Recently Released | Trip Fontaine – Lambada

Es gibt diese Momente in der Musik. Man hört Musik einer Band und fühlt sich unmittelbar heimisch, verstanden, zufrieden, ja vielleicht sogar ein Stück weit erlöst. Für mich passiert das bei Bands, die erkennbar einen eigenen Stil prägen, die sich von Vermarktungsgedanken zumindest scheinbar nicht beim Songwriting beeinflussen lassen, die sich vielleicht auch trauen die ein oder andere Konvention links liegen zu lassen und einfach das musikalisch raushauen, was in ihnen schlummert.

Trip Fontaine schaffen genau das. Macht der Albumtitel Lambada vielleicht auch erst einen anderen Eindruck; schließlich sind wir alle noch geschädigt vom Jahr 1989, als ein gleichnamiger Song 10 Wochen lang die deutschen Charts anführte. Das Plattencover zu Trip Fontaines neuestem Werk dürfte da auch nicht ganz zufällig einen Strand zeigen, wenn’s auch nicht sehr brasilianisch aussieht…
Widmen wir uns aber mal dem eigentlichen Inhalt des Albums; der Musik.

Den Anfang macht ein Ruf nach Kunst. I’ll gain eternal Life hat Tempo, fängt aber zunächst noch eher ruhig an. Bedächtige Melodie, ein weing Gitarrengeklimper, ein paar Synths, Bass und Drums. Der Refrain lässt dann aber den Song erst richtig zur Blüte kommen. Und damit wird eine der tragenden Säulen des Albums schon freigelegt: Rock mit aufgedrehten Verstärkern, ordentlich Overdrive und Kraft. No Guts geht mit noch mehr Tempo rein, erinnert entfernt ein bißchen an diverse Bush-Nummern, bleibt aber der Trip Fontaine Linie des Albums absolut treu. Schön auch hier der dynamische Umfang des Stücks; ruhige Passagen finden ihren Platz neben High-Voltage Rock. Das gefällt.

Besonders schön: The lastest Type of Flu. Fast schon jazzig steigt der Song ein. Ein bißchen Becken, dazu Klänge wie aus einem Rhodes Piano und einen Groove, der sich durch den ganzen Song zieht. Dazu wieder die sehr relaxte Gesangsstimme und dann ein Refrain, der kein Morgen zu kennen scheint. Ein echtes Highlight. Bobo Blues macht dan Erinnerungen an Portugal. The Man’s Chicago wach. Distortion auf 100% und es wird losgebrezelt, was das Zeug hergibt. Dabei kommen aber Melodie und Ideenreichtum keinesfalls zu kurz. Ganz im Gegenteil eröffnet sich nach dem ersten Sturm ein ganz neuer Song; es geht wieder relaxt, groovy und behutsam zu. Besungen werden die harten Zeiten, der Rotwein, die Sterne und man trifft sich dann doch wieder bei Distortion auf Voll und Los! Genial gut.

Erste Entspannung gibt der Song Wit Taker her, der tatsächlich das Tempo reduziert, etwas Besinnung einkehren lässt und – moment mal, was ist das für ein Krach? Auch hier lassen Trip Fontaine den Song sich verändern und haben den Mut die eigentliche Songidee weiter zu denken. Die Songs bekommen die Chance sich frei zu spielen und größer zu werden, als das zunächst den Anschein hat. Fast wie in Trance wird so der Song zu einem Hort der Improvisation und Experimentierfreude. Ein bißchen verrückt, aber wahrhaft. New Sweater ist dagegen ein geradezu klassischer Indie-Popsong. Kurz, knackig eingängig. Zum Mithopsen und -grölen und -singen.

Weiter gehts mit Muskelschwede, wo mal wieder die Belastungsgrenze des Equipments ausgereizt wird. Vollstoff auf allen Fronten und die ganzen 3:40. Das könnte dann wohl schon Post-Rock sein. Jetzt darf dann aber auch Mario Basler mal mitspielen. Eine obertonverzierte “Ballade” (schlechter Wortwitz!!!) geziert durch eine wunderbar klare Bridge und einen wundersamen Zwischenteil. Fantastisch gut.

