Chris Cornell macht einem das Leben als Rezensionist nicht unbedingt einfacher. Erst bringt er nach der Trennung von Soundgarden ein geniales Soloalbum heraus, dann findet er Zeit für Audioslave, nicht minder schlecht auf zumindest zwei von drei Alben, und dann macht er Solo zwei Alben, die alles daran setzen ihn als Songwriter absolut bedeutungslos werden zu lassen. Das letzte Werk Scream hat es nicht einmal mehr geschafft bei mir genug Interesse zu wecken, um es überhaupt zu kaufen.
Mittlerweile ist Chris zurück mit Soundgarden, hat aber auch mit seinen alten Kollegen noch nicht bewiesen, ob es wirklich Grund zur Freude gibt. Bisher wurde nur eine Art Best-Of kompiliert. Warum erzähle ich das alles? Nun, Herr Cornell hat mal wieder solo veröffentlicht. Zwar kein neues Material, bzw. fast kein neues Material, aber dafür live und akustisch. Zum Besten gegeben werden Songs aus allen obigen Projekten sowie von Temple of the Dog.
Man kann es als Versöhnung sehen, dass Chris sich wieder auf seine Stärken besinnt: Stimme, Stimme und Stimme. Total reduziert, nur mit Kehlkopf, Mikrofon und Gitarre bewaffnet stellt er sich den Publikum und schafft es tatsächlich, einen Hauch von Früher zu zaubern; als Alternative Rock noch Grunge hieß, als Chris noch wusste, was die Fans von ihm erwarten und er es regelmäßig schaffte, diese Erwartungen weit zu übertreffen. Songbook ist sicher das beste, was Chris seit Album Nummer zwei von Audioslave abzuliefern hat. Man verzeiht ihm dabei auch gerne, das Songbook nur eine Live-Compilation ist, denn Songbook weckt Hoffnung. Hoffnung, dass aus der Soundgarden-Reunion und dem Release im nächsten Jahr tatsächlich großes erwächst.
Songbook ist sicher kein Geniestreich, ist nicht perfekt und auch die Songauswahl könnte vermutlich optimiert werden. Dennoch ist Songbook ein gutes und wichtiges Album für Fans und ehemalige Bewunderer der Jimmy Page-Stimmen-Reinkarnation. Das Album schaffte eine intime Atmosphäre, hat Gänsehautmomente und ist so ehrlich, wie lange nichts aus der ehemaligen Grunge-Ecke. Chris Cornell kann es noch, will es noch und wir alle können hoffen, dass er mit Soundgarden wieder nach oben kommt.
Hier kommt etwas für Freunde des etwas schrägeren Indie-Folks. The Miserable Rich sind eine Combo aus dem Vereinigten Königreich, die streng genommen Chansoniers hätten werden sollen. Stattdessen fand man sich zusammen und machte auf den ersten beiden Album Indiefolkrock, der auf ein scheinbar unverzichtbares Instrument fast gänzlich verzichtete: Das Schlagzeug. Was zunächst etwas befremdlich wirkt funktionierte wunderbar und machte es der Band sehr einfach ein Alleinstellungsmerkmal aufzuweisen. Auf diesen Verzicht verzichtet die Band nun aber doch auf ihrem am Freitag erscheinenden dritten Album; und damit auch auf ihr Alleinstellungsmerkmal?
Die Antwort ist ein eindeutiges Jein. Das Schlagzeug darf nun das ganze Album durchgängig begleiten, bleibt aber über den gesamten Longplayer, eher stimmungs- denn rythmusstiftend, dezent im Hintergrund. Die Arrangements aus Gitarre, Kontrabass, Tasten, Flöten und Streichern, die der Band bisher den sehr eigenwilligen Stil verpasst hatten, sind nach wie vor stilprägend.
Schon Laid up in Lavendar zeigt die gesamte Eigenwilligkeit der Combo aus Brighton und bedient auf sehr beeindruckende Wiese das verspukte Image des Albums. Piano, Bass und Schlagzeug tragen den Song über weite Strecken, die Streicher dürfen hier vor allem für die Geisterstimmung sorgen. Dazu kommt ein Refrain, der überraschenderweise geradezu zum Mitsingen einlädt. Imperial Lines lässt die dezente Rythmusarbeit des Schlagzeugs von den Streichern akzentuieren. Ansonsten puzzeln sich die Streicher, die Gitarre und in geringerem Maße auch der Bass aus eigenen Melodieversätzen und Arpeggi die Gesangsbegleitung zusammen, in der es so viele clevere Einfälle zu entdecken gibt, dass man sich kaum daran satthören mag.
