Recently Released | Foo Fighters – Wasting Light

Zugegeben, ich habe lange gebraucht, bis ich diese Rezension fertig hatte. Das lag zum Einen daran, dass ich momentan einfach wenig Zeit finde überhaupt zu bloggen, das lag aber auch daran, dass Ich sicher gehen wollte das Album der Foos auch richtig verstanden zu haben. Nun, davon bin ich jetzt überzeugt. Ob mich das Album auch überzeugen konnte? Weiterlesen!

Sie haben es endlich wieder getan. Die Foo Fighters haben am 15. April ihr sechtes Studioalbum Wasting Light veröffentlicht. Die gute Nachricht gleich vorweg: es wird wieder zünftig gerockt. War der Vorgänger Echoes, Silence, Patience, Grace eher ein sanftes Album, werden auf Wasting Light endlich wieder die Verzerrer auf voll gedreht und Gas gegeben. Das weckt wieder Hoffnungen nach Foo Fighters wie man sie nicht unbedingt im Radio spielen wird, und das wäre nach der Single Wheels ganz eindeutig ein Kompliment.

Leider sind Träume aber Schäume. Das Album rockt zwar Standesgemäß, es finden sich aber keine wirklichen Hymnen à la Hero oder Everlong auf dem Album. Selbst typische Songstrukturen, die die Foos auf ihren alten Alben so spielend einzubauen wussten, fehlen leider völlig.

Das ist dann auch das Kernproblem. Die Foos schaffen endlich wieder das geladene Album, dass man sich schon beim letzten Mal gewünscht hat und man will es geradezu lieben, aber die Suche nach Highlights fällt erschreckend schwer. Es ist nicht etwa so, dass die Songs schlecht wären oder am Ende gar die Produktion nicht passen würde. Es ist vielmehr so, dass die Songs nicht überraschen. Sie sind handwerklich wirklich gut, es macht sich aber der Eindruck breit, dass die Foo Fighters seit ihrem eingeschlagenen Erfolgsalbum In Your Honor ein wenig bequem geworden sind.

Genau genommen besteht ganz akut die Gefahr, dass die Band zum neuen Bon Jovi mutiert. Das wäre der grösste anzunehmende Unfall.
Es gibt aber auch viel Gutes auf Wasting Light. Insbesondere die etwas ruhigeren Nummern können da weitgehend überzeugen. So wird I should have known zum echten Highlight des Albums und lässt die leider überwiegende Mittelmäßigkeit des übrigen Werks ein Stück verzeihen.

Ein Fazit muss leider eher nüchtern ausfallen. Ich wollte mich begeistern lassen, ich war wirklich heiß auf ein Foo Fighters Album, dass endlich mal wieder ordentlich Drive hat. Leider hat Wasting Light wenig mehr als Drive zu bieten. Es finden sich keine neuen Evergreens und es bleibt im Grunde eine Sammlung von 11 Songs, die sich nur wenig voneinander absetzen und die zwar alle für sich gute Rocknummern sind und nach Foo Fighters klingen, aber nicht die Erwartungen an Foo Fighters erfüllen können.

Es scheint als wären die Foos damit an dem Punkt angekommen, an dem man sich durch Verweis auf analoge Aufnahmetechnik und die Rückbesinnung auf die heimische Garage davon abzulenken versucht, dass das Mojo fehlt. Ich hoffe die Band kann sich davon wieder erholen.

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In the Press | Radiohead – The King of Limbs

Radioheads neuestes Werk The King of Limbs dürfte seit langem mal wieder das erste Album sein, über das sich die Musikpresse, sei sie nun on- oder offline, so richtig hergemacht hatte. Zweifelsohne ist das achte Album der Briten das bisher wichtigste Release des aktuellen Jahres. Ich finde es mal wieder schön zu lesen, wie unterschiedlich dieses meiner Meinung nach geniale Album aufgenommen wurde. Zeit, mal wieder in meiner Kategorienschublade nach In the Press zu kramen und endlich mal wieder eine Presseschau zu bloggen.