Take it easy, Karsten geht dann wieder etwas klassischere Wege und erinnert mich ganz stark an eine andere Band, mir ist aber bislang noch nicht eingefallen, an welche. Da ist nur dieses Gefühl … Wie dem auch sei; gute Indiepop-Nummer, schön untermalt mit Trompete an genau der richtigen Stelle. Sehr gut. Sehr gut auch Doom 1, das wieder einen Ticken schräger ist, bekannte Songstrukturen eher abzulehnen scheint und sich dennoch wunderbar zusammenfügt.

Den Schlusspunkt darf dann Sparkles setzen. Hier wird nochmal geradzu klassisch gerockt. Dabei ist Sparkles nochmal eine ungehemmte Rocknummer die ein würdiges Ausrufezeichen hinter das gesamte Album setzt.

Lambada ist zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd gewöhnlich. Trip Fontaine haben ein Album zusammengestellt, das seinesgleichen suchen muss. Hier wird auf höchstem Niveau gerockt, dabei kennt die Band keine Angst vor ihrer eigenen Courage und keinen Respekt vor “Betreten-Verboten”-Schildern. Hier wird abseits der Wege gerockt. Dazu kommt eine makellose Produktion, die überhaupt keine Wünsche offen lässt. Trip Fontaines drittes Album ist nicht bloß gute Musik, das Album hat das Zeug, dass beste Album des Jahres zu sein. Hier scheint eine Band über sich selbst hinaus gewachsen zu sein, die ich vorher noch gar nicht kannte, die aber nach Lambada unbedingt gekannt werden sollte.

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(Soon to be) Recently Released | The Great Bertholinis – Gradual Unfolding of a Conscious Mind – Part 3

Zugegeben, meine klassische Kategorie Recently Released musste ein wenig verbogen werden für diesen Post, aber ich bin gerne bereit hier einmal Fünfe gerade sein zu lassen. Es geht nämlich um große Kunst; wirklich große Kunst.

Der Popkiller wars mal wieder; völlig unscheinbar segelt mir da vor einigen Tagen ein Reviewexemplar einer CD mit dem wunderschön-sperrigen Titel Gradual Unfolding of a Conscious Mind – Part 3 ins Haus. Der Bandname The Great Bertholinis sagte mir Nichts und ehrlich gesagt verhieß der auch scheinbar nichts Gutes. Scheinbar, wohlgemerkt.

Gradual Unfolding (Ich kürze es mal ein wenig ein) beginnt auch eher gewöhnlich. Wundervoll, aber doch gewöhnlich scheint das Intro Bright Days (Intro) zunächst ein relativ gewöhnliches Album anzukündigen. Hier klingts nach Donovan und ein bißchen erinnert es an die Eröffnung von Variety Lab, allerdings gemischt mit Akron/Family, was in etwa so gut passt wie Osterhasen unterm Weihnachtsbaum. Aber es funktioniert prächtig. Mit Run to Hide kommt es aber dann doch noch ganz anders. Hier wird klar, dass es hier eben nicht um klassischen Indie-Pop/-Rock geht. Erinnerungen an The Doors und deren Alabama Song lassen sich für das geschulte Ohr nicht vermeiden. Damit beginnt die etwas verrückte Reise, auf die uns The Great Bertholinis mitnehmen. Musikalisch werden hier Einflüsse in den Klang und die Arrangements eingebracht, die auf den ersten Blick eher unvereinbar scheinen: Donovan, The Doors, The Beatles, Cake, Fat Freddy’s Drop und so viele mehr, dass ich sicher bin die Hälfte gar nicht zu kennen. Vordringlich auch der leichte Südosteuropäische Klangeinschlag, der dem Promomaterial nach in Ungarn beheimatet sein soll.

