Retrozension | Pearl Jam – Binaural

Pearl Jam waren, sind und werden auch immer die wahre Größe des Seattle Rock sein. Keine der Bands, die im Zuge des Nirvana-Hypes zu Weltruhm gekommen sind kann in Sachen Beständigkeit und kreativem Output mit den einzig wirklich verbleibenden Grunge-Größen mithalten.

Das Jahr 2000 sollte für die Band ein besonders prägendes Jahr werden. Am Anfang stand hierbei die Veröffentlichung des sechsten Studioalbums Binaural. Der Titel verweist auf die besondere Aufnahmetechnik, die hier zur Verwendung gekommen ist. Kurz gefasst wird hierbei ein Modellkopf zwischen zwei Mikros platziert. Damit soll ein besonders lebensechter Raumklang eingefangen werden. Mehr darüber weiß natürlich Wikipedia (Achtung: Englisch!).

Weiterhin besonders zu erwähnen ist, dass Binaural das erste Studioalbum ist, auf dem Matt Cameron, allen bekannt als Drummer von Soundgarden, die Holzklöppel auf die Trommeln hauen darf nachdem Jack Irons das Handtuch geworfen hatte. Schlagzeuger hielten sich bei Pearl Jam bis dahin nie besonders lange …

Erwähnenswert natürlich auch der Schicksalsschlag von Roskilde, als während eines Konzert der Band neun Fans/Zuhörer in der Menschenmenge erdrückt wurden.

Wir wollen uns aber mal der Musik zuwenden, die Binaural zu bieten hat. Eröffnet wird mit Breakerfall erfreulich kraftvoll. Keine Frage, hier wird Rockmusik zelebriert. Irgendwie klingt der Song deutlich anders als alle anderen Songs, die die Band bis dahin geschrieben hatte. Man scheint sich ein wenig vom Grunge loszulösen, was natürlich auch dringend nötig ist anno 2000. Auch God’s Dice hält das Tempo hoch, experimentiert mit vielen Soli-Einwürfen, vollem Sound und voller Energie. Pearl Jam klingen geradezu erfrischend, weniger wehleidig als noch auf No Code oder teilweise auch noch auf Yield. Retrospektiv kann man behaupten, dass Binaural für den aktuellen Sound der Band wohl mit am prägensten war. Evacuation wirkt dann geradezu experimentell, fragmentiert. PJ experimentieren mit ihrem Sound gnadenlos und lassen die Fans teilhaben. Ob Evacuation wirklich Album-Qualität hat, bleibt Geschmackssache.

Bekanntere Klänge werden mit Light Years angeschlagen. Eine klassische PJ-Slow-Rock-Nummer, die schnell zum Mitsingen verleitet und einen den Alltag wahlweise vergessen oder umso schmerzhafter erleben lässt. Verdammt gut, aber sicher nichts Neues an sich. Nothing as it Seems hingegen hat das Zeug, aus dem Pearl Jam Evergreens gestrickt sind: episch gut und doch ganz persönlich, nah und verletzlich präsentiert sich die Band. Gitarrensoli, die aus den Untiefen des Raums zu kommen scheinen, perfekt produziert und doch mit diesem Live-Gefühl versehen. Dazu ein Eddie Vedder, der überwiegend zurückhaltend singt, dabei aber dennoch perfekt die Stimmung des Songs trifft. Zu recht einer der besten Pearl Jam Songs bis heute.
Thin Air ist dann eine perfekte Akustik-Gitarren Nummer, die insbesondere aufgrund der fragil wirkenden Zweistimmigkeit, eine besondere Schönheit zu entfalten weiß. Schön auch die leichten Country-Einschläge ab Strophe zwei.

Insignificance rockt einfach nur gewaltig. Der Song strotzt nur so vor Energie, bleibt dabei aber PJ-typisch eher nachdenklich. Besonders gut sind die etwas fuzzigen Gitarrensounds, die fast schon zu modern für die Band wirken. Tolle Nummer. Geniales Nicht-Solo gegen Ende! Noch nie hat die Abwesenheit eines Solos so gut gewirkt. Of the Girl ist einer der Songs, die mit dem Binaural Verfahren auf Band gebannt wurden. Eine sehr organisch wirkendes Stück, das insbesondere die Solo-Qualitäten von Mike McCready in den Vordergrund stellt. Ansonsten sehr entspannt und beeindruckend gut.

