Seen Live | Therapy? – Hamburg, Hafenklang – 2009/12/01

Etwas verspätet mittlerweile, muss ich ja hier noch ein wirklich überzeugendes Konzerterlebnis nachreichen. Die altehrwürdigen Therapy? gaben sich die Ehre, vor nicht einmal 200 Leuten im Hamburger Hafenklang zu zeigen, dass es sie auch noch gibt. Klingt sarkastisch, ist aber genau die Reaktion, die ich seit dem von allen Eingeweihten bekomme, wenn ich erzähle ich war bei Therapy?

Traurig? Nun zugegeben, Therapy? haben schon vor deutlich größerem Publikum gespielt, aber fairerweise muss man wohl auch sagen, dass Therapy? schon deutlich bessere Alben auf den Markt geworfen hatten als zuletzt. Der Zenit ist und war wohl immer das immer noch faszinierend eindringliche Troublegum, das für mich immer noch die Highspeed-Platte schlechthin ist. Diese Zeit ist aber nun auch schon eine ganze Menge Jahre her und daher muss man sich wohl kaum wundern, dass die drei Iren lediglich das Hafenklang (fast) voll kriegen.

Davon lassen sich die drei aber offenbar nicht entmutigen. Von Song 1 an sind die drei voll in ihrem Element und wärmen erstmal das Publikum mit alten Hits, vorwiegend von Troublegum, auf. Dabei zeigen Andy Cairns, Mike McKeegan und mittlerweile-Drummer Neil Cooper (der sich angeblich nicht besonders gut fühlte) volle Präsenz, binden von Anfang an ganz offensiv das Publikum mit ein. So ist es nicht verwunderlich, dass es ziemlich schnell zu Stage-Dives und viel gepoge vor der Bühne kam. Highlight dabei war sicherlich der Kerl, der eine Weile vor mir stand, und dabei (vermutlich) seiner Freundin simste, dass er voll am pogen sei – dabei stand im ganzen Raum vermutlich keiner so still wie er. Viele Grüße von mir auf diesem Wege, kleiner Angeber.

Zurück zum eigentlichen Event. Therapy? spielten nach der Aufwärmphase dann auch die ein oder andere Nummer aus dem aktuellen, mir unbekannten Longplayer Crooked Timber. Die Stimmung kühlte dabei ein klein wenig ab, was nicht an den Songs an sich lag sondern eher daran, dass keiner die Songs kannte. Man muss Therapy? aber hoch anrechnen, dass sie Profis genug waren, immer wieder mit Einwürfen aus den alten Zeiten die Menge brodeln zu lassen.

Alles in allem muss man einfach sagen, dass das Konzert wirklich cool war. Soviel bin ich seit langen nicht mehr während eines Konzerts gehopst. Fleißig mitgesungen habe ich auch und so war die ganze Aktion insgesamt ein wirklich cooler abens. Ich muss jetzt auf jeden Fall mal schauen, ob das neue Album vielleicht mal wieder eine Investition wert ist.

Therapy? gibts es auf jeden Fall noch!

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Retrozension | Therapy? – Infernal Love

Es wird Zeit, das sechste Album der Band Therapy? – in meiner Sammlung nur das zweite – mal genauer anzuhören. Therapy? kamen mir ja erstmals mit dem Album Troublegum unter, und obwohl es sich dabei um astreinen Punk mit hohem Tempo gehandelt hatte, gefiel mir die Musik zu meiner eigenen Überraschung prompt. Grund genug, das darauf folgende Infernal Love aus dem Jahr 1995 zu kaufen.

Und zu meiner großen Überraschung überraschte mich Infernal Love dann ganz schön. Im Gegensatz zu Troublegum ist das sechste Album der Band aus Nordirland ziemlich abwechslungsreich und vielseitig.

Der Opener Epilepsy, aus dem auch die namengebende Zeile Infernal Love entstammt. Ist zunächst Highspeed-Rock mit schön wütender Gesangsstimme und reichlich Power. Wer solche Songs schreibt braucht live vermutlich keine Vorbands um das Publikum aufzuheizen. Hier gibts auch wieder die verdammt guten, wenn auch kurzen,  Gitarrensolis from Hell, die mir schon auf Troublegum zu gut gefallen haben. Zwischendurch eine kleine, fast jazzig-swingige Episode und dann wird brachial weiter gerockt. Fantastisch!. Und dieses Ende!