Fangen wir mal an mit Laut.de. Die geben dem Album die verdiente 5/5 Wertung, ohne allzu klar darauf einzugehen wie das Album insgesamt wirkt. Erich Renz flüchtet sich eher in die kleinen Beobachtungen zu den einzelnen Songs. Dies macht er aber meist durchaus treffend, wie ich finde. Schade nur, dass sich Teile der Rezension hinter einer Formulierungswut verstecken, die ihresgleichen sucht. Ein echtes Bild vom Album wird damit nur bedingt vermittelt. Dennoch möchte ich gerne wiedergeben, was Herr Renz zum Song Seperate zu sagen hat.

“Separate” Zeit für Weingläser und Duftzüge. Nach der Epilepsie in den ersten Stücken steht die nachrauschende Entgiftungskur an. Hallende, kreisende Worte zieren das Gefühl einer zunehmend proportionaler werdenden Entspanntheit und die grazile Gelenkigkeit dieses freien Spiels beugt sich allen umtreibenden Mächten. Natürlich wären Radiohead kein (außer-)musikalisches Paradigma, wenn sie nicht mit juristischer Rücksichtslosigkeit handeln würden: “If you think this is over / Then you’re wrong“. Man möchte nicht glauben, dass es ein Finish markiert.

Auch DER SPIEGEL weiß, was sich gehört. So landet The King of Limbs unter den wichtigsten CDs der Woche in der Rubrik Angespielt. 9 von 10 möglichen Punkten erzielt das Album hier und wird nach meiner Meinung insgesamt besser beschrieben als bei Laut.de. Jan Wigger geht vor allem auch auf die Bedeutung der Band und ihrer Veröffentlichung ein. Bei Radiohead sicher nicht verkehrt. Er kommt zur absolut richtigen Analyse:

So viel ist klar: Die Veröffentlichung neuer Radiohead-Songs, ganz ohne Mitwirken und Beteiligung der Plattenindustrie, wirbelt immer noch mehr Staub auf als jede arme Sau, die von den Labels durch den neuesten Hype getrieben wird (Sorry, James Blake). Klar ist auch: Mit Referenzen aus der Hitparaden-Historie kommt man hier nicht weiter, dazu haben sich Thom Yorke, Philip Selway, Ed O’Brien, Jonny und Colin Greenwood schon viel zu weit auf uncharted territory gewagt.

Im Fazit sieht Jan Wigger auch klar. Nun, den einleitenden Satz des Fazits wage ich zwar zu bezweifeln. Weil er aber so schön ist, lasse ich ihn hier mal stehen.

Sie klingen mechanisch und artifiziell, wo sie echte Instrumente benutzen – und wohlig-warm, wo alles aus der Maschine kommt. Sie spielen ein Vexierspiel mit Popkultur und Publikum, das keinerlei Erwartungen und Ansprüchen genügt, sondern möglicherweise nur sich selbst. Ehrlichere, im ästhetischen Sinn schönere Musik hat unsere Zeit gerade nicht zu bieten. Wen kümmert es da, ob diese Platte besser oder schlechter als die letzte ist?

Es wird Zeit für die Gegendarstellung, die an dieser Stelle unbedingt von Peter Rehbein von Schallgrenzen.de kommen muss. Ist er mir doch schon mehrfach als unbeirrbarer Radiohead-Verschmäher aufgefallen. Trotz aller Beteuerungen, OK! Computer gar nicht so schlecht zu finden. Man merkt leider, dass bei Peter die Bereitschaft fehlt, das Album wirklich neutral zu betrachten. Gut, dass habe ich wahrscheinlich auch nicht geleistet, aber man sollte dem Album doch mehr Zeit einräumen, als nur einen kurzen Durchlauf, falls das überhaupt passiert ist. Sarkastisch schon die Einleitung:

Hurra, Hurra, Hurra, das neue Album von Radiohead ist da. Da freuen wir uns. Die Indie-Götter geben Rauchzeichen. Neues Album. Erst werden die MP3`s gekauft,  später die CD und noch später für die beleuchtete Glasvitrine das Vinyl. Das mein Puls deswegen Sperenzchen veranstaltet kann ich aber leider nicht behaupten.