Grievance bringt wieder etwas Tempo und experimentierfreude ins Album. Stakkatogitarren, Druck, Optimismus reißen mit und machen Spaß. So einfach ist das. Rival wird von Hundegeknurre eingeleitet, nur um dann in einem besonders schweren Groove einzusteigen und einen sehr spannenden Dialog zwischen den beiden Gitarren von Gossard und McCready zu eröffnen. Dazu reichlich viel klangliche Skurrilitäten, wie dissonante Klavierklänge, viel Hintergrundgeschreie und Zwischenrufe. Man spürt förmlich den Spaß, den die Aufnahme gemacht haben muss. Toll.

Sleight of Hand ist hingegen wieder sehr ruhig, sehr schwermütig und trübsinnig. Man hat so ein bißchen den Eindruck, dass die Nummer nicht unbedingt so richtig in das Album passt. Es fehlt ein bißchen der richtige Guss. Nicht schlecht, aber auch nicht wirklich toll. Soon Forget klingt fast wie Somewhere over the Rainbow, dank Ukulele, einsamer Gesangsperformance von Eddie Vedder und einer leicht bedröpselten Stimmung. Der übliche Lückenfüller, den Pearl Jam auf nahezu jedem Album zu präsentieren wissen. Trotzdem nett, und natürlich voll mit Botschaft versehen. Dafür macht der Song schnell Platz für das fast monumentale Parting Ways. Nur etwas dreieinhalb Minuten geben Pearl Jam ihrer Schlussnummer, die sich dennoch langsam entfalten darf und dabei ins schier übermenschliche wächst. Genial gut, typisch Pearl Jam und vielleicht ein wenig zu viel des Guten, aber was solls; mir hat die Nummer immer richtig gut gefallen. Besonders wenn die schrammige Gitarre dazwischenkracht stellt sich ein Gänsehaut-Gefühl ein. Nach einigen Minuten Stille darf man sich dann noch ein wenig Gehacke auf einer Schreibmaschine anhören. Was das soll weiß man nicht, aber Hidden Tracks waren scheinbar mal in Mode.

Binaural ist sicher nicht das beste Album von Pearl Jam, aber es macht auch heute noch Spaß und landet auch bei mir immer mal wieder im Player und auf meinen Ohren. Insbesondere die klanglich Prägung lässt sich auf den beiden letzten Alben der Band wiederfinden, was ich besonders spannend finde, schließlich klingt das dazwischen liegende Riot Act nochmal ganz anders.

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Recently Released | Trip Fontaine – Lambada

Es gibt diese Momente in der Musik. Man hört Musik einer Band und fühlt sich unmittelbar heimisch, verstanden, zufrieden, ja vielleicht sogar ein Stück weit erlöst. Für mich passiert das bei Bands, die erkennbar einen eigenen Stil prägen, die sich von Vermarktungsgedanken zumindest scheinbar nicht beim Songwriting beeinflussen lassen, die sich vielleicht auch trauen die ein oder andere Konvention links liegen zu lassen und einfach das musikalisch raushauen, was in ihnen schlummert.

Trip Fontaine schaffen genau das. Macht der Albumtitel Lambada vielleicht auch erst einen anderen Eindruck; schließlich sind wir alle noch geschädigt vom Jahr 1989, als ein gleichnamiger Song 10 Wochen lang die deutschen Charts anführte. Das Plattencover zu Trip Fontaines neuestem Werk dürfte da auch nicht ganz zufällig einen Strand zeigen, wenn’s auch nicht sehr brasilianisch aussieht…
Widmen wir uns aber mal dem eigentlichen Inhalt des Albums; der Musik.

