In the Press | Radiohead – The King of Limbs

Radioheads neuestes Werk The King of Limbs dürfte seit langem mal wieder das erste Album sein, über das sich die Musikpresse, sei sie nun on- oder offline, so richtig hergemacht hatte. Zweifelsohne ist das achte Album der Briten das bisher wichtigste Release des aktuellen Jahres. Ich finde es mal wieder schön zu lesen, wie unterschiedlich dieses meiner Meinung nach geniale Album aufgenommen wurde. Zeit, mal wieder in meiner Kategorienschublade nach In the Press zu kramen und endlich mal wieder eine Presseschau zu bloggen.

Fangen wir mal an mit Laut.de. Die geben dem Album die verdiente 5/5 Wertung, ohne allzu klar darauf einzugehen wie das Album insgesamt wirkt. Erich Renz flüchtet sich eher in die kleinen Beobachtungen zu den einzelnen Songs. Dies macht er aber meist durchaus treffend, wie ich finde. Schade nur, dass sich Teile der Rezension hinter einer Formulierungswut verstecken, die ihresgleichen sucht. Ein echtes Bild vom Album wird damit nur bedingt vermittelt. Dennoch möchte ich gerne wiedergeben, was Herr Renz zum Song Seperate zu sagen hat.

“Separate” Zeit für Weingläser und Duftzüge. Nach der Epilepsie in den ersten Stücken steht die nachrauschende Entgiftungskur an. Hallende, kreisende Worte zieren das Gefühl einer zunehmend proportionaler werdenden Entspanntheit und die grazile Gelenkigkeit dieses freien Spiels beugt sich allen umtreibenden Mächten. Natürlich wären Radiohead kein (außer-)musikalisches Paradigma, wenn sie nicht mit juristischer Rücksichtslosigkeit handeln würden: “If you think this is over / Then you’re wrong“. Man möchte nicht glauben, dass es ein Finish markiert.

Auch DER SPIEGEL weiß, was sich gehört. So landet The King of Limbs unter den wichtigsten CDs der Woche in der Rubrik Angespielt. 9 von 10 möglichen Punkten erzielt das Album hier und wird nach meiner Meinung insgesamt besser beschrieben als bei Laut.de. Jan Wigger geht vor allem auch auf die Bedeutung der Band und ihrer Veröffentlichung ein. Bei Radiohead sicher nicht verkehrt. Er kommt zur absolut richtigen Analyse:

So viel ist klar: Die Veröffentlichung neuer Radiohead-Songs, ganz ohne Mitwirken und Beteiligung der Plattenindustrie, wirbelt immer noch mehr Staub auf als jede arme Sau, die von den Labels durch den neuesten Hype getrieben wird (Sorry, James Blake). Klar ist auch: Mit Referenzen aus der Hitparaden-Historie kommt man hier nicht weiter, dazu haben sich Thom Yorke, Philip Selway, Ed O’Brien, Jonny und Colin Greenwood schon viel zu weit auf uncharted territory gewagt.

Im Fazit sieht Jan Wigger auch klar. Nun, den einleitenden Satz des Fazits wage ich zwar zu bezweifeln. Weil er aber so schön ist, lasse ich ihn hier mal stehen.

Sie klingen mechanisch und artifiziell, wo sie echte Instrumente benutzen – und wohlig-warm, wo alles aus der Maschine kommt. Sie spielen ein Vexierspiel mit Popkultur und Publikum, das keinerlei Erwartungen und Ansprüchen genügt, sondern möglicherweise nur sich selbst. Ehrlichere, im ästhetischen Sinn schönere Musik hat unsere Zeit gerade nicht zu bieten. Wen kümmert es da, ob diese Platte besser oder schlechter als die letzte ist?

Es wird Zeit für die Gegendarstellung, die an dieser Stelle unbedingt von Peter Rehbein von Schallgrenzen.de kommen muss. Ist er mir doch schon mehrfach als unbeirrbarer Radiohead-Verschmäher aufgefallen. Trotz aller Beteuerungen, OK! Computer gar nicht so schlecht zu finden. Man merkt leider, dass bei Peter die Bereitschaft fehlt, das Album wirklich neutral zu betrachten. Gut, dass habe ich wahrscheinlich auch nicht geleistet, aber man sollte dem Album doch mehr Zeit einräumen, als nur einen kurzen Durchlauf, falls das überhaupt passiert ist. Sarkastisch schon die Einleitung:

Hurra, Hurra, Hurra, das neue Album von Radiohead ist da. Da freuen wir uns. Die Indie-Götter geben Rauchzeichen. Neues Album. Erst werden die MP3`s gekauft,  später die CD und noch später für die beleuchtete Glasvitrine das Vinyl. Das mein Puls deswegen Sperenzchen veranstaltet kann ich aber leider nicht behaupten.

