Recently Released | Herrenmagazin – Das wird alles einmal Dir gehören

Mein Verhältnis zu deutschsprachigem Rock als zerrüttet zu bezeichnen, wäre ganz eindeutig eine Untertreibung. Umso mehr konnten mich in meinem Nebenblogjob beim Popkiller die vier Jungs von Herrenmagazin überraschen. Gerade deshalb, weil sie all das tun was andere deutschsprachige Rockbands vor ihnen auch tun und mir trotzdem irgendwie gefallen.

Das wird alles einmal Dir gehören heißt das zweite Album der Band. Das erste ist an mir völlig unbemerkt vorüber gegangen, daher kann ich dazu keine Vergleiche und Einschätzungen abgeben. Was ich allerdings sagen kann ist, dass das zweite Album gut funktioniert.

Herrenmagazin klingen instrumental irgendwie nach Brit-Pop-Punk, so ein Hauch von Arctic Monkeys und was es da noch so gibt schwingt da mit. Gesanglich befinden wir uns scheinbar wieder in den achtzigern des letzten Jahrhunderts. Der Gesang ist ungeschliffen, gesanglich keine Meisterleistung, stellenweise fast schief. Nicht einmal die Stimmen klingen besonders gut. Aber Herrenmagazin machen aus ihren Zutaten Musik, die mehr ist als die Summe ihrer Teile.

Die herausragende Leistung ist insgesamt wohl die Betextung der Stücke, denn Herrenmagazin machen wahrlich intelligente Lyrics. Hier wird nicht bloß versucht eine Gesangslinie über die Musik zu quetschen. Da ist vielmehr festzustellen, dass die Musik durch die Texte hervorragend ergänzt wird. Die Texte tragen einen deutlichen Teil zum Entstehen der Stimmung der Platte bei. So etwas schaffen die wenigsten Musiker. National wie international. Umso mehr fühle ich mich mit meiner sonst so üblichen Vorverurteilung deutscher Musik etwas irritiert.

Die Produktion der Scheibe könnte um ein vielfaches besser sein, aber das braucht es gar nicht, wie mein persönliches Highlight auf der Platte Keine Angst zeigt. Hier scheint kaum produziert worden zu sein, aber das Stück ist genau so auf den Punkt gebracht, wie es sein muss. Manchmal ist weniger eben mehr.

Herrenmagazin werden nicht zu meiner Lieblingsband, das mag ich einmal vorweg nehmen. Das wird alles einmal Dir gehören wird auch nicht zu meiner Lieblingsplatte. Aber Herrenmagazin haben mir gezeigt, dass auch deutsche Rockmusik tief bewegend sein kann, ohne das sonst so übliche Pathos, das übertriebene Leiden, das aufgesetzte Cool-Sein. Herrenmagazin haben ein wunderbare Album auf den Markt gebracht, dass Hoffnung macht für die deutsche Musikszene. Musik um der Musik willen, ohne Anbiederung an GZSZ, ohne Marktstudie, ohne Simplifizierung mit Blick auf Radiotauglichkeit. Respekt!


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Retrozension | Wir Sind Helden – Die Reklamation

Wir sind Helden - Die ReklamationMusik aus deutschen Landen hat es bei mir meist schwer. Meistens liegt es daran, dass dabei auch Deutsch gesungen wird, was meiner Meinung nach im Sinne von Alternative Rock einfach eher bescheiden klingt. Doch keine Regel ohne Ausnahme, und eine Ausnahme, die ich trotz kleinem Hype gemacht habe, ist ganz klar die Berliner Kapelle Wir sind Helden.

Zunächst einmal muss man dem wirklich guten Bandnamen Respekt zollen, aber Wir sind Helden haben es auch fertiggebracht deutschen Poprock zu schreiben, der sich deutlich von der Masse abhebt, frisch und auch frech wirkt, Witz hat ohne zur Parodie zu werden und neben all dem außerdem Texte, die den gewissen Kniff haben, was Frontfrau Judith Holofernes zu verdanken ist. Und schon wirds noch verwunderlicher; eine Frontfrau hats bei mir grundsätzlich sowieso schon schwerer, weil ich einfach in der Regel nicht auf Frauengesang abfahre. Und dennoch hat das Debutalbum der Viererkombo einen festen Platz in meiner Musikkollektion ergattert.

Die Reklamation erschien im Jahr 2003 und sorgte dafür, dass die vier Helden in den darauffolgenden Sommern ordentlich zu tun hatten, wenn es um Festivalauftritte ging. Ich selbst hatte – ich weiß schon gar nicht mehr wann genau das war – in Karlsruhe bei “Das Fest” das Vergnügen. Aber zurück zur Platte: Ganze zwölf Songs der Sorte flockig spaßiger Poprock mit gelegentlichem Tiefgang buhlen um die Gunst des Hörers. Und das tun die Liedchen auf eine Weise, dass das Widerstehen ziemlich schwer fällt.