Nun ja, da hat er wohl einen Treffer gelandet. Ich persönlich freue mich wahnsinnig auf mein Exemplar des Newspaperalbums. Ich bin ein wenig überrascht, dass Peter sich nicht dafür begeistern kann, wenn eine Band heute noch die Verpackung zur Musik mitzelebriert. Ich finde das sehr sympathisch.
Bezüglich der Musik kommt Peter eindeutig zum falschen Schluss, nicht ohne vorher noch ein wenig über das Video zu Lotus Flower herzuziehen:

Der Song “Lotus Flower” klingt nett, ist einer der besten Songs auf dem Album und den gibt es auch als Video. Nicht via YouTube, den dürfen wir dort nämlich nicht sehen, sondern diesmal via Dailymotion. Wirklich nette Popmusik für das Hier und Jetzt. Das Video mit Thom York in epileptischer Verzückung möchte ich mir aber kein zweites Mal ansehen. Ziemlich gruselig mit Tendenz zum Fremdschämen.

Und hier noch das verfehlte Fazit:

Der Rest ist Indie-Pop für die Abendstunde. Für die Zeit, bis der nächste angestrengte Seelenstrip im chinesischen Original und mit dänischen Untertitel auf Arte beginnt.

Eine derart sperrige Platte wie The King of Limbs einfach nur als Indie-Pop zu bezeichnen greift wesentlich zu kurz. Kommt Pop doch auch als Indiemusik eher seicht daher und geht gut und leicht ins Ohr. Hier merkt man, dass Peter sich nicht wirklich mit dem Album beschäftigt hat. Dass The King of Limbs Pop sein soll, kann man nur beim ersten Durchgang glauben. Die musikalischen Feinheiten gehen so natürlich schnell unter und werden nicht wahrgenommen.

Ebenfalls zurückhaltend urteilt Christoph Brandl – aka SomeVapourTrails – auf Lie In the Sound. Hier wird das Album in einer sehr lesenswerte Rezension fast komplett ignoriert, was genau genommen gar nicht so verkehrt ist. Vielmehr widmet sich Christoph der Meta-Ebene des Releases, und kommt dabei zu einem ernüchternden Urteil:

Als bekennender Jünger der Band knalle ich mir mit meiner flagellantschen Expertise die Peitsche ins eigene Fleisch. Die Erkenntnis, wonach Radiohead mit The King of Limbs ausschließlich dann betören, wenn ich mir einrede, herbeifantasiere, schlichtweg mit Haut und Haar wünsche, dass sie mein Hirn und Herz befruchten, trifft mich hart. Radiohead sind die Könige des subjektiven, oftmals auf Selbsthypnose beruhenden Empfindens. Dies Phänomen macht sie einzigartig, erhebt sie zum Kult, die jüngste Platte allerdings taugt bestenfalls zum auf die Schlachtbank geführten Kalb.

Auch Nicorola.de kann die Zweifel am Werk nicht ganz überwinden. Nico Schipper hat trotzdem eine ebenfalls sehr lesenswerte Rezension gezimmert, die die richtigen Fragen aufwirft.

Verhuschte Elektronik, jazzige Drumpatterns, flirrende Soundtexturen und die weitestgehende Abwesenheit von klassischen Instrumenten: Ich bin mir ziemlich sicher, das dieses Album die Fans spalten wird. Wer nach diesem Werk noch denkt, Radiohead seien eine klassische Rockband, der hat nicht hingehört. Jetzt bleibt für mich die Frage: schaffen es diese acht fragilen Soundskizzen die Zeit zu überdauern?

Und natürlich die bohrende Ungewissheit: kommt da noch mehr?

