gewesen.

Bad Mother ist soundtechnisch als auch rifftechnisch eines der spannensten Liedchen auf dem Tonträger. Dazu ein eingängiger Refrain. Eigentlich müssten solche Titel Hits werden. Me vs You ist dann so ruhig, dass man meinen könnte die Band hätte gewechselt. Zu hören ist zartes Gitarrengeklimper, eine bedrohlich klingende Melange aus Streicher, Bass und Bassdrum. Noch bedrohlicher klingt die Gesangsstimme, die so tief ist, dass einem fast die Häarchen zu berge stehen. Der Refrain klärt auf, wirkt fast ekstatisch gegen die Strophe. Ein wunderbares Spiel mit der Dynamik und ein wirklich gelungener Song. Ich denke der Titel erklärt sich so auch wie von selbst.

Loose erschreckt den Zuhörer dann fast mit seiner Fröhlichkeit. Hohes Tempo kurze Strophe, knackiger Refrain, klassische Songstruktur. Fast wirkt der Song auf Infernal Love ein wenig deplaziert. Wie Britney Spears auf einer Grungecompilation -zugegeben, ich übertreibe ein wenig. Bevor die Fröhlichkeit voll Besitz von uns übernehmen kann, verbreitet Diane wieder etwas Thriller-Stimmung. Auch hier kommen dann wieder die Streicher zum Einsatz, diesmal allerdings weniger als Hintergrundelement sondern gar als einzige Instrumentierung, Cello und Geigen. Was Punk mittlerweile so alles darf. Dazu ein wirklich tiefgehender Text der die Geschichte eines Mordes mit Vergewaltigung aus Sicht des Täters schildert. Ob die Welt sowas braucht sollen andere entscheiden. Der Song geht auf jeden Fall unter die Haut.

Warum der über fünfminütige Schlusssong dann 30 Seconds heißt, bleibt wohl ein Rätsel. Hier gibts wieder den Eingangs schon erlebten Highspeed-Rock. Alles klingt irgendwie nach Verfolgungsjagd. Ein genialer Abschluss zu einem sehr vielseitigen Album, dass mir insgesamt immer sehr gut gefällt, das im Gesamteindruck ziemlich gut wegkommt und doch immer ein bißchen die Sehnsucht nach der genialen Schlichtheit von Troublegum mitschwingen lässt. Insgesamt beweisen Therapy? hier, dass sie deutlich mehr können als nur in einem Tempo und einem Sound mehr oder weniger gleiche, wenn auch gute Punksongs zu schreiben. Infernal Love präsentiert eine hohe Bandbreite was Dynamik, Tempi, Sounds und Stimmungen anbelangt. Das Ergebnis ist ein verdammt gutes, rockiges Album, das bei mir nur eine Frage offen lässt: Warum finden solche Alben nur so wenig Beachtung?

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Retrozension | Mike Watt – Ball-Hog or Tugboat?

Mike Watt - Ball-Hog or Tugboat?Mike Watt nicht zu kennen ist zunächst einmal eher keine Schande. Ich selbst bin erst durch einen Freund auf den Bassisten aufmerksam geworden, als eben das Album Ball-Hog or Tugboat? auf einer Party lief. Wenn man sich aber dann mal per Wikipedia auf die Suche begibt stellt man schnell fest, dass der Kerl zu der Sorte Musiker gehört, die zwar kaum jemand kennt, die aber wiederum von vielen Größen insbesondere des Alternative Rock als Einfluss genannt werden.

Um hier mal kurz in die Biographie des Herrn Watt einzusteigen: Zunächst Bassist bei The Minuteman, einer Punkrock Band, die 1985 mit dem Tod des Sängers einen tragisches Ende fand, danach ein kurzes Intermezzo mit Sonic Youth und die Gründung von fIREHOSE, einer alternativerock Band, die bis 1993 musikalisch produktiv war. Im Anschluss startete Mike Watt seine Solokarriere, die mit  Ball-Hog or Tugboat? eröffnet wurde, welches 1994 aufgenommen und 1995 veröffentlicht wurde. Nach dem Debutalbum sollte noch ein weiteres Soloalbum folgen. Mittlerweile zupft Mike Watt für Iggy Pop and the Stooges die dicken Seiten, zwischendurch wieder Zeit für ein Soloprojekt und, und, und …

Man sieht schon, hier ist ein fleißiger Mensch am Werk, der sich zwar nie im Mainstream bewegt hat, aber dennoch so viele Spuren hinterlassen konnte, dass insbesondere Musikgrößen aus Seattle in ihm einen zentralen Einfluss sehen. Das schöne daran ist dann wiederum, dass sich einige dieser Musiker auf Watts Soloalbum Instrumente und Mikrofon in die Hand geben. Sozusagen eine kleine Superband mit permanent wechselnder Besetzung. Die Liste ist dabei so lang, dass ich hier gar nicht komplett darauf eingehen kann. Ich verweise aber ungeniert auf den entsprechenden Artikel in der englischen Wikipedia.