Den Anfang macht ein Ruf nach Kunst. I’ll gain eternal Life hat Tempo, fängt aber zunächst noch eher ruhig an. Bedächtige Melodie, ein weing Gitarrengeklimper, ein paar Synths, Bass und Drums. Der Refrain lässt dann aber den Song erst richtig zur Blüte kommen. Und damit wird eine der tragenden Säulen des Albums schon freigelegt: Rock mit aufgedrehten Verstärkern, ordentlich Overdrive und Kraft. No Guts geht mit noch mehr Tempo rein, erinnert entfernt ein bißchen an diverse Bush-Nummern, bleibt aber der Trip Fontaine Linie des Albums absolut treu. Schön auch hier der dynamische Umfang des Stücks; ruhige Passagen finden ihren Platz neben High-Voltage Rock. Das gefällt.

Besonders schön: The lastest Type of Flu. Fast schon jazzig steigt der Song ein. Ein bißchen Becken, dazu Klänge wie aus einem Rhodes Piano und einen Groove, der sich durch den ganzen Song zieht. Dazu wieder die sehr relaxte Gesangsstimme und dann ein Refrain, der kein Morgen zu kennen scheint. Ein echtes Highlight. Bobo Blues macht dan Erinnerungen an Portugal. The Man’s Chicago wach. Distortion auf 100% und es wird losgebrezelt, was das Zeug hergibt. Dabei kommen aber Melodie und Ideenreichtum keinesfalls zu kurz. Ganz im Gegenteil eröffnet sich nach dem ersten Sturm ein ganz neuer Song; es geht wieder relaxt, groovy und behutsam zu. Besungen werden die harten Zeiten, der Rotwein, die Sterne und man trifft sich dann doch wieder bei Distortion auf Voll und Los! Genial gut.

Erste Entspannung gibt der Song Wit Taker her, der tatsächlich das Tempo reduziert, etwas Besinnung einkehren lässt und – moment mal, was ist das für ein Krach? Auch hier lassen Trip Fontaine den Song sich verändern und haben den Mut die eigentliche Songidee weiter zu denken. Die Songs bekommen die Chance sich frei zu spielen und größer zu werden, als das zunächst den Anschein hat. Fast wie in Trance wird so der Song zu einem Hort der Improvisation und Experimentierfreude. Ein bißchen verrückt, aber wahrhaft. New Sweater ist dagegen ein geradezu klassischer Indie-Popsong. Kurz, knackig eingängig. Zum Mithopsen und -grölen und -singen.

Weiter gehts mit Muskelschwede, wo mal wieder die Belastungsgrenze des Equipments ausgereizt wird. Vollstoff auf allen Fronten und die ganzen 3:40. Das könnte dann wohl schon Post-Rock sein. Jetzt darf dann aber auch Mario Basler mal mitspielen. Eine obertonverzierte “Ballade” (schlechter Wortwitz!!!) geziert durch eine wunderbar klare Bridge und einen wundersamen Zwischenteil. Fantastisch gut.

Take it easy, Karsten geht dann wieder etwas klassischere Wege und erinnert mich ganz stark an eine andere Band, mir ist aber bislang noch nicht eingefallen, an welche. Da ist nur dieses Gefühl … Wie dem auch sei; gute Indiepop-Nummer, schön untermalt mit Trompete an genau der richtigen Stelle. Sehr gut. Sehr gut auch Doom 1, das wieder einen Ticken schräger ist, bekannte Songstrukturen eher abzulehnen scheint und sich dennoch wunderbar zusammenfügt.

Den Schlusspunkt darf dann Sparkles setzen. Hier wird nochmal geradzu klassisch gerockt. Dabei ist Sparkles nochmal eine ungehemmte Rocknummer die ein würdiges Ausrufezeichen hinter das gesamte Album setzt.

Lambada ist zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd gewöhnlich. Trip Fontaine haben ein Album zusammengestellt, das seinesgleichen suchen muss. Hier wird auf höchstem Niveau gerockt, dabei kennt die Band keine Angst vor ihrer eigenen Courage und keinen Respekt vor “Betreten-Verboten”-Schildern. Hier wird abseits der Wege gerockt. Dazu kommt eine makellose Produktion, die überhaupt keine Wünsche offen lässt. Trip Fontaines drittes Album ist nicht bloß gute Musik, das Album hat das Zeug, dass beste Album des Jahres zu sein. Hier scheint eine Band über sich selbst hinaus gewachsen zu sein, die ich vorher noch gar nicht kannte, die aber nach Lambada unbedingt gekannt werden sollte.

