Recently Released | Portugal. The Man – In the Mountain in the Cloud

Mangelnden Fleiß kann man der Alaska/Oregon-Connection Portugal. The Man nicht nachsagen. Die Band aus Ex-Roadies hat sich mit extremem Tourprogramm und jährlichen Albumreleases in die Herzen einer immer größeren Fanschar gerockt und gespielt. Ich selbst bin seit dem zweiten Album Church Mouth treuer Albumkäufer und Konzertgänger der Band.

Das Fleißprogramm macht auch in diesem Jahr keine Pause. Am 17. Juli erschien mit In the Mountain in the Cloud das nunmehr sechste Studioalbum. Um soviel schon einmal anzudeuten: Ich habe so meine Probleme mit dem Album.

Der Stil der Band hat sich mittlerweile sehr stark weiterentwickelt. Insbesondere die Aufnahme des Tourkeyboarders Ryan Neighbors lies die Band ihre teils brachialen Gitarrenorgien zurückfahren und sich mehr den sanfteren, ausgeklügelteren Harmonien zuwenden.

Der Opener So American verrät zunächst noch Nichts über das Album. Die Melodieführung ist unverkennbar P.TM, ein wenig wird beatlesk mit Celli experimetiert, clapping und die rhytmische Gitarrenuntermalung im Refrain erinnern ein wenig an Cat Stevens Peace Train. Ansonsten reißt der Song zumindest während der ersten Durchgänge nicht unbedingt vom Hocker. Da kennt man deutlich kraftvollere Albumeröffner von der Band.

Floating (Time isn’t) legt da auch nicht wirklich nach. Die Oh-oh-ooooh-bridge kommt einem sehr vertraut vor. Die Instrumentierung haut einen auch kaum vom Hocker. Wäre da nicht ein hervorstechendes Gitarrensolo, man könnte fast vergessen, wie viel Gitarre üblicherweise die Musik von Portugal. The Man trägt getragen hat.

Got it all (This can’t be living now) ist da besser; mehr auf Druck geschrieben und eher dem bekannten Standard der Band entsprechend. Auch hier fällt auf, dass die Instrumentierung teils sehr stark dem Chanson entliehen wurde. Und überhaupt: Wie kann es sein, dass von elf Songs ganze sechs im Titel nicht ohne Klammer auskommen. Nennt doch eure Songs bitte gleich nach dem Refrain, wenn’s denn unbedingt sein muss. Aber das unentschlossene Doppeltitelausweisen kennt man sonst nur von schlechten Vier-mal-der-gleiche-Track-EPs und von Brian Adams.

Senseless hält das Niveau zunächst, macht meines Erachtens dann aber zu wenig aus dem Refrain. Da wäre brachiale Klanggewalt gefragt, stattdessen gibt es viel zu aufdringliches Keyboardgeklimper mit sehr grenzwertigen Standardsounds. Not cool.
So hangelt sich das Album weiter, teils mit guten Ansätzen, häufig mit einer Umsetzung, die zu wünschen übrig lässt. Richtig schlimm wirds bei Everything you See – Achtung, da kommt noch was – (Kids count Hallelujahs). Bei dem pseudo-oboigen Keyboardsound und dem nachfolgenden Orgelklimperriff wünscht man sich den unmittelbaren Bandausschluss von Ryan Neighbors.

Das Album schlägt sich dann weiter so durch. Echte Highlights wollen auch nach dem vierten und fünften Durchlauf nicht auftauchen. Echte Schnitzer gibt es außer dem Tonunfall aus Everything you see (…) auch nicht mehr. Alles in allem wird das Album ab Track 8 (ich weigere mich, einen weiteren Klammertitel zu schreiben) erfreulicher, spannender und ehrlich gesagt sogar richtig gut.

Das eigentlich Verwunderliche ist aber nicht die erste Enttäuschung beim Reinhören in das Album. Das wahre Wunder ist, dass man nach vielleicht zehn oder auch erst nach zwanzig Durchläufen plötzlich anfängt das Album zu akzeptieren und ein Stück weit zu lieben. Ich hatte ursprünglich vor, eine schnelle, sehr unerfreute Kritik zum Album zu verfassen. Es fing dann aber doch an zu wachsen. Letzlich muss man festhalten, dass In the Mountain in the Cloud bei aller berechtigten Kritik plötzlich doch gut wird. Vielleicht ist gerade das die Kunst daran. Ich weiß es nicht.

