Retrozension | 2009 – Januar bis Dezember

Zugegeben, es ist fast schon ein wenig zu spät für einen Jahresrückblick; ist doch das neue Jahr schon fast eine Woche alt. Nun, getreu dem Motto “Besser spät als nie” kommt hier noch mein persönlicher Jahresrückblick 2009.

Vorab mal wieder die Softfacts, bevor Last.FM die harten Fakten liefert, die 2009 leider nicht ganz so sauber dargestellt sind wie im letzten Jahr. Aber dazu später mehr.  2009 war für mich musikalisch ein überwiegend spannendes Jahr. Es gab einige spannenden Releases und viele davon konnten auch tatsächlich die Erwartungen erfüllen. Pearl Jam zum Beispiel meldeten sich mit Backspacer mal wieder zurück, und das Album stellte zumindest eine Veränderung gegenüber den letzten Alben dar. So richtig lieb gewonnen habe ich das Album zwar noch nicht, aber das liegt auch daran, dass so viele gute Alben im letzten Jahr herauskamen, dass ich kaum Zeit hatte mich länger mit Einzelnen zu beschäftigen.

Auch unbedingt erwähnenswert sind natürlich Them Crooked Vultures, die Super-Supergroup deren Debut kräftig rockt. Neues wurde auch schon angekündigt. Was das für die Foo Fighters und die Queens of the Stone Age zu bedeuten haben wird, bleibt abzuwarten. Über neues Vuktures-Material kann man sich aber sicher freuen. Und keinesfalls vergessen darf man Alice in Chains, deren Rückkehr aus der Versenkung wohl das beste Album der Seattle-Rock-Liga des letzten Jahres war. Black gives Way to Blue überrascht mir vertrauten Klängen, mit einem Sound der den alten Alben in nichts nachsteht und diese vielleicht sogar überbieten kann. Und das wohlgemerkt trotz ausgetauschtem bzw. eher ersetztem Sänger.

Für mich auch sehr erfreulich war mal wieder die Zusammenarbeit mit Popkiller.de. Ich weiß gar nicht wie viee Alben ich für den Popkiller im letzten Jahr bemustern durfte, aber nie zuvor war soviel richtig Gutes dabei: Variety LabNobelpenner, Alter Me, Franz Ferdinand, Voicst. Da kann man sich eigentlich nicht noch mehr wünschen. Mehr gab es aber dank Akron/Family, meiner persönlichen Neuentdeckung des Jahres., dann doch. Auch das Konzert der drei Amerikaner in Köln war ein kleines Highlight, weil äußerst außergewöhnlich.

Portugal. The Man waren auch fleißig und brachten mit the Satanic Satanist ein wirklich Gutes Album heraus und konnten die Leistungsdelle nach Censored Colors so wieder ausdellen. Für mich sind Portugal. The Man mittlerweile sowieso das Modell für die Zukunft der Musikindustrie. Die Band dürfte wohl die am härtesten arbeitende Band sein, die mir untergekommen ist. Jedes Jahr ein neues Album, jedes Jahr ausgedehnte Touren. Die Fanbase wächst mit jedem Mal weiter und trotzdem bleibt die Band angenehmerweise unter dem Radar. Viele meinen jetzt vielleicht das sei traurig, aber ich denke dass das genau der Punkt ist, an den sich Bands in Zukunft gewöhnen werden müssen. Die Zeit der Megaacts ist weitestgehend vorbei. Dafür setzt sich Qualität und harte Arbeit wieder durch. So können Bands es schaffen von der Musik zu leben, der Jaguar, der Privatjet und die Traumvilla aber bleiben genauso ein Traum wie für den durchschnittlichen Büroangestellten. Beruhigend, nicht?