Tramps hingegen ist fast schon minimalistisch aufgebaut. Getragen von rythmischen einem Gitarrenpicking, ergänzt um ebenfalls eher rythmisch geschrieben Streicherpassagen. Der ganze Song ist auf wundervolle Weise eigentlich eine Tanznummer. Die mehrstimmigen Gesangspassagen hier erinnern mich ein Stück weit an Travis auf 12 Memories. Honesty setzt dagegen mit sehr langsamem Tempo und einer eher atmosphärischen Ausmalung einen Kontrapunkt. Beeindruckend ist hier die gesangliche Melodieführung, die im Zweifelsfall eher ungewöhnliche Wendungen nimmt und den Song komplett zu tragen vermag.
Ringing the Changes ist mein Lieblingsstück auf Miss you in the Days. Die Melodie ist so wunderbar melancholisch und wirkt so wunderbar organisch, dass einem hier einfach das Herz aufgehen muss. Die Cellobegleitung untermalt perfekt die eher getragene und traurige Stimmung des Walzers. Große Kunst! The China Shop of Dreams erinnert mich sehr stark an ältere Songs von Vincent Delerm. Der Song gibt dem Album übrigens auch den Titel.
So wandert das Album im weiteren Verlauf weiter zwischen verschiedenen Rythmen, Stimmungen. Es fordert auf weiten Strecken Aufmerksamkeit und belohnt den gewillten Hörern mit vielen schönen Entdeckungen in den vielschichtigen Arrangements und liebevoll und überraschend geführten Melodien. Miss you in the Days ist ein wundervolles, musikalisches Kleinod: Skurill, fragil, mutig und verträumt reihen sich die elf Songs aneinander und erinnern dabei an längst vergangene Zeiten. Die Songs bewegen sich irgendwo zwischen Kammermusik und Indiefolk, wirken dank der außergewöhnlichen Instrumentierung eher klassisch denn modern. Die eigenwillige Stimme von James de Malplaquet rundet die Stücke geradezu perfekt ab und verstärkt die instrumental aufgebaute Stimmung in Vollendung.
Miss you in the Days, und The Miserable Rich insgesamt, sind jedem zu empfehlen, der sich an musikalischer Skurrilität erfreut, der gute und fein ziselierte Arrangements zu schätzen weiß und der gerne auch mal über den Tellerrand des musikalisch Bekannten hinausschaut.
Eine Email in meinem Postfach machte mich vor einigen Wochen auf das zweite Release von der Wiener Band My Glorious aufmerksam. Mein Interesse war sofort geweckt, hatte ich doch schon in der Rezension von Home is where your Heart breaks das Gefühl, dass My Glorious viel Potenzial zu großer Musik haben. Eine kurze Anfrage und das Album war auf dem Weg zu mir. Mittlerweile hatte ich ausreichend Gelegenheit, den zweiten Longplayer ausführlich zu genießen.
Man soll es zwar nicht tun, aber ich möchte gleich mal ein wenig Fazit vorwegnehmen: Das Album ist richtig gut geworden. Deutlich besser als das Debut und vor allem endlich auch angemessen produziert. Schon die ersten Töne vom ersten Track Minefield schaffen es, die Aufmerksamkeit voll auf die Musik zu lenken. Der Song fängt mit einer fantastisch schönen Disharmonie der Gitarre an, lässt sogleich geradezu ungeduldig das Schlagzeug Spannung erzeugen und zeigt sich dann druckvoll, aber mit viel Bedacht und vor allem Liebe zum klanglichen Detail arrangiert und produziert. Das Tanzbein juckt sofort, der Refrain ist eingängig genug, dass man schon beim zweiten Einsetzen das Gefühl hat Mitsingen zu müssen. Ein fantastischer Start in das zweite Album. I love what I feel kommt darauf etwas poppiger daher, rhytmisch untermalt durch dezente Synthiesounds, gezielt pointierten Gitarrenriffs und einem treibenden Rythmus steht der Song dem Opener in Nichts nach.
