You Asked For It | Klubgrün – Neon Me

Klubgrün klingt jetzt vom Namen her erstmal nicht unbedingt nach Musik, die auf Retrozension.de gut aufgehoben sein könnte. Man denkt an Clubmusik, sowas wie House, Dance und andere schlimme Dinge, die versucht haben einem die 90er Jahre musikalisch zu vermiesen. Der Albumtitel Neon Me verstärkt diesen Eindruck natürlich noch. Neon ist ja grundsätzlich schlimm. Soviel erstmal zum unvoreingenommenen Herangehen an eine neue Rezension…

Also, MP3’s beim Label Deafground Records laden, in die Musicplayer-Software des Vertrauens aufnehmen und los geht die Reise. Es begrüßt einen der Song Crystal Palace mit fetten Elektrosounds, die selbst Daft-Punk zur Ehre gereichen und man stellt sich innerlich schon auf ein Vollelektroalbum ein, da setzen auch schon die Gitarrenbretter ein. Konsequenz bei mir: Spontane Begeisterung und großes Interesse. Der Song hat Druck, wird durch die Elektroelemente ziemlich cool ergänzt und die Nummer geht so butterweich ins Ohr. Cute Girl legt ähnlich nach, schneller Beat, Elektronik, Gitarren und ein Gesang der unweigerlich an Placebo erinnert, und zwar nicht zu knapp.

Neon, treibt das Spiel weiter. Elektrobeats die auch im Soundtrack zu Tron 2.0 nicht auffallen würden, im richtigen Moment setzen dann die Gitarrenbretter ein und … Man mag langsam ein Muster erkennen. Klanglich bewegen wir uns hier Irgendwo zwischen Depeche Mode, Urlaub in Polen, Apoptygma Bezerk, Placebo und Daft Punk und die Mischung, so unwahrscheinlich sie zunächst auch anmuten mag, passt wunderbar.

Songhighlights sind Colors Are Changing, Synapses Colliding und auch das schon erwähnte Crystal Palace. Insgesamt leistet sich das Album aber keine Schwachstellen und ist von Sekunde eins an kurzweilig und durchgehend tanzbar. Zugegeben, in Sachen Songstruktur, Tempi oder Stimmung gibt es im Verlauf der elf Tracks nicht allzuviel Variation, aber das muss es auch gar nicht. Als Album wirkt Neon Me wie aus einem Guss und macht von vorne bis hinten Sinn.

Erwähnenswert ist auch, dass das Album zum Release für einige glückliche Facebook-Freunde der Band kostenlos herunterzuladen sein wird. Veröffentlichungstermin ist der 15. Juni. Wer Spaß an Elektro-Indie-Rock hat, dem kann man die Befreundung nur ans Herz legen. Mehr Infos gibts auf der Homepage von Klubgrün. Neon Me ist ein Klasse Album und wird mit Sicherheit viele Fans finden. Mir macht es zumindest bislang viel Freude.


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Recently Released | The Audience – Hearts

Es ist doch immer wieder eine Freude, wenn man eine Band aus deutschen Landen als Konstante in der Musiklandschaft wahrzunehmen vermag. The Audience gehören für mich langsam in diese Kategorie, und sie verdienen sich ihren Platz mit ihrem nunmehr dritten Album, betitelt diesmal schlicht Hearts, auch wenn es erst ganze vier Jahre nach dem Vorgänger erscheint.

The Audience, das war auch schon auf Dancers and Architects eine spannende Mischung aus Midtempo bis schnellen Stücken, die irgendwie alle voll tanzbar wirken und dann doch in der Stimmung eine spannende Melancholie durchblicken lassen. Vom Genre her müsste die Band ganz grob in die Britpop-Ecke gestellt werden, so richtig gerecht wird das dem Sound der Band aber sicherlich nicht. Letzten Endes muss mal wieder das nichtssagende Label Indie Rock herhalten. Hearts reiht sich klanglich fast nahtlos an den Vorgänger an; dennoch wirkt Hearts irgendwie ein wenig anders, vielleicht nachdenklicher, vielleicht einfach nur erwachsener.