I am Can beispielsweise erinnert mich aber erstmal ziemlich stark an die Niederländer von Voicst, was an der leichten poppigen Art liegen dürfte, in der dieser Song sich breit macht. Die Bläserarrangements tun natürlich ihr Übriges dazu. Wirklich gute Laune in Musikform. Weiter gehts mit The Things I Gave, einer Nummer, die sich wieder mehr dem Südosten unseres Kontinent zuwendet. Eingeleitet wird zunächst krachig-rockig, dann kommt etwas Geflöte und dreht die Erwartungen auf den Kopf. Ich liebe so etwas. Der Song wackelt dann auch hin und her zwischen ungarischem Volksfest und Ska-inspiriertem Indie-Pop. Einfach Cool.

Puzzle with a Million Thoughts scheint dagegen John Lennon und die späten Beatles wieder aufleben zu lassen. Eine fantastische, eher ruhig angelegte Nummer, die auch wieder durch ein sehr sorgsames Arrangement und eine auf den Punkt gebrachte Produktion zu glänzen weiß. So gut, dass man sogar den Lala-Teil am Schluss ohne Abzug verzeihen kann. Why do you Trust fängt zunächst etwas desorinetiert an, fängt den Hörer dann aber doch schnell ein und zeigt in Richtung sanftem aber großartig aufgebautem Refrain. Das ist auch das schöne an The Great Bertholinis: Sie wissen auch mit leisen Tönen umzugehen und den maximalen Effekt durch eine geniale Komposition zu erzielen.

Lucky Pinto kommt wieder deutlich poppiger daher, mehr Tempo, mehr Ska-Einfluss, etwas weniger schräge Ideen aber dennoch ein fantastischer und sehr positiver Song. String Puppets and Bees wird dagegen wieder orchestraler/philharmonischer. Geradzu lautmalerisch der Einsatz der Bläser, ganz zaghaft untermalt durch Bass und rhythmisiert durch Gitarre. Sehr schön auch die chorale Unterstützung im Refrain. Ich weiß nicht genau woran es liegt, aber man fühlt sich fast schon in die 1920er Jahre zurückversetzt. Wahrscheinlich sind es die wunderbar blechernen Trompeten und der auf Grammophon getrimmte Gesang. Toll.

Resetera rockt dagegen schon fast beängstigend mit breitem Bassriff los. Kommt dann etwas braver daher, als man erwartet und vielleicht auch als man sich wünscht; es bleibt aber eine Nummer, die voll das Niveau der anderen Songs hält. Feine Arrangements, gute Instrumentierung, gutes Songwriting. Zucker Serenade ist die vielleicht beste Komposition auf dem ganzen Album. The Great Bertholinis haben hier keine Scheu davor wirklich groß zu klingen, halten sich in (gut dosiertem) Pathos genauso wenig zurück wie in der großen musikalischen Geste. Ein echter Gassenhauer, wenn man so will.

Den Abschluss bilden die ruhigen Stücke Lost the Key und Bright Days. Während Lost the Key sehr gefühlvoll mit Dynamik spielt, ist Bright Days die vollendete Fassung des schon als Intro verwendeten Themas. Auch hier wieder der starke Bezug zu Donovan und Variety Lab und das gute Gefühl, ein wirklich gutes Album gehört zu haben.

The Great Bertholinis sind musikalisch mutig unterwegs. Die acht Musiker haben offenbar eine eigene Nische gefunden und haben sich darin breit gemacht. Die Musik ist so vielseitig, das echte vergleiche wirklich schwer fallen. Akron/Family fällt mir mehr als einmal ein, weil beide Bands ähnlich breite Einflüsse in ihrer Musik verarbeiten, wenn auch Akron/Family deutlich mehr King Crimson gehört haben dürften. Das schöne ist aber, das The Great Bertholinis vor allem klanglich für sich stehen. Das kommt auch in der nahezu perfekten Produktion voll zur Geltung und kann gar nicht genug gelobt werden. Gradual Unfolding of a Consious Mind – Part 3 ist damit ein musikalisches Kleinod und ein echter Schatz. Absolut Topp!