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(Soon to be) Recently Released | The Great Bertholinis – Gradual Unfolding of a Conscious Mind – Part 3

Zugegeben, meine klassische Kategorie Recently Released musste ein wenig verbogen werden für diesen Post, aber ich bin gerne bereit hier einmal Fünfe gerade sein zu lassen. Es geht nämlich um große Kunst; wirklich große Kunst.

Der Popkiller wars mal wieder; völlig unscheinbar segelt mir da vor einigen Tagen ein Reviewexemplar einer CD mit dem wunderschön-sperrigen Titel Gradual Unfolding of a Conscious Mind – Part 3 ins Haus. Der Bandname The Great Bertholinis sagte mir Nichts und ehrlich gesagt verhieß der auch scheinbar nichts Gutes. Scheinbar, wohlgemerkt.

Gradual Unfolding (Ich kürze es mal ein wenig ein) beginnt auch eher gewöhnlich. Wundervoll, aber doch gewöhnlich scheint das Intro Bright Days (Intro) zunächst ein relativ gewöhnliches Album anzukündigen. Hier klingts nach Donovan und ein bißchen erinnert es an die Eröffnung von Variety Lab, allerdings gemischt mit Akron/Family, was in etwa so gut passt wie Osterhasen unterm Weihnachtsbaum. Aber es funktioniert prächtig. Mit Run to Hide kommt es aber dann doch noch ganz anders. Hier wird klar, dass es hier eben nicht um klassischen Indie-Pop/-Rock geht. Erinnerungen an The Doors und deren Alabama Song lassen sich für das geschulte Ohr nicht vermeiden. Damit beginnt die etwas verrückte Reise, auf die uns The Great Bertholinis mitnehmen. Musikalisch werden hier Einflüsse in den Klang und die Arrangements eingebracht, die auf den ersten Blick eher unvereinbar scheinen: Donovan, The Doors, The Beatles, Cake, Fat Freddy’s Drop und so viele mehr, dass ich sicher bin die Hälfte gar nicht zu kennen. Vordringlich auch der leichte Südosteuropäische Klangeinschlag, der dem Promomaterial nach in Ungarn beheimatet sein soll.

I am Can beispielsweise erinnert mich aber erstmal ziemlich stark an die Niederländer von Voicst, was an der leichten poppigen Art liegen dürfte, in der dieser Song sich breit macht. Die Bläserarrangements tun natürlich ihr Übriges dazu. Wirklich gute Laune in Musikform. Weiter gehts mit The Things I Gave, einer Nummer, die sich wieder mehr dem Südosten unseres Kontinent zuwendet. Eingeleitet wird zunächst krachig-rockig, dann kommt etwas Geflöte und dreht die Erwartungen auf den Kopf. Ich liebe so etwas. Der Song wackelt dann auch hin und her zwischen ungarischem Volksfest und Ska-inspiriertem Indie-Pop. Einfach Cool.

Puzzle with a Million Thoughts scheint dagegen John Lennon und die späten Beatles wieder aufleben zu lassen. Eine fantastische, eher ruhig angelegte Nummer, die auch wieder durch ein sehr sorgsames Arrangement und eine auf den Punkt gebrachte Produktion zu glänzen weiß. So gut, dass man sogar den Lala-Teil am Schluss ohne Abzug verzeihen kann. Why do you Trust fängt zunächst etwas desorinetiert an, fängt den Hörer dann aber doch schnell ein und zeigt in Richtung sanftem aber großartig aufgebautem Refrain. Das ist auch das schöne an The Great Bertholinis: Sie wissen auch mit leisen Tönen umzugehen und den maximalen Effekt durch eine geniale Komposition zu erzielen.

Lucky Pinto kommt wieder deutlich poppiger daher, mehr Tempo, mehr Ska-Einfluss, etwas weniger schräge Ideen aber dennoch ein fantastischer und sehr positiver Song. String Puppets and Bees wird dagegen wieder orchestraler/philharmonischer. Geradzu lautmalerisch der Einsatz der Bläser, ganz zaghaft untermalt durch Bass und rhythmisiert durch Gitarre. Sehr schön auch die chorale Unterstützung im Refrain. Ich weiß nicht genau woran es liegt, aber man fühlt sich fast schon in die 1920er Jahre zurückversetzt. Wahrscheinlich sind es die wunderbar blechernen Trompeten und der auf Grammophon getrimmte Gesang. Toll.