Nicorola beschäftigt sich damit, nach einem entsprechenden Tweet, auch noch mit den Gerüchten um “die zweite Hälfte” von The King of Limbs.
Ob daran etwas dran ist mag ich insofern bezweifeln, dass ich nicht davon ausgehe dass mit dem Newspaper-Release The King of Limbs plötzlich zum Doppelalbum wird. Auch wenn das bei In Rainbows mit der B-Seiten CD so war, wage ich die Diagnose, dass das Wunschträume enttäuschter Fans sind, die noch immer an einen Scherz glauben, statt sich mit TKOL abzufinden. Freuen würde ich mich aber ganz sicher auch darüber.
Insgesamt kann man nun festhalten, dass die Blogospäre sich nicht einig ist, was vom Album zu halten ist. In einem waren sich aber offenbar sogar die schärferen Kritiker einig: es lohnte sich darüber zu schreiben.
 

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Recently Released | Radiohead – The King of Limbs

Fangen wir diese Rezension doch einmal ganz anders an. Mit Dankbarkeit, dass Retrozension.de nicht den Anspruch hat Nachrichten als Erster unter die Leute zu bringen, sondern die Zeit hat, Musik wirken zu lassen bevor man seinen Senf abgibt. Sehr dankbar! Aber soviel sei nur als Ankündigung genutzt, dass es die Tage auch eine kleine Presseschau zu diesem Thema geben wird.

Widmen wir uns nun dem Release um das es hier gehen soll. Radiohead haben dieser Tage mit rekordverdächtig kurzer Ankündigung den Releasetermin für ihr achtes Studioalbum bekannt gegeben (Digitalrelease Samstag den 18.02.2011) und dann doch noch einen Tag früher releast. Ich liebe Radiohead und habe natürlich zugegriffen. Ich freue mich schon jetzt darauf in ein paar Wochen das Newspaper-Album in den Händen zu halten. Bei In Rainbows hatte ich die Gelegenheit leider nicht genutzt.

Zwischenzeitig kann man aber ja schon das Machwerk hören, und das habe ich in den letzten Tagen ausgiebig getan.
The King of Limbs ist keine leichte Kost, aber das war bei Radiohead schon vorher klar. TKOL ist zudem enttäuschend, weil es mal wieder so anders ausgefallen ist, als erwartet. Wer Gitarrenklänge erwartet wird kaum fündig. Verzerrerklänge sind noch spärlicher gesät. TKOL ist näher an Amnesiac als an jedem anderen Radiohead-Longplayer und doch gar nicht vergleichbar. Der erste Eindruck erinnerte mich am ehesten an Jazz. Vermutlich geht das in eine Fusion-Richtung, so gut kenne ich mich da aber nicht aus.

Acht Songs sind auch so eine Enttäuschung und kein Vergleich zu opulenten Hail to the Thieves-Zeiten; die Gesamtspielzeit erreicht nicht mal 38 Minuten. Ist deswegen das ganze Album eine Enttäuschung? Man ahnt es schon: Mitnichten!

TKOL liebt die Stille, vielmehr die Ruhe, ist fragil und hauchzart. Ich fühle mich an eine Seifenblase erinnert, ein Traum, der jederzeit zu zerplatzen droht und einen doch völlig in seinen Bann zieht. Die Schöhnheit der Songs liegt in der Detailverliebtheit der Arrangements. In der offen höhrbaren Verletzlichkeit des gesamten Konzepts. Der erste Hördurchgang lässt einen leiden. Man ist enttäuscht, desillusioniert und ein wenig orientierungslos. Die Songs wirken völlig belanglos; soll das etwa Radiohead nach dem Geniestreich von In Rainbows sein? Man sucht vergeblich nach Rock, nach den Elementen, die Radiohead bisher dann doch noch als Rockband durchgehen ließen, obwohl die Musik schon längst nicht mehr so richtig in die vorbereitete Schublade passen wollte.