Portugal. The Man hatten schon deutlich schlechtere Alben, die mir meist erst nach einem Konzertbesuch ans Herz wachsen wollten. In the Mountain in the Cloud ist da deutlich besser, weil es ausgefeilter ist als man zunächst annimmt. Portugal. The Man hatten schon deutlich bessere Alben, allen voran Church Mouth, das mittlerweile schon fast klingt, als wäre es von einer anderen Band geschrieben worden. Und genau da liegt die Krux: Portugal. The Man sind mittlerweile eine Alternative Pop Band geworden. Die Zeiten der kleinen unbekannten Rockband aus Alaska sind quasi vorbei. Hier wächst ein mainstreamfernes Pop-Rock Monstrum heran, dass sich aufgrund seines Fleißes und seiner Andersartigkeit sein eigenes Mainstreampublikum definiert.

Portugal. The Man sind heute größer denn je, eigenständiger denn je, immer noch unglaublich vielschichtig und experimentierfreudig. Die Band hat sich im Laufe der letzten drei Alben schrittweise neu definiert und ist sicherer, beständiger und glatter geworden. Leider leidet die Qualität der Alben insofern, dass dynamische Vielseitigkeit, erfreuliche Sperrigkeit und berührende Intimität verloren geht. Die Blogosphäre belohnt es für mich überraschend mit überschäumendem Lob, ich kann nicht umhin ein Stück weit den alten Portugal. The Man nachzuweinen. Das Album ist gut, aber auf seine eigene Weise dann doch irgendwie enttäuschend.

 

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Recently Released | Trip Fontaine – Lambada

Es gibt diese Momente in der Musik. Man hört Musik einer Band und fühlt sich unmittelbar heimisch, verstanden, zufrieden, ja vielleicht sogar ein Stück weit erlöst. Für mich passiert das bei Bands, die erkennbar einen eigenen Stil prägen, die sich von Vermarktungsgedanken zumindest scheinbar nicht beim Songwriting beeinflussen lassen, die sich vielleicht auch trauen die ein oder andere Konvention links liegen zu lassen und einfach das musikalisch raushauen, was in ihnen schlummert.

Trip Fontaine schaffen genau das. Macht der Albumtitel Lambada vielleicht auch erst einen anderen Eindruck; schließlich sind wir alle noch geschädigt vom Jahr 1989, als ein gleichnamiger Song 10 Wochen lang die deutschen Charts anführte. Das Plattencover zu Trip Fontaines neuestem Werk dürfte da auch nicht ganz zufällig einen Strand zeigen, wenn’s auch nicht sehr brasilianisch aussieht…
Widmen wir uns aber mal dem eigentlichen Inhalt des Albums; der Musik.

Den Anfang macht ein Ruf nach Kunst. I’ll gain eternal Life hat Tempo, fängt aber zunächst noch eher ruhig an. Bedächtige Melodie, ein weing Gitarrengeklimper, ein paar Synths, Bass und Drums. Der Refrain lässt dann aber den Song erst richtig zur Blüte kommen. Und damit wird eine der tragenden Säulen des Albums schon freigelegt: Rock mit aufgedrehten Verstärkern, ordentlich Overdrive und Kraft. No Guts geht mit noch mehr Tempo rein, erinnert entfernt ein bißchen an diverse Bush-Nummern, bleibt aber der Trip Fontaine Linie des Albums absolut treu. Schön auch hier der dynamische Umfang des Stücks; ruhige Passagen finden ihren Platz neben High-Voltage Rock. Das gefällt.

Besonders schön: The lastest Type of Flu. Fast schon jazzig steigt der Song ein. Ein bißchen Becken, dazu Klänge wie aus einem Rhodes Piano und einen Groove, der sich durch den ganzen Song zieht. Dazu wieder die sehr relaxte Gesangsstimme und dann ein Refrain, der kein Morgen zu kennen scheint. Ein echtes Highlight. Bobo Blues macht dan Erinnerungen an Portugal. The Man’s Chicago wach. Distortion auf 100% und es wird losgebrezelt, was das Zeug hergibt. Dabei kommen aber Melodie und Ideenreichtum keinesfalls zu kurz. Ganz im Gegenteil eröffnet sich nach dem ersten Sturm ein ganz neuer Song; es geht wieder relaxt, groovy und behutsam zu. Besungen werden die harten Zeiten, der Rotwein, die Sterne und man trifft sich dann doch wieder bei Distortion auf Voll und Los! Genial gut.