Stories bleibt auch erst einmal beim eher hohen Tempo. Wenn hier auch ein klein wenig Gas rausgenommen wurde. Was sich hier jedoch schon langsam als roter Faden im Album einstellt, sind die Soundsamples, die das Album insgesamt zu einer kleinen Geschichte zusammenstricken wollen, was meiner Meinung nach auch gelingt. Moment of Clarity ist dann ein Song, den es auf Troublegum nicht gegeben hätte. Absolut ‘tranquille’, wie der Franzose sagt und geradezu entspannend. Als ich das Album neu hatte war dieser Song mein absoluter Albumfavorit. Heute sehe ich das etwas differenzierter.

Jude the Obscene wird dann wieder rockiger, wobei das Tempo für Therapy?-Verhältnisse maximal Midtempo ist. Bowels of Love wird wieder ein eher ruhigeres, wenn auch kein langsames, Stück. Hier wird schön mit Akustikgitarren und Streicherhinterlegung gearbeitet. Der Song ist auf jeden Fall einer der Titel, die besonder viel Leidenschaft – bzw. in diesem Fall Verzweiflung – ausstrahlen. Wirklich mitreissend. Misery begint zunächst mit einer etwas synthetisiert klingenden Kriegsgeräuschkulisse. Darin schneidet dann das Gitarrenriff ein, dicht gefolgt vom Rest der Band. Ein Heidenspaß, dieses Stück auf der Gitarre mitzuschrammeln. Schon deshalb immer eines meiner Lieblingsstücke des Albums gewesen.

Bad Mother ist soundtechnisch als auch rifftechnisch eines der spannensten Liedchen auf dem Tonträger. Dazu ein eingängiger Refrain. Eigentlich müssten solche Titel Hits werden. Me vs You ist dann so ruhig, dass man meinen könnte die Band hätte gewechselt. Zu hören ist zartes Gitarrengeklimper, eine bedrohlich klingende Melange aus Streicher, Bass und Bassdrum. Noch bedrohlicher klingt die Gesangsstimme, die so tief ist, dass einem fast die Häarchen zu berge stehen. Der Refrain klärt auf, wirkt fast ekstatisch gegen die Strophe. Ein wunderbares Spiel mit der Dynamik und ein wirklich gelungener Song. Ich denke der Titel erklärt sich so auch wie von selbst.

Loose erschreckt den Zuhörer dann fast mit seiner Fröhlichkeit. Hohes Tempo kurze Strophe, knackiger Refrain, klassische Songstruktur. Fast wirkt der Song auf Infernal Love ein wenig deplaziert. Wie Britney Spears auf einer Grungecompilation -zugegeben, ich übertreibe ein wenig. Bevor die Fröhlichkeit voll Besitz von uns übernehmen kann, verbreitet Diane wieder etwas Thriller-Stimmung. Auch hier kommen dann wieder die Streicher zum Einsatz, diesmal allerdings weniger als Hintergrundelement sondern gar als einzige Instrumentierung, Cello und Geigen. Was Punk mittlerweile so alles darf. Dazu ein wirklich tiefgehender Text der die Geschichte eines Mordes mit Vergewaltigung aus Sicht des Täters schildert. Ob die Welt sowas braucht sollen andere entscheiden. Der Song geht auf jeden Fall unter die Haut.

Warum der über fünfminütige Schlusssong dann 30 Seconds heißt, bleibt wohl ein Rätsel. Hier gibts wieder den Eingangs schon erlebten Highspeed-Rock. Alles klingt irgendwie nach Verfolgungsjagd. Ein genialer Abschluss zu einem sehr vielseitigen Album, dass mir insgesamt immer sehr gut gefällt, das im Gesamteindruck ziemlich gut wegkommt und doch immer ein bißchen die Sehnsucht nach der genialen Schlichtheit von Troublegum mitschwingen lässt. Insgesamt beweisen Therapy? hier, dass sie deutlich mehr können als nur in einem Tempo und einem Sound mehr oder weniger gleiche, wenn auch gute Punksongs zu schreiben. Infernal Love präsentiert eine hohe Bandbreite was Dynamik, Tempi, Sounds und Stimmungen anbelangt. Das Ergebnis ist ein verdammt gutes, rockiges Album, das bei mir nur eine Frage offen lässt: Warum finden solche Alben nur so wenig Beachtung?

