Recently Released | Aidan – Le Grand Discours

Irischer Folkkünstler – klingt jetzt erst mal nicht nach einem Künstler der unbedingt auf Retrozension.de besprochen werden muss. Muss er aber doch. Nicht nur, weil ich freundlicherweise die CD in meinem Briefkasten finden durfte, sondern gerade weil Aidan, besagter irischer Folkkünstler, eben eine CD herausgebracht hat, die von vorne bis hinten große Freude macht.

Aidan ist Ire, so viel haben wir also schon ableiten können. Mittlerweile haust der gute Mann in Brüssel, hat aber offenbar die letzten zehn (!) Jahre mit Fahrrad (mit selbstgebautem Solarradio) und Gitarre bewaffnet damit zugetragen, den Weg von der Insel ins politische Zentrum Europas zu finden. So darf man denn auch sein Album Le Grand Discours durchaus als Reisebericht verstehen. Denn das Album entstand in der Tat während der Reise und wurde auch “all across Europe” auf digitales Tonband gebannt.

Folk ist dann aber doch ein Label, dass (zum Glück) schlechter passt, als zu befürchten war. Die Songs haben zu großen Teilen den Blues, haben Seele, haben Herzblut, halten sich mit “nervigen” Folkelementen zurück und, man kann es nicht oft genug sagen, machen Spaß. Wer vielleicht etwas Zeit zum auftauen braucht wird spätestens bei For the Love of the Lord vergessen haben, dass er ja eigentlich keine irischen Folkkünstler mag. Ein Blues, der mitnimmt, mit Leiden lässt und kurz vor gegen Ende in einer fantastisch schön-schaurigen Kakophonie gipfelt. Das verstört, das begeistert und erinnert behutsam an Akron/Family.

Jetzt hatte ich ganz vergessen zu erwähnen, dass aber auch die beiden ersten Songs des Albums schon echte Perlen sind. Into the Future beginnt mit wunderbar sanfte Elektro-Piano Klängen, viel Bass und dezenten Gitarrenklängen. Der Song ist eine gefühlvolle Ballade, die es schon lange vor dem ersten Refrain schafft, Bilder von weiten Landschaften, Gefühle von Roadtrip und eine tiefste innere Zufriedenheit zu erzeugen. Nunca Máis hingegen verbeitet dezent spanische Atmosphäre und überzeugt gerade weil der Gesang sich stilistisch davon nicht wirklich irritieren lässt.

Someday Tonight birgt dann wieder diese erstaunliche Gelassenheit und erinnert auch wieder ein Stück weit an Akron/Family, diesmal aber eher an die folkigen Teile derer Musik, etwa an den Song River. Besonders hier ist die fantatsische Stimme Aidans tragendes Element der Musik. Folkig geht es weiter mit West Cork Song. Nur dezent Irish, dafür überhaupt nicht sparsam was Atmosphäre angeht. Sicher etwas für Genießer, aber in jedem Fall wirklich gut. Bells of the Morning verbreitet danach direkt Unruhe, wirkt dank starkem Rythmus sehr dringlich und ruhelos. Eines der Highlights der Platte.

Rue de Charlotte bringt den Reisealbum-Charakter deutlich zum Vorschein, ist chansonhaft, insbesondere dank der hauchzarten stimmlichen Begleitung diverser Mitsängerinnen, aber natürlich auch dank der Bilingualität, es wird nämlich auch auf Französisch chantiert. Song for Rainer ist dann wieder eindeutig ein Folksong, vielleicht der folkigste auf dem Album. Richtig klasse wird es dann wieder beim Pill Song. Sofort denke ich wieder an Akron/Family. Die Nummer rockt mit verzerrter Gitarre, viel Bass und beatlesken Melodien. Wir haben ein weiteres Highlight gefunden.

Someone Elses Problem schlägt wieder ruhigerer Töne an, lädt zum Träumen ein, ist melancholisch und wunderschön mitreißend gesungen. Besonders der starke Spannungsboden hebt den Song hervor. Das Arrangement entwickelt sich von einer zurückhaltenden Folknummer hin zu einem fast ungehemmten Wutausbruch. Das ist grandios und wirkt so grundehrlich wie es nur ein echter Seelenstriptease sein kann. That Night beendet das Album dann so perfekt mit seiner wundervoll verträumten Melodie, das man sich wünscht es würde nie enden.

Aidan hat mit le grand Discours ein fantatsisch vielfältiges, herzerwärmendes Folkalbum geschaffen. Wenn das künftig die Messlatte für Irisch Folk sein soll, dann höre ich ab jetzt sehr gerne Irisch Folk. Wenn man sich zurücklehnt, die Augen schließt und der Musik lauscht, dann vergisst man ein bißchen die Welt um sich herum und reist ein Stückchen mit, mit Aidan, seiner Gitarre und seinem Fahrrad mit selbsgebautem Solarradio, auf dem hoffentlich seine Songs spielen.