Der Öffner (ich versuchs mal mangels gutem deutschem Begriff mit der direkten Übersetzung) Ist das So? zeigt schon gleich zu Beginn die musikalische Eigenständigkeit der Band. Ein treibender Rythmus, eine coole Basslinie, ein wirklicher guter Tasteneinsatz und eine Brise rockige Gitarre. Das alles unterlegt mit den Holofernes‘chen Wortspielereien, die die Schönheit der deutschen Sprache aufs wunderbarste vorführen. Im Grunde funktionierne so die meisten Songs auf dem Album. Auch die Überhits Denkmal und Aurelie passen sich mehr oder weniger in dieses Erfolgsthema ein. Toll! Die Zeit hält alle Wunder und auch Außer Dir zeigen dazu die Fähigkeiten der Band auch einen Schritt vom poppigen weg zu nehmen, und ein wirklich schönes nachdenkliches Stück zu komponieren. Deswegen gleich von Vielseitigkeit zu sprechen wäre sicherlich etwas übertrieben, aber man merkt, dass die Band mehr Potenzial hat, als es die äußerliche Aufmachung der Platte vermuten lässt.

Vergleiche. Irgendwie muss man beim Schreiben über Musik ja dann doch immer Vergleiche anstellen. Nun, im Fall von Wir sind Helden fällt mir das nicht leicht. Das mag an meiner lausigen Kenntnis der deutschen Musikszene liegen, vielleicht darf man den Helden aber auch zugestehen, eine Lücke in der deutschen Musikversorgung gefüllt zu haben. OK, der Nena-Vergleich drängt sich gelegentlich auf – ist aber eigentlich ziemlich unpassend. Ansonsten machen die Songs ehrlich Spaß und Die Reklamation bietet keinen Grund, die Platte zurück zu bringen.

Ganz im Gegenteil. Das Debutalbum der Helden gehört für mich zu den wichtigsten Platten der letzten Jahre/Jahrzehnte aus deutschen Landen. Natürlich gibt es aber auch hier eine Kehrseite der Medaille: Im Windschatten der originellen (Wahl-)Berliner schafften es musikalische Landplagen wie Juli, Silbermond und wie sie alle heißen ebenfalls in die Charts. Den Spaß an Die Reklamation lass ich mir davon aber nicht verderben.


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Retrozension | Die Toten Hosen – Kauf Mich!

Die Toten Hosen - Kauf Mich!Wer wäre ich, wenn ich nicht auch ein paar dunkle Kapitel in meinem CD-Regal finden würde? Kauf Mich! von den Toten Hosen ist so ein Vertreter. Ich war jung und hatte das Geld. Da dieser Blog aber ja den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, kann ich ja jetzt nicht so tun, als wäre das ganze nicht geschehen.

Nun gut. Schlecht ist die Platte der Punker aus dem Ruhrpott wirklich nicht unbedingt. Zumindest kann ich nicht leugnen, dass sie mir damals, als ich sie kaufte (das muss so ungefähr 1993/94 gewesen sein) ziemlich gut gefallen hatte. Mittlerweile dürfte es aber so ungefähr 12 Jahre her sein, dass ich die CD im CD-Spieler hatte. Denn langfristig kann – zumindest mich – das Album leider nicht begeistern.

Zu meiner Verteidigung könnte ich jetzt ja noch hinzufügen, dass das Kapitel Die Toten Hosen zu meiner jungen wilden Zeit gehörte und ich damals noch auf der Suche nach meinem eigenen Musikgeschmack war. Aber das würde auch nichts daran ändern, das die CD bei mir im Regal steht (bzw. liegt). Nun ja, widmen wir uns doch einfach mal der Musik auf dem Tonträger.

Ganze 16 Songs plus Hidden Track minus zwei Pseudo-Werbungen (Erotim-Super-3-Feucht und Die Homolka Kettensäge) befinden sich auf dem Silberling. Geboten wird Punkrock auf deutsch. Wie bereits nicht mal schlecht. Textlich lassen Die Hosen immer mal wieder nachdenkliche Grundgedanken aufblitzen, verfolgen diese jedoch mit dem für sie üblichen Humor. Man kann der Platte auch nicht wirklich vorwerfen, eintönig zu sein. Für Punk-Verhältnisse ist sie teilweise geradezu experimentell. Das zeigt sich für mich am Anfang von Gute Reise, am Kinderchor bei Wünsch DIR Was und bei dem sehr entspannten Mein Größter Feind.

Kaufgrund war für mich damals übrigens die Hit-Single Alles Aus Liebe. Mit der Zeit hat sich dieses Liedchen leider ziemlich abgenutzt. Was mich heute am meisten stört ist die Stimme von Campino. Ich denke, da muss man auch gar nicht drüber diskutieren. Mir gefällt sie einfach nicht mehr so wie früher. Besonders, dass er meist kurz vorm Schreien singt geht mir dabei gegen den Strich. Mit etwas mehr Gefühl liese sich den Songs vielleicht mehr abgewinnen. Aber auch nur vielleicht.

