In the Press | Radiohead – The King of Limbs

Radioheads neuestes Werk The King of Limbs dürfte seit langem mal wieder das erste Album sein, über das sich die Musikpresse, sei sie nun on- oder offline, so richtig hergemacht hatte. Zweifelsohne ist das achte Album der Briten das bisher wichtigste Release des aktuellen Jahres. Ich finde es mal wieder schön zu lesen, wie unterschiedlich dieses meiner Meinung nach geniale Album aufgenommen wurde. Zeit, mal wieder in meiner Kategorienschublade nach In the Press zu kramen und endlich mal wieder eine Presseschau zu bloggen.

Fangen wir mal an mit Laut.de. Die geben dem Album die verdiente 5/5 Wertung, ohne allzu klar darauf einzugehen wie das Album insgesamt wirkt. Erich Renz flüchtet sich eher in die kleinen Beobachtungen zu den einzelnen Songs. Dies macht er aber meist durchaus treffend, wie ich finde. Schade nur, dass sich Teile der Rezension hinter einer Formulierungswut verstecken, die ihresgleichen sucht. Ein echtes Bild vom Album wird damit nur bedingt vermittelt. Dennoch möchte ich gerne wiedergeben, was Herr Renz zum Song Seperate zu sagen hat.

“Separate” Zeit für Weingläser und Duftzüge. Nach der Epilepsie in den ersten Stücken steht die nachrauschende Entgiftungskur an. Hallende, kreisende Worte zieren das Gefühl einer zunehmend proportionaler werdenden Entspanntheit und die grazile Gelenkigkeit dieses freien Spiels beugt sich allen umtreibenden Mächten. Natürlich wären Radiohead kein (außer-)musikalisches Paradigma, wenn sie nicht mit juristischer Rücksichtslosigkeit handeln würden: “If you think this is over / Then you’re wrong“. Man möchte nicht glauben, dass es ein Finish markiert.

Auch DER SPIEGEL weiß, was sich gehört. So landet The King of Limbs unter den wichtigsten CDs der Woche in der Rubrik Angespielt. 9 von 10 möglichen Punkten erzielt das Album hier und wird nach meiner Meinung insgesamt besser beschrieben als bei Laut.de. Jan Wigger geht vor allem auch auf die Bedeutung der Band und ihrer Veröffentlichung ein. Bei Radiohead sicher nicht verkehrt. Er kommt zur absolut richtigen Analyse:

So viel ist klar: Die Veröffentlichung neuer Radiohead-Songs, ganz ohne Mitwirken und Beteiligung der Plattenindustrie, wirbelt immer noch mehr Staub auf als jede arme Sau, die von den Labels durch den neuesten Hype getrieben wird (Sorry, James Blake). Klar ist auch: Mit Referenzen aus der Hitparaden-Historie kommt man hier nicht weiter, dazu haben sich Thom Yorke, Philip Selway, Ed O’Brien, Jonny und Colin Greenwood schon viel zu weit auf uncharted territory gewagt.

Im Fazit sieht Jan Wigger auch klar. Nun, den einleitenden Satz des Fazits wage ich zwar zu bezweifeln. Weil er aber so schön ist, lasse ich ihn hier mal stehen.

Sie klingen mechanisch und artifiziell, wo sie echte Instrumente benutzen – und wohlig-warm, wo alles aus der Maschine kommt. Sie spielen ein Vexierspiel mit Popkultur und Publikum, das keinerlei Erwartungen und Ansprüchen genügt, sondern möglicherweise nur sich selbst. Ehrlichere, im ästhetischen Sinn schönere Musik hat unsere Zeit gerade nicht zu bieten. Wen kümmert es da, ob diese Platte besser oder schlechter als die letzte ist?

Es wird Zeit für die Gegendarstellung, die an dieser Stelle unbedingt von Peter Rehbein von Schallgrenzen.de kommen muss. Ist er mir doch schon mehrfach als unbeirrbarer Radiohead-Verschmäher aufgefallen. Trotz aller Beteuerungen, OK! Computer gar nicht so schlecht zu finden. Man merkt leider, dass bei Peter die Bereitschaft fehlt, das Album wirklich neutral zu betrachten. Gut, dass habe ich wahrscheinlich auch nicht geleistet, aber man sollte dem Album doch mehr Zeit einräumen, als nur einen kurzen Durchlauf, falls das überhaupt passiert ist. Sarkastisch schon die Einleitung:

Hurra, Hurra, Hurra, das neue Album von Radiohead ist da. Da freuen wir uns. Die Indie-Götter geben Rauchzeichen. Neues Album. Erst werden die MP3`s gekauft,  später die CD und noch später für die beleuchtete Glasvitrine das Vinyl. Das mein Puls deswegen Sperenzchen veranstaltet kann ich aber leider nicht behaupten.