Erste Entspannung gibt der Song Wit Taker her, der tatsächlich das Tempo reduziert, etwas Besinnung einkehren lässt und – moment mal, was ist das für ein Krach? Auch hier lassen Trip Fontaine den Song sich verändern und haben den Mut die eigentliche Songidee weiter zu denken. Die Songs bekommen die Chance sich frei zu spielen und größer zu werden, als das zunächst den Anschein hat. Fast wie in Trance wird so der Song zu einem Hort der Improvisation und Experimentierfreude. Ein bißchen verrückt, aber wahrhaft. New Sweater ist dagegen ein geradezu klassischer Indie-Popsong. Kurz, knackig eingängig. Zum Mithopsen und -grölen und -singen.

Weiter gehts mit Muskelschwede, wo mal wieder die Belastungsgrenze des Equipments ausgereizt wird. Vollstoff auf allen Fronten und die ganzen 3:40. Das könnte dann wohl schon Post-Rock sein. Jetzt darf dann aber auch Mario Basler mal mitspielen. Eine obertonverzierte “Ballade” (schlechter Wortwitz!!!) geziert durch eine wunderbar klare Bridge und einen wundersamen Zwischenteil. Fantastisch gut.

Take it easy, Karsten geht dann wieder etwas klassischere Wege und erinnert mich ganz stark an eine andere Band, mir ist aber bislang noch nicht eingefallen, an welche. Da ist nur dieses Gefühl … Wie dem auch sei; gute Indiepop-Nummer, schön untermalt mit Trompete an genau der richtigen Stelle. Sehr gut. Sehr gut auch Doom 1, das wieder einen Ticken schräger ist, bekannte Songstrukturen eher abzulehnen scheint und sich dennoch wunderbar zusammenfügt.

Den Schlusspunkt darf dann Sparkles setzen. Hier wird nochmal geradzu klassisch gerockt. Dabei ist Sparkles nochmal eine ungehemmte Rocknummer die ein würdiges Ausrufezeichen hinter das gesamte Album setzt.

Lambada ist zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd gewöhnlich. Trip Fontaine haben ein Album zusammengestellt, das seinesgleichen suchen muss. Hier wird auf höchstem Niveau gerockt, dabei kennt die Band keine Angst vor ihrer eigenen Courage und keinen Respekt vor “Betreten-Verboten”-Schildern. Hier wird abseits der Wege gerockt. Dazu kommt eine makellose Produktion, die überhaupt keine Wünsche offen lässt. Trip Fontaines drittes Album ist nicht bloß gute Musik, das Album hat das Zeug, dass beste Album des Jahres zu sein. Hier scheint eine Band über sich selbst hinaus gewachsen zu sein, die ich vorher noch gar nicht kannte, die aber nach Lambada unbedingt gekannt werden sollte.

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(Soon to be) Recently Released | The Great Bertholinis – Gradual Unfolding of a Conscious Mind – Part 3

Zugegeben, meine klassische Kategorie Recently Released musste ein wenig verbogen werden für diesen Post, aber ich bin gerne bereit hier einmal Fünfe gerade sein zu lassen. Es geht nämlich um große Kunst; wirklich große Kunst.

Der Popkiller wars mal wieder; völlig unscheinbar segelt mir da vor einigen Tagen ein Reviewexemplar einer CD mit dem wunderschön-sperrigen Titel Gradual Unfolding of a Conscious Mind – Part 3 ins Haus. Der Bandname The Great Bertholinis sagte mir Nichts und ehrlich gesagt verhieß der auch scheinbar nichts Gutes. Scheinbar, wohlgemerkt.