Zwölf Tracks bietet das neue Album und, wie es der Presse-Beipackzettel ganz stolz erwähnt: Es braucht keine Balladen um ein stimmungsvolles Album zu erschaffen. Das zeigt besonders schön der Titel Waves, der mit starkem, Zusammenspiel der Rythmus-Achse aus Bass und Schlagzeug einen treibenden, aber dennoch in der Grundatmosphäre sehr ruhigen Song darstellt. Hier zeigt sich auch, dass The Audience mittlerweile mehr Spaß am Klangexperiment gefunden haben. Die Leadgitarre, wenn man das hier mal so nennen darf, bestreitet den Song mit viel Effekt und überwiegendem ‘Obertongewimsel’. Das klingt jetzt böse, ist aber gar nicht so gemeint; der Song fasziniert dank der Ruhe, die er trotz schnellem Schlagzeugspiel ausstrahlt. Schön, dass die Band diesem recht minimalistischen Song auf dem Album auch ausreichend Zeit einräumt. Die siebeneinhalb Minuten sind was die Tracklänge betrifft auf dem Album ansonsten klar unerreicht.

Besonders gut gefällt mir auch der Track The Lesser Things. Auch hier klingt wieder eine gehörige Portion Melancholie mit. Das ganze mit einem stark vom Bass getragenen Grundbeat und wieder effektvoll eingesetzen Gitarre und Keys. Besonders der Refrain packt dann emotional stark zu. Klasse Sache. Aber natürlich haben auch etwas weniger dunkel wirkende Stücke ihren Platz auf Hearts gefunden. Ich denke da insbesondere an Burning, Sirens oder auch das besonders starke We won’t get Home.

Alles in Allem darf man festhalten, dass sich The Audience auf Hearts keinen einzigen Schnitzer erlauben. Die Band bleibt sich und ihrem besonderen Stil erfreulich treu, evolutioniert sich in nachvollziehbarem Maße: Echte musikalische Innovationen findet man auf dem Longplayer sicher nicht, aber das was The Audience auf ihrem dritten Studioalbum bieten ist mehr als bloß solide Handarbeit. Hearts bietet sehr engagierten, sehr aufrichtigen und gefühlvollen Indierock zum bewussten Zuhören und Genießen.

P.S.
Leider musste die Band aus nicht näher benannten gesundheitlichen Gründen die geplante Release-Tour absagen. Ich wünsche den Jungs an dieser Stelle, dass die Gründe hierfür bald überstanden sind und alle wohlauf weiter Musik machen können.


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Recently Discovered | Crime Killing Joker Man – Beautiful Loser

Es sind diese Momente, die mir als Musikblogger und Hobby-Rezensionist immer wieder am meisten Spaß machen: Eine unschuldige Promomail schafft unerwartet den weiten Weg von Irgendwo bis in mein eigenes Mailpostfach, ist nicht so plump und doof geschrieben wie so viele andere Promomail,  die eigentlich nur sagen, dass Künstler X besonders geil ist und ich dass doch bitte unbedingt der Welt da draußen mitteilen sollte, um Teil der Geilheit zu sein, die sich da gerade unvermeidlich breit macht. Sowas bleibt bei mir grundsätzlich unbeachtet. Anders aber geht es mir mit der Mail von Dangereux Booking, die nicht nur den richtigen Ton getroffen haben, sondern es auch geschafft haben, Hörproben verfügbar zu machen, und zwar nicht nur einen Song, sondern gleich das ganze Album.