Wer sich bis hier noch nicht ganz mit dem Album anfreunden konnte, der kann bei Flower sicher nicht mehr widerstehen. Ein Midtempo-Gitarrenpicking wird durch eine wundervoll melancholische Melodie unterlegt; die Drums dezent zurückgenommen und doch voll präsent, ist der Song absolut perfekt produziert und extrem stimmungsvoll. Es fällt auf, dass die Band es mittlerweile viel besser versteht, auch die gesanglichen Aspekte besser einzusetzen. Das kann auch bei It’s only Love festgestellt werden. Der Song ist wieder rockiger und kann mit griffigem Refrain und starker Strophe auf Anhieb überzeugen.
So geht es auch weiter: A heart on Fire lässt zunächst den Bass die Führung übernehmen und schiebt ordentlich nach vor. Refrain: tausend Punkte; stadiontauglich wie die Wutz! I held a Gun nimmt das Tempo dann komplett raus. Stützt sich erst voll auf den Gesang, lässt dann ganz organisch die Instrumente nach und nach die Führung übernehmen und steigert den Song zu bis zur Ekstase und wieder zurück. Ganz ehrlich, wer da nicht drin aufgehen kann, dem ist nicht mehr zu helfen. Pop my Vein steigert wieder das Tempo und den Schalldruck. Der Bass regiert und treibt, der Gesang ist angemessen düster und treibt dann in einen Refrain, der mir fast einen Tick zu brav und glatt ist. Der Song behauptet sich zwar dank der starken Strophe und einer sehr guten Bridge, gehört aber nicht ganz zu meinen Favoriten.
Druckvoll und getrieben geht es bei God made Man then Man made God weiter. Die Melodie hat es mir irgendwie angetan und es wird auch wieder hemmungslos drauf los gerockt. Wie gut es mir gefällt, wenn man seinem Verzerrer genügend Auslauf gibt kann ich gar nicht oft genug sagen. My Glorious machen in dieser Hinsicht Alles richtig; Kopfschütteln (die gute Variante) ist hier obligatorisch. Mit When I call your Name wird es geradezu balladesk. Das Gitarrenpicking weckt Erinnerung an alte Guns’n'Roses-Zeiten. Die brachialen Drums dazu runden das Bild ab. Auch am Hall wird hier nicht gespart und dank gutem Songwriting funktioniert die Nummer prächtig. Chorale (The Empty Space) entfernt sich dennoch wieder vom Produktionsrock der 90er und setzt den ebenso ruhigen Indierock-kontrapunkt. Durchgehende Zweistimmigkeit und Songstruktur erinnern an den österreichischen Kollegen Fuzzman. Der Song lässt bei mir wieder keine Wünsche offen. Wird ekstatisch gesteigert und ist konsequent geschrieben und umgesetzt. Perfekt.
A Crook. A Creep. A Thief. arbeitet wieder mit mehr Druck, Hall und schafft es trotzdem, dass man sein Feuerzeug, bzw. mittlerweile sein Smartphone, in die dunkle Nacht halten möchte. The World is Telling Me deutet dann das Ende des Albums schon an. Man fühlt, dass die Reise gleich zu Ende gehen wird und so passt die Melancholie und Verletzlichkeit, die der Song ausstrahlt einfach 100 %-ig. Besonders schön ist, das die Gesangsstimme fein dosiert manche Töne knapp verfehlt und so dem Song enorm an Authentizität verleiht. Der Refrain wird dann quasi von der Gitarre gesungen und so blöd das auch klingen mag, ist das genau das Richtige an dieser Stelle, gibt Zeit und Raum zum Genießen, Schwelgen und Entspannen. Outro bringt dann rein Piano-instrumental die Platte zu Ende. Ein Abspann läuft vor dem gesitigen Auge, lässt die Stimmungen der Platte nochmal Revue passieren. Es wächst die Ungeduld, die Platte wieder von vorn zu Hören. Die fast zweiminütige Pause und der Hidden Track (Schlafliedchen) führen zu Abzügen in der B-Note. Sei’s drum.