Gradual Unfolding (Ich kürze es mal ein wenig ein) beginnt auch eher gewöhnlich. Wundervoll, aber doch gewöhnlich scheint das Intro Bright Days (Intro) zunächst ein relativ gewöhnliches Album anzukündigen. Hier klingts nach Donovan und ein bißchen erinnert es an die Eröffnung von Variety Lab, allerdings gemischt mit Akron/Family, was in etwa so gut passt wie Osterhasen unterm Weihnachtsbaum. Aber es funktioniert prächtig. Mit Run to Hide kommt es aber dann doch noch ganz anders. Hier wird klar, dass es hier eben nicht um klassischen Indie-Pop/-Rock geht. Erinnerungen an The Doors und deren Alabama Song lassen sich für das geschulte Ohr nicht vermeiden. Damit beginnt die etwas verrückte Reise, auf die uns The Great Bertholinis mitnehmen. Musikalisch werden hier Einflüsse in den Klang und die Arrangements eingebracht, die auf den ersten Blick eher unvereinbar scheinen: Donovan, The Doors, The Beatles, Cake, Fat Freddy’s Drop und so viele mehr, dass ich sicher bin die Hälfte gar nicht zu kennen. Vordringlich auch der leichte Südosteuropäische Klangeinschlag, der dem Promomaterial nach in Ungarn beheimatet sein soll.

I am Can beispielsweise erinnert mich aber erstmal ziemlich stark an die Niederländer von Voicst, was an der leichten poppigen Art liegen dürfte, in der dieser Song sich breit macht. Die Bläserarrangements tun natürlich ihr Übriges dazu. Wirklich gute Laune in Musikform. Weiter gehts mit The Things I Gave, einer Nummer, die sich wieder mehr dem Südosten unseres Kontinent zuwendet. Eingeleitet wird zunächst krachig-rockig, dann kommt etwas Geflöte und dreht die Erwartungen auf den Kopf. Ich liebe so etwas. Der Song wackelt dann auch hin und her zwischen ungarischem Volksfest und Ska-inspiriertem Indie-Pop. Einfach Cool.

Puzzle with a Million Thoughts scheint dagegen John Lennon und die späten Beatles wieder aufleben zu lassen. Eine fantastische, eher ruhig angelegte Nummer, die auch wieder durch ein sehr sorgsames Arrangement und eine auf den Punkt gebrachte Produktion zu glänzen weiß. So gut, dass man sogar den Lala-Teil am Schluss ohne Abzug verzeihen kann. Why do you Trust fängt zunächst etwas desorinetiert an, fängt den Hörer dann aber doch schnell ein und zeigt in Richtung sanftem aber großartig aufgebautem Refrain. Das ist auch das schöne an The Great Bertholinis: Sie wissen auch mit leisen Tönen umzugehen und den maximalen Effekt durch eine geniale Komposition zu erzielen.

Lucky Pinto kommt wieder deutlich poppiger daher, mehr Tempo, mehr Ska-Einfluss, etwas weniger schräge Ideen aber dennoch ein fantastischer und sehr positiver Song. String Puppets and Bees wird dagegen wieder orchestraler/philharmonischer. Geradzu lautmalerisch der Einsatz der Bläser, ganz zaghaft untermalt durch Bass und rhythmisiert durch Gitarre. Sehr schön auch die chorale Unterstützung im Refrain. Ich weiß nicht genau woran es liegt, aber man fühlt sich fast schon in die 1920er Jahre zurückversetzt. Wahrscheinlich sind es die wunderbar blechernen Trompeten und der auf Grammophon getrimmte Gesang. Toll.

Resetera rockt dagegen schon fast beängstigend mit breitem Bassriff los. Kommt dann etwas braver daher, als man erwartet und vielleicht auch als man sich wünscht; es bleibt aber eine Nummer, die voll das Niveau der anderen Songs hält. Feine Arrangements, gute Instrumentierung, gutes Songwriting. Zucker Serenade ist die vielleicht beste Komposition auf dem ganzen Album. The Great Bertholinis haben hier keine Scheu davor wirklich groß zu klingen, halten sich in (gut dosiertem) Pathos genauso wenig zurück wie in der großen musikalischen Geste. Ein echter Gassenhauer, wenn man so will.

Den Abschluss bilden die ruhigen Stücke Lost the Key und Bright Days. Während Lost the Key sehr gefühlvoll mit Dynamik spielt, ist Bright Days die vollendete Fassung des schon als Intro verwendeten Themas. Auch hier wieder der starke Bezug zu Donovan und Variety Lab und das gute Gefühl, ein wirklich gutes Album gehört zu haben.