Es hat gewirkt, und sohabe ich gleich ein wenig Begeisterung verspürt für eine Combo aus dem wunderschönen Freiburg. Crime Killing Joker Man gehen demnächst auf Tour, soviel zur Promomessage, Termine findet ihr am Ende des Posts. Wichtiger aber sind zwei andere Nachrichten: Crime Killing Joker Man veröffentlichen demnächst ein neues Album und haben mir freundlicherweise auch ihr Vorgängerwerk Beautiful Loser zugeschickt. Und das ist wirklich gut.

Veröffentlicht wurde das Album anfang 2011; mir ist das leider völlig entgangen, aber es ist ja nie zu spät, gute Musik zu entdecken. Musikalisch liegen Crime Killing Joker Man nicht sehr weit weg von den Arctic Monkeys, sie schaffen es aber auf wunderbar entspannte Weise einen sehr eigenständigen Sound zu entwickeln. Die Stimmung des Albums ist grundpositiv. Das Album entwickelt über seine Spielzeit eine überraschende Leichtigkeit, die mit jedem Durchlauf zuzunehmen scheint. Irgendwie musste ich beim Hören oft auch an Cake denken, die zwar ganz anders klingen, aber ebenfalls diese erfrischende Unbekümmertheit an den Tag legen.

Gehen wir aber lieber einmal auf die Songs ein. Den Anfang macht Love does not grow on Trees, eine Nummer die unmittelbar zum Tanzen reizt; nur leicht verzerrte Gitarren, Standard-Rock-Beat, packender Refrain, der beim zweiten Durchlauf mitgesungen werden kann. Crime Killing Joker Man machen hier alles richtig. Die musikalische Nähe zu den Arctic Monkeys lässt sich keine Sekunde leugnen, dafür gäbe es allerdings auch keinen Anlass. Weiter geht es mit Scumplay, hier ist es besonders der versetzte Einsatz der Gitarren im Refrain, der die Nummer abhebt. Das Tempo ist etwas reduziert, die Stimmung etwas dunkler als im Opener. Am besten ist aber das Noise-Solo kurz vor dem letzten Strophen-Refrain-Block. Toller Track!

Bottle setzt dagegen geradezu als Popnummer an. Auch hier wieder ein wunderbar tanzbarer Beat, eine tolle Melodie, eine sehr mit Bedacht aufgebaute Produktion. Im Refrain folgt das Bekenntnis zum Rock, ohne das der Song dadurch einen nicht nachvollziehbaren Bruch erlebt. Insbesondere in der Bridge kommt bei mir auch das erste Mal das Gefühl der geistigen Verwandtschaft mit Cake auf. Divided Comedy ist dann die erste Nummer, die stilistisch ganz andere Wege geht: Sehr ruhig und erzählerisch, wunderbar komponiert und im Grunde eher ein Singer/Songwriter-Stück, denn eine echte Rocknummer. Das Gute daran ist aber, dass das Stück perfekt funktioniert. Auch auf einem sonst eher rockigen Album, auch inmitten von tanzbarem Songmaterial, denn das ist die nächste Nummer No matter what we Decide definitiv. Wieder ein sehr stimmungsvoller Rocksong, dennoch: simple Songstruktur, keine unnötige Verschnörkelung. Das ist Songwriting auf den Punkt. Super! Die Stimmung ähnelt der des nächsten Songs City I know: Irgendwie positiv aber mit einem leicht melancholischen Einschlag. Auch in diesem Song schaffen es Crime Killing Joker Man wieder in der klanglichen Nachbarschaft der Arctic Monkeys einen sehr eigenständigen Sound zu behaupten.

Das Album bewegt sich auch im Weiteren genau in diesem Spannungsfeld zwischen Brit-Rock-Punk-Pop und Singer/Songwriter-Genre. Dabei ist ein Song so gut wie der andere. Crime Killing Joker Man erlauben sich keine auch noch so kleine Schwäche. Besonders hervorzuheben bleibt aber dann doch noch der Titelsong Beautiful Loser. Hier wird nicht nur gerockt, in der Nummer geht in der Tat der Punk ab: Treibenden Rythmus, fantastische Dynamik, sehr präsente Gesangsperformance und ein Hook, der Jeden aus den Stühlen direkt auf die Tanzfläche zieht. Besonders schön dann auch die russische (?)  Gesangseinlage. Der Song macht unglaublich viel Spaß und beweist für sich alleine schon, dass Crime Killing Joker Man eine Band ist, von der man noch was zu erwarten hat.