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Retrozension | Therapy? – Troublegum

Therapy? - Troublegum

Aus dem fernen Jahre 1994, also 13 Jahre alt, ist ein Album, dass einen so dermaßen mit Energie volltanken kann, dass die Erfindung von Starkstrom fast lächerlich dagegen wirkt. Therapy? (Fragezeichen gehört zum Namen) stammen aus Nordirland und machen auch heute noch fleißig Musik, die irgendwie wohl dem Punk zuzuordnen ist, aber davor scheue ich mich mal wieder. Seit 1991 haben die drei Mannen aus dem Norden der grünen Insel satte 13 Alben verewigt, das 14. ist bereits für dieses Jahr angedacht. Da können sich andere Bands was Produktivität betrifft vermutlich eine dicke Scheibe von abschneiden.

Mich hat Troublegum beim ersten Hören bereits voll gefesselt. Eigentlich war die Musik zu der Zeit, als ich ihr das erste Mal begegnete viel zu ‘hart’ für mich. Der Gitarrensound wirkt häufig sehr stark vom Metal beeinflußt. Die Songs sind kurz, ein bißchen düster, krachen ordentlich und legen auf dem gesamten Album ein Tempo vor, dass man schon vom Zuhören außer Atem zu kommen glaubt. Dabei ist das ganze Album dermaßen aus einem Guss, das es mir Anfangs durchaus schwer viel, auf Anhieb den Song zu nennen, der mir jeweils gerade im Kopf rumging.

Das soll aber nicht heißen, dass sich die einzelnen Songs nicht ausreichend voneinander unterscheiden. Die Sache ist bloß, dass man den Eindruck hat, die Band hatte irgendwann einen wirklich guten Tag und hat halt eben mal so 14 Songs geschrieben und eingespielt. So gut passt alles zusammen, dass es eine Sünde wäre nur einzelne Stücke daraus zu hören.

Schauen wir einmal ein bißchen näher auf die Tracklist von Troublegum. Der Opener Knives beginnt mit einem psychopathisch ins Mikro gehauchten Vers, nur um dann brachial zu zeigen, was musikalisch bevorsteht. Screamager folgt ohne eine Verschnaufpause einzuräumen, klare Songstruktur, Strophe, Bridge, Refrain – weiter. Hellbelly schließt da an, wo der Vorgänger aufgehört hat, treibender Rythmus, eingängige Riffs, Horrorfilmgesangstrophe, schicker Refrain – wieder weiter. Scheinbar etwas entspannter beginnt Stop it You’re killing me. Scheinbar! Dabei ist der Song klar eines der Highlights auf der Scheibe. Eine wirklich gute Melodie, ein wirklich catchiges Riff. Nach etwas weniger als vier Minuten ist aber auch schon wieder vorbei – weiter. Nowhere erinnnert fast schon ein bißchen an einen sehr schnellen Alarmton, ist dabei aber auch wieder wirklich gut – weiter. DAS Highlight des Albums – Die Laughing. Diesmal geht es wirklich etwas entspannter zu – im Verhältnis. Der Song hat wirklich Klasse, ist in weiten Teilen klar zweistimmig und hat das wohl schrägste Gitarrensolo, dass ich bis dahin gehört hatte. nach nur 2:48 gehts dann aber auch wieder weiter. UnbelieverTrigger InsideLunacy Booth (eine kleine Pause) –  IsolationTurnFemtexUnrequitedBrainsaw. Fertig. In einem Affenzahn ist das Album vorbei, etwas über 45 Minuten durchgängiges Geknüppel, wobei der Begriff ganz klar auf eine falsche Fährte lockt. Kein Song über 4 Minuten.

Vorbei ist es aber nocht nicht ganz. Zum Ausklang gibt es noch eine kleine Darbietung von … you are my sunshine; my only sunshine … in Grammophonakustik mit Plattensprung. Als Chillout – aber natürlich nur ganz kurz.

Troublegum ist vermutlich genau die Platte, die Eltern aus der Fassung bringen kann. Wer nicht offen für die Musik ist wird nur Krach hören, und das kann man selbst als Liebhaber der Platte nicht leugnen. Für mich war die Platte immer eine Art Hurricane – oder besser noch, ein Tornado – heftig, aber schnell vorbei. Wenn man sich dann nach einem langen Tag noch dazu die Gitarre umschnallt und mitschrummeln, machts gleich doppelt Spaß und ist dabei besser als jede Aggressionstherapie – Therapy? eben!

Klare Wertung!

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