Nun ja, da hat er wohl einen Treffer gelandet. Ich persönlich freue mich wahnsinnig auf mein Exemplar des Newspaperalbums. Ich bin ein wenig überrascht, dass Peter sich nicht dafür begeistern kann, wenn eine Band heute noch die Verpackung zur Musik mitzelebriert. Ich finde das sehr sympathisch.
Bezüglich der Musik kommt Peter eindeutig zum falschen Schluss, nicht ohne vorher noch ein wenig über das Video zu Lotus Flower herzuziehen:

Der Song “Lotus Flower” klingt nett, ist einer der besten Songs auf dem Album und den gibt es auch als Video. Nicht via YouTube, den dürfen wir dort nämlich nicht sehen, sondern diesmal via Dailymotion. Wirklich nette Popmusik für das Hier und Jetzt. Das Video mit Thom York in epileptischer Verzückung möchte ich mir aber kein zweites Mal ansehen. Ziemlich gruselig mit Tendenz zum Fremdschämen.

Und hier noch das verfehlte Fazit:

Der Rest ist Indie-Pop für die Abendstunde. Für die Zeit, bis der nächste angestrengte Seelenstrip im chinesischen Original und mit dänischen Untertitel auf Arte beginnt.

Eine derart sperrige Platte wie The King of Limbs einfach nur als Indie-Pop zu bezeichnen greift wesentlich zu kurz. Kommt Pop doch auch als Indiemusik eher seicht daher und geht gut und leicht ins Ohr. Hier merkt man, dass Peter sich nicht wirklich mit dem Album beschäftigt hat. Dass The King of Limbs Pop sein soll, kann man nur beim ersten Durchgang glauben. Die musikalischen Feinheiten gehen so natürlich schnell unter und werden nicht wahrgenommen.

Ebenfalls zurückhaltend urteilt Christoph Brandl – aka SomeVapourTrails – auf Lie In the Sound. Hier wird das Album in einer sehr lesenswerte Rezension fast komplett ignoriert, was genau genommen gar nicht so verkehrt ist. Vielmehr widmet sich Christoph der Meta-Ebene des Releases, und kommt dabei zu einem ernüchternden Urteil:

Als bekennender Jünger der Band knalle ich mir mit meiner flagellantschen Expertise die Peitsche ins eigene Fleisch. Die Erkenntnis, wonach Radiohead mit The King of Limbs ausschließlich dann betören, wenn ich mir einrede, herbeifantasiere, schlichtweg mit Haut und Haar wünsche, dass sie mein Hirn und Herz befruchten, trifft mich hart. Radiohead sind die Könige des subjektiven, oftmals auf Selbsthypnose beruhenden Empfindens. Dies Phänomen macht sie einzigartig, erhebt sie zum Kult, die jüngste Platte allerdings taugt bestenfalls zum auf die Schlachtbank geführten Kalb.

Auch Nicorola.de kann die Zweifel am Werk nicht ganz überwinden. Nico Schipper hat trotzdem eine ebenfalls sehr lesenswerte Rezension gezimmert, die die richtigen Fragen aufwirft.

Verhuschte Elektronik, jazzige Drumpatterns, flirrende Soundtexturen und die weitestgehende Abwesenheit von klassischen Instrumenten: Ich bin mir ziemlich sicher, das dieses Album die Fans spalten wird. Wer nach diesem Werk noch denkt, Radiohead seien eine klassische Rockband, der hat nicht hingehört. Jetzt bleibt für mich die Frage: schaffen es diese acht fragilen Soundskizzen die Zeit zu überdauern?

Und natürlich die bohrende Ungewissheit: kommt da noch mehr?

Nicorola beschäftigt sich damit, nach einem entsprechenden Tweet, auch noch mit den Gerüchten um “die zweite Hälfte” von The King of Limbs.
Ob daran etwas dran ist mag ich insofern bezweifeln, dass ich nicht davon ausgehe dass mit dem Newspaper-Release The King of Limbs plötzlich zum Doppelalbum wird. Auch wenn das bei In Rainbows mit der B-Seiten CD so war, wage ich die Diagnose, dass das Wunschträume enttäuschter Fans sind, die noch immer an einen Scherz glauben, statt sich mit TKOL abzufinden. Freuen würde ich mich aber ganz sicher auch darüber.
Insgesamt kann man nun festhalten, dass die Blogospäre sich nicht einig ist, was vom Album zu halten ist. In einem waren sich aber offenbar sogar die schärferen Kritiker einig: es lohnte sich darüber zu schreiben.
 

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Recently Released | Radiohead – The King of Limbs

Fangen wir diese Rezension doch einmal ganz anders an. Mit Dankbarkeit, dass Retrozension.de nicht den Anspruch hat Nachrichten als Erster unter die Leute zu bringen, sondern die Zeit hat, Musik wirken zu lassen bevor man seinen Senf abgibt. Sehr dankbar! Aber soviel sei nur als Ankündigung genutzt, dass es die Tage auch eine kleine Presseschau zu diesem Thema geben wird.