Alles in Allem ist Beautiful Loser eine fantastische Entdeckung aus deutschen Landen. Ein Album, dass vom ersten Moment an vor Allem sich selbst treu ist, dass eine überraschend große Bandbreite an Stimmungen liefert, dass sich keine Fehltritte leistet und das obendrein auch noch unglaublich viel Spaß macht. Ich bin rückhaltlos begeistert. Besonders freut es mich, dass so eine Band mal nicht aus Hamburg oder Berlin ihren Weg starten muss, sondern dass es auch im Breisgau Produzenten zu geben scheint, die sich um Nachwuchsbands kümmern. Die deutsche Provinz hat nämlich deutlich mehr zu bieten, als es die Kataloge der Indie-Labels vermuten lassen. Crime Killing Joker Man sind dafür sicher der beste Beweis.

Tourdaten (HINGEHEN!):

10. März, Esslingen, Komma
11. März, Landshut, Wintergarten
14. März, Dresden, Zille
15. März, Weimar, Zum Falken
17. März, Leipzig, Metarosa,
21. März, Molotow Support Veronica Falls
25. März, Reng Teng Teng

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Seen Live | My Glorious / Jupiter Jones – Konvoi Tour – 29.10.2011 – Substage / Karlsruhe

Licht und Schatten. Wenn der Samstagabend im Substage in Karlsruhe ein eigenes Moto gesucht hätte, dann wäre Licht und Schatten das mit Sicherheit Passendste gewesen. Es spielten auf: Jupiter Jones, die Schreiber und Performer der besten Radionummer, die das Jahr 2011 zu hören bekam, begleitet von My Glorious, dem Wiener Dreier der gerade sein zweites Album auf den Markt gebracht hat und meines Wissens in Deutschland noch keine Airtime bei einer der großen Radiostationen verbuchen konnte.

Gehen wir erst einmal auf den Teil des Abends ein, der für mich eindeutig und unanfechtbar Schatten war: Jupiter Jones. Wenn man dem Auftritt der Fünf-Mann-Combo ein eigene Motto verpassen wollte, dann wäre es dies: Ein Blindes Huhn findet auch mal ein Korn. Dabei standen die Vorzeichen gar nicht schlacht. Wie gesagt, Still ist für mich das beste Radioliedchen des Jahres, die Band konnte mich trotz deutschem Text damit im Sturm für sich gewinnen. Die Band kommt aus Rheinland-Pfalz, auch das weckt bei mir große Sympathien; außerdem ist es eine echte Band: Fünf Freunde, die zusammen musizieren weil es Ihnen Spaß macht. Die Gesangsstimme: kraftvoll und eindringlich; die Instrumentierung: pompös aber gut bedient; die Sounds; knackig und perfekt aufeinander abgestimmt. Selten hab ich einer Gruppe so sehr den Erfolg gegönnt.

Aber was sich dann aber im Substage zeigte, deutete sich schon auf dem aktuellen Album an: Die Songs gibt es in zwei Modi: Vollgas und Leerlauf. Einen Song zu finden, der alleine nur wenigstens zwischen Vollgas und Leerlauf variieren würde ist schon unmöglich. Wer glaubt er fände auch nur Ansätze von Beschleunigungsphasen oder gar Entschleunigung, der hat, man verzeihe mir die Offenheit, schlichtweg keine Ahnung.

