Retrozension | Wir Sind Helden – Die Reklamation

Wir sind Helden - Die ReklamationMusik aus deutschen Landen hat es bei mir meist schwer. Meistens liegt es daran, dass dabei auch Deutsch gesungen wird, was meiner Meinung nach im Sinne von Alternative Rock einfach eher bescheiden klingt. Doch keine Regel ohne Ausnahme, und eine Ausnahme, die ich trotz kleinem Hype gemacht habe, ist ganz klar die Berliner Kapelle Wir sind Helden.

Zunächst einmal muss man dem wirklich guten Bandnamen Respekt zollen, aber Wir sind Helden haben es auch fertiggebracht deutschen Poprock zu schreiben, der sich deutlich von der Masse abhebt, frisch und auch frech wirkt, Witz hat ohne zur Parodie zu werden und neben all dem außerdem Texte, die den gewissen Kniff haben, was Frontfrau Judith Holofernes zu verdanken ist. Und schon wirds noch verwunderlicher; eine Frontfrau hats bei mir grundsätzlich sowieso schon schwerer, weil ich einfach in der Regel nicht auf Frauengesang abfahre. Und dennoch hat das Debutalbum der Viererkombo einen festen Platz in meiner Musikkollektion ergattert.

Die Reklamation erschien im Jahr 2003 und sorgte dafür, dass die vier Helden in den darauffolgenden Sommern ordentlich zu tun hatten, wenn es um Festivalauftritte ging. Ich selbst hatte – ich weiß schon gar nicht mehr wann genau das war – in Karlsruhe bei “Das Fest” das Vergnügen. Aber zurück zur Platte: Ganze zwölf Songs der Sorte flockig spaßiger Poprock mit gelegentlichem Tiefgang buhlen um die Gunst des Hörers. Und das tun die Liedchen auf eine Weise, dass das Widerstehen ziemlich schwer fällt.

Der Öffner (ich versuchs mal mangels gutem deutschem Begriff mit der direkten Übersetzung) Ist das So? zeigt schon gleich zu Beginn die musikalische Eigenständigkeit der Band. Ein treibender Rythmus, eine coole Basslinie, ein wirklicher guter Tasteneinsatz und eine Brise rockige Gitarre. Das alles unterlegt mit den Holofernes‘chen Wortspielereien, die die Schönheit der deutschen Sprache aufs wunderbarste vorführen. Im Grunde funktionierne so die meisten Songs auf dem Album. Auch die Überhits Denkmal und Aurelie passen sich mehr oder weniger in dieses Erfolgsthema ein. Toll! Die Zeit hält alle Wunder und auch Außer Dir zeigen dazu die Fähigkeiten der Band auch einen Schritt vom poppigen weg zu nehmen, und ein wirklich schönes nachdenkliches Stück zu komponieren. Deswegen gleich von Vielseitigkeit zu sprechen wäre sicherlich etwas übertrieben, aber man merkt, dass die Band mehr Potenzial hat, als es die äußerliche Aufmachung der Platte vermuten lässt.

Vergleiche. Irgendwie muss man beim Schreiben über Musik ja dann doch immer Vergleiche anstellen. Nun, im Fall von Wir sind Helden fällt mir das nicht leicht. Das mag an meiner lausigen Kenntnis der deutschen Musikszene liegen, vielleicht darf man den Helden aber auch zugestehen, eine Lücke in der deutschen Musikversorgung gefüllt zu haben. OK, der Nena-Vergleich drängt sich gelegentlich auf – ist aber eigentlich ziemlich unpassend. Ansonsten machen die Songs ehrlich Spaß und Die Reklamation bietet keinen Grund, die Platte zurück zu bringen.

Ganz im Gegenteil. Das Debutalbum der Helden gehört für mich zu den wichtigsten Platten der letzten Jahre/Jahrzehnte aus deutschen Landen. Natürlich gibt es aber auch hier eine Kehrseite der Medaille: Im Windschatten der originellen (Wahl-)Berliner schafften es musikalische Landplagen wie Juli, Silbermond und wie sie alle heißen ebenfalls in die Charts. Den Spaß an Die Reklamation lass ich mir davon aber nicht verderben.


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