Das Album erscheint am  22. Oktober. Da The Great Bertholinis aber bereits auf Tour sind, wollte ich hier nicht so lange warten, die Platte zu besprechen. Ich schätze live ist die Band ein echtes Erlebnis, daher auch die Empfehlung die Gelegenheit zu nutzen. Termine gibts bei Hazelwood Tourism.

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Recently Released | Herrenmagazin – Das wird alles einmal Dir gehören

Mein Verhältnis zu deutschsprachigem Rock als zerrüttet zu bezeichnen, wäre ganz eindeutig eine Untertreibung. Umso mehr konnten mich in meinem Nebenblogjob beim Popkiller die vier Jungs von Herrenmagazin überraschen. Gerade deshalb, weil sie all das tun was andere deutschsprachige Rockbands vor ihnen auch tun und mir trotzdem irgendwie gefallen.

Das wird alles einmal Dir gehören heißt das zweite Album der Band. Das erste ist an mir völlig unbemerkt vorüber gegangen, daher kann ich dazu keine Vergleiche und Einschätzungen abgeben. Was ich allerdings sagen kann ist, dass das zweite Album gut funktioniert.

Herrenmagazin klingen instrumental irgendwie nach Brit-Pop-Punk, so ein Hauch von Arctic Monkeys und was es da noch so gibt schwingt da mit. Gesanglich befinden wir uns scheinbar wieder in den achtzigern des letzten Jahrhunderts. Der Gesang ist ungeschliffen, gesanglich keine Meisterleistung, stellenweise fast schief. Nicht einmal die Stimmen klingen besonders gut. Aber Herrenmagazin machen aus ihren Zutaten Musik, die mehr ist als die Summe ihrer Teile.

Die herausragende Leistung ist insgesamt wohl die Betextung der Stücke, denn Herrenmagazin machen wahrlich intelligente Lyrics. Hier wird nicht bloß versucht eine Gesangslinie über die Musik zu quetschen. Da ist vielmehr festzustellen, dass die Musik durch die Texte hervorragend ergänzt wird. Die Texte tragen einen deutlichen Teil zum Entstehen der Stimmung der Platte bei. So etwas schaffen die wenigsten Musiker. National wie international. Umso mehr fühle ich mich mit meiner sonst so üblichen Vorverurteilung deutscher Musik etwas irritiert.

Die Produktion der Scheibe könnte um ein vielfaches besser sein, aber das braucht es gar nicht, wie mein persönliches Highlight auf der Platte Keine Angst zeigt. Hier scheint kaum produziert worden zu sein, aber das Stück ist genau so auf den Punkt gebracht, wie es sein muss. Manchmal ist weniger eben mehr.

Herrenmagazin werden nicht zu meiner Lieblingsband, das mag ich einmal vorweg nehmen. Das wird alles einmal Dir gehören wird auch nicht zu meiner Lieblingsplatte. Aber Herrenmagazin haben mir gezeigt, dass auch deutsche Rockmusik tief bewegend sein kann, ohne das sonst so übliche Pathos, das übertriebene Leiden, das aufgesetzte Cool-Sein. Herrenmagazin haben ein wunderbare Album auf den Markt gebracht, dass Hoffnung macht für die deutsche Musikszene. Musik um der Musik willen, ohne Anbiederung an GZSZ, ohne Marktstudie, ohne Simplifizierung mit Blick auf Radiotauglichkeit. Respekt!

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Recently Released | White Rabbits – It’s Frightening

Das Jahr fing gut an. Der erste Stapel CDs vom Popkiller enthielt neben Adam Arcuragi und Tommy Finke auch die CD der White Rabbits. Das erste der drei Alben, das ich einlegte war eben das der White Rabbits, und ich war schon beim ersten Song hellauf begeistert. Wie es sich herausstellen sollte, war es auch die einzige der drei CDs, die mich nachhaltig zu begeistern wusste. Adam Arcuragi fiel leider wegen Produktionsfehlern durch, Tommy Finke bekam einen sauberen Verriss, zeigte sich aber per Twitter zumindest  als guter Nehmer und retweetete mit den Worten: “Mein erster Verriss”. Es sollte nicht der letze sein, wie sich mittlerweile zeigte.