Schauen wir doch mal, was die Charts laut Last.FM so hergeben. Anmerken muss ich aber, dass iTunes sich über einige Wochen leider geweigert hatte, meine Songs vom iPod zu scrobbeln. Damit haben im Wesentlichen Portugal. The Man und Akron/Family Songwertungen in großem Umfang verloren. Mittlerweile scrobbelt alles wieder normal. Im neuen Jahr sollte daher also alles wieder stimmen. Hier die besten Zehn aus 2009

  • 10)   Portugal. The Man mit 309 Scrobbels*
  • 09)   Chinese Man mit 391 Scrobbels
  • 08)   Radiohead mit 417 Scrobbels
  • 07)   Nobelpenner mit 488 Scrobbels
  • 06)   Sola Rosa mit 569 Scrobbels
  • 05)   Variety Lab mit 579 Scrobbels
  • 04)   Franz Ferdinand mit 592 Scrobbels

Das ist doch schon mal überraschend; Chinese Man verdanke ich meinem guten Freund Tobi. Grüße und dank nach Hamburg dafür. Sola Rosa hatte ich bei der Einführung ganz vergessen. Die haben mit Get it Together sicherlich eines der Top-Alben des Jahres veröffentlicht. Portugal. The Man leiden hier wie bereits erwähnt am *Scrobbelausfall bei iTunes. Nobelpenner sind für mich selbst eine Überraschung. Das wirklich genial gute Album hat sich zwar in Deutschland insgesamt gar nicht richtig durchsetzen können. Ist aber echt so gut, dass ich es das ganze Jahr über immer mal wieder angehört habe. Respekt dafür. Kommen wir zu den Top 3

  • 3)   Green Day mit 604 Scrobbels
  • 2)   Akron/Family mit 783 Scrobbels*
  • 1)   Voom mit 854 Scrobbels

Hier kommen die echten Überraschungen: Das ich Green Day soviel gehört hatte, war mir gar nicht bewusst. Dabei fand ich deren Album 21st Century Breakdown gar nicht soooo überzeugend. Akron/Family ist hingegen klar und müsste egentlich sicher auf Platz 1 landen. Hier gilt auch wieder Scrobbelausfall als Erklärung. Voom überrascht mich insofern, dass ich von denen nur ein Album besitze, das ist aber tatsächlich so gut, dass ich es unzählige Male und auch sehr oft mehrmals hinterienander gehört hatte. Gratulation nach Neuseeland.

In diesem Jahr hat also kein Künstler die Schallgrenze (1000 Scrobbels) geschafft. Das liegt aber nicht daran, dass ich weniger Musik gehört hätte sondern eher daran, dass ich mich nicht so sehr wie sonst auf einzelne Alben konzentriert habe.

Nun, bleibt nur noch das Fazit: 2009 war musikalisch spannend und vielseitig und wird mir sicherlich mit vielen Alben lange in Erinnerung bleiben. Meine Zusammenarbeit mit dem Popkiller macht nach wie vor riesen Spaß und wird weiter vertieft. Die guten Vorsätze für 2010 lasse ich diesmal aus. Zwar wünschte ich mir, ich wäre mit etwas mehr Regelmäßigkeit am bloggen auf Retrozension.de, aber dass muss sich nunmal dem Leben und der Arbeit unterordnen. Insofern bleibt alles beim Alten: Ich blogge wanns mir passt und wer nach den neuesten Nachrichten sucht, der wird im zweifelsfall auf anderen Blogs danach suchen müssen. Meins bleibt das langsamste Musikblog Deutschlands.

Liebe Grüße und alles Gute für 2010!

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Retrozension | R.E.M. – New Adventures in Hi-Fi

Zu R.E.M.s New Adventures in Hi-Fi habe ich irgendwie eine besondere Beziehung. Das liegt vermutlich vor allem daran, dass das zehnte Album der Band aus Atlanta das erste R.E.M. Album war, dessen Release ich bewusst erlebt habe.

Nicht lange vor dem Release im Jahr 1996 habe ich erkannt, dass R.E.M. eine wirklich gute Band sind. Hier gehört ein kurzer Dank meiner Schwester ausgesprochen, die Automatic For The People besaß und mich so auf den Geschmack brachte. Den Release von Monster hatte ich dann irgendwie auch noch verpasst, für New Adventures in Hi-Fi im Jahr 1996 war ich dann aber endlich auf den Geschmack gekommen. Und im Nachgang darf man wohlsagen: kein Album zu früh!