The Great Bertholinis sind musikalisch mutig unterwegs. Die acht Musiker haben offenbar eine eigene Nische gefunden und haben sich darin breit gemacht. Die Musik ist so vielseitig, das echte vergleiche wirklich schwer fallen. Akron/Family fällt mir mehr als einmal ein, weil beide Bands ähnlich breite Einflüsse in ihrer Musik verarbeiten, wenn auch Akron/Family deutlich mehr King Crimson gehört haben dürften. Das schöne ist aber, das The Great Bertholinis vor allem klanglich für sich stehen. Das kommt auch in der nahezu perfekten Produktion voll zur Geltung und kann gar nicht genug gelobt werden. Gradual Unfolding of a Consious Mind – Part 3 ist damit ein musikalisches Kleinod und ein echter Schatz. Absolut Topp!

Das Album erscheint am  22. Oktober. Da The Great Bertholinis aber bereits auf Tour sind, wollte ich hier nicht so lange warten, die Platte zu besprechen. Ich schätze live ist die Band ein echtes Erlebnis, daher auch die Empfehlung die Gelegenheit zu nutzen. Termine gibts bei Hazelwood Tourism.

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Recently Released | Bonaparte – My Horse Likes You

Musikblogging ist nicht immer ein einfaches Hobby: Zwar höre ich mehr oder weniger den ganzen Tag Musik, wenn es die Situation zulässt, aber nicht immer bin ich der Meinung, auch etwas dazu sagen zu müssen. Für den Popkiller ist das besonders schwierig zu lösen, da ich hier trotzdem Worte finden muss, die Musik zu beschreiben und zu bewerten. Auf Retrozension.de habe ich den Luxus, tatsächlich nur über das schreiben zu können, was mich wirklich bewegt und beeinflusst. Das hat zwar zur Folge, dass es hier kaum böse Rezensionen zu lesen gibt, dennoch empfinde ich es als sehr befreiend, all die schlechte Musik ignorieren zu können, die uns heutzutage so tausendfach um die Ohren fliegt.

Umso erfreulicher finde ich es, dass ich mal wieder – und mal wieder durch den Popkiller – an eine Entdeckung gekommen bin, die mich unmittelbar und nachhaltig begeistert. Die Band heißt Bonaparte, kommt mehr oder weniger aus Deutschland und macht so unbeschwert und kreativ Musik, dass sich nach meiner Ansicht alle Mainstream-Acts der täglichen Radio-Rotation ehrfürchtig auf die Knie werfen müssten. Bonaparte sind nur schwer einem Genre zuzuordnen (ein Umstand, der nur selten schlecht ist). Die Musik vereint Elemente aus Pop, Rock, Swing, Western, russischer Volksmusik, Elektronika und mindestens 45 anderer Musikrichtungen die mir entweder unbekannt sind oder die einfach noch keinen Namen haben. Und das ganze wirkt so ausgesprochen lässig, leicht und natürlich, dass es mir mal wieder alle musikalischen Sinne freigespült hat.

Das Album beginnt zunächst undefinierbar mit einer Ouverture, die halb orchestral, halb elektronisch wirkt/ist. Viel mehr als eine musikalische Randnotiz ist sie mit ihrer minnenhaften Melodieführung jedoch nicht. Hinweise auf das, was das Album noch zu bieten hat sind nur zu erahnen und leiten erst gegen Ende den eigentlichen Opener und Titeltrack My Horse likes You ein. Ein Elektropunksong erster Güte, der aufhorchen lässt dank seiner Kraft, Einfachheit überbordenen Idiotie und einem Beat, der zur Bewegung förmlich zwingt. Hier werden Erinnerungen an die Band Cake wach, die zwar musikalisch ganz anders unterwegs sind, deren Songs aber die selbe Motivation zu haben scheinen. Im direkten Vergleich darf Bonaparte aber als verrückter und frischer bewertet werden.

Computer in Love setzt den Trash-Ansatz konsequent fort und erzählt zu viel Elektronischem die stalkerhafte Liebeserklärung eines Computers an seinen Besitzer: Sozialkritik und eine ganze Menge Humor inbegriffen, ohne das es irgendwie angestrengt wird. Hier wird Elektronika und Rockmusik miteinander vereint und verschnitten, ohne das es dabei den geringsten Gegensatz zu geben scheint. Fast als wären die Genres dafür gemacht, kombiniert zu werden.