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[Soon to Be] Recently Released | The Miserable Rich – Miss you in the Days

Hier kommt etwas für Freunde des etwas schrägeren Indie-Folks. The Miserable Rich sind eine Combo aus dem Vereinigten Königreich, die streng genommen Chansoniers hätten werden sollen. Stattdessen fand man sich zusammen und machte auf den ersten beiden Album Indiefolkrock, der auf ein scheinbar unverzichtbares Instrument fast gänzlich verzichtete: Das Schlagzeug. Was zunächst etwas befremdlich wirkt funktionierte wunderbar und machte es der Band sehr einfach ein Alleinstellungsmerkmal aufzuweisen. Auf diesen Verzicht verzichtet die Band nun aber doch auf ihrem am Freitag erscheinenden dritten Album; und damit auch auf ihr Alleinstellungsmerkmal?

Die Antwort ist ein eindeutiges Jein. Das Schlagzeug darf nun das ganze Album durchgängig begleiten, bleibt aber über den gesamten Longplayer, eher stimmungs- denn rythmusstiftend, dezent im Hintergrund. Die Arrangements aus Gitarre, Kontrabass, Tasten, Flöten und Streichern, die der Band bisher den sehr eigenwilligen Stil verpasst hatten, sind nach wie vor stilprägend.

Schon Laid up in Lavendar zeigt die gesamte Eigenwilligkeit der Combo aus Brighton und  bedient auf sehr beeindruckende Wiese das verspukte Image des Albums. Piano, Bass und Schlagzeug tragen den Song über weite Strecken, die Streicher dürfen hier vor allem für die Geisterstimmung sorgen. Dazu kommt ein Refrain, der überraschenderweise geradezu zum Mitsingen einlädt. Imperial Lines lässt die dezente Rythmusarbeit des Schlagzeugs von den Streichern akzentuieren. Ansonsten puzzeln sich die Streicher, die Gitarre und in geringerem Maße auch der Bass aus eigenen Melodieversätzen und Arpeggi die Gesangsbegleitung zusammen, in der es so viele clevere Einfälle zu entdecken gibt, dass man sich kaum daran satthören mag.

Tramps hingegen ist fast schon minimalistisch aufgebaut. Getragen von rythmischen einem Gitarrenpicking, ergänzt um ebenfalls eher rythmisch geschrieben Streicherpassagen. Der ganze Song ist auf wundervolle Weise eigentlich eine Tanznummer. Die mehrstimmigen Gesangspassagen hier erinnern mich ein Stück weit an Travis auf 12 Memories. Honesty setzt dagegen mit sehr langsamem Tempo und einer eher atmosphärischen Ausmalung einen Kontrapunkt. Beeindruckend ist hier die gesangliche Melodieführung, die im Zweifelsfall eher ungewöhnliche Wendungen nimmt und den Song komplett zu tragen vermag.

Ringing the Changes ist mein Lieblingsstück auf Miss you in the Days. Die Melodie ist so wunderbar melancholisch und wirkt so wunderbar organisch, dass einem hier einfach das Herz aufgehen muss. Die Cellobegleitung untermalt perfekt die eher getragene und traurige Stimmung des Walzers. Große Kunst! The China Shop of Dreams erinnert mich sehr stark an ältere Songs von Vincent Delerm. Der Song gibt dem Album übrigens auch den Titel.

So wandert das Album im weiteren Verlauf weiter zwischen verschiedenen Rythmen, Stimmungen. Es fordert auf weiten Strecken Aufmerksamkeit und belohnt den gewillten Hörern mit vielen schönen Entdeckungen in den vielschichtigen Arrangements und liebevoll und überraschend geführten Melodien. Miss you in the Days ist ein wundervolles, musikalisches Kleinod: Skurill, fragil, mutig und verträumt reihen sich die elf Songs aneinander und erinnern dabei an längst vergangene Zeiten. Die Songs bewegen sich irgendwo zwischen Kammermusik und Indiefolk, wirken dank der außergewöhnlichen Instrumentierung eher klassisch denn modern. Die eigenwillige Stimme von James de Malplaquet rundet die Stücke geradezu perfekt ab und verstärkt die instrumental aufgebaute Stimmung in Vollendung.

Miss you in the Days, und The Miserable Rich insgesamt, sind jedem zu empfehlen, der sich an musikalischer Skurrilität erfreut, der gute und fein ziselierte Arrangements zu schätzen weiß und der gerne auch mal über den Tellerrand des musikalisch Bekannten hinausschaut.

 

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