So spielte sich Jupiter Jones zur dennoch ungebremsten Freude des Publikums durch ein Set, dass zunächst einmal nur Vollgas kannte, dann ein bißchen im Leerlauf dümpelte, dann wieder Vollgas gab um dann, glücklicherweise vor einer eventuellen Zugabe, Still zu spielen, was, wie gesagt, ein genialer, hoch gefühlvoller, dynamisch abwechslungsreicher und bewegender Song ist. Ich habe an diesem Abend meine Jungfräulichkeit verloren: Ich bin nach Still gegangen. Es war einfach zu öde.

Es tut mir wirklich leid das sagen zu müssen, aber der Auftritt war ansonsten stinklangweilig. Dachte man beim Opener noch es könne ein gutes Konzert werden, war die Illusion spätestens nach dem Dritten nicht differenzierbaren Song dahin und echte Langeweile machte sich breit. Den Großteil des Publikums mag es nicht gestört haben, aber ich habe schon Rockkonzerte erlebt, und gemessen an diesen Standards ging da auch im Publikum Nichts. Nun mag die Menge auch mehrheitlich aus Menschen zusammengestellt worden sein, die sonst eher Konzerte von Herbert Grönemeyer und Xavier Naidoo besuchen. Wer sich aber so sehr als Rockband verkaufen will und dann so weichgespült, ausgelutscht und ideenlos serviert, der findet bei mir keinen Anklang. Assoziationen, die mir während des Konzertes so in den Sinn kamen, liefen über Matthias Reim bis hin zu Pur. Und das geht wirklich gar nicht.

Kommen wir zum Licht: My Glorious. Einzige Enttäuschung war die sehr klare Rolle als Vorband. Hier hätte ich mir einen sozialistischeren Abend gewünscht: Keine Zugabe, ein leider sehr knappes Set, aber eine Band, die vom Start weg überzeugen konnte. Die Dreierkombo aus Drums, Bass und Gitarre und dreifachem Gesang zauberte einen überraschend vollen Klang auf die Bühne. Gespielt wurden überwiegend Songs aus dem neuen Album, es fanden aber auch Songs aus dem Debut den Weg auf die Bühne und funktionierten dort ebenso prächtig. Besonders beeindruckend war, was die Band aus dem recht kurzen Auftritt herausholte und wie wenig sich die Band darum zu scheren schien, dass dies eben nur ein Supportgig war.

My Glorious bewiesen, dass sie auf die Bühne gehören, dass Rockmusik bei Ihnen kein Vorwand für Pop, sondern echte Leidenschaft ist. Und das merkt man auch den Songs an, die echte Gefühle vermitteln konnten, die dynamisch interessant sind und die wirklich mitreißen können. Highlights waren für mich eindeutig die Songs Flower und Minefield, aber auch das zu Dritt ausgeführte Drumsolo gehört zu den Dingen, die in Erinnerung bleiben. Dazwischen bewies die Band sogar noch Humor genug, eine bodenlos schlechte Rezension wortwörtlich zu zitieren und als Überleitung zu nutzen, das Publikum ohne viel Mühe zum Mitsingen zu bewegen.

So gut My Glorious waren, so schnell war der Auftritt leider auch schon zu Ende. Daher meine Forderung an dieser Stelle: Gebt uns eine echte Tour, ihr könnt es und ihr verdient sie!

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[Not so] Recently Released | R.E.M. – Collapse into Now

Mir ist kürzlich aufgefallen, dass ich noch einiges als Konsequenz meiner Blogfaulheit zu Beginn des Jahres aufzuarbeiten habe. Unter anderem der Release des letzten Albums von R.E.M., dem mittlerweile 15ten Langspieler der Band, die Indie einst zum Mainstream erhoben hatte.

R.E.M. hatten ja nach New Adventures in HiFi einige Alben herausgebracht, die eher verhaltene Reaktionen auslösten. Zuletzt kam mit Accelerate endlich mal wieder ein wirklich spannendes Album heraus, blieb jedoch auch auf den sich-sonst-so-dankbar-auf-alles-mit-großem-Namen-stürzenden Radiostationen eher eine Randerscheinung in der Playlist. Collapse into Now setzt nun da an und versucht es besser zu machen, macht es sogar noch besser und wird trotzdem weitgehend ignoriert.