Boycott Everything könnte 1:1 auch von den Woog Riots stammen. Der Text mehr gesprochen als gesungen, die musikalische Untermalung verlässt sich mehr auf Keyboard und Synthie-Sounds denn auf Gitarre und dennoch hat man permanent das Gefühl eigentlich ein kleine Punkhymne zu hören. L’etat c’est moi klingt dann sogar wirklich verdächtig nahe nach Cake, hier wird tatsächlich schwerpunktmäßig gerockt. Der Gesang kurz vor der Schreigrenze könnte der Song aber genausogut von The Strokes oder The Hives stammen.

Besonders gut gefällt mir dann Fly a Plane into Me. Die vielleicht leichteste Nummer auf dem gesamten Album. Eine zuckersüße Melodie, leicht untermalt mit Gitarrenriffs, die mich an Voom erinnern und leichten Keyboardssounds, die wieder an Woog Riots denken lassen. Rave Rave Rave lässt dann Western Swing auferstehen, indem das ganze Stück konsequent nach Saloon-Piano klingt. Darüber wieder ein Gesang, der eigentlich näher an der Spoken-Word-Performance liegt. Der Text wortverliebt und wortwitzig und alles schreit geradezu danach das Tanzbein zu schwingen.

Intermission in Mexiko greift kurz nochmal die Ouverture auf, wirft ein paar musikalische Fragmente in den Raum und erfüllt an sich weiter keinen Zweck, als den Raum zwischen dem letzen und dem nächsten Song zu füllen. Transportiert dabei aber hervorragend die Stimmung von Western Swing rüber zum Balalaikapolkapunk der uns im Song Technologiya erwartet – samt russischem Refrain. Dazu dieser wunderbar idiotische Lobgesang auf die Technologie: “Technolgy will outlive us all!”. Einfach riesig!

Wir sind keine Menschen bleibt ebenso rockig, packt auf die leichte Punknummer Technologiya aber noch eine Schippe Härte drauf und rockt in bester Alternative Manier bis die Fetzen fliegen. Englische Strophe, deutscher Refrain, und trotzdem – oder gerade deswegen – wird daraus ein ganz großer Song auf My Horse Likes You. Ein echter Entfruster. Und ein harter Kontrast zum Folgenden My Body is a Battlefield, das sich wesentlich stärker auf Elektronika konzentriert und die Gitarre erst im Refrain emanzipiert, dann aber voll einen auf Indierock macht.

Mit Unterstützung von Modeselektor folgt dann Orangutan, eine wieder stark elektronische Nummer, die textlich wieder einmal Volltrash ist, aber dennoch musikalisch zu überzeugen weiß. Die Synthies dürfen auch bei Adabmal die Hauptrolle spielen, dabei sogar kanglich kurz Erinnerungen an Pink Floyds Wish You Were Here Album wecken, nur um dann scharf in Richtung Orient abzubiegen. Textlich passiert nicht viel, als kurz vor Schluss-Nummer aber ein voll gelungenes Stück.

Ein Trommelwirbel läutet dann das Ende des Albums ein; der Titel treffenderweise The End, fahren Bonaparte nochmal kurz auf, was sie so alles in ihrem Repertoire stecken haben: Gitarren, Synthies, Keyboards, Drums vereinen sich in einer kurzen Kakophonie, die letzlich aprubt von Stille abgelöst wird, bis sich schließlich der freundliche Mitarbeiter der Bonaparte Helpline meldet.

Ende eines grandios kreativen, sehr trashigen Albums das von Anfang bis Ende einfach nur erfrischend gut ist. Mir bleibt nur die Verneigung vor der scheinbaren Leichtigkeit und Unverfrorenheit mit der das Album geschrieben und produziert wurde. Sicher nichts fürs Mainstream-Radio, aber musikalisch ein voller Gewinn. Für solche Bands blogge ich.

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Recently Released | Portugal. The Man – American Ghetto

Endlich komme ich mal wieder dazu ein wenig zu bloggen. Und es gibt auch tatsächlich noch etwas zu berichten. Portugal. The Man haben schließlich ihr neues Studioalbum American Ghetto herausgebracht.