Der Opener Big Train eröffnet das Album recht eindrucksvoll mit einem schön basslastigen Song und wunderbarem Gitarrengejaule im Hintergrund. Hier wird schamlos gerockt und die Spielfreude lässt sich dabei klar heraushören. Ein toller Einstieg. Against the 70ies glänzt dann insbesondere mit Eddie Vedder am Mikrofon und Dave Grohl an den Drums. Auch hier wieder ein klar bassdominierter Sound. Die Gitarren dürfen sich ein wenig zurückhalten, was dem Gesamtsound einen schönen eigenständigen Touch verleiht. Spannend ist auch das Ende des Songs, am besten ihr hört euch das mal selbst irgendwann an.

Drove up from Pedro zeigt die etwas ruhigere Seite des Albums. Auch hier wieder schön bassbetont und irgendwie ganz minimlistisch wird hier ein Song gesponnen, der mir persönlich sehr gut gefällt. Auch Piss-Bottle Man sollte nicht unerwähnt bleiben, hier gehts wieder etwas rockiger zur Sache. Der Song hatte damals zusammen mit Against the 70ies einiges an Airtime auf College- und Alternative-Radiostationen erzielt. Der große Durchbruch blieb aber dennoch aus.

So geht es weiter mit dem Album. Immer im Spannungsfeld zwischen ruhigeren Songs und rockigeren Nummern, immer schön bassbetont – schließlich ist Mike Watt ja auch Bassist – und immer einen Hauch von Experimentierfreude in der Luft schafft das Album es, mich wirklich zu begeistern. Besonders erwähnenswert erscheinen mir hierbei noch die Titel Tuff Gnarl, Sexual Military Dynamics, Max and Wells (welches mich ganz ungemein an die Fun lovin’ Criminals erinnert), E-Ticket Ride, das sehr schräge Song for Igor und natürlich das jazzig elegante Sidemouse Advice.

Alles in allem bietet Ball-Hog or Tugboat? mit 17 Titeln und einer Spielzeit von über einer Stunde jede Menge musikalische Leckerbissen für Freunde der etwas experimentierfreudigen Spielart des Alternative Rocks. Eine Bereicherung für eine entsprechende Musiksammlung ist das Album allemal und wer es noch nicht kennt, der sollte mal über einen Kauf nachdenken. Echt jetzt!

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Retrozension | Pearl Jam – Yield

Pearl Jam - YieldWieder einmal ist es an der Zeit uns den Dinosauriern des Grunge zu widmen. Nach dem vielleicht nicht so gut angekommenen Vorgänger No Code schickten sich die fünf gesellen aus Seattle an, ein wenig aus der Versenkung aufzuerstehen und brachten 1998 mit Yield ihr fünftes Studioalbum heraus. Wie schon die beiden Vorgänger erschien auch dieses Pearl Jam Album im schicken Digipack, eine Marotte, die sich mittlerweile voll etabliert hat.

Mit Yield schafften Pearl Jam nicht nur einen Bruch in ihrem Umgang mit den Medien und Musiksendern, sondern packten auch eine lange nicht gekannte Spielfreude in die Songs. Fast könnte man von Pearl Jam Reloaded sprechen. Schon der Opener Brain of J offenbahrt die Rückkehr der Band zum echten Alternativschrammelrock. Das schöne daran ist, dass man nicht mehr Wut, Enttäuschung und Depression in dem Song erkennt, sondern einen klaren Hang zu Hoffnung und Freude. Das soll jetzt natürlich nicht heißen, dass PJ anfangen Pop-Musik zu produzieren. Dennoch erfreute es mich damals ungemein bei der Band eine Art Neuanfang wahrzunehmen. Auch das nachfolgende Faithful bietet ebendiese Grundstimmung und weiß dadurch auf ganzer Linie zu überzeugen.