New Adventures in Hi-Fi ist bis heute das erfolgreichste Album von R.E.M., zumindest wenn man die Chartplatzierungen auf Wikipedia richtig interpretiert. Nummer eins in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Finnland und Schweden und immerhin noch Nummer zwei in den USA, das ist doch mal eine gute Leistung.

Die viel bessere Leistung daran ist aber, dass das Album nicht nur erfolgreich sondern auch wirklich gut ist. Wesentlich vielschichtiger als Monster oder Automatic for the People, atmosphärisch angenehm melancholisch und für ein Mainstreamalbum ziemlich experimentierfreudig. Schon der Opener How The West Was Won And Where It Got Us überzeugt auf ganzer Linie. Vor allem dadurch, dass das Stück mit Hörgewohnheiten aufbricht. Das Intro wird nur durch Drums gespielt, die Begleitung ist sehr rudimentär durch Bass und Klavier gegeben und irgendwie klingt das Stück auch im Refrain sehr filigran ohne dabei aber “unrockig” zu werden. Cool gemacht.

The Wake Up Bomb ist wohl bis dato eines der rockigsten und besten Stücke von R.E.M. Orgel, verzerrte Gitarren und einen überzeugenden Rythmus. Da bleibt kein Kopf ruhig auf dem Hals sitzen. Ich liebe diesen Song. New Test Leper folgt als ruhigerer Song. Hier kann man wieder einmal in den wirklich poetischen Zeilen schwelgen. So gut schreiben neben Michael Stipe nur die wenigsten.

Undertow bringt wieder etwas mehr die klanglich experimentelle Seite der Band zum Vorschein. Hier begrüßen den Hörer zunächst dampfend, stampfende Maschinensounds, ehe der Midtempo-Rocksong Form annimmt. Auffällig auch hier die teilweise fast zerbrechliche Gesangsstimme von Michael Stipe, die immer relativ nahe am Sprechgesang vorbeischrabbt. Sehr relaxt. Ebenso E-Bow the Letter, ein – wie es der Titel schon suggeriert – auch mit dem E-Bow gespieltes Stück. Der hilft, E-Gitarren ohne Anschlag spielen zu können, was in etwa an das Bogenspiel auf einer Geige erinnert. Ein cooles extra ist auch die Background-Stimme, die hier von niemand geringerem als Patti Smith geliefert wird.

Leave ist dann noch so ein echtes Highlight auf dem Album. EIne der konsequentesten und beeindruckendsten Kombinationen aus Synthesizer und Rocksong, die die Musikgeschichte bisher vorgebracht hat. Dabei wunderbar simple in der Grundstruktur und rockig ohne Abstriche. Echt beeindruckend. Thematisch passend schließt sich dann das Stück Departure an. Auch hier wird gnadenlos gerockt und eine Mischung aus Spoken Words Performance (man fühlt sich an Stadionrockansagen erinnert) und Gesang unterlegt mit einem sehr griffigen Gitarrenriff und ergänzt durch einen Mitgröl-Refrain. klassische Entfruster-Nummer, nichts zu kritisieren.

Etwas Entspannung bringt dann Bitersweet Me. Atmosphärisch erinnert der Song zunächst ein wenig an Automatic for the People, mündet dann aber in einen fantastisch eingängigen Refrain. Be Mine wird dann noch einmal deutlich ruhiger und zeigt wieder die poetischen Fähigkeiten der Band. Die Musik wie auch der Text laden zum Verweilen, zum Nachdenken, zum Sich-Selbst-Verlieren ein. Toll!

Die nächsten Textzeilen widmen sich dann Binky the Doormat, also einem Fußabtreter. Merkwürdig, aber trotzdem ein ziemlich guter Song. Zither schließt direkt als Instrumentalstück an (Automatic For The People lässt grüßen) und wird wiederum von So Fast, So Numb gefolgt. Hier gehts wieder etwas rockiger zur Sache. Insgesamt ein ziemlich entspannter Song mit cooler Klavierbegleitung.

Den Abschluss bilden dann zunächst Low Desert, eine ruhige Rocknummer mit viel Slideguitar-Einsatz, und abschließend dann Electrolite, eine Stück, dass vor allem von der Klavierbegleitung und der bestechenden Gesangslinie lebt. Ein überraschend positiv gestimmter Abschluss für das insgesamt doch oft schwermütige Album.