American Ghetto macht vieles anders als bisherige Portugal. The Man-Alben. Noch kein Album bisher hat soviel Wert auf eine ausgefeilte Produktion gelegt. Auch war kein Album bisher so angereichert mit Keyboard- und Synthiesounds.

Das merkt man noch nicht unbedingt beim Opener The Dead Dog. Dieser klingt zwar auch schon stark produktionslastig, ist aber immerhin noch ein klarer midtempo Rocksong. Das darauffolgende Break ist tatsächlich nichts mehr als ein Übergang zwischen  dem Opener und dem folgenden 60 Years. Das wird getragen von dem mittlerweile so unverwechselbaren Groove, der Portugal. The Man so eigen ist. Der Song ist ungewohnt percussionlastig. Die Gitarren werden fast nur zur Ausschmückung genutzt.

Für Portugal. The Man, deren Musik sich bislang meist durch experimentelle Elemente auszeichnete, klingt das zunächst sehr ungewöhnlich. Es macht aber Sinn, denn die Band experimentiert auch auf American Ghetto. Allerdings ist das Mittel des Experiments der Mainstream. Portugal machen Popmusik mit ihren Regeln. Im Ergebnis sind das wirklich gute Songs, die zu keinem Zeitpunkt schlecht oder unpassend klingen.

Das gute daran ist, dass Portugal nun soundmäßig mehr Freiheiten haben. So wechseln auch die Gitarrensounds durch verschiedene Genres, schreien mal wie in All my People, sind butterweich wie in Some Men, schneidig wie in 1000 Years oder funkig wie in The Pushers Party. So kann die Band sich hier einmal ganz neu ausleben, und das tut gut. Besonders beeindruckend finde ich den letzten Song des Albums, When the War ends. Das ist eine so astreine Popnummer, dass man sich tatsächlich fragen möchte, ob das noch Portugal. The Man sind. Aber es lässt sich nicht leugnen dass sie es sind und gerade das finde ich so erstaunlich und erfreulich, dass ich immer mehr Respekt vor der Leistung der Band habe.

Negativ erscheint, dass zwar alles Songs wirklich gut sind, aber selbst nach mittlerweile fast 50 Durchläufen kann ich kaum sagen, welcher Song wirklich grandios ist. Insgesamt scheint ein wenig Ecke zu fehlen, an der man sich festhalten kann, und das ist für mich ein Novum bei einem Portugal. The Man Album. Allerdings sollte man dieses Manko ins rechte Licht rücken, denn gravierend ist dieser Kritikpunkt wahrlich nicht. American Ghetto ist ein wirklich gutes und vielseitiges Album, dass die schon beachtliche Diskographie der Band würdig erweitert. Die typischen Elemente sind auch auf teils fremdem Genreterrain erkennbar und besonders der Groove der Band ist in jedem Song stärker erkennbar, als es dies bisher der Fall war. Für jeden Fan der Band ein unbedingtes Muss, für alle anderen eine dringende Empfehlung.

Besonders freue ich mich darauf, wenn Portugal zu diesem Album in Deutschland touren. Ich bin wahnsinnig gespannt, wie dieses Album live umgesetzt wird und bin mir sicher, dass es dabei wieder einmal eine neue Dimension hinzugewinnt.

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Recently Released | White Rabbits – It’s Frightening

Das Jahr fing gut an. Der erste Stapel CDs vom Popkiller enthielt neben Adam Arcuragi und Tommy Finke auch die CD der White Rabbits. Das erste der drei Alben, das ich einlegte war eben das der White Rabbits, und ich war schon beim ersten Song hellauf begeistert. Wie es sich herausstellen sollte, war es auch die einzige der drei CDs, die mich nachhaltig zu begeistern wusste. Adam Arcuragi fiel leider wegen Produktionsfehlern durch, Tommy Finke bekam einen sauberen Verriss, zeigte sich aber per Twitter zumindest  als guter Nehmer und retweetete mit den Worten: “Mein erster Verriss”. Es sollte nicht der letze sein, wie sich mittlerweile zeigte.