Das Fazit wurde zwar schon vorweggenommen, muss hier aber nochmal begründet und ausgeführt werden: Inside my Head is a scary Place ist ein grandioses Alternative-Rock Album. My Glorious machen alles richtig und bekommen endlich auch die Produktion, die sie verdienen. Die Band ist musikalisch um zwei bis drei Größen gewachsen, ist sich dabei stilistisch treu geblieben und konnte sogar in Punkto Songwriting noch zulegen. Das Album gönnt sich keine Fehler oder Lieblosigkeiten, steckt voller Leidenschaft und Herzblut, bleibt vom ersten bis zum letzten Takt hochspannend und hat dazu das Potenzial Alternative Rock ins Radio zu tragen. Kurzum: Ich liebe die Scheibe. Empfehlung: Kaufen!
Man kann sagen was man will, aber wenn die Chili Peppers ein neues Album aufsetzen, dann ist das nach wie vor ein Pflichtkauf. Aus Prinzip, aus Ehrerbietung und auch weil es sich beim neuesten Werk I’m with You um das nunmehr zehnte Studioalbum der Kalifornier handelt.
Das letzte Album erschien mit Stadium Arcadium bereits vor über fünf Jahren. Seit dem hat sich bei den Chili Peppers einiges wieder zum Alten geändert. Soll heißen: John Frusciante ist mal wieder ausgestiegen. Ersetzt wird er aber nicht durch Dave Navarro sondern durch Josh Klinghoffer, der die Band auch schon vorher auf Tour unterstützte.
Das Album eröffnet dann auch deutlich vom neuen Gitarristen geprägt mit Monarchy of Roses, dem wahrscheinlich rockigsten Stück des Albums. Eine grandiose Eröffnung, die anzeigt dass sich bei den Chilis etwas verändert hat, andererseits aber auch klarstellt, dass der Stil der Band im Wesentlichen bleibt. Nach dem mit Dave Navarro aufgenommenen und weitgehend zu unrecht als Fiasko gewerteten Album One Hot Minute ist das sicher ein wichtiges Signal für Fans der Band. Es geht diesmal auch ohne Frusciante, und zwar ohne dass sich allzuviel ändern muss.
Factory of Faith folgt als nächstes und bringt vor allem viel Funk und reizt damit zum mithopsen. Hier wird insbesondere der Bezug zum Songwriting von Stadium Arcadium wieder hergestellt. Viele Harmonien und Melodieführungen erinnern immer wieder stark an das Vorgängerwerk. Brendan’s Death Song setzt ruhigere Akzente dagegen, baut stärker auf Melodie und erlaubt sich erst gegen Ende einen zarten Anflug von ekstatischerem Rock. Bleibt ansonsten sehr sauber arrangiert und kann dank sehr sauberen Harmonien in der Zweistimmigkeit davon überzeugen, dass Klinghoffer Frusciante auch als Backgroundsänger durchaus ersetzen kann.
Ethiopia funkt dann wieder ganz kräftig und zeigt Flea in Hochform. Eines der absoluten Highlights auf dem Longplayer, trotz komischem “E-I-E-I-O-I-A”-Gesang von Anthony Kiedis. Solange es rockt und so hervorragend funktioniert wie hier, kann ich darüber hinwegsehen. Annie wants a Baby ist dann wieder etwas zurückgenommen, zeigt aber ganz besonders das ausgefeilte Songwriting wie es schon auf Stadium Arcadium zu hören war. Überhaupt scheint die Band viel aus der Inspiration des Vorgängeralbums erhalten zu haben. Trotz der ausgedehnten Pause.
Das Album hangelt sich in genau diesem Spannungsfeld zwischen ruhigem Songwriting und sehr funkigen Songs hin und her. Immer sehr nah an Stadium Arcadium, sehr melodieverliebt, etwas funkiger insgesamt und ziemlich erfrischend. Die Single The Adventures of Rain Dance Maggie ist da gar keine schlechte Wahl, das Album zu repräsentieren. Weitere wirklich starke Songs sind beispielsweise Did I let You know, Even You, Brutus? oder das etwas ruhigere Police Station. Aber auch ansonsten erlauben sich die Red Hot Chili Peppers keinen Schnitzer in den vierzehn Songs, die es auf das Album geschafft haben, das immerhin auf eine Spielzeit von nur knapp unter einer Stunde kommt.
Das Verdikt kann nur entsprechend positiv ausfallen. Die Chili Peppers sind sich auch ohne den als so essentiell angesehenen John Frusciante treu geblieben und machen die Musik, für die sie auch auf den letzten Alben geliebt wurden. Man mag bemängeln, dass es keine wirklich neuen Ideen auf I’m with You gibt. Das stimmt soweit auch, solange aber die alten Ideen noch solch starke Funkrocknummern hervorbringen, kann man sich da nicht ernsthaft beklagen. I’m with You ist das beste, dass im Genre des Funkrocks in den letzten Jahren erschienen ist. Ganz sicher.