New Adventures in Hi-Fi konkurriert bei mir immer wieder mir Automatic For The People um den Platz des besten R.E.M. Albums. Eine Entscheidung kann man hier kaum treffen, denn beide Alben stehen für sich und sind ohne jeden Zweifel große Kunstwerke. Selten gelingt es Bands so dorchgehend eine Stimmung zu schaffen und so das Album zu mehr zu machen als nur eine wahllose aneinanderreihung von Songs. Hier wird das Hörerlebnis zur Entdeckungsreise und genau so müssen gute Alben einfach aussehen/klingen. In jedem Fall ist New Adventures in Hi-Fi pflicht in einer gut sortierten Indie-Rock Bibliothek.

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Retrozension | The Doors – The Doors

Ich bin ja wahrlich niemand, der sich musikalisch die alten Zeiten herbeisehnt. Schaut man sich meine Musiksammlung im Detail an wird man schnell feststellen, dass ich kaum alte Alben besitzen. Ich respektiere die Musik der alten Größen und finde sie auch wirklich gut und oft wegweisend, aber trotzdem war ich immer ein Freund der Musik meiner Zeit.

Ausnahmen mache ich kaum; einige davon sind The Beatles, Pink Floyd und eben The Doors. Genau genommen stammen diese Alben fast alle aus der Zeit, in der ich musikalisch noch deutlich nach Orientierung suchte. So kommt es auch, dass ich etwa von Led Zeppelin nur die Greatest Hits besitze oder von Deep Purple nur die Fireball, weil diese mir am interessantesten erschien. Von den altehrwürdigen Doors besitze ich ebenfalls nur ein einziges Album, nämlich das Erstlingswerk aus dem Jahre 1967.

Nachdem ich diese Woche verdammt gute (Anti-)Kriegsdokumentationen auf 3Sat gesehen habe in denen in Anlehnung an den wohl grössten Kriegsfilmklassiker (Apocalypse Now) auch Titel der Doors zur Untermalung genutzt wurden, sah ich mich dazu motiviert, mal wieder in das Album reinzuhören, das in den letzten Jahren fast völlig ungehört im Regal stand. Ich kann und will gar nicht im Detail darauf eingehen, wie das Album im Jahre 1967 wohl auf die Menschen gewirkt haben muss, bemerkenswert ist aber wie aktuell bei all dem klanglichen Staub die Musik der Doors insgesmat auf mich wirkt; immerhin 42(!) Jahre nach Veröffentlichung fühle ich mich an die gerade erst kürzlich für mich entdeckten Akron/Family erinnert.

Beide haben diese wunderbare Atmosphäre auf ihren Alben, die nicht nach Überproduktion und Perfektion sondern nach ungefilterter Rockmusik klingt. Das mag bei The Doors unter Umständen eher aus der Not heraus geboren sein, da die Produktionstechnik einfach noch nicht so weit war, bei Akron/Family unterstelle ich jedoch einen bewussten Verzicht auf diese Perfektion, die in so vielen Fällen grundsätzlich guten Musikern oft im Weg steht und jedes Leben aus der Musik sterilisiert.

Was allerdings noch viel mehr beeindruckt ist die Experimentierfreude mit der The Doors schon vor über 40 Jahrzehnten versuchten die Rockmusik über den damals wohl noch viel engeren Horizont herauszustoßen (auch hier wieder eine schöne Parallele zu Akron/Family). Man höre nur einmal das Cover des Alabama Songs von Berthold Brecht (Musik Kurt Weill). Hier bestand einfach der Mut Dinge zu tun, die sich für Rockbands eher nicht gehörten. Aber auch der Klassiker The End, einer der atmosphärischsten  Rocksongs aller Zeiten zeigt Ansätze, die man durchaus mit dem Label visionär versehen darf.