Nun ja, da hat er wohl einen Treffer gelandet. Ich persönlich freue mich wahnsinnig auf mein Exemplar des Newspaperalbums. Ich bin ein wenig überrascht, dass Peter sich nicht dafür begeistern kann, wenn eine Band heute noch die Verpackung zur Musik mitzelebriert. Ich finde das sehr sympathisch.
Bezüglich der Musik kommt Peter eindeutig zum falschen Schluss, nicht ohne vorher noch ein wenig über das Video zu Lotus Flower herzuziehen:

Der Song “Lotus Flower” klingt nett, ist einer der besten Songs auf dem Album und den gibt es auch als Video. Nicht via YouTube, den dürfen wir dort nämlich nicht sehen, sondern diesmal via Dailymotion. Wirklich nette Popmusik für das Hier und Jetzt. Das Video mit Thom York in epileptischer Verzückung möchte ich mir aber kein zweites Mal ansehen. Ziemlich gruselig mit Tendenz zum Fremdschämen.

Und hier noch das verfehlte Fazit:

Der Rest ist Indie-Pop für die Abendstunde. Für die Zeit, bis der nächste angestrengte Seelenstrip im chinesischen Original und mit dänischen Untertitel auf Arte beginnt.

Eine derart sperrige Platte wie The King of Limbs einfach nur als Indie-Pop zu bezeichnen greift wesentlich zu kurz. Kommt Pop doch auch als Indiemusik eher seicht daher und geht gut und leicht ins Ohr. Hier merkt man, dass Peter sich nicht wirklich mit dem Album beschäftigt hat. Dass The King of Limbs Pop sein soll, kann man nur beim ersten Durchgang glauben. Die musikalischen Feinheiten gehen so natürlich schnell unter und werden nicht wahrgenommen.

Ebenfalls zurückhaltend urteilt Christoph Brandl – aka SomeVapourTrails – auf Lie In the Sound. Hier wird das Album in einer sehr lesenswerte Rezension fast komplett ignoriert, was genau genommen gar nicht so verkehrt ist. Vielmehr widmet sich Christoph der Meta-Ebene des Releases, und kommt dabei zu einem ernüchternden Urteil:

Als bekennender Jünger der Band knalle ich mir mit meiner flagellantschen Expertise die Peitsche ins eigene Fleisch. Die Erkenntnis, wonach Radiohead mit The King of Limbs ausschließlich dann betören, wenn ich mir einrede, herbeifantasiere, schlichtweg mit Haut und Haar wünsche, dass sie mein Hirn und Herz befruchten, trifft mich hart. Radiohead sind die Könige des subjektiven, oftmals auf Selbsthypnose beruhenden Empfindens. Dies Phänomen macht sie einzigartig, erhebt sie zum Kult, die jüngste Platte allerdings taugt bestenfalls zum auf die Schlachtbank geführten Kalb.

Auch Nicorola.de kann die Zweifel am Werk nicht ganz überwinden. Nico Schipper hat trotzdem eine ebenfalls sehr lesenswerte Rezension gezimmert, die die richtigen Fragen aufwirft.

Verhuschte Elektronik, jazzige Drumpatterns, flirrende Soundtexturen und die weitestgehende Abwesenheit von klassischen Instrumenten: Ich bin mir ziemlich sicher, das dieses Album die Fans spalten wird. Wer nach diesem Werk noch denkt, Radiohead seien eine klassische Rockband, der hat nicht hingehört. Jetzt bleibt für mich die Frage: schaffen es diese acht fragilen Soundskizzen die Zeit zu überdauern?

Und natürlich die bohrende Ungewissheit: kommt da noch mehr?

Nicorola beschäftigt sich damit, nach einem entsprechenden Tweet, auch noch mit den Gerüchten um “die zweite Hälfte” von The King of Limbs.
Ob daran etwas dran ist mag ich insofern bezweifeln, dass ich nicht davon ausgehe dass mit dem Newspaper-Release The King of Limbs plötzlich zum Doppelalbum wird. Auch wenn das bei In Rainbows mit der B-Seiten CD so war, wage ich die Diagnose, dass das Wunschträume enttäuschter Fans sind, die noch immer an einen Scherz glauben, statt sich mit TKOL abzufinden. Freuen würde ich mich aber ganz sicher auch darüber.
Insgesamt kann man nun festhalten, dass die Blogospäre sich nicht einig ist, was vom Album zu halten ist. In einem waren sich aber offenbar sogar die schärferen Kritiker einig: es lohnte sich darüber zu schreiben.
 