Mir ist kürzlich aufgefallen, dass ich noch einiges als Konsequenz meiner Blogfaulheit zu Beginn des Jahres aufzuarbeiten habe. Unter anderem der Release des letzten Albums von R.E.M., dem mittlerweile 15ten Langspieler der Band, die Indie einst zum Mainstream erhoben hatte.
R.E.M. hatten ja nach New Adventures in HiFi einige Alben herausgebracht, die eher verhaltene Reaktionen auslösten. Zuletzt kam mit Accelerate endlich mal wieder ein wirklich spannendes Album heraus, blieb jedoch auch auf den sich-sonst-so-dankbar-auf-alles-mit-großem-Namen-stürzenden Radiostationen eher eine Randerscheinung in der Playlist. Collapse into Now setzt nun da an und versucht es besser zu machen, macht es sogar noch besser und wird trotzdem weitgehend ignoriert.
Zugegeben, R.E.M. haben nach Automatic for the People und den New Adventures nachgelassen. War Up noch grundsätzlich ein gutes Album, konnte es dennoch nicht einmal annähernd daran anknüpfen, was zuvor geholfen hatte R.E.M. zum Leuchtfeuer der Indieszene zu machen. Der Indietatus ging natürlich flöten mit dem Erfolg, dennoch sollte man nicht vergessen, dass der große Erfolg der Band aus Atlanta nicht über Nacht kam, sondern hart erarbeitet war.
Collapse Into Now eröffnet groß, überraschend vergangenheitsbewusst für R.E.M. und in einer angenehm positiven Stimmung. Zugegeben, der Refrain eignet sich zwar nicht zum Mitsingen, aber die Strophe lässt Erinnerungen insbesondere an New Adventures in HiFi aufleben. All the Best folgt auf dem Fuße und legt noch mal eine Schippe drauf. Wieder finden wir den so Michael Stipe-typischen melodieunterlegten Sprechgesang, Gitarrenwände, die unverkennbar R.E.M.-Graffiti tragen und einen Refrain, der sich diesmal auch zum Mitsingen eignet.
Überlin ist eine der beiden Singleauskopplung des Albums und damit auch einer der Songs, die bislang schon im Radio zu hören waren. Obwohl der Song großartig ist, war das marketingtechnisch wohl eher ein ungeschickter Schachzug. Eine etwas rockigere Nummer hätte sicherlich mehr Aufmerksamkeit gewinnen können. Denn Überlin ist eher eine ruhigere Nummer in der Tradition von The Sidewinder sleeps Tonight, entfaltet aber nicht ganz das selbe Charisma. Im Radio ging diese Nummer leider irgendwie unter.
Mit Oh my Heart folgt auf dem Longplayer unmittelbar die nächste Singleauskopplung, die zweifelsohne die bessere Wahl für eine Single ist. Der Song zeigt wunderbar alle Songwritingqualitäten der Band und kann dank eines fantastischen Refrains auch beim Nebenherhören bis ins Bewusstsein durchdringen.
It happened Today folgt als ruhige Midtemponummer und auch hier geben sich R.E.M. keine blöße. Alles passt, der Song begeistert weil er sich auf die Stärken der Band stützt, weil Melodie und Instrumentierung völlig ungezwungen daher kommen und prächtig harmonieren. Ebenso Everyday is Yours to Win, eine sehr zurückgenommene Nummer, die aber gerade mit der Stimme von Michael Stipe und der mittenlastigen Produktion derselben hervorragend funktioniert. Klasse.
So geht es weiter auf Collapse Into Now und anders als auf Accelerate schaffen es R.E.M. nicht nur, großartige Rocker zu schreiben sondern finden auch wieder den Zugang zu ruhigeren Nummern, die in bester Bandtradition an alte Zeiten anknüpfen, als hätte es die unsäglich langweiligen Alben Reveal und Around the Sun nie gegeben.
Somit ist Collapse Into Now eines der wirklich guten Alben der Band. Eines, dass einen nichts vermissen lässt, das trotzdem einen eigenen, reifen Stil präsentiert und das die volle Bandbreite dessen wiedergibt, zu dem R.E.M. fähig sind. R.E.M. are back!