Darüber hinaus enthält das Album weiter Songs, die ohne Übertreibung als Evergreens des Rocks und meinetwegen sogar des Alternative Rocks gelten dürfen. Jeder kennt Light my Fire, Take it as it Comes oder Break on Through und auch die meisten anderen Songs des Debutalbums dürften einem wohl bekannt vorkommen. Jetzt wirds peinlich: Die Qualitätsdichte der Songs zusammen mit der Selbstbetitelung des Albums ließ mich bei Kauf davon ausgehen, dass die CD eine Greatest Hits Sammlung sein müsse. Ein Irrtum den ich nie in Frage stellte, bis gestern.

Vielleicht veranlasst mich die sehr sehr späte Erkenntnis dazu, mich doch noch etwas tiefer in den Katalog der Ausnahmetalente der Kalifornier einzuhören. Fest steht in jedem Fall, dass das Debutalbum der Doors nicht nur fest mit der Thematik des Vietnamkriegs, sondern auch fest mit der Entstehung des Alternative Rocks verknüpft werden sollte. Der Terminus mag erst Jahrzehnte später aufgekommen sein, die Wurzeln reichen aber definitv bis zu den Doors, wenn nicht sogar weiter. Das Debut ist in jedem Fall einer der größten Klassiker der Rockgeschichte und gilt nebenbei auch als eines der besten Debutalben aller Zeiten. Wer könnte das bezweifeln?

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Retrozension | Soundgarden – Badmotorfinger

Man spricht ja immer gerne mal von der so genannten “guten alten Zeit”. Beim Hören von Soundgardens Badmotorfinger in den letzten Tagen muss ich sagen, dass es Momente gibt, in denen die Aussage “früher war alles besser” durchaus ihren Reiz hat. Nehmen wir zum Beispiel, vor allem weil es zum Thema passt, doch mal Chris Cornell. Ohne Zweifel der Mann mit der besten Stimme aller Bands, die jemals aus dem Untergrund in Seattle emporgekommen sind, hat Chris Cornell in den letzten Jahren mit viel Nachdruck daran gearbeitet, sich selbst zu demontieren.

Erinnern wir uns an das mittlerweile vorletzte Soloalbum Carry On, auf dem Chris katastrophal-nicht-nachvollziehbare Songs präsentierte und sich gleichzeitig in der Presse als in einer Hochphase befindlich beschrieb. Vom letzten Machwerk will ich gar nicht sprechen, das hat schon gar nicht mehr den Weg in mein CD-Regal gefunden. Wer Songschnipsel aus dem Internet kennt dürfte wissen warum.

In der guten alten Zeit war das alles noch besser. Da war Chris Cornell Frontmann einer Band namens Soundgarden und schuf wirklich verdammt gute Musik, die sich zwar im Grunge-Gewimmel nach oben ziehen lies, aber dennoch immer deutlich anders war als das, was die Kollegen von Nirvana, Pearl Jam, Alice in Chains und Co. so von sich gaben. Badmotorfinger sollte hier den ersten Erfolg der Band über die lokale Szene hinaus begründen. Das Album ist recht hart geraten und biete mehrere wirklich gelungene Stücke, die mit Fug und Recht zu den Highlights des Grunge gehören.

Ich denke da im Speziellen an den Opener Rusty Cage, an Jesus Christ Pose und natürlich auch an Searching with my good Eye closed. Aber auch Holy Water, Drawing Flies oder auch Outshined und New Damage spiegeln heute auf so wunderbar eindrucksvolle Weise genau den musikalischen Zeitgeist der Hochphase des Seattle Rocks wieder, dass man schon gar nicht anders kann, als die Platte einfach zu mögen. Dabei muss ich gestehen, dass ich die Scheibe erst nach Auflösung der Band in die Finger kam. Ein Leidensgenosse bei der Bundeswehr schenkte sie mir nachdem er mitbekam, dass ich Soundgarden mochte und er die Platte nach eigener Aussage eh nie hörte. So was Nettes. Danke nochmal. Aus heutiger Sicht ist besonders schön zu beobachten, wie sich die Band nach Louder Than Love mit Badmotorfinger doch klanglich schon eindeutig in Richtung des Nachfolgewerks Superunkown bewegte. So eine schöne lineare Entwicklung sieht man selten bei den meisten Bands.