Aber zurück zu den White Rabbits. Die stammen eigentlich aus Missouri, leben aber wohl mittlerweile in Brooklyn, sind zu sechst (!)  und haben bereits im Mai letzten Jahres ihr Zweitlingswerk names It’s Frightening auf den US-Markt geworfen und immerhin eine Platzierung (#184) in den Charts erreicht. Im Januar kam das Album jetzt auch auf dem heimischen Markt in die Läden und ich muss sagen, dass sich ein Kauf sicher lohnt.

Die White Rabbits haben einen sehr eigenen Stil entwickelt Musik zu machen, die auch von Radiohead und Travis sein könnte, aber durch die White Rabbits-Note dann doch überraschend eigenständig klingt. Das gefällt mir persönlich wirklich gut. Schon der Opener Percussion Gun kann auf ganzer Linie überzeugen. Ein scheinbar simpler Rythmus bietet die treibende Kraft, doch wer versucht mal eben schnell mitzutrommeln kommt schnell dahinter, dass hier das Taktmaß doch auf spannende Weiße verschoben wird. Das ganze wird ganiert mit gut dosierten Gitarren und Klaviereinlagen (Bass gibts selbstverständlich auch). Dazu der sehr angenehme Gesang und fertig ist ein Song, der eigentlich nur als Hit bezeichnet werden kann. Da unsere heimischen Radiostationen aber mit dem Begriff erschreckend inflationär umgehen, sollte man einfach mal festhalten, dass es ein verdammt guter Indie-Rock-Song ist.

Rudie Fails macht gut weiter; etwas ruhiger aber wieder mit einem bestechend guten Percussioneinsatz und insgesamt großer Zurückhaltung in der Gesamtinstrumentierung. Trotzdem weiß die Nummer ordentlich zu rocken. Wirklich gut! Und gut geht es weiter mit They done Wrong/We done Wrong. Einer wunderbar melodiösen Nummer, die sich auch wieder mit einem sehr gut dosierten Instrumenteneinsatz zeigt. Treibende Kraft wie in allen Songs ist auch hier die gut ausgebaute, aber nicht aufdringliche Percussion-Sektion. Hervorragend untermalt durch simple aber effektive Gitarrenriffs und sparsame Klaviereinsätze. Überhaupt ist das der rote Faden im Werk der White Rabbits. Alle Musiker verstehen sich hervorragend darauf, sich der Bandleistung unterzuordnen. Allein der auf dem Album verübte Verzicht auf ausufernde Klavierparts ist ein sher seltenes Phänomen in Bands mit Pianisten. Aber es funktioniert aufs Beste.

Lionesse erinnert sehr stark an die Kollegen der Band Alter Me, ist sehr kraftvoll und macht weiter mit den Qualitäten, die schon die vorhergehenden Songs auftischen. Das nachfolgende Company I Keep ist dann vielleicht das absolute Highlight der Platte; ein wunderschön ruhiger Song, der sehr stark aus der weiten Klangatmosphäre schöpft und dem viel Raum zum Entfalten gegeben wird. Durch die später einsetzende dezente Mehrstimmigkeit klingt der Song wunderbar melancholisch und leidenschaftsvoll. Dabei wissen auch hier die einzelnen Instrumente genau, wieviel Einsatz erforderlich ist, um die maximale Wirkung zu erzielen.

Der sehr gezielte instrumentale Einsatz ist die große Leistung der White Rabbits auf It’s Frightening und das setzt sich auch in den verbleibenden fünf Songs so fort. Hier wird kein Stück instrumental überfrachtet, es gibt keine Klangexperimente, die in die Hose gegangen wären. Dazu kommt eine glasklare und wirklich hochprofensionelle Produktion, die das Beste aus der Band herauszuholen weiß. Mit It’s Frightening ist bereits das erste neue Album des Jahres in meiner Sammlung ein heißer Anwärter auf die Jahres-Top10. Die wirklich sehr schmale Nische zwischen Radiohead, Travis und Alter Me wurde aufs Beste mit den White Rabbits gefüllt. Die klingen erfreulich stark und vorrangig nach sich selbst, haben elf zurückhaltende aber doch auch elf wunderbar rockige Nummern in einer Großbesetzung geschrieben und vertont, klingen dabei aber doch angenehm klein und haben mir damit eindrucksvoll bewiesen, dass weniger manchmal sooo viel mehr sein kann.