Aber The King of Limbs wächst schnell und nachhaltig. Die Songs dringen ein, sickern geradezu ins Unterbewusstsein und nisten sich fröhlich ein in ihrer ausgesprochenen Unfröhlichkeit. Schon Freitagabend kamen mir einzelne Höreindrücke nicht mehr aus dem Sinn. Es entstand eine wahre Sucht nach den so herrlich minimalistsch aber doch effektvoll inszenierten Stücken.

Alle Songs bedienen dabei ähnlichen Grundstimmungen der Melancholie. Es gibt keine groß angelegte dynamische Vielfalt im Sinne von Track 1 rockt und Track 5 ist dafür eher balladesk angelegt. Nein, Radiohead bearbeiten im Wesentlichen acht musikalische Einfälle mit allem gebotenen Ernst und dem musikalischen Wissen, dass im wirtschaftlich verwertbaren Musikbereich so wohl nur bei Radiohead gefunden wird. Dabei bauen sie die einzelnen Tracks sehr gekonnt auf und schaffen dynamische Bandbreiten, die ohne das übliche Laut-Leise auskommen. Da liegen noch in den entferntesten Winkeln der Klanglandschaft Elemente, die es zu entdecken und zuzuordnen gilt. Dass das ganze Album dabei dennoch so organisch und aufgeräumt wirkt ist die wahre Kunst und wohl auch die wahre Arbeit beim austüfteln der Stücke gewesen.

Das Album könnte keinen oder kaum Wiederhall erwarten, käme es von einer unbekannten Indiecombo. Das ist schade, aber leider wahr – sagt aber glücklicherweise nichts über die Qualität und melancholische Schönheit des Machwerks aus.
Radiohead stehen schon lange weit außerhalb des Mainstreams, sogar weit außerhalb jeglicher Kategorien und Genres, in die Musikblogger und -journalisten so gerne einordnen; ich nehme mich da nicht raus.

Das Radiohead dennoch so gut funktionieren und millionenfach Platten unters Volk bringen; dass sie mit ihrem Album derart die Medien beherrschen, einfach weil jeder glaubt, seine Meinung zum Ausdruck bringen zu müssen, das spricht für sich und hat alleine schon jeglichen Respekt verdient. Das Radiohead es aber davon scheinbar unbelastet weiterhin schaffen, geniale, wenn auch schwierige Alben zu schreiben, ohne den Versuchungen des simpleren Pops und den Verlockungen des einfacheren Ruhms zu verfallen, dass zeichnet sie in meinen Augen wahrlich aus.

Über all dem Meta-Zeugs sollte nicht vergessen werden, dass The King of Limbs nicht an In Rainbows anknüpft, es aber auch keinen Takt lang versucht. TKOL steht für sich, genau wie die alte Eiche, deren Namen es sich entliehen hat. Ob es gefällt ist Geschmackssache. Mir jedenfalls gefallen die Songs verdammt gut.

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Retrozension | Red Hot Chili Peppers – By The Way

Dass die Red Hot Chili Peppers grundsätzlich eine der besten Bands sind, die im Laufe der 90er zu berechtigtem Weltruhm gekommen sind, steht wohl grundsätzlich nicht zur Debatte. Wenige andere Bands schafften es so grundlegend einen eigenen Sound zu entwickeln und fast schon ein eigenes Genre zu begründen.

Das erstaunliche an den RHCP war aber für mich das wiederaufstehen, nachdem die Band eigentlich schon komplett abgeschrieben war. Californication war der Befreiungsschlag nach langer Pause und einem guten, aber erfolglosen Album. Nach dem Erfolg von Californication kann By the Way sicher kein einfaches Album für die Band gewesen sein. Schließlich galt es genau das durchzumachen, an dem die Band nach Blood Sugar Sex Magik schon einmal gescheitert waren: Den Erfolg des Vorgängeralbums einzustellen und die Fans an der Stange halten.