Man merkt schon, einen Song-to-Song Durchlauf spare ich mir auch bei dieser Rezension. Dennoch darf ich die Platte wärmstens empfehlen. Wer sie hat sollte mal wieder reinhören, wer sie noch nicht kennt, sollte sie kennenlernen, denn “solche Qualität gibts heute gar nicht mehr”. Stimmt zwar glücklicherweise nicht, passt aber so schön in die literarische Rahmengestaltung meines Posts.

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Retrozension | The Smashing Pumpkins – Siamese Dreams

Wie so oft in meiner Musikhörerkarriere, habe ich auch bei den Smashing Pumpkins nicht mit Album Nummer eins angefangen, auf eine Band aufmerksam zu werden. Logische Konsequenz: man kennt dann zwar aktuelle Alben, die Vorgänger sind einem  aber erst einmal unbekannt. Was macht man also? Nun, ganz klar, ab in den CD-Laden und nachgekauft, was noch fehlt. So geschehen beim Album Siamese Dreams der Smashing Pumpkins.

Das Album ist das zweite Machwerk der Band aus Chicago und erscheint 1993. Produziert ist die Scheibe von keinem geringeren als Butch Vig, den man als Produzent hinter Nirvanas Nevermind kennen sollte. Auch für The Smashing Pumpkins sollte die Zusammenarbeit mit Butch einiges an Erfolg bedeuten: Das Album wurde der erste internationale Erfolg für die Band, obwohl der Durchbruch in den Mainstream erst mit dem großen Nachfolger kommen sollte.

Die Songs auf Siamese Dreams klingen zunächst ganz anders als alles, was auf Mellon Collie so zu finden ist. Einzige Ankerpunkte sind oberflächlich betrachtet die fuzzigen Gitarrensounds und die doch sehr eigenwillige Stimme von Billie Corgan, die sicher nicht jedem gefällt. Die Songs wirken unglaublich dicht, was auch an bis zu 50 (!) Gitarrenspuren in den Songs liegen dürfte.

Die Stimmung ist, wie könnte es auch anders sein, jugendlich bedrückt und eher schwermütig. Ganz genau so, wie es mir in meinen jungen Jahren unglaublich gut gefallen hat. Dazu gibt es ja auch das schöne Zitat aus den Simpsons. Frei übersetzt: “Teenager zu deprimieren ist wie fischen in einem Fass voller Fische”. Das bezog sich zwar schon auf die Zeit nach Mellon Collie, die Aussage passt dennoch schon sehr gut.

Wie also sind die Liedchen so im einzelnen? Wirklich gut. Ich möchte hier ganz bewusst keine Song zu Song Besprechung machen, denn das Album bietet sowohl stimmungs- als auch produktionstechnisch ein durchgängiges (und durchgängig hohes) Niveau. Ich mus zugeben, dass mir Mellon Collie immer besser gefiel, hätte ich aber Siamese Dream, wie so viele andere schon zum Release gehört, ich wäre sicherlich vollends begeistert gewesen.

Mein damaliger Top-Favorit war immer der Song Soma, der zunächst sehr zurückhaltend und auch sehr leise daher kommt. Dies steigert sich langsam in Richtung “Rock ohne Hemmungen” und hält dabei wunderbar den Spannungsbogen, bis zuletzt ein Solo kommt, in dem Alles erlaubt ist. Wirklich cool. Ganz anders aber auch sehr gut ist hingegen Spaceboy, das hier vielmehr auf die Eingängigkeit der Melodie setzt und mit etwas mehr Fröhlichkeit fast zur Pop-Hymne taugen würde. Auch gut ist das zuckersüße Sweet, Sweet, das geradezu kindlich vergnügt scheint.

Ich muss zugeben, dass ich in den letzten Jahren sehr wenig in die TSP-Alben meiner Kollektion hereingehört habe. Das liegt zu großen Teilen daran, dass die Kürbisse mitlerweile in eine Richtung zerbersten, die mir spätestens seit Machina nicht mehr nachvollziehbar ist. Als ich heute morgen aber wieder einmal in Siamese Dreams reingehört habe, war ich angenehm überrascht, wie gut das Album tatsächlich ist. Man muss es als Werk seiner Zeit verstehen, aber auch gegen viele Releases aus heutigen Tagen, kann der leicht psychedelische Ansatz locker mithalten. Dazu weist das Album auf langer Strecke ein unglaublich starkes Tempo auf und kann wirklich mitreißen. Für meinen Geschmack sind die Gitarrensounds etwas zu synthetisch und die Songs klingen gelegentlich etwas zu faserig. Hat man sich aber reingehört, schafft man es locker das zu übersehen und die Tendenzen auf dem Weg zu Mellon Collie zu entdecken.