Wenn gut gediente irische Musiker aufbrechen, um in der großen weiten Welt nach Erfolg und Ruhm Ausschau zu halten, dann gehen sie natürlich in Richtung Amerika. So weit, so wenig überraschend. Das Shaun Mulrooney, seineszeichens ehemailger Kopf hinter besagter irischen Combo Humanzi, dann aber letztlich im deutschen Berlin Fuß fasst, das ist wohl eher eine etwas ungewöhnlichere Ausprägung in der Welt der Rockmusik. Mich freuts. Mulrooney hat sich in Berlin mit Earl Harvin zusammengetan und ein Soloalbum von sich selbst produziert.
Die Songs sind von Mulrooney, alle Instrumente (außer den Drums) wurden von Mulrooney eingespielt, die Produktion und das Schlagzeug fielen unter die Regie von Harvin. Zusammen ist unter dem Namen Admiral Black dabei ein Album herausgekommen, dass gleich vom ersten Moment an richtig Freude macht.
Such a Nice Man eröffnet stark und druckvoll mit hohem Tempo und viel Gitarrengeschrammel. So liebe ich es. Got love if you want it nimmt etwas Tempo raus, rockt aber nicht weniger. Die Musik ist grundehrlich und ohne viel Geschnörkel überzeugt aber mit wirklich gutem Songwriting und einer goldrichtigen Produktion.
The Worm of the Third Sting weckt dank Akkordeon zunächst Erinnerungen an Nirvanas Unplugged Auftritt, ist dann aber eher eine Nummer die von Neuseelands Goodshirt hätte stammen können. How could I turn you down bedient sich wieder eines anderen Schreibstils, klingt eher amerikanisch mit viel Reverb und Klavierparts, mit schreienden Soloeinwürfen von sehr metallisch klingenden Gitarren. Toll.
Closure könnte hingegen direkt von den White Rabbits stammen. Auch hier wieder Einsatz von Piano, diesmal als rhytmisched Leitinstrument. Der Bass schafft die Melodiegrundlinie, die Gitarre schafft Atmosphäre. Ein absolutes Highlight auf der Platte. Shock Corridors stampft mit einprägendem Rhytmus und Orgelklängen irgendwo zwischen Deep Purple und The Doors voran. Die Gesangsleitsung von Shaun Mulrooney passt sich dem hervorragend an und lässt einmal mehr erahnen, wieviel Talent der Ire so mit sich rumträgt. Eine starke Nummer.
The Fisherman and his Soul nimmt Tempo raus, stützt sich auf Akustikgitarrenuntermalung und könnte anders produziert fast von Garbage stammen. Something Dark ist dann eine echte Zäsur. Quirky, wäre das passenste englische Wort, das mit dazu einfällt. Ein bißchen disharmonisch und experimentierfreudig. Besonders schön wird der Song, wenn er zum Refrain hin plötzlich in 80er Jahre Keyboardsynths aufgeht, nur um kurz darauf eine Bridge zu präsentieren, die von Josh Homme persönlich aufgenommen worden sein könnte. Eine wirklich geniale Kombination aus Soundeinflüssen, die zwar keine Chance hat im deutschen Radio gespielt zu werden, die für mich aber zu den Highlights des Albums zählt.
Crystallized ist hingegen eine fast schon zu poppige Indie-Rocknummer, die irgendwie an die frühen R.E.M. erinnert. Das Album schließt dann mit dem Madman’s Blues, der ruhigsten Nummer des Albums, getragen hauptsächlich von einer hypnotisierenden Basslinie und viel Raum zwischen den Tönen. Der Song schafft es, das sehr spannende und vielseitige Album perfekt abzurunden.
Phantasmagoric ist eine Tour de Force die umso erstaunlicher ist, wenn man bedenkt dass hier das Songwriting eines einzelnen und die Produktion und Aufnahme von nur zwei Musikern bewerkstelligt wurden. Man hört es dem Album schlichtweg an keiner einzigen Stelle an dass hier eben keine ganze Band dahintersteht. Erstklassiges Songwriting und ein hohes Ausmaß an Kreativität machen Phantasmagoric zu einem der spannensten Alben, die ich dieses Jahr zu hören bekommen habe. Für Indieliebhaber eine absolute Empfehlung.