Resetera rockt dagegen schon fast beängstigend mit breitem Bassriff los. Kommt dann etwas braver daher, als man erwartet und vielleicht auch als man sich wünscht; es bleibt aber eine Nummer, die voll das Niveau der anderen Songs hält. Feine Arrangements, gute Instrumentierung, gutes Songwriting. Zucker Serenade ist die vielleicht beste Komposition auf dem ganzen Album. The Great Bertholinis haben hier keine Scheu davor wirklich groß zu klingen, halten sich in (gut dosiertem) Pathos genauso wenig zurück wie in der großen musikalischen Geste. Ein echter Gassenhauer, wenn man so will.

Den Abschluss bilden die ruhigen Stücke Lost the Key und Bright Days. Während Lost the Key sehr gefühlvoll mit Dynamik spielt, ist Bright Days die vollendete Fassung des schon als Intro verwendeten Themas. Auch hier wieder der starke Bezug zu Donovan und Variety Lab und das gute Gefühl, ein wirklich gutes Album gehört zu haben.

The Great Bertholinis sind musikalisch mutig unterwegs. Die acht Musiker haben offenbar eine eigene Nische gefunden und haben sich darin breit gemacht. Die Musik ist so vielseitig, das echte vergleiche wirklich schwer fallen. Akron/Family fällt mir mehr als einmal ein, weil beide Bands ähnlich breite Einflüsse in ihrer Musik verarbeiten, wenn auch Akron/Family deutlich mehr King Crimson gehört haben dürften. Das schöne ist aber, das The Great Bertholinis vor allem klanglich für sich stehen. Das kommt auch in der nahezu perfekten Produktion voll zur Geltung und kann gar nicht genug gelobt werden. Gradual Unfolding of a Consious Mind – Part 3 ist damit ein musikalisches Kleinod und ein echter Schatz. Absolut Topp!

Das Album erscheint am  22. Oktober. Da The Great Bertholinis aber bereits auf Tour sind, wollte ich hier nicht so lange warten, die Platte zu besprechen. Ich schätze live ist die Band ein echtes Erlebnis, daher auch die Empfehlung die Gelegenheit zu nutzen. Termine gibts bei Hazelwood Tourism.

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Recently Released | Herrenmagazin – Das wird alles einmal Dir gehören

Mein Verhältnis zu deutschsprachigem Rock als zerrüttet zu bezeichnen, wäre ganz eindeutig eine Untertreibung. Umso mehr konnten mich in meinem Nebenblogjob beim Popkiller die vier Jungs von Herrenmagazin überraschen. Gerade deshalb, weil sie all das tun was andere deutschsprachige Rockbands vor ihnen auch tun und mir trotzdem irgendwie gefallen.

Das wird alles einmal Dir gehören heißt das zweite Album der Band. Das erste ist an mir völlig unbemerkt vorüber gegangen, daher kann ich dazu keine Vergleiche und Einschätzungen abgeben. Was ich allerdings sagen kann ist, dass das zweite Album gut funktioniert.

Herrenmagazin klingen instrumental irgendwie nach Brit-Pop-Punk, so ein Hauch von Arctic Monkeys und was es da noch so gibt schwingt da mit. Gesanglich befinden wir uns scheinbar wieder in den achtzigern des letzten Jahrhunderts. Der Gesang ist ungeschliffen, gesanglich keine Meisterleistung, stellenweise fast schief. Nicht einmal die Stimmen klingen besonders gut. Aber Herrenmagazin machen aus ihren Zutaten Musik, die mehr ist als die Summe ihrer Teile.