Ich möchte die Platte gar nicht schlecht reden. Besonders da ich fast vermute, dass es sich dabei um eines der besten Hosen-Alben handelt – außer Ein Kleines Bißchen Horrorshow kenne ich allerdings auch keine anderen. Für mich hat sich einfach schnell herausgestellt, dass ich nunmal kein Punker bin, auch musikalisch nicht. Den Ausflug zu den Hosen habe ich auch nie bereut, aber Hören muss ich es mittlerweile auch nicht mehr unbedingt.

Im übrigen absolut lesenswert: Die Beschreibungen zu den Songtexten bei Wikipedia. Ob das wohl jemand ernst meint?

Gutes Mittelmaß - aber auch nicht mehr

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Seen Live | Herbert Grönemeyer – Zwölf Tour / Stuttgart / 31. Mai 2007

Grönemeyer - ZwölfZwischen all den Bands, die sich so in meiner CD-Sammlung befinden, sticht Herbert Grönemeyer ziemlich deutlich hervor. Er singt deutsch, er ist ein Interpret, der nicht als Band berühmt geworden ist, meine Mutter findet ihn (zumindest überwiegend) gut, hatte ich schon erwähnt, dass er deutsch singt…?

Dennoch hab ich Geschmack an der Musik von “Herr Bert” gefunden. Seit seinem Comeback-Erfolg mit Mensch, der ja eigentlich kein wirkliches Comeback darstellte hat seine Musik wieder etwas frisches, kraftstrotzendes. Und deshalb war ich bereits auf der Mensch-Tour gewesen. Damals auch in Stuttgart zum Abschlusskonzert der Tour. Inzwischen hat Grönemeyer ein neues Album fabriziert, dass sich Zwölf nennt und – ohne dass ich hier eine eventuelle Rezension vorwegnehmen möchte – mich bisher nicht wirklich überzeugen konnte. Das liegt hauptsächlich daran, dass der gute Herbert auf dem gesamten Album irgendwie verschnupft klingt, aber auch daran, dass es keine so druckvollen Stücke liefert wie das noch bei Mensch der Fall war.

Dennoch war ich letzte Woche Donnerstag voller Vorfreude auf dem Weg ins Gottlieb-Daimler Stadion um Grönemeyer auf seiner Zwölf-Tour zu sehen. Nach unzähligen, nicht enden wollenden Staus und einem kleinen Sprint von den Cannstatter Wasen zum Stadion, hatten wir zwar den Anfang des Konzertes, aber nicht wirklich vel verpasst. Die Stimmung im Publikum war anfangs noch leicht unterkühlt und in der ersten halben Stunde wollte der Funke nicht so recht überspringen. Animationsversuche seitens Hernn Grönemeyer schlugen fehl, da das Publikum nicht textsicher war und die Songs noch zu neu.

Das änderte sich dann aber doch recht schnell. Die ersten älteren Hits wurden gespielt und damit bekam das Publikum endlich die Gelegenheit lauthals mitzusingen und das Konzert zu geniessen. Die Performance der Band als auch von Grönemeyer war überwiegend perfekt. Hier und da ein paar kleine Schnitzer machten das Ganze dann sogar noch sympathischer als es der Herr Grönemeyer sowieso schon ist.

Grandios war auch der Bühnenaufbau, der von einer, den ganzen Rückraum abdeckenden Leinwand beherrscht wurde. Auf dieser wurden dann entweder Live-Bilder von der Bühne gezeigt oder nette Kurzfilmchen abgespielt, die für die jeweiligen Songs produziert wurden. So blieb auch für den armen Zuschauer auf den weit entfernten Sitzplätzen im Tribünenbereich (ich spreche von mir) noch ein gigantisches Konzerterlebnis, dass sich mit zunehemder Dunkelheit naturgemäß steigerte.

Zur Höchstform liefen Herbert und seine “Combo” im Zugabenblock auf. Ganze drei Mal liesen diese sich zurück auf die Bühne bitten, ehe die Lichter endgültig wieder angingen. Ein schöner Moment war hier die Interpretation des Liedes “Ich hab dich lieb”, wo Herbert sehr selbstkritisch über die geringe Qualität des Songtextes lästerte. Gemeint war die Zeile “Bin ich so’n oller Baum” die ihm misfällt, aber die sich nunmal auf “Traum” reimen musste. Solche Anekdoten geben einem dass Gefühl eines intimen Konzertes. Auch wenn um einen herum 40.000 + Leute sitzen. Schön.

Das Gute am Konzert war, dass die neuen Songs von Zwölf live eben die Energie entfalten konnten, die auf der Silberscheibe leider überwiegend fehlt. Mit der Erinnerung an das Konzert gefallen auch die Studioaufnahmen inzwischen deutlich besser. Im Fazit war das Konzert ein Riesen-Erlebnis – auch als Sitzkonzert – und die lange Fahrt nach Stuttgart 100%-ig wert.


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