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Recently Released | I might be Wrong – Circle the Yes

Ich muss mich wiederholen, denn der Popkiller hat mir wieder einmal Einblick in eine neue CD geschenkt, die mit Sicherheit zu den besten Releases dieses Herbstes gehören wird. Dabei würde man dem Album nicht gerecht, wenn man es ausschließlich als Herbstalbum bezeichnete.

Die Berliner Combo I might be Wrong war mir bislang gänzlich unbekannt. Am 25 September erschien deren zweites Album Circle the Yes und seit gestern habe auch ich es auf den Ohren. Die Rezension für den Popkiller habe ich gerade geschrieben, und sie ist mir erfreulich leicht gefallen, denn die Musik spricht hier für sich. I might be Wrong kreieren einen Sound, der mich immer mal wieder an Radiohead erinnert, der aber keinesfalls mit Radiohead gleichzusetzen ist. Hier ist die Musik strukturell etwas einfacher gestrickt, was aber keineswegs negativ zu verstehen ist. Man kann hier eher davon ausgehen, dass das die Zugänglichkeit erhöht. Mit Radioheads wirklich genialem In Rainbows hatten ja doch einige Leute erhebliche Probleme.

I might be Wrong (ob es wohl Zufall ist, dass Radiohead einen gleichnamigen Song haben?) überraschen mich persönlich auch dadurch, dass hier eine Frontfrau am Mikrofon ihren Dienst verrichtet. Was daran verwunderlich ist? Nun, in erster Linie, dass es mir trotzdem, oder vielleicht sogar gerade deshalb wirklich gut gefällt. Die Stimme fügt sich wunderbar in den Gesamtsound ein, wirkt nie aufdringlich oder enervierend und verleiht mit dem mal eher alten, mal glockenhellen Klang wie ein gekonnt gesetzter Gegenpunkt zur sehr detailiert komponierten musikalischen Begleitung.

Die Stimmung lässt sich mit angenehmer Melancholie beschreiben, der immer aber auch ein Quäntchen Hoffnung inne zu wohnen scheint. Damit entsteht eine fantastische Spannung, die sich wie ein roter Faden durch die zehn Songs zieht. Auch die Ergänzung der Klangwelten durch dezent gesetzte elektronische Elemente steuert diesem Eindruck einiges bei. So entsteht insgesamt ein Longplayer, der eine durchgehende Atmosphäre aufzubauen versteht. Die Produktion versteht es, dies alles gekonnt in Szene zu setzen. So ist Circle the Yes insgesamt ein Album, dass sich mit sehr viel Atmosphäre wunderbar in den Herbst einfügt, dass aber sicher mehr zu bieten hat, als nur Soundtrack für neblige Herbsttage zu sein. Reinhören! Zum Beispiel auf MySpace. Es lohnt sich. Irrtum ausgeschlossen.

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Recently Released | Voicst – A Tale of two Devils

Wieder einmal freut es mich, über mein Engagement bei Popkiller.de eine wirklich gute Band für mich neu entdeckt zu haben. Diesmal geht es um die Niederländische Kombi mit dem interessanten Bandnamen Voicst. Die Band hat bereits letzten Monat ihr zweites Album veröffentlicht und erstmals wurde Deutschland auch mit einer Veröffentlichung beglückt.