Widmen wir uns nun dem Release um das es hier gehen soll. Radiohead haben dieser Tage mit rekordverdächtig kurzer Ankündigung den Releasetermin für ihr achtes Studioalbum bekannt gegeben (Digitalrelease Samstag den 18.02.2011) und dann doch noch einen Tag früher releast. Ich liebe Radiohead und habe natürlich zugegriffen. Ich freue mich schon jetzt darauf in ein paar Wochen das Newspaper-Album in den Händen zu halten. Bei In Rainbows hatte ich die Gelegenheit leider nicht genutzt.

Zwischenzeitig kann man aber ja schon das Machwerk hören, und das habe ich in den letzten Tagen ausgiebig getan.
The King of Limbs ist keine leichte Kost, aber das war bei Radiohead schon vorher klar. TKOL ist zudem enttäuschend, weil es mal wieder so anders ausgefallen ist, als erwartet. Wer Gitarrenklänge erwartet wird kaum fündig. Verzerrerklänge sind noch spärlicher gesät. TKOL ist näher an Amnesiac als an jedem anderen Radiohead-Longplayer und doch gar nicht vergleichbar. Der erste Eindruck erinnerte mich am ehesten an Jazz. Vermutlich geht das in eine Fusion-Richtung, so gut kenne ich mich da aber nicht aus.

Acht Songs sind auch so eine Enttäuschung und kein Vergleich zu opulenten Hail to the Thieves-Zeiten; die Gesamtspielzeit erreicht nicht mal 38 Minuten. Ist deswegen das ganze Album eine Enttäuschung? Man ahnt es schon: Mitnichten!

TKOL liebt die Stille, vielmehr die Ruhe, ist fragil und hauchzart. Ich fühle mich an eine Seifenblase erinnert, ein Traum, der jederzeit zu zerplatzen droht und einen doch völlig in seinen Bann zieht. Die Schöhnheit der Songs liegt in der Detailverliebtheit der Arrangements. In der offen höhrbaren Verletzlichkeit des gesamten Konzepts. Der erste Hördurchgang lässt einen leiden. Man ist enttäuscht, desillusioniert und ein wenig orientierungslos. Die Songs wirken völlig belanglos; soll das etwa Radiohead nach dem Geniestreich von In Rainbows sein? Man sucht vergeblich nach Rock, nach den Elementen, die Radiohead bisher dann doch noch als Rockband durchgehen ließen, obwohl die Musik schon längst nicht mehr so richtig in die vorbereitete Schublade passen wollte.

Aber The King of Limbs wächst schnell und nachhaltig. Die Songs dringen ein, sickern geradezu ins Unterbewusstsein und nisten sich fröhlich ein in ihrer ausgesprochenen Unfröhlichkeit. Schon Freitagabend kamen mir einzelne Höreindrücke nicht mehr aus dem Sinn. Es entstand eine wahre Sucht nach den so herrlich minimalistsch aber doch effektvoll inszenierten Stücken.

Alle Songs bedienen dabei ähnlichen Grundstimmungen der Melancholie. Es gibt keine groß angelegte dynamische Vielfalt im Sinne von Track 1 rockt und Track 5 ist dafür eher balladesk angelegt. Nein, Radiohead bearbeiten im Wesentlichen acht musikalische Einfälle mit allem gebotenen Ernst und dem musikalischen Wissen, dass im wirtschaftlich verwertbaren Musikbereich so wohl nur bei Radiohead gefunden wird. Dabei bauen sie die einzelnen Tracks sehr gekonnt auf und schaffen dynamische Bandbreiten, die ohne das übliche Laut-Leise auskommen. Da liegen noch in den entferntesten Winkeln der Klanglandschaft Elemente, die es zu entdecken und zuzuordnen gilt. Dass das ganze Album dabei dennoch so organisch und aufgeräumt wirkt ist die wahre Kunst und wohl auch die wahre Arbeit beim austüfteln der Stücke gewesen.

Das Album könnte keinen oder kaum Wiederhall erwarten, käme es von einer unbekannten Indiecombo. Das ist schade, aber leider wahr – sagt aber glücklicherweise nichts über die Qualität und melancholische Schönheit des Machwerks aus.
Radiohead stehen schon lange weit außerhalb des Mainstreams, sogar weit außerhalb jeglicher Kategorien und Genres, in die Musikblogger und -journalisten so gerne einordnen; ich nehme mich da nicht raus.