Die Band entschloss sich erfreulicherweise zu einem recht mutigen Ansatz für ihr achtes Studioalbum: By the Way wurde ganz anders angegangen. Es wurde erwachsener, nachdenklicher und insgesamt ein Schritt in eine neue Richtung. Der Stil der Band verschiebt sich ganz stark in eine “gesetztere” Richtung; die Songs werden ruhiger und detaillierter in der Produktion umgesetzt. Die Zweistimmigkeit vieler Songs wirkt bisweilen etwas ungelenk und entwickelt gerade daraus ihren ganz eigenen Charme. Es scheint geradezu, als sei bei den Red Hot Chili Peppers ein neuer kreativer Prozess in Gang gesetzt, der den Weg in die Zukunft der Band weisen würde.

Es finden sich zwar nach wie vor noch funkige Crossover-Stücke wie etwa Throw away Your Television oder Can’t Stop, die Oberhand gewinnen aber die eher nachdenklichen Songs, die auf Californication noch einen eher zaghaften Einstand hatten. Das sind wunderbare, entspannte und sehnsüchtige Songs, die eine neue Ära bei den RHCP einläuten.

Die Chili Peppers entfernen sich damit aus ihrer Comfortzone, was insbesondere nach dem erneuerten Erfolg mit Californication erfreulich mutig war. Das Ergebnis spricht für sich. By the Way war zum Erscheinen ein absolut richtiges und gutes Album. Im Nachhinein verblasst es allerdings aus meiner Sicht ein wenig hinter den kantigeren und damit etwas spannenderen Alben Blood, Sugar, Sex, Magik, Californication und aus meiner Sicht sogar One Hot Minute.

Dennoch ist By The Way ein wirklich gutes Album, dass außerdem stilistisch den Weg ebnete für das darauf folgende Stadium Arcadium. Ich muss zugeben, dass ich deutlich weniger oft höre, als die anderen Alben der Band (Freaky Stiley mal außen vor gelassen).

Immer noch gut

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Retrozension | Pearl Jam – Binaural

Pearl Jam waren, sind und werden auch immer die wahre Größe des Seattle Rock sein. Keine der Bands, die im Zuge des Nirvana-Hypes zu Weltruhm gekommen sind kann in Sachen Beständigkeit und kreativem Output mit den einzig wirklich verbleibenden Grunge-Größen mithalten.

Das Jahr 2000 sollte für die Band ein besonders prägendes Jahr werden. Am Anfang stand hierbei die Veröffentlichung des sechsten Studioalbums Binaural. Der Titel verweist auf die besondere Aufnahmetechnik, die hier zur Verwendung gekommen ist. Kurz gefasst wird hierbei ein Modellkopf zwischen zwei Mikros platziert. Damit soll ein besonders lebensechter Raumklang eingefangen werden. Mehr darüber weiß natürlich Wikipedia (Achtung: Englisch!).

Weiterhin besonders zu erwähnen ist, dass Binaural das erste Studioalbum ist, auf dem Matt Cameron, allen bekannt als Drummer von Soundgarden, die Holzklöppel auf die Trommeln hauen darf nachdem Jack Irons das Handtuch geworfen hatte. Schlagzeuger hielten sich bei Pearl Jam bis dahin nie besonders lange …

Erwähnenswert natürlich auch der Schicksalsschlag von Roskilde, als während eines Konzert der Band neun Fans/Zuhörer in der Menschenmenge erdrückt wurden.

Wir wollen uns aber mal der Musik zuwenden, die Binaural zu bieten hat. Eröffnet wird mit Breakerfall erfreulich kraftvoll. Keine Frage, hier wird Rockmusik zelebriert. Irgendwie klingt der Song deutlich anders als alle anderen Songs, die die Band bis dahin geschrieben hatte. Man scheint sich ein wenig vom Grunge loszulösen, was natürlich auch dringend nötig ist anno 2000. Auch God’s Dice hält das Tempo hoch, experimentiert mit vielen Soli-Einwürfen, vollem Sound und voller Energie. Pearl Jam klingen geradezu erfrischend, weniger wehleidig als noch auf No Code oder teilweise auch noch auf Yield. Retrospektiv kann man behaupten, dass Binaural für den aktuellen Sound der Band wohl mit am prägensten war. Evacuation wirkt dann geradezu experimentell, fragmentiert. PJ experimentieren mit ihrem Sound gnadenlos und lassen die Fans teilhaben. Ob Evacuation wirklich Album-Qualität hat, bleibt Geschmackssache.

