Recently Released | Lo Fat Orchestra – The Second Word is Love

Urlaub in Polen. Das wäre mein erster Gedanke gewesen, wüsste ich nicht, dass ich mir ja selbst das Lo Fat Orchestra ins Laufwerk gelegt habe. Eigentlich ist das eine Lüge; nicht das mit dem Laufwerk, aber das mit dem Konjunktiv. Urlaub in Polen, dachte ich, obwohl ich die CD des Lo Fat Orchestra selbst ins Laufwerk gelegt hatte. So wird ein Schuh draus.

The Second Word is Love. Ist eine Ansammlung von zehn Songs, die eigentlich gar nicht so Indie-Electro-Pop-Rockig sein müssten wie sie es sind, denn es sind allesamt Songs, die auch in der Elektrodisco nicht weiter auffallen würden. Es klingt in der Tat wie eine Mischung aus Urlaub in Polen (ja, das ist eine Band) und erinnert auch immer wieder stark an die Woog Riots. Ich würde für den Stil gerne Avantgarde-IndiePop als Begriff prägen, das Label Sounds of Subterrania! nutzt die Einordnung Elektronik Garagesoul. Nicht, dass das selbsterklärender wäre. Das Faszinierende dabei ist: es funktioniert prächtig.

Irgendwie verfolgt die Musik mit Ihren wenigen aber wahrscheinlich gut durchdachten Textzeilen einen scheinbar nihilistischen Ansatz. Zumindest sorgt die ständige Wiederholung der Lyrics für diesen Eindruck. Dieser wird insbesondere dadurch verstärkt, dass die Musik selbst kaum Emotionen zu verbreiten scheint. Die Musik ist da, sie transportiert im Zweifelsfall mit hohem Beat, viel Bass, viel Drums und viel Klangexperiment vor allem Tanzlaune, schert sich aber nur sehr bedingt um das, was die Stimme Christoph Schmids so an Message transportieren möchte. Und wieder: Das Faszinierende ist, es funktioniert prächtig.

Rein instrumental betrachtet brechen die Songs mit vielen Hörgewohnheiten. Das ist jetzt in sich nicht ganz so radikal, denn es gab schon andere, die ähnlich die Gewohnheiten brachen, aber für die Meisten dürfte der musikalische Ansatz doch noch eher neu sein. Der Bass ist das Hauptinstrument, die Beats des Drumsets setzen dem Ganzen ein ordentliches Gerüst auf. Der Rest darf froh sein, dass er mitmachen durfte. Man könnte meinen es geht hier um einen Elektro-Act, aber die Musik ist erfreulich handgemacht und atmet in jeder Sekunde die geistige Nähe zum Rock. Dennoch sind die oft effektbeladenen  Gitarren, Keyboards, auch mal die Streicher oder die Background-Sängerinnen eigentlich nur experimtierfreudig eingestezte Staffage. Man ahnt es schon: Das Faszinierende ist, es funktioniert prächtig.

Die Songs reißen einen mit, die Hooklines greifen schnell und ohne Sicherheitsabfrage zu und lassen einen im Zuhören nicht mehr los. Über allem steht dieses nicht zu vermeidende Gefühl, dass man Tanzen sollte, um der Musik den gebührenden Respekt zu erweisen. Sicher wird The Second Word is Love nicht für Jeden das Richtige sein; die Frage ist mal wieder wie weit man gewillt ist, den Tellerrand hinter sich zu lassen. Mit ein wenig Mut kann man aber dank dem Lo Fat Orchestra eine große weite Welt nur knapp hinter dem eigenen Gitarrengeschrammelsuppenteller finden. Meine Empfehlung: Ausprobieren! Besonders bei The Band is Broke.

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Recently Released | Portugal. The Man – In the Mountain in the Cloud

Mangelnden Fleiß kann man der Alaska/Oregon-Connection Portugal. The Man nicht nachsagen. Die Band aus Ex-Roadies hat sich mit extremem Tourprogramm und jährlichen Albumreleases in die Herzen einer immer größeren Fanschar gerockt und gespielt. Ich selbst bin seit dem zweiten Album Church Mouth treuer Albumkäufer und Konzertgänger der Band.

Das Fleißprogramm macht auch in diesem Jahr keine Pause. Am 17. Juli erschien mit In the Mountain in the Cloud das nunmehr sechste Studioalbum. Um soviel schon einmal anzudeuten: Ich habe so meine Probleme mit dem Album.