Die herausragende Leistung ist insgesamt wohl die Betextung der Stücke, denn Herrenmagazin machen wahrlich intelligente Lyrics. Hier wird nicht bloß versucht eine Gesangslinie über die Musik zu quetschen. Da ist vielmehr festzustellen, dass die Musik durch die Texte hervorragend ergänzt wird. Die Texte tragen einen deutlichen Teil zum Entstehen der Stimmung der Platte bei. So etwas schaffen die wenigsten Musiker. National wie international. Umso mehr fühle ich mich mit meiner sonst so üblichen Vorverurteilung deutscher Musik etwas irritiert.

Die Produktion der Scheibe könnte um ein vielfaches besser sein, aber das braucht es gar nicht, wie mein persönliches Highlight auf der Platte Keine Angst zeigt. Hier scheint kaum produziert worden zu sein, aber das Stück ist genau so auf den Punkt gebracht, wie es sein muss. Manchmal ist weniger eben mehr.

Herrenmagazin werden nicht zu meiner Lieblingsband, das mag ich einmal vorweg nehmen. Das wird alles einmal Dir gehören wird auch nicht zu meiner Lieblingsplatte. Aber Herrenmagazin haben mir gezeigt, dass auch deutsche Rockmusik tief bewegend sein kann, ohne das sonst so übliche Pathos, das übertriebene Leiden, das aufgesetzte Cool-Sein. Herrenmagazin haben ein wunderbare Album auf den Markt gebracht, dass Hoffnung macht für die deutsche Musikszene. Musik um der Musik willen, ohne Anbiederung an GZSZ, ohne Marktstudie, ohne Simplifizierung mit Blick auf Radiotauglichkeit. Respekt!

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Retrozension | Muse – Origin of Symmetry

Man könnte ja meinen, in einem so unsonnigen Sommer bliebe mehr Zeit fürs Bloggen. Nun, leider weit gefehlt und zwar nicht nur was das Bloggen, sondern auch was das Musikhören betrifft.

Dennoch, der morgentliche Weg zur und der abendliche Weg weg von der Arbeit geben mir genug Raum, auch mal wieder ein paar alte Sachen auf meine Ohren dröhnen zu lassen. Besonders gepackt hat mich dabei in der letzten Zeit mal wieder Muse, diesmal mit dem Zweitalbum Origin of Symmetry, dass nunmehr auch schon wieder neun Jahre zurückliegt.

Muse 2001 klingt anders als Muse 2010, und das ist in beide Richtungen gut. Die neuen Sachen der Band sind grandios arrangiert und genial produziert, lassen aber immer mehr den Mitsing-Faktor vermissen. Da sind die älteren Alben der drei Engländer noch bodenständiger, obwohl der Hang zur musikalischen Arroganz auch da schon tief verwurzelt war – zu recht, wie ich finde.

Opener ist das über sechs-minütige New Born, das Muse-typisch, sanft einsteigt mit Klavierklängen und ein wenig Bass, der schon mehr vermuten lässt was Dynamik und Lautstärke angeht. Auch die Stimme Matthew Bellamys erkennt man unweigerlich auf den ersten Metern. Nach knapp über einer Minute bricht dann das Feuerwerk los und der Song wird zu einer mitreißenden Rocknummer, wie es leider immer noch viel zu wenige gibt. Auffälliger Unterschied zu anderen Bands ist die aktivere Bassarbeit und die höhere Kreativität im Gitarrenspiel. Druck nach vorne gibts reichlich und das Album macht schon richtig Spaß.

Bliss lässt die andere Seite von Muse erkennen, die etwas poppigere, von Synthesizern gestützte Seite. Der Song ist ein wenig ruhiger, in der Geste aber kein Stück zurückhaltender. Selbiges gilt auch für Space Dementia, das die orchestrale Seite von Muse zum Vorschein kommen lässt, wobei der klassisch anmutende Klavierpart eigentlich nur die Bühne bereitet für eine hektische Rocknummer die eine Dringlichkeit vermittelt, wie ich sie in der Musik nur selten erlebt habe. Muse verdeutlichen, dass sie den großen Wurf machen wollen. Jede Note ein Statement, jeder Satz die ultimative Wahrheit, jeder Akkord eine Geste der Überlegenheit. Wirklich genial.