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For Your Interest | Zwei neue Kategorien auf Retrozension.de

Evolution steht uns allen gut und deshalb entwickelt sich auch Retrozension mal wieder weiter. Zwei (Wahnsinn!) neue Kategorien werden eröffnet um hoffentlich künftig noch mehr und umfassender bloggen zu können.

Flip-Book, also Daumenkino, heißen künftig Posts, die neue oder einfach interessante Musikvideos enthalten. Das Medium Musikvideo hatte für mich bislang eine eher untergeordnete Rolle gespielt, aber gelegentlich erinnert man sich doch an  besondere Videos aus der Vergangenheit oder entdeckt spannende Werke. Wer ein wenig regelmäßiger mitliest hat sicher auch schon festgestellt, dass sich YouTube -Einschübe in letzter Zeit ein wenig gehäuft hatten. Künftig also auch in eigener Kategorie auf Retrozension.de für mehr Freiheit beim Bloggen!

In the Press entstand im Konzept in dieser Woche nachdem ich doch sehr verschiedene und spannende Reviews zu Muse – The Resistance gelesen hatte und das Gefühl aufkam, hier müsse mal eine kleine Zusammenstellung gemacht werden. Die Idee ist eine kleine Presseschau zu kontroversen Alben zu erstellen um die Bandbreite von Meinungen darzustellen und hoffentlich die ein odere andere Diskussion dazu anzustoßen. Wie regelmäßig diese Kategorie befüllt wird hängt davon ab, wie interessant und gegensätzlich die Meinungen zu neuen Alben in Zukunft in der Blogosphäre sein werden. Vom Ansatz her freue ich mich aber schon jetzt auf spannende Gegenüberstellungen.

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In The Press | Muse – The Resistance

Es scheint die Meinungen zu Muses Widerstandsbewegung sind doch sehr geteilt, deshalb dachte ich mir es wäre doch mal nett, hier ein wenig zusammenzutragen, was andere Blogger und Magazine so vom neuen Machwerk der drei Engländer so halten.

Fangen wir mal mit der Kritik auf laut.de an:

Hier kommt das Album mit einer Wertung von 4 von 5 eigentlich ziemlich gut weg. Natürlich wird auch hier die offensichtliche Nähe zu Queen angesprochen:

“Von Queen lassen sich Muse auf “The Resistance” nicht nur beeinflussen: Man hört ganze, wundervoll verarbeitete Zitate in Songs wie “United States Of Eurasia” oder “Exogenesis: Symphony Part 2” heraus. Daraus erwächst ein perfekter Pomp, den die Band in verschiedenen Stilrichtungen ausformuliert.”

Das deckt sich im großen und ganzen mit meiner Meinung. Im Fazit heißt es weiter:

“Bei all den großen Tönen geht zum Glück das Wichtigste nie verloren: Der emotionale Moment – Muse berühren musikalisch und lyrisch in nahezu jedem Song. Sie erfüllen den Hörer mit einer beglückenden Schwere, einer emotionalen Fülle, mit Gänsehaut-Atmosphäre.”

Die Rezension in Gänze findet sich übrigens hier.

Mit fünf von 10 möglichen Punkten schneidet der Longplayer bei Nicorola schon deutlich weniger gut ab:

“Seit Freitag höre ich nun immer wieder das neue Werk des Trios um Matthew Bellamy. (…) Dabei überkommt mich allerdings jedes Mal ein unterschwelliges Gefühl des kalten Grauens, denn was Muse dieses Mal abliefern, das ist verdammt nah an der Schmerzgrenze. Diese Mischung aus Queen– und Depeche Mode-Reminiszenzen, klassischen Pianoparts, breitbeinigen Schweinerock-Riffs und Gitarrensolos ist schwer zu ertragen.”

Harte Worte, aber ich kann trotz meiner Begeisterung für The Resistance verstehen, was gemeint ist. Das Fazit klingt entsprechend wenig begeistert aber doch ziemlich fair so:

“Ich bin mir nicht sicher, ob ich “The Resistance” für einen mit Zucker überzogenen Haufen Scheisse, ein geniales Opus oder einfach nur ein neues Muse-Album halten soll. Beim letzten Werk schrieb ich noch: “Meine Fresse, das ist objektiv betrachtet eine einzige gequirlte Kacke. Aber die Fans werden es lieben. Und deswegen werde ich spätestens jetzt auch einer. Subjektiv ein Meisterwerk!”

Dieses Mal bin ich mir da nicht sicher. Ich brauche noch mindestens 10 Durchläufe, um mich mit dieser Platte anzufreunden. Und ich weiß nicht, ob ich das durchhalte. Vorerst unschlüssige 5 Punkte.”