Klingt nach viel Vorschusslorbeeren, aber die haben sich Voicst wahrlich hart verdient. In den Niederlanden sind die drei Jungs längst keine unbekannten mehr. Mehrere größere Festivals wurden bereits durch deren Auftritte geschmückt, Werbekampagnen wurden durch die Musik der Band versüßt und sogar in der Fernsehserie One Tree Hill wurde der Soundtrack mit Voicst-Musik gestaltet. Das kann sich sehen lassen. Nun also auch die Attacke auf den deutschen Musikmarkt, und man kann nur hoffen, dass das gut gehen wird. Die Chancen dafür stehen eigentlich nicht schlecht, denn musikalisch liefern Voicst saubere Kost.

Schon der Opener High as an Amsterdam Tourist packt mit seinem griffigen, poppigen Indie-Rock den Zuhörer. In der Strophe höre ich parallelen zu Goodshirt, und das kann eigentlich nie etwas schlechtes heißen. Feel like a Rocket wirkt durch seine Bläserarrangements fast schon Ska-mäßig, aber keine Angst. Die Nummer ist wirklich gut.

Es folgt Feelings Explode, das mit einem besonders groovigen Ansatz sehr modern wirkt und mich ein wenig an Britpop á la The Audience erinnert. Eines meiner liebsten Stücke ist Aha Erlebnis. Ein sehr jazziger Einstieg mit Klarinette (oder Saxophone?) geht über in eine wunderbar gesteigerte und gefühlvolle moderate Rocknummer. Großartiger Refrain, großartiger Song.

Bei A Year and a Bit lassen Voicst dann ihre poppige Seite durch und klingen erschreckend nah nach Robbie Williams. Voll radiotauglich und trotzdem nicht schlecht. Auch Everyday I work on the Road könnte wunderbar in jedem beliebigen deutschen Pop/Rockradio laufen und würde sicher einige Fans finden. Griffige Nummer, knackiger Beat, eingängiger Refrain. Gut gemacht.

So geht es weiter. Don’t get me Wrong könnte ohne großen Aufwand zu einer Drum ‘n Bass-Nummer umgeschriebenproduziert werden. Auch hier wieder viel Robbie Williams-Anleihe im Refrain. Aber der gute Teil davon. Wirklich spannendes Songwriting. Erschreckend poppig dann So simple that it’s hard to understand. Hier wieder ganz große nähe zu The Audience und ein echt mitreißender Refrain. Dazu fällt auf, dass die Produktion echt topp ist. Und zwar durchgehend.

Second Blow nimmt dann Tempo raus und baut sich als wunderbar ruhige Ballade auf. Besonders überzeugend für mich ist die wirklich spannende Melodieführung. E-Slick ist dann wieder eine ganz klare, fast schon straighte Rocknummer. Gewaltiger Rythmus, colles Riff und auch hier ein überzeugend mitreißender Refrain. Mitsingen ist hier schnell möglich und Pflicht!

Mixed Words klingt wieder etwas synthetischer und erinnert wieder ein Stück näher an Goodshirt, wobei ich den Song definitiv nicht darauf reduzieren möchte. Besonders durch die Bläserarrangements hebt sich auch hier Voicst deutlich von fast allen anderen Bands ab. Eine gewisse melodiöse Nähe zu Blur möchte ich noch unterstellen.

Das abschließende Two Devils ist mit seinen 1:57 dann noch ein weiteres Highlight des Albums. Instrumentiert nur mit einer wunderbar minimalistisch gespielten Gitarre und einer bewegenden Melodie. Grandios.

Voicst haben mit A Tale of Two Devils ein wahrlich gelungenes Deutschlanddebut vorgelegt. Es macht wirklich Spaß hier zuzuhören, mitzugehen und sich ein ums andere mal tiefer in das Album hereinzuhören. Durch spannende Gastmusiker, wie den Pianisten von Simon & Garfunkel, den Saxophonisten von Gogol Bordello und den Trompeter von Beyoncé (!) wurde die bereits sehr gut geschriebene Musik auch in der Produktion hervorragend gewürzt, dass sich das Album insgesamt sicher zu den Top-Erscheinungen in diesem Jahr zählen darf. Unbedingt mal reinhören.

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