Hyper Music strapaziert dann etwas die Nerven, mit viel Gefiepse zum Einstieg und viel Geheule vom Fronteunuch, aber auch dieser Song fängt sich, marschiert unaufhaltsam los und nimmt alles mit, was sich ihm in den Weg stellt. Direkt darauf folgt der vielleicht beste Song des Albums: Obwohl für Muse geradezu banal komponiert, überzeugt Plug in Baby mit einem vertrickten Gitarrenriff, einem eingängig simplen Refrain und kommt, anders als die meisten anderen Stücke auf OOS gleich zur Sache.

Citizen Erased ist da wieder anders, viel Klangexperiment dank Obertönen zu Beginn, ein nettes Akkordintro und dann eher ruhiger angelegter Gesang. Untermalt mit viel Gitarren und Bass und Synths. Kein echtes Highlight, aber wieder diese Eindringlichkeit, diese Ernsthaftigkeit. Micro Cuts ist dann die Eunuchennummer schlechthin, und ehrlich gesagt auch gelegtnlich ziemlich anstrengend. Mitsingen nicht empfohlen.

Screenager ist anders als man vermuten möchte ein ganz ruhige, entspannte Nummer. Die erste auf dem Album, wenn man es genau nimmt. Ein Hort der Entspannung im Sturm des restlichen Albums. Sehr schön. Auch Darkshines geht es eher etwas gelassener an, zeigt aber wieder deutlicher in Richtung Rock. Besonders schöne der etwas groovig angelegte Strophenteil. Im Refrain wird dafür wieder ordentlich Strom verbraten. Toller Song.

Mein zweites Highlight ist dann ganz eindeutig Feeling Good, eine gesangsstarke Nummer, die auch wieder dank der simplen Struktur und der einfachen Linie heraussticht aus dem sonst oft kopflastigen Album. Trivia hierzu: die Nummer wurde sogar von Michael Bublé gecovert, auch wenn ich sicher bin, dass Muse das besser gemacht haben. Den Schluss macht dann noch Megalomania, dass wieder eine große Geste und viel Arrangierarbeit zu Grunde legt. Ein guter Schluss und doch hätte man sich etwas positiveres als Abschluss gewünscht, aber fröhliche Musik haben Muse ja noch nie gemacht.

Origin of Symmetry ist ein wirklich starkes Album und gerade aus heutiger Sicht für mich spannend. Muse haben sich im Laufe der Jahre deutlich entwickelt was Klang und Arrangements betrifft. Anders als bei vielen anderen Bands ist hier aber nicht festzustellen, dass die alten Alben irgendwie ungeschliffen wirken. Muse haben schon damals großartige, eindringliche, arrogante Musik gemacht. Allerdings hat sich mittlerweile der Sound etwas verschoben. Was besser ist wage ich nicht zu sagen, das beides gut ist muss kaum erwähnt werden. Muse rocken nach wie vor.

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News & Rumors | Bush kommt zurück

Die bessere Nachricht zu erst: George W. ist nicht gemeint und meines Wissens hat sich auch seine Tochter bislang nicht darum bemüht, dem Weißen Haus Ihre nicht gerade unauffälligen Zähne zu zeigen.

Die andere Nachricht dreht sich dann nun um die Band Bush. Wir erinnern uns kurz: Bush kamen aus Sheperds Bush in London, machten gute Grunge-/Alternative-Musik und brachten Frauen zum dahinschmelzen ob des zugegebenermaßen nicht ganz hässlich geratenen Frontmanns Gavin Rossdale, seineszeichens Ehemann der deutlich besser bekannten Gwen Stefanie.

Nun, Gavin hat sich ein Herz gefasst und bringt die Band wieder zusammen, ganz Blues Brothers-mäßig. Allerdings will die Band nicht so sehr, weshalb genau genommen nur der Drummer Robin Goodridge zu überzeugen war. Der Rest, also ziemlich exakt genau die Hälfte, bleibt zu Hause und schaut sich das Ganze aus der Ferne an.

Ob diese “Reunion” am Ende hält was sie ganz sicher nicht verspricht bleibt abzuwarten. Im Oktober soll das neue Album Everything Always Now zu haben sein. Bis dahin heißts geduldig warten … oder halt eben nicht.

EDIT: Auf Soundcloud gibts sogar einen ersten Höreindruck.

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