Hier gibts den ganzen Text zum Nachlesen.

Jetzt wirds hart für alle Muse-Fans. Deutschlands wohl bestes Musikblog (meine Meinung) schallgrenzen.de zerreißt förmlich, was andere momentan begeistert. Drei Autoren beteiligen sich am Soundcheck und die Meinung ist einhellig vernichtend. Zuerst Benedikt:

“… Aber was in aller Welt hat Herrn Bellamy getrieben, sich dermassen intensiv in offensichtlicher Zitatsucht quer durch alle Zeiten und Stile, schwülstigen Pathos und Klischees, opulenten Bombast und letztendlich anschreiend aufdringlicher Belanglosigkeit zu verlieren? Und was will Bel Ami uns mit diesem Album eigentlich sagen? Seht her, was ich alles kann und wieviel Spaß ich dabei habe? Eigentlich bin ich Chopin, König Ludwig II, Johann Strauss, Freddie Mercury, Timbaland, Abba, Led Zeppelin, Depeche Mode und Suzi Quatro in einem. …”

Zumnindest liest es sich lusitg. Gleich im Anschluss Tux:

“Die wenigen Momente auf “The Resistance”, die sich tatsächlich für gutes Liedmaterial eignen würden (”Mk Ultra”), werden ruiniert, sobald der “Gesang” einsetzt. Ich hielt ja schon Brian Molko für unerträglich weinerlich, aber gegen Matthew Bellamy und seine ewig gedehnten Vokale (so spart man sich natürlich auch schlaue Texte, wenn man durch so was die Leute davon abhält, auf sie zu achten) ist Placebo eine wahre Wohltat. …”

Und zu guter Letzt Peter, der Hausherr auf schallgrenzen.de, mit einem kaum überraschenden Vernichtungsschlag:

“Für Jemanden, der unter Analgesie leidet, mag das Album unschädlich sein, dem Gesunden droht Ungemach. In aller Deutlichkeit: Katzendreck. Ich sag’s nicht gern, aber nach mehreren Hördurchgängen fühle ich nur noch körperlichen Schmerz und Erschöpfung pur. “The Resistance” ist des Wahnsinns fette Beute. Grössenwahnsinnger, pompöser, aufgepumpter und sinnleerer Orchestral-Pop, der nichts mit den genialen Werken “Showbiz” und “Origin Of Symmetry” zu tun hat. …”

Hier das Original.

Zur kurzen Klärung für alle, deren griechisch nicht sattelfest ist: Analgesie ist der Fachausdruck für ein Leiden, bei dem man aufgrund von Nervenschäden schmerzunempfindlich ist.

Mich überrascht an der Kritik von Peter übrigens keineswegs, dass er The Resistance nicht mag – ist er doch erklärter Radiohead-Schmäher wegen Thom Yorks gesanglicher Leistung. Da Matthew Bellamy da oft unglaublich dicht dran war also keine Verwunderung meinerseits. Bemerkenswert finde ich aber immerhin, das Showbiz und Origin of Symmetry hier quasi im Nebensatz geadelt werden. Und das wo genau diese beiden Alben meiner Meinung nach noch am nächsten an den frühen Radiohead dran sind. Kleine geschmackliche Inkonsequenz also Herr Rehbein, oder wie ist das zu verstehen?

Nun, was soll die kleine Presseschau uns sagen?. Zum Ersten, dass Musik einfach ganz eindeutig Geschmackssache ist. In vielen Einschätzungen habe ich bisher festgestellt, dass mein Geschmack sich mit Nico und Peter decken oder zumindest nicht gänzlich auseinander liegen, offenbar gibt es aber auch gravierende Unterschiede in anderen Fällen. Aber alles in allem finde ich gerade das interessant. Ein und dasselbe Album wird eben von jedem komplett anders gehört, anders verstanden, ander aufgenommen und genau das macht doch irgendwo den Reiz von Musik aus. Fest steht, dass die Musikbloggingszene in Deutschland zumindest für den Rock- und Indiebereich gut zu funktionieren scheint.

Ich fand es zumindest amüsant, erhellend und vor allem auch spannend, andere Meinungen zu The Resistance zu lesen. Meine Meinung bleibt davon unbeeinflusst, aber ich kann die Kritik am Album dennoch nachvollziehen. Eines darf in jedem Fall gesagt werden: Das Album polarisiert, und das an sich ist meist schon ein sehr vielversprechender Ansatz Musik zu machen. Einheitsgedudel, dass im Hintergrund trällert gibt es schließlich mehr als uns allen lieb ist.

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