Bekanntere Klänge werden mit Light Years angeschlagen. Eine klassische PJ-Slow-Rock-Nummer, die schnell zum Mitsingen verleitet und einen den Alltag wahlweise vergessen oder umso schmerzhafter erleben lässt. Verdammt gut, aber sicher nichts Neues an sich. Nothing as it Seems hingegen hat das Zeug, aus dem Pearl Jam Evergreens gestrickt sind: episch gut und doch ganz persönlich, nah und verletzlich präsentiert sich die Band. Gitarrensoli, die aus den Untiefen des Raums zu kommen scheinen, perfekt produziert und doch mit diesem Live-Gefühl versehen. Dazu ein Eddie Vedder, der überwiegend zurückhaltend singt, dabei aber dennoch perfekt die Stimmung des Songs trifft. Zu recht einer der besten Pearl Jam Songs bis heute.
Thin Air ist dann eine perfekte Akustik-Gitarren Nummer, die insbesondere aufgrund der fragil wirkenden Zweistimmigkeit, eine besondere Schönheit zu entfalten weiß. Schön auch die leichten Country-Einschläge ab Strophe zwei.

Insignificance rockt einfach nur gewaltig. Der Song strotzt nur so vor Energie, bleibt dabei aber PJ-typisch eher nachdenklich. Besonders gut sind die etwas fuzzigen Gitarrensounds, die fast schon zu modern für die Band wirken. Tolle Nummer. Geniales Nicht-Solo gegen Ende! Noch nie hat die Abwesenheit eines Solos so gut gewirkt. Of the Girl ist einer der Songs, die mit dem Binaural Verfahren auf Band gebannt wurden. Eine sehr organisch wirkendes Stück, das insbesondere die Solo-Qualitäten von Mike McCready in den Vordergrund stellt. Ansonsten sehr entspannt und beeindruckend gut.

Grievance bringt wieder etwas Tempo und experimentierfreude ins Album. Stakkatogitarren, Druck, Optimismus reißen mit und machen Spaß. So einfach ist das. Rival wird von Hundegeknurre eingeleitet, nur um dann in einem besonders schweren Groove einzusteigen und einen sehr spannenden Dialog zwischen den beiden Gitarren von Gossard und McCready zu eröffnen. Dazu reichlich viel klangliche Skurrilitäten, wie dissonante Klavierklänge, viel Hintergrundgeschreie und Zwischenrufe. Man spürt förmlich den Spaß, den die Aufnahme gemacht haben muss. Toll.

Sleight of Hand ist hingegen wieder sehr ruhig, sehr schwermütig und trübsinnig. Man hat so ein bißchen den Eindruck, dass die Nummer nicht unbedingt so richtig in das Album passt. Es fehlt ein bißchen der richtige Guss. Nicht schlecht, aber auch nicht wirklich toll. Soon Forget klingt fast wie Somewhere over the Rainbow, dank Ukulele, einsamer Gesangsperformance von Eddie Vedder und einer leicht bedröpselten Stimmung. Der übliche Lückenfüller, den Pearl Jam auf nahezu jedem Album zu präsentieren wissen. Trotzdem nett, und natürlich voll mit Botschaft versehen. Dafür macht der Song schnell Platz für das fast monumentale Parting Ways. Nur etwas dreieinhalb Minuten geben Pearl Jam ihrer Schlussnummer, die sich dennoch langsam entfalten darf und dabei ins schier übermenschliche wächst. Genial gut, typisch Pearl Jam und vielleicht ein wenig zu viel des Guten, aber was solls; mir hat die Nummer immer richtig gut gefallen. Besonders wenn die schrammige Gitarre dazwischenkracht stellt sich ein Gänsehaut-Gefühl ein. Nach einigen Minuten Stille darf man sich dann noch ein wenig Gehacke auf einer Schreibmaschine anhören. Was das soll weiß man nicht, aber Hidden Tracks waren scheinbar mal in Mode.