Der Stil der Band hat sich mittlerweile sehr stark weiterentwickelt. Insbesondere die Aufnahme des Tourkeyboarders Ryan Neighbors lies die Band ihre teils brachialen Gitarrenorgien zurückfahren und sich mehr den sanfteren, ausgeklügelteren Harmonien zuwenden.

Der Opener So American verrät zunächst noch Nichts über das Album. Die Melodieführung ist unverkennbar P.TM, ein wenig wird beatlesk mit Celli experimetiert, clapping und die rhytmische Gitarrenuntermalung im Refrain erinnern ein wenig an Cat Stevens Peace Train. Ansonsten reißt der Song zumindest während der ersten Durchgänge nicht unbedingt vom Hocker. Da kennt man deutlich kraftvollere Albumeröffner von der Band.

Floating (Time isn’t) legt da auch nicht wirklich nach. Die Oh-oh-ooooh-bridge kommt einem sehr vertraut vor. Die Instrumentierung haut einen auch kaum vom Hocker. Wäre da nicht ein hervorstechendes Gitarrensolo, man könnte fast vergessen, wie viel Gitarre üblicherweise die Musik von Portugal. The Man trägt getragen hat.

Got it all (This can’t be living now) ist da besser; mehr auf Druck geschrieben und eher dem bekannten Standard der Band entsprechend. Auch hier fällt auf, dass die Instrumentierung teils sehr stark dem Chanson entliehen wurde. Und überhaupt: Wie kann es sein, dass von elf Songs ganze sechs im Titel nicht ohne Klammer auskommen. Nennt doch eure Songs bitte gleich nach dem Refrain, wenn’s denn unbedingt sein muss. Aber das unentschlossene Doppeltitelausweisen kennt man sonst nur von schlechten Vier-mal-der-gleiche-Track-EPs und von Brian Adams.

Senseless hält das Niveau zunächst, macht meines Erachtens dann aber zu wenig aus dem Refrain. Da wäre brachiale Klanggewalt gefragt, stattdessen gibt es viel zu aufdringliches Keyboardgeklimper mit sehr grenzwertigen Standardsounds. Not cool.
So hangelt sich das Album weiter, teils mit guten Ansätzen, häufig mit einer Umsetzung, die zu wünschen übrig lässt. Richtig schlimm wirds bei Everything you See – Achtung, da kommt noch was – (Kids count Hallelujahs). Bei dem pseudo-oboigen Keyboardsound und dem nachfolgenden Orgelklimperriff wünscht man sich den unmittelbaren Bandausschluss von Ryan Neighbors.

Das Album schlägt sich dann weiter so durch. Echte Highlights wollen auch nach dem vierten und fünften Durchlauf nicht auftauchen. Echte Schnitzer gibt es außer dem Tonunfall aus Everything you see (…) auch nicht mehr. Alles in allem wird das Album ab Track 8 (ich weigere mich, einen weiteren Klammertitel zu schreiben) erfreulicher, spannender und ehrlich gesagt sogar richtig gut.

Das eigentlich Verwunderliche ist aber nicht die erste Enttäuschung beim Reinhören in das Album. Das wahre Wunder ist, dass man nach vielleicht zehn oder auch erst nach zwanzig Durchläufen plötzlich anfängt das Album zu akzeptieren und ein Stück weit zu lieben. Ich hatte ursprünglich vor, eine schnelle, sehr unerfreute Kritik zum Album zu verfassen. Es fing dann aber doch an zu wachsen. Letzlich muss man festhalten, dass In the Mountain in the Cloud bei aller berechtigten Kritik plötzlich doch gut wird. Vielleicht ist gerade das die Kunst daran. Ich weiß es nicht.

Portugal. The Man hatten schon deutlich schlechtere Alben, die mir meist erst nach einem Konzertbesuch ans Herz wachsen wollten. In the Mountain in the Cloud ist da deutlich besser, weil es ausgefeilter ist als man zunächst annimmt. Portugal. The Man hatten schon deutlich bessere Alben, allen voran Church Mouth, das mittlerweile schon fast klingt, als wäre es von einer anderen Band geschrieben worden. Und genau da liegt die Krux: Portugal. The Man sind mittlerweile eine Alternative Pop Band geworden. Die Zeiten der kleinen unbekannten Rockband aus Alaska sind quasi vorbei. Hier wächst ein mainstreamfernes Pop-Rock Monstrum heran, dass sich aufgrund seines Fleißes und seiner Andersartigkeit sein eigenes Mainstreampublikum definiert.