Siamese Dreams ist damit ein mehr als solides Album und schon deshalb, weil es aus der guten Phase der band stammt, sollte man es einfach kennen. Kein Meisterwerk, aber trotzdem jeden Cent (Korrektur: Pfennig) wert.

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Retrozension | Live – The Distance to Here

1999 legten Live mit The Distance to Here ihr viertes Album vor und mussten damit an ihren eigenen Erfolg anknüpfen, der mit Throwing Copper und insbesondere Secret Samadhi zuvor zementiert wurde. Keine einfach Aufgabe, schließlich überzeugten Live auf den beiden Vorgänger-Alben durch Alternative-Rock, der genau auf den Punkt gebracht war, der griffige Melodien bot und noch dazu sehr gut den Zeitgeist traf.

Um schon einmal ein wenig dem Fazit vorzugreifen, The Distance to Here konnte für mich nicht an die Qualität der beiden Vorgänger anknüpfen, obwohl auch dieses Album wirkliche gute Songs bietet. Das Album klingt von den ersten Tönen an im Grunde unverwechselbar nach Live. Das liegt überwiegend an der sehr eigenwilligen Stimme von Ed Kowalczyk. Ansonsten entfernen sich Live, wie ich finde leider, von ihrem Erfolgsrezept und versuchen mehr und mehr ihre Songs auszufeilen.

In der Konsequenz gibt es dadurch Tracks, die weniger auf eine Stimmung setzen, als dass versucht wird, durch hier und da noch eine Koloration den Songs mehr Tiefe zu verpassen. Das funktioniert leidlich. Vielmehr hat man den Eindruck, dass die meist guten Grundriffs durch das übertriebene Songwriting überfrachtet werden. Das betrifft nicht nur die Instrumentierung sondern auch und gerade den Gesang von Mr. Kowalczyk.  Viel zu viele Extremmanöver, wenig Griffigkeit und irgendwie das Gefühl, dass die Band selbst beim Album nicht den Flow gefunden hat tragen dazu bei, dass das Album nicht nur gute Eindrücke hinterlässt.

Auch die gibt es aber. Die meisten Songs sind im Grunde gut, bedienten auch in vielen Dingen die Bedürfnisse damaliger Live-Fans und konnten auch mich damals zumindest einige Wochen immer wieder dazu bringen, das Album zu hören. Besonders gut gefielen mir damals die Songs Where Fishes Go, Vodoo Lady und das herzerweichende Dance with You. Auch Sun, The Dolphin’s Cry und They stood up for Love würde ich hier zu den besseren Stücken der Platte zählen. Langfristig gesehen muss ich allerdings festhalten, dass das Album dann zwischenzeitlich auch mehrere Monate, wenn nicht Jahre unbeachtet zwischen anderen CDs im Regal stand oder lag. Denn insgesamt fehlt hier der Flow, der das Album als Gesamtwerk greifbar macht. Hatte man bei Secret Samadhi noch das Gefühl, alles sei aus einem Guss, scheinen Live auf The Distance To Here selbst auf der Suche nach dem Grundthema zu sein. Sie probieren sich aus, versuchen aktiv “besser” zu werden und sich technisch auszufeilen, verlieren dabei aber das große Ganze aus dem Auge.

Im Resultat ist The Distance to Here damit ein leider nur gutes Album, dass nie vollends begeistert und hinter dem knappen, aber wirkungsvollen Rock der sehr erfolgreichen Vorgängeralben zurücksteht. Retrospektiv kann man sagen, dass sich damit für die Band ein Wandel andeutet, der über die nächsten Alben unstet, aber doch unausweichlich weiter voranschritt.

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