Binaural ist sicher nicht das beste Album von Pearl Jam, aber es macht auch heute noch Spaß und landet auch bei mir immer mal wieder im Player und auf meinen Ohren. Insbesondere die klanglich Prägung lässt sich auf den beiden letzten Alben der Band wiederfinden, was ich besonders spannend finde, schließlich klingt das dazwischen liegende Riot Act nochmal ganz anders.

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Recently Released | Herrenmagazin – Das wird alles einmal Dir gehören

Mein Verhältnis zu deutschsprachigem Rock als zerrüttet zu bezeichnen, wäre ganz eindeutig eine Untertreibung. Umso mehr konnten mich in meinem Nebenblogjob beim Popkiller die vier Jungs von Herrenmagazin überraschen. Gerade deshalb, weil sie all das tun was andere deutschsprachige Rockbands vor ihnen auch tun und mir trotzdem irgendwie gefallen.

Das wird alles einmal Dir gehören heißt das zweite Album der Band. Das erste ist an mir völlig unbemerkt vorüber gegangen, daher kann ich dazu keine Vergleiche und Einschätzungen abgeben. Was ich allerdings sagen kann ist, dass das zweite Album gut funktioniert.

Herrenmagazin klingen instrumental irgendwie nach Brit-Pop-Punk, so ein Hauch von Arctic Monkeys und was es da noch so gibt schwingt da mit. Gesanglich befinden wir uns scheinbar wieder in den achtzigern des letzten Jahrhunderts. Der Gesang ist ungeschliffen, gesanglich keine Meisterleistung, stellenweise fast schief. Nicht einmal die Stimmen klingen besonders gut. Aber Herrenmagazin machen aus ihren Zutaten Musik, die mehr ist als die Summe ihrer Teile.

Die herausragende Leistung ist insgesamt wohl die Betextung der Stücke, denn Herrenmagazin machen wahrlich intelligente Lyrics. Hier wird nicht bloß versucht eine Gesangslinie über die Musik zu quetschen. Da ist vielmehr festzustellen, dass die Musik durch die Texte hervorragend ergänzt wird. Die Texte tragen einen deutlichen Teil zum Entstehen der Stimmung der Platte bei. So etwas schaffen die wenigsten Musiker. National wie international. Umso mehr fühle ich mich mit meiner sonst so üblichen Vorverurteilung deutscher Musik etwas irritiert.

Die Produktion der Scheibe könnte um ein vielfaches besser sein, aber das braucht es gar nicht, wie mein persönliches Highlight auf der Platte Keine Angst zeigt. Hier scheint kaum produziert worden zu sein, aber das Stück ist genau so auf den Punkt gebracht, wie es sein muss. Manchmal ist weniger eben mehr.

Herrenmagazin werden nicht zu meiner Lieblingsband, das mag ich einmal vorweg nehmen. Das wird alles einmal Dir gehören wird auch nicht zu meiner Lieblingsplatte. Aber Herrenmagazin haben mir gezeigt, dass auch deutsche Rockmusik tief bewegend sein kann, ohne das sonst so übliche Pathos, das übertriebene Leiden, das aufgesetzte Cool-Sein. Herrenmagazin haben ein wunderbare Album auf den Markt gebracht, dass Hoffnung macht für die deutsche Musikszene. Musik um der Musik willen, ohne Anbiederung an GZSZ, ohne Marktstudie, ohne Simplifizierung mit Blick auf Radiotauglichkeit. Respekt!

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