Portugal. The Man sind heute größer denn je, eigenständiger denn je, immer noch unglaublich vielschichtig und experimentierfreudig. Die Band hat sich im Laufe der letzten drei Alben schrittweise neu definiert und ist sicherer, beständiger und glatter geworden. Leider leidet die Qualität der Alben insofern, dass dynamische Vielseitigkeit, erfreuliche Sperrigkeit und berührende Intimität verloren geht. Die Blogosphäre belohnt es für mich überraschend mit überschäumendem Lob, ich kann nicht umhin ein Stück weit den alten Portugal. The Man nachzuweinen. Das Album ist gut, aber auf seine eigene Weise dann doch irgendwie enttäuschend.

 

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You Asked For It | Bored Man Overboard – Rogue

Das Label Hazelwood hat wieder einmal eine absolut höhrenswerte Veröffentlichung bevorstehen. Bored Man Overboard heißt die Band, die eine Melange aus IndiePop mit leicht folkigen Einflüssen zu ihrem Stil erkoren hat. Ich musste beim ersten Hören spontan an Editors und Interpol denken, was insofern lustig ist, da ich weder die ein noch die andere Band jemals wirklich gehört hätte und sie daher kaum kenne. Dennoch waren das die ersten Namen, die mir beim Sound von Bored Man Overboard in den Sinn kamen.

Fangen wir mal mit ein wenig Band-Trivia an. BMO kommen aus Schweden, genauer genommen aus dem inzwischen nicht mehr ganz so beschaulichen Stockholm. Sieben Köpfe formieren die Gelangweilten Überbordgeher. Laut Bandinfo sind BMO ganz schüchtern und bescheiden. Das ist immer ein guter Anfang.

Der Sound von Bored Man Overboard hat in etwa den selben sperrigen Charme, der einigen R.E.M.-Alben innewohnt. Insbeondere denke ich da an Up, wobei der Stil insgesamt kaum vergleichbar scheint, die Stimmung nach meinem Dafürhalten aber sehr wohl. Die Instrumentierung ist zunächst einmal relativ klassisch gehalten. Ergänzt wird die übliche Gitarren-, Bass-, Schlagzeug-Kombo durch Keyboard/Piano. Die Garnierung kommt dann in Form von Streichern und Bläsern, die zumeist eher der Atmosphäre als der Melodie unterstützend beistehen. Insbesondere in Bezug auf die Streicher ist mir das hin und wieder vielleicht ein bißchen zu dick aufgetragen, das kann aber natürlich auch Geschmackssache sein.

Rogue, so der Titel des Debutalbums von BMO ist ein eher kantiges, dennoch ruhiges und melancholisches Album. Die Melodien schmiegen sich nicht unbedingt sofort ins Ohr, der Gesang ist fast fragmentarisch angelegt. Die relativ dumpf produzierte Instrumentierung lässt eine wunderbar düstere, fast nebelige Atmosphäre entstehen. Ziemlich passend für die dunkle Jahreszeit und durch die gute Produktion macht das auch wirklich Spaß.

Kritisch anzumerken ist, dass die Songs auf Rogue im Wesentlichen alle die selbe Stimmung zu Grunde legen. Auch die Variationen in Punkto Tempo und Songstruktur fallen eher spartanisch aus. Wenn man sich mit einem einzelnen Song nicht anfreuden kann, mag man sehr wahrscheinlich gleich das ganze Album nicht. Das ist insofern gefährlich, da Rogue Zeit braucht, um dem Hörer ins Ohr zu gehen. Mir erschloss sich der Charme erst mit dem dritten Durchlauf so richtig. Seit dem wächst das Album immer mehr. Einen echten Earcatcher kann ich aber dennoch leider nicht entdecken.