Zugegeben, R.E.M. haben nach Automatic for the People und den New Adventures nachgelassen. War Up noch grundsätzlich ein gutes Album, konnte es dennoch nicht einmal annähernd daran anknüpfen, was zuvor geholfen hatte R.E.M. zum Leuchtfeuer der Indieszene zu machen. Der Indietatus ging natürlich flöten mit dem Erfolg, dennoch sollte man nicht vergessen, dass der große Erfolg der Band aus Atlanta nicht über Nacht kam, sondern hart erarbeitet war.

Collapse Into Now eröffnet groß, überraschend vergangenheitsbewusst für R.E.M. und in einer angenehm positiven Stimmung. Zugegeben, der Refrain eignet sich zwar nicht zum Mitsingen, aber die Strophe lässt Erinnerungen insbesondere an New Adventures in HiFi aufleben. All the Best folgt auf dem Fuße und legt noch mal eine Schippe drauf. Wieder finden wir den so Michael Stipe-typischen melodieunterlegten Sprechgesang, Gitarrenwände, die unverkennbar R.E.M.-Graffiti tragen und einen Refrain, der sich diesmal auch zum Mitsingen eignet.

Überlin ist eine der beiden Singleauskopplung des Albums und damit auch einer der Songs, die bislang schon im Radio zu hören waren. Obwohl der Song großartig ist, war das marketingtechnisch wohl eher ein ungeschickter Schachzug. Eine etwas rockigere Nummer hätte sicherlich mehr Aufmerksamkeit gewinnen können. Denn Überlin ist eher eine ruhigere Nummer in der Tradition von The Sidewinder sleeps Tonight, entfaltet aber nicht ganz das selbe Charisma. Im Radio ging diese Nummer leider irgendwie unter.
Mit Oh my Heart folgt auf dem Longplayer unmittelbar die nächste Singleauskopplung, die zweifelsohne die bessere Wahl für eine Single ist. Der Song zeigt wunderbar alle Songwritingqualitäten der Band und kann dank eines fantastischen Refrains auch beim Nebenherhören bis ins Bewusstsein durchdringen.

It happened Today folgt als ruhige Midtemponummer und auch hier geben sich R.E.M. keine blöße. Alles passt, der Song begeistert weil er sich auf die Stärken der Band stützt, weil Melodie und Instrumentierung völlig ungezwungen daher kommen und prächtig harmonieren. Ebenso Everyday is Yours to Win, eine sehr zurückgenommene Nummer, die aber gerade mit der Stimme von Michael Stipe und der mittenlastigen Produktion derselben hervorragend funktioniert. Klasse.

So geht es weiter auf Collapse Into Now und anders als auf Accelerate schaffen es R.E.M. nicht nur, großartige Rocker zu schreiben sondern finden auch wieder den Zugang zu ruhigeren Nummern, die in bester Bandtradition an alte Zeiten anknüpfen, als hätte es die unsäglich langweiligen Alben Reveal und Around the Sun nie gegeben.

Somit ist Collapse Into Now eines der wirklich guten Alben der Band. Eines, dass einen nichts vermissen lässt, das trotzdem einen eigenen, reifen Stil präsentiert und das die volle Bandbreite dessen wiedergibt, zu dem R.E.M. fähig sind. R.E.M. are back!

 

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Recently Released | Admiral Black – Phantasmagoric

Wenn gut gediente irische Musiker aufbrechen, um in der großen weiten Welt nach Erfolg und Ruhm Ausschau zu halten, dann gehen sie natürlich in Richtung Amerika. So weit, so wenig überraschend. Das Shaun Mulrooney, seineszeichens ehemailger Kopf hinter besagter irischen Combo Humanzi, dann aber letztlich im deutschen Berlin Fuß fasst, das ist wohl eher eine etwas ungewöhnlichere Ausprägung in der Welt der Rockmusik. Mich freuts. Mulrooney hat sich in Berlin mit Earl Harvin zusammengetan und ein Soloalbum von sich selbst produziert.