Aber zurück zu den White Rabbits. Die stammen eigentlich aus Missouri, leben aber wohl mittlerweile in Brooklyn, sind zu sechst (!)  und haben bereits im Mai letzten Jahres ihr Zweitlingswerk names It’s Frightening auf den US-Markt geworfen und immerhin eine Platzierung (#184) in den Charts erreicht. Im Januar kam das Album jetzt auch auf dem heimischen Markt in die Läden und ich muss sagen, dass sich ein Kauf sicher lohnt.

Die White Rabbits haben einen sehr eigenen Stil entwickelt Musik zu machen, die auch von Radiohead und Travis sein könnte, aber durch die White Rabbits-Note dann doch überraschend eigenständig klingt. Das gefällt mir persönlich wirklich gut. Schon der Opener Percussion Gun kann auf ganzer Linie überzeugen. Ein scheinbar simpler Rythmus bietet die treibende Kraft, doch wer versucht mal eben schnell mitzutrommeln kommt schnell dahinter, dass hier das Taktmaß doch auf spannende Weiße verschoben wird. Das ganze wird ganiert mit gut dosierten Gitarren und Klaviereinlagen (Bass gibts selbstverständlich auch). Dazu der sehr angenehme Gesang und fertig ist ein Song, der eigentlich nur als Hit bezeichnet werden kann. Da unsere heimischen Radiostationen aber mit dem Begriff erschreckend inflationär umgehen, sollte man einfach mal festhalten, dass es ein verdammt guter Indie-Rock-Song ist.

Rudie Fails macht gut weiter; etwas ruhiger aber wieder mit einem bestechend guten Percussioneinsatz und insgesamt großer Zurückhaltung in der Gesamtinstrumentierung. Trotzdem weiß die Nummer ordentlich zu rocken. Wirklich gut! Und gut geht es weiter mit They done Wrong/We done Wrong. Einer wunderbar melodiösen Nummer, die sich auch wieder mit einem sehr gut dosierten Instrumenteneinsatz zeigt. Treibende Kraft wie in allen Songs ist auch hier die gut ausgebaute, aber nicht aufdringliche Percussion-Sektion. Hervorragend untermalt durch simple aber effektive Gitarrenriffs und sparsame Klaviereinsätze. Überhaupt ist das der rote Faden im Werk der White Rabbits. Alle Musiker verstehen sich hervorragend darauf, sich der Bandleistung unterzuordnen. Allein der auf dem Album verübte Verzicht auf ausufernde Klavierparts ist ein sher seltenes Phänomen in Bands mit Pianisten. Aber es funktioniert aufs Beste.

Lionesse erinnert sehr stark an die Kollegen der Band Alter Me, ist sehr kraftvoll und macht weiter mit den Qualitäten, die schon die vorhergehenden Songs auftischen. Das nachfolgende Company I Keep ist dann vielleicht das absolute Highlight der Platte; ein wunderschön ruhiger Song, der sehr stark aus der weiten Klangatmosphäre schöpft und dem viel Raum zum Entfalten gegeben wird. Durch die später einsetzende dezente Mehrstimmigkeit klingt der Song wunderbar melancholisch und leidenschaftsvoll. Dabei wissen auch hier die einzelnen Instrumente genau, wieviel Einsatz erforderlich ist, um die maximale Wirkung zu erzielen.

Der sehr gezielte instrumentale Einsatz ist die große Leistung der White Rabbits auf It’s Frightening und das setzt sich auch in den verbleibenden fünf Songs so fort. Hier wird kein Stück instrumental überfrachtet, es gibt keine Klangexperimente, die in die Hose gegangen wären. Dazu kommt eine glasklare und wirklich hochprofensionelle Produktion, die das Beste aus der Band herauszuholen weiß. Mit It’s Frightening ist bereits das erste neue Album des Jahres in meiner Sammlung ein heißer Anwärter auf die Jahres-Top10. Die wirklich sehr schmale Nische zwischen Radiohead, Travis und Alter Me wurde aufs Beste mit den White Rabbits gefüllt. Die klingen erfreulich stark und vorrangig nach sich selbst, haben elf zurückhaltende aber doch auch elf wunderbar rockige Nummern in einer Großbesetzung geschrieben und vertont, klingen dabei aber doch angenehm klein und haben mir damit eindrucksvoll bewiesen, dass weniger manchmal sooo viel mehr sein kann.

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