Bored Man Overboard liefern mit Rogue ein respektables Erstlingswerk ab, das mit seiner düsteren Atmosphäre und guten Produktion durchaus zu überzeugen weiß. Es fehlt allerdings ein echter Ohrwurm, der einem den Zugang zum etwas sperrigen und schwermütigen Sound der Band erleichtert. Reinhöhren kann aber uneingeschränkt empfohlen werden. Gerade wo es doch inzwischen so früh dunkel wird …

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Recently Released | Trip Fontaine – Lambada

Es gibt diese Momente in der Musik. Man hört Musik einer Band und fühlt sich unmittelbar heimisch, verstanden, zufrieden, ja vielleicht sogar ein Stück weit erlöst. Für mich passiert das bei Bands, die erkennbar einen eigenen Stil prägen, die sich von Vermarktungsgedanken zumindest scheinbar nicht beim Songwriting beeinflussen lassen, die sich vielleicht auch trauen die ein oder andere Konvention links liegen zu lassen und einfach das musikalisch raushauen, was in ihnen schlummert.

Trip Fontaine schaffen genau das. Macht der Albumtitel Lambada vielleicht auch erst einen anderen Eindruck; schließlich sind wir alle noch geschädigt vom Jahr 1989, als ein gleichnamiger Song 10 Wochen lang die deutschen Charts anführte. Das Plattencover zu Trip Fontaines neuestem Werk dürfte da auch nicht ganz zufällig einen Strand zeigen, wenn’s auch nicht sehr brasilianisch aussieht…
Widmen wir uns aber mal dem eigentlichen Inhalt des Albums; der Musik.

Den Anfang macht ein Ruf nach Kunst. I’ll gain eternal Life hat Tempo, fängt aber zunächst noch eher ruhig an. Bedächtige Melodie, ein weing Gitarrengeklimper, ein paar Synths, Bass und Drums. Der Refrain lässt dann aber den Song erst richtig zur Blüte kommen. Und damit wird eine der tragenden Säulen des Albums schon freigelegt: Rock mit aufgedrehten Verstärkern, ordentlich Overdrive und Kraft. No Guts geht mit noch mehr Tempo rein, erinnert entfernt ein bißchen an diverse Bush-Nummern, bleibt aber der Trip Fontaine Linie des Albums absolut treu. Schön auch hier der dynamische Umfang des Stücks; ruhige Passagen finden ihren Platz neben High-Voltage Rock. Das gefällt.

Besonders schön: The lastest Type of Flu. Fast schon jazzig steigt der Song ein. Ein bißchen Becken, dazu Klänge wie aus einem Rhodes Piano und einen Groove, der sich durch den ganzen Song zieht. Dazu wieder die sehr relaxte Gesangsstimme und dann ein Refrain, der kein Morgen zu kennen scheint. Ein echtes Highlight. Bobo Blues macht dan Erinnerungen an Portugal. The Man’s Chicago wach. Distortion auf 100% und es wird losgebrezelt, was das Zeug hergibt. Dabei kommen aber Melodie und Ideenreichtum keinesfalls zu kurz. Ganz im Gegenteil eröffnet sich nach dem ersten Sturm ein ganz neuer Song; es geht wieder relaxt, groovy und behutsam zu. Besungen werden die harten Zeiten, der Rotwein, die Sterne und man trifft sich dann doch wieder bei Distortion auf Voll und Los! Genial gut.

Erste Entspannung gibt der Song Wit Taker her, der tatsächlich das Tempo reduziert, etwas Besinnung einkehren lässt und – moment mal, was ist das für ein Krach? Auch hier lassen Trip Fontaine den Song sich verändern und haben den Mut die eigentliche Songidee weiter zu denken. Die Songs bekommen die Chance sich frei zu spielen und größer zu werden, als das zunächst den Anschein hat. Fast wie in Trance wird so der Song zu einem Hort der Improvisation und Experimentierfreude. Ein bißchen verrückt, aber wahrhaft. New Sweater ist dagegen ein geradezu klassischer Indie-Popsong. Kurz, knackig eingängig. Zum Mithopsen und -grölen und -singen.

Weiter gehts mit Muskelschwede, wo mal wieder die Belastungsgrenze des Equipments ausgereizt wird. Vollstoff auf allen Fronten und die ganzen 3:40. Das könnte dann wohl schon Post-Rock sein. Jetzt darf dann aber auch Mario Basler mal mitspielen. Eine obertonverzierte “Ballade” (schlechter Wortwitz!!!) geziert durch eine wunderbar klare Bridge und einen wundersamen Zwischenteil. Fantastisch gut.