Die Songs sind von Mulrooney, alle Instrumente (außer den Drums) wurden von Mulrooney eingespielt, die Produktion und das Schlagzeug fielen unter die Regie von Harvin. Zusammen ist unter dem Namen Admiral Black dabei ein Album herausgekommen, dass gleich vom ersten Moment an richtig Freude macht.

Such a Nice Man eröffnet stark und druckvoll mit hohem Tempo und viel Gitarrengeschrammel. So liebe ich es. Got love if you want it nimmt etwas Tempo raus, rockt aber nicht weniger. Die Musik ist grundehrlich und ohne viel Geschnörkel überzeugt aber mit wirklich gutem Songwriting und einer goldrichtigen Produktion.

The Worm of the Third Sting weckt dank Akkordeon zunächst Erinnerungen an Nirvanas Unplugged Auftritt, ist dann aber eher eine Nummer die von Neuseelands Goodshirt hätte stammen können. How could I turn you down bedient sich wieder eines anderen Schreibstils, klingt eher amerikanisch mit viel Reverb und Klavierparts, mit schreienden Soloeinwürfen von sehr metallisch klingenden Gitarren. Toll.

Closure könnte hingegen direkt von den White Rabbits stammen. Auch hier wieder Einsatz von Piano, diesmal als rhytmisched Leitinstrument. Der Bass schafft die Melodiegrundlinie, die Gitarre schafft Atmosphäre. Ein absolutes Highlight auf der Platte. Shock Corridors stampft mit einprägendem Rhytmus und Orgelklängen irgendwo zwischen Deep Purple und The Doors voran. Die Gesangsleitsung von Shaun Mulrooney passt sich dem hervorragend an und lässt einmal mehr erahnen, wieviel Talent der Ire so mit sich rumträgt. Eine starke Nummer.

The Fisherman and his Soul nimmt Tempo raus, stützt sich auf Akustikgitarrenuntermalung und könnte anders produziert fast von Garbage stammen. Something Dark ist dann eine echte Zäsur. Quirky, wäre das passenste englische Wort, das mit dazu einfällt. Ein bißchen disharmonisch und experimentierfreudig. Besonders schön wird der Song, wenn er zum Refrain hin plötzlich in 80er Jahre Keyboardsynths aufgeht, nur um kurz darauf eine Bridge zu präsentieren, die von Josh Homme persönlich aufgenommen worden sein könnte. Eine wirklich geniale Kombination aus Soundeinflüssen, die zwar keine Chance hat im deutschen Radio gespielt zu werden, die für mich aber zu den Highlights des Albums zählt.

Crystallized ist hingegen eine fast schon zu poppige Indie-Rocknummer, die irgendwie an die frühen R.E.M. erinnert. Das Album schließt dann mit dem Madman’s Blues, der ruhigsten Nummer des Albums, getragen hauptsächlich von einer hypnotisierenden Basslinie und viel Raum zwischen den Tönen. Der Song schafft es, das sehr spannende und vielseitige Album perfekt abzurunden.

Phantasmagoric ist eine Tour de Force die umso erstaunlicher ist, wenn man bedenkt dass hier das Songwriting eines einzelnen und die Produktion und Aufnahme von nur zwei Musikern bewerkstelligt wurden. Man hört es dem Album schlichtweg an keiner einzigen Stelle an dass hier eben keine ganze Band dahintersteht. Erstklassiges Songwriting und ein hohes Ausmaß an Kreativität machen Phantasmagoric zu einem der spannensten Alben, die ich dieses Jahr zu hören bekommen habe. Für Indieliebhaber eine absolute Empfehlung.


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