No Way zeigt, dass die Band auch soundtechnisch zu Experimenten bereit ist. Heraus gekommen ist ein kraftvoll zurückhaltender Song, der einen zum Mitwippen animiert und dabei tierisch Spaß macht. Given to Fly ist dann ein wenig nachdenklicher gestimmt. Passend zum Text weckt der Song bei mir irgendwie immer Gedanken an einen weiten Himmel. Keine Ahnung warum dass so ist, spricht aber für die Band. Dieser Song wurde als Single ausgekoppelt und, was deutlich erwähnenswerter ist, wurde mit einem Musikvideo geehrt.

Wishlist, ebenfalls eine Single des Albums, ist dann ein sehr zurückhaltender, ruhiger Song mit einem wunderbar nachdenklichen Text, im Grunde einer sehr romantischen Liebeserklärung. Pilate ist dann die erste Überraschung auf dem Album. Ein total zurückgenommener Strophenteil wird durch einen sehr rockigen Refrain abgelöst, der insbesondere Klangmäßig sehr spannend ist. Irgendwie klingt das ganze zunächst ungewohnt und fremd, irgendwie abgehackt. Inzwischen mag ich den Song aber sehr.

Do the Evolution ist ohne Frage das Highlight auf dem Album. Einen dermaßen rockigen Song habe ich bisher nur selten gehört. Irgendwie geht es ganz klar vorwärts und reißt einen mit. Nicht unerwähnt bleiben darf hier das zugehörige Video, dass im Stil ein wenig an Szenen aus Pink Floyds The Wall erinnert, dabei aber eine ganz eigene, zum Songtext passende Message transportiert. Für mich gehört dieser Song zu den Top Ten Songs der 90er Jahre. Red Dot, der nächste Track auf dem Album ist kein Song, irgendwie. Mehr so eine Art musikalisches Fragment. Macht aber nix, danach gehts ja weiter.

MFC gehört für mich zu den Songs mit dem schönsten Textanfang. Da heißt es “Sliding, out of Revers into Drive, this wheel will be turning right, off in the sunset she’ll ride“. Mit so wenigen Worten wird hier eine komplette Szene aufgebaut. Mag jetzt nicht so spektakulär zu lesen sein. Ich aber kniee nieder vor der Genialität dieser Zeile. Der Song ist übrigens auch stark, nebenbei bemerkt. Low Light passt dann eher in die Kategorie Pearl Jam auf No Code. Im Dreivierteltakt mit vielleicht etwas zu bemühter Zweistimmigkeit entfaltet sich ein ruhiger, entspannter Song mit viel Orgelklang und einigen taktlichen Raffinessen.

In Hiding ist dann wieder von mehr Freude durchsetzt. Und das obwohl der Song exakt das verarbeitet, was Pearl Jam jahrelang ausgemacht hatte. Das Zurückziehen, nicht vor die Tür gehen wollen (sinnbildlich gesprochen) und die Angst vor dem was die Welt von einem erwartet. Irgendwie merkt man aber auch den erfolgten Befreiungsschlag und das tut gut. Push me, Pull me ist ein ganz besonderer Song. Taktwechsel, eine teils undurchdringbare Soundzusammensetzung sowie eine Türklingel machen dieses musikalische Experiment zu dem bisher besten von Pearl Jam. Das das ganze dabei noch als Song zu erkennen ist tut dem ganzen dabei keinen Abbruch.

Schon sind wir wieder am Ende eines Albums angekommen. Mit All those Yesterdays nehmen Pearl Jam für dieses mal Abschied und das auf wirklich gute Weise. Auch wieder eher in bekannter Manier mit ruhigen Klängen und einem eindringlichen aber simplen Gitarrenriff. Der Song steigert sich dann aber und entfaltet sich immer mehr. Die einzigartig gute Stimme Eddie Vedders rundet das Paket ab. Ein gutes Ende.

Yield kann als musikalischer Befreiungsschlag gesehen werden. Die Band hatte es endlich geschafft sich mit ihrer Rolle in der Rockmusik anzufreunden und dabei eine Zufriedenheit erlangt, die sich in den Songs geradezu fassen lässt. Das tut dem Album sehr gut und freute mich damals als Fan ganz besonders, weil das Damoklesschwert des baldigen Ende der Band mit Yield endlich abgeschafft schien. Bis heute scheint das ja auch so geblieben zu sein.

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