Take it easy, Karsten geht dann wieder etwas klassischere Wege und erinnert mich ganz stark an eine andere Band, mir ist aber bislang noch nicht eingefallen, an welche. Da ist nur dieses Gefühl … Wie dem auch sei; gute Indiepop-Nummer, schön untermalt mit Trompete an genau der richtigen Stelle. Sehr gut. Sehr gut auch Doom 1, das wieder einen Ticken schräger ist, bekannte Songstrukturen eher abzulehnen scheint und sich dennoch wunderbar zusammenfügt.

Den Schlusspunkt darf dann Sparkles setzen. Hier wird nochmal geradzu klassisch gerockt. Dabei ist Sparkles nochmal eine ungehemmte Rocknummer die ein würdiges Ausrufezeichen hinter das gesamte Album setzt.

Lambada ist zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd gewöhnlich. Trip Fontaine haben ein Album zusammengestellt, das seinesgleichen suchen muss. Hier wird auf höchstem Niveau gerockt, dabei kennt die Band keine Angst vor ihrer eigenen Courage und keinen Respekt vor “Betreten-Verboten”-Schildern. Hier wird abseits der Wege gerockt. Dazu kommt eine makellose Produktion, die überhaupt keine Wünsche offen lässt. Trip Fontaines drittes Album ist nicht bloß gute Musik, das Album hat das Zeug, dass beste Album des Jahres zu sein. Hier scheint eine Band über sich selbst hinaus gewachsen zu sein, die ich vorher noch gar nicht kannte, die aber nach Lambada unbedingt gekannt werden sollte.

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(Soon to be) Recently Released | The Great Bertholinis – Gradual Unfolding of a Conscious Mind – Part 3

Zugegeben, meine klassische Kategorie Recently Released musste ein wenig verbogen werden für diesen Post, aber ich bin gerne bereit hier einmal Fünfe gerade sein zu lassen. Es geht nämlich um große Kunst; wirklich große Kunst.

Der Popkiller wars mal wieder; völlig unscheinbar segelt mir da vor einigen Tagen ein Reviewexemplar einer CD mit dem wunderschön-sperrigen Titel Gradual Unfolding of a Conscious Mind – Part 3 ins Haus. Der Bandname The Great Bertholinis sagte mir Nichts und ehrlich gesagt verhieß der auch scheinbar nichts Gutes. Scheinbar, wohlgemerkt.

Gradual Unfolding (Ich kürze es mal ein wenig ein) beginnt auch eher gewöhnlich. Wundervoll, aber doch gewöhnlich scheint das Intro Bright Days (Intro) zunächst ein relativ gewöhnliches Album anzukündigen. Hier klingts nach Donovan und ein bißchen erinnert es an die Eröffnung von Variety Lab, allerdings gemischt mit Akron/Family, was in etwa so gut passt wie Osterhasen unterm Weihnachtsbaum. Aber es funktioniert prächtig. Mit Run to Hide kommt es aber dann doch noch ganz anders. Hier wird klar, dass es hier eben nicht um klassischen Indie-Pop/-Rock geht. Erinnerungen an The Doors und deren Alabama Song lassen sich für das geschulte Ohr nicht vermeiden. Damit beginnt die etwas verrückte Reise, auf die uns The Great Bertholinis mitnehmen. Musikalisch werden hier Einflüsse in den Klang und die Arrangements eingebracht, die auf den ersten Blick eher unvereinbar scheinen: Donovan, The Doors, The Beatles, Cake, Fat Freddy’s Drop und so viele mehr, dass ich sicher bin die Hälfte gar nicht zu kennen. Vordringlich auch der leichte Südosteuropäische Klangeinschlag, der dem Promomaterial nach in Ungarn beheimatet sein soll.

I am Can beispielsweise erinnert mich aber erstmal ziemlich stark an die Niederländer von Voicst, was an der leichten poppigen Art liegen dürfte, in der dieser Song sich breit macht. Die Bläserarrangements tun natürlich ihr Übriges dazu. Wirklich gute Laune in Musikform. Weiter gehts mit The Things I Gave, einer Nummer, die sich wieder mehr dem Südosten unseres Kontinent zuwendet. Eingeleitet wird zunächst krachig-rockig, dann kommt etwas Geflöte und dreht die Erwartungen auf den Kopf. Ich liebe so etwas. Der Song wackelt dann auch hin und her zwischen ungarischem Volksfest und Ska-inspiriertem Indie-Pop. Einfach Cool.

