Snippets | The Miserable Rich – 12 Ways to Count

Zur Vorbereitung auf meine Rezension für das Dritte Album von The Miserable Rich, Miss You in the Days,habe ich mich auf dem für mich immer noch neuen Medium Musikstreaming auf die Band eingestimmt und dabei mit 12 Ways to Count ein wundervolles Erstlingswerk entdeckt, das sich wunderbar in der neuen Kurz-Rezensionsrubrik Snippets vorstellen lässt.

Viele werden es schon wissen, aber es ist doch unbedingt zu bemerken, dass The Miserable Rich eine Band sind/waren, die eines zentral anders machen als andere: Auf ein Schlagzeug wird (fast) durchgehend verzichtet. Klar, man findet die Akustikklampfe, den Bass (vermutlich Kontra-), Gesang – aber eben keine Drums als Dauerbegleitung. Interessanterweise geht das aber sogar wirklich gut. Das liegt sicher daran, dass die sehr stilprägend eingesetzten Streicher den Alternative Folk der Band sehr stark ins Chansonhafte rücken und eine ungleubliche dichte Rythmusarbeit zu leisten vermögen.

Das Ergebnis ist herzerwärmend schön, musikalisch hoch spannend und in jedem Fall sehr anders als das Meiste was ich bisher so an Alternativebands gehört hatte. The Miserable Rich sind eine ganze Ecke skuriller als andere Folkrocker. 12 Ways to Count, ebenso wie das neue Album Miss You in the Days, beweisen mit musikalischer Finesse sehr eindrucksvoll, das Rockmusik nicht über verzerrte Gitarren zu definieren ist.


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Hier kommt etwas für Freunde des etwas schrägeren Indie-Folks. The Miserable Rich sind eine Combo aus dem Vereinigten Königreich, die streng genommen Chansoniers hätten werden sollen. Stattdessen fand man sich zusammen und machte auf den ersten beiden Album Indiefolkrock, der auf ein scheinbar unverzichtbares Instrument fast gänzlich verzichtete: Das Schlagzeug. Was zunächst etwas befremdlich wirkt funktionierte wunderbar und machte es der Band sehr einfach ein Alleinstellungsmerkmal aufzuweisen. Auf diesen Verzicht verzichtet die Band nun aber doch auf ihrem am Freitag erscheinenden dritten Album; und damit auch auf ihr Alleinstellungsmerkmal?

Die Antwort ist ein eindeutiges Jein. Das Schlagzeug darf nun das ganze Album durchgängig begleiten, bleibt aber über den gesamten Longplayer, eher stimmungs- denn rythmusstiftend, dezent im Hintergrund. Die Arrangements aus Gitarre, Kontrabass, Tasten, Flöten und Streichern, die der Band bisher den sehr eigenwilligen Stil verpasst hatten, sind nach wie vor stilprägend.

Schon Laid up in Lavendar zeigt die gesamte Eigenwilligkeit der Combo aus Brighton und  bedient auf sehr beeindruckende Wiese das verspukte Image des Albums. Piano, Bass und Schlagzeug tragen den Song über weite Strecken, die Streicher dürfen hier vor allem für die Geisterstimmung sorgen. Dazu kommt ein Refrain, der überraschenderweise geradezu zum Mitsingen einlädt. Imperial Lines lässt die dezente Rythmusarbeit des Schlagzeugs von den Streichern akzentuieren. Ansonsten puzzeln sich die Streicher, die Gitarre und in geringerem Maße auch der Bass aus eigenen Melodieversätzen und Arpeggi die Gesangsbegleitung zusammen, in der es so viele clevere Einfälle zu entdecken gibt, dass man sich kaum daran satthören mag.

Tramps hingegen ist fast schon minimalistisch aufgebaut. Getragen von rythmischen einem Gitarrenpicking, ergänzt um ebenfalls eher rythmisch geschrieben Streicherpassagen. Der ganze Song ist auf wundervolle Weise eigentlich eine Tanznummer. Die mehrstimmigen Gesangspassagen hier erinnern mich ein Stück weit an Travis auf 12 Memories. Honesty setzt dagegen mit sehr langsamem Tempo und einer eher atmosphärischen Ausmalung einen Kontrapunkt. Beeindruckend ist hier die gesangliche Melodieführung, die im Zweifelsfall eher ungewöhnliche Wendungen nimmt und den Song komplett zu tragen vermag.

Ringing the Changes ist mein Lieblingsstück auf Miss you in the Days. Die Melodie ist so wunderbar melancholisch und wirkt so wunderbar organisch, dass einem hier einfach das Herz aufgehen muss. Die Cellobegleitung untermalt perfekt die eher getragene und traurige Stimmung des Walzers. Große Kunst! The China Shop of Dreams erinnert mich sehr stark an ältere Songs von Vincent Delerm. Der Song gibt dem Album übrigens auch den Titel.

So wandert das Album im weiteren Verlauf weiter zwischen verschiedenen Rythmen, Stimmungen. Es fordert auf weiten Strecken Aufmerksamkeit und belohnt den gewillten Hörern mit vielen schönen Entdeckungen in den vielschichtigen Arrangements und liebevoll und überraschend geführten Melodien. Miss you in the Days ist ein wundervolles, musikalisches Kleinod: Skurill, fragil, mutig und verträumt reihen sich die elf Songs aneinander und erinnern dabei an längst vergangene Zeiten. Die Songs bewegen sich irgendwo zwischen Kammermusik und Indiefolk, wirken dank der außergewöhnlichen Instrumentierung eher klassisch denn modern. Die eigenwillige Stimme von James de Malplaquet rundet die Stücke geradezu perfekt ab und verstärkt die instrumental aufgebaute Stimmung in Vollendung.

Miss you in the Days, und The Miserable Rich insgesamt, sind jedem zu empfehlen, der sich an musikalischer Skurrilität erfreut, der gute und fein ziselierte Arrangements zu schätzen weiß und der gerne auch mal über den Tellerrand des musikalisch Bekannten hinausschaut.

 

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