Puzzle with a Million Thoughts scheint dagegen John Lennon und die späten Beatles wieder aufleben zu lassen. Eine fantastische, eher ruhig angelegte Nummer, die auch wieder durch ein sehr sorgsames Arrangement und eine auf den Punkt gebrachte Produktion zu glänzen weiß. So gut, dass man sogar den Lala-Teil am Schluss ohne Abzug verzeihen kann. Why do you Trust fängt zunächst etwas desorinetiert an, fängt den Hörer dann aber doch schnell ein und zeigt in Richtung sanftem aber großartig aufgebautem Refrain. Das ist auch das schöne an The Great Bertholinis: Sie wissen auch mit leisen Tönen umzugehen und den maximalen Effekt durch eine geniale Komposition zu erzielen.

Lucky Pinto kommt wieder deutlich poppiger daher, mehr Tempo, mehr Ska-Einfluss, etwas weniger schräge Ideen aber dennoch ein fantastischer und sehr positiver Song. String Puppets and Bees wird dagegen wieder orchestraler/philharmonischer. Geradzu lautmalerisch der Einsatz der Bläser, ganz zaghaft untermalt durch Bass und rhythmisiert durch Gitarre. Sehr schön auch die chorale Unterstützung im Refrain. Ich weiß nicht genau woran es liegt, aber man fühlt sich fast schon in die 1920er Jahre zurückversetzt. Wahrscheinlich sind es die wunderbar blechernen Trompeten und der auf Grammophon getrimmte Gesang. Toll.

Resetera rockt dagegen schon fast beängstigend mit breitem Bassriff los. Kommt dann etwas braver daher, als man erwartet und vielleicht auch als man sich wünscht; es bleibt aber eine Nummer, die voll das Niveau der anderen Songs hält. Feine Arrangements, gute Instrumentierung, gutes Songwriting. Zucker Serenade ist die vielleicht beste Komposition auf dem ganzen Album. The Great Bertholinis haben hier keine Scheu davor wirklich groß zu klingen, halten sich in (gut dosiertem) Pathos genauso wenig zurück wie in der großen musikalischen Geste. Ein echter Gassenhauer, wenn man so will.

Den Abschluss bilden die ruhigen Stücke Lost the Key und Bright Days. Während Lost the Key sehr gefühlvoll mit Dynamik spielt, ist Bright Days die vollendete Fassung des schon als Intro verwendeten Themas. Auch hier wieder der starke Bezug zu Donovan und Variety Lab und das gute Gefühl, ein wirklich gutes Album gehört zu haben.

The Great Bertholinis sind musikalisch mutig unterwegs. Die acht Musiker haben offenbar eine eigene Nische gefunden und haben sich darin breit gemacht. Die Musik ist so vielseitig, das echte vergleiche wirklich schwer fallen. Akron/Family fällt mir mehr als einmal ein, weil beide Bands ähnlich breite Einflüsse in ihrer Musik verarbeiten, wenn auch Akron/Family deutlich mehr King Crimson gehört haben dürften. Das schöne ist aber, das The Great Bertholinis vor allem klanglich für sich stehen. Das kommt auch in der nahezu perfekten Produktion voll zur Geltung und kann gar nicht genug gelobt werden. Gradual Unfolding of a Consious Mind – Part 3 ist damit ein musikalisches Kleinod und ein echter Schatz. Absolut Topp!

Das Album erscheint am  22. Oktober. Da The Great Bertholinis aber bereits auf Tour sind, wollte ich hier nicht so lange warten, die Platte zu besprechen. Ich schätze live ist die Band ein echtes Erlebnis, daher auch die Empfehlung die Gelegenheit zu nutzen. Termine gibts bei Hazelwood Tourism.

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For your Interest | Passion Pit covern TSPs Tonight, Tonight

Nichts weltbewegendes und dennoch eine Meldung wert: Passion Pit haben Tonight, Tonight von den Smashing Pumpkins gecovert. Das Ergebnis kann sich durchaus hören lassen; und zwar wörtlich gemeint, denn der Track ist frei im Internet abrufbar.
Viel Spaß beim reinhören also.

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