Das Radiohead dennoch so gut funktionieren und millionenfach Platten unters Volk bringen; dass sie mit ihrem Album derart die Medien beherrschen, einfach weil jeder glaubt, seine Meinung zum Ausdruck bringen zu müssen, das spricht für sich und hat alleine schon jeglichen Respekt verdient. Das Radiohead es aber davon scheinbar unbelastet weiterhin schaffen, geniale, wenn auch schwierige Alben zu schreiben, ohne den Versuchungen des simpleren Pops und den Verlockungen des einfacheren Ruhms zu verfallen, dass zeichnet sie in meinen Augen wahrlich aus.

Über all dem Meta-Zeugs sollte nicht vergessen werden, dass The King of Limbs nicht an In Rainbows anknüpft, es aber auch keinen Takt lang versucht. TKOL steht für sich, genau wie die alte Eiche, deren Namen es sich entliehen hat. Ob es gefällt ist Geschmackssache. Mir jedenfalls gefallen die Songs verdammt gut.

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Retrozension | Radiohead – OK Computer

Wenn es eine Band gibt, die mich in diesem Jahr ganz besonders begleitet und beeindruckt hat, dann ist es wohl Radiohead. Grund genug für mich, ein weiteres Album der Band aus Oxford mit einer Retrozension zu ehren.

Heute geht es also um das dritte Album, das im Falle von Radiohead wohl in seiner Bedeutung gar nicht überschätzt werden kann. OK Computer, so der etwas ungewöhnliche Titel, katapultierte die Band in einem Schlag aus dem Schatten aller zuvor verarbeiteten Einflüsse und etablierte im Grunde ein eigenes Genre. Ich meine hier nicht das oft angebrachte Label Postrock, sondern vielmehr die unglaubliche Komplexität und Kompositionstiefe, die die Songs auf dem Longplayer von allem abheben, was die Rockmusik sonst so zu bieten hat.

Der aufmerksame Leser bemerkt unschwer, dass das Ergebnis dieser Retrozension gar nicht schlecht werden kann. Es tut mir leid, dass ich es hier gar nicht erst versuche einen Spannungsbogen aufzubauen, aber OK Computer begeistert mich derart nachhaltig, dass ich mit meiner Meinung gar nicht hinter dem Berg halten möchte. Schauen wir uns das Album aber im Einzelnen mal etwas genauer an:

Der Opener Airbag beginnt zunächste eher unauffällig mit bis dahin typischen Gitarrenriffs und Schlagzeugeinlagen. Schon beim Einsetzen von Thom Yorkes Gesang wird aber klar, dass irgend etwas diesmal anders wird. Die Stimmung wirkt irgendwie fragil, der Sound trotz zurück haltend agierenden Instrumenten unglaublich dicht und atmosphärisch. Dies wird mit Paranoid Android noch deutlich verschärft. Hier verfällt die Rythmussektion bereits in Muster, die man bis dahin eher von elektronischer Musik kannte. Dazu werden Gitarreneinwürfe geboten, die so voller Leidenschaft und Schmerz klingen, dass man sich dem Zauber des Songs eigentlich nicht entziehen kann. Insbesondere der dynamisch sehr krasse Wechsel zwischen absolut dichten Gitarrenwänden und atmosphärisch entrückten Songfragmenten macht schon beim zweiten Song klar, dass OK Computer in anderen Sphären unterwegs ist.

Subterranean Homesick Alien lautet der etwas sperrige Titel des nächsten Songs, der im Dreiviertel-Takt daher kommt. Auch hier wieder absolut entrückte Gitarrensounds, eigenwillige Gesangslinien und dieses bestimmte Gefühl als ginge es um Alles oder Nichts. Hier wird Musik mit einer Hingabe gefeiert, die man sonst eher von Jazzplatten kennt. Exit Music (For a Film) ist das wohl traurigste Stück auf dem ganzen Album. Thom Yorkes Stimme klingt geradezu zerbrechlich, das Tempo ist absolut rausgenommen. Zunächste wird die Begleitung nur durch eine Akustikgitarre übernommen, erst nach und nach setzen Synthiesounds, Klangsamples und der Rest der Band ein, um den Song schrittweise zur Ekstase zu führen. Das ist Songwriting par Excellence grandios umgesetzt!

Let Down baut wieder auf klassischeren Songstrukturen auf und überzeugt durch seine Einfachheit, die wieder überwiegend durch die überirdische Gesangsleitung von Thom Yorke getragen wird. Die Band bleibt vornehm im Hintergrund und schafft einfach nur eine dichte Stimmung, die den Song absolut passend trägt. Das nächste Highlight lässt mit Karma Police nicht lange aus sich warten. Ich erinnere mich noch gut daran das Video zu diesem Song dereinst auf MTV gesehen zu haben und völlig in den Bann gezogen zu werden. Nicht nur musikalisch taten sich da ganz neue Welten für mich auf, auch das Video mit seiner alptraumhaften Atmosphäre hinterließ einen bleibenden Eindruck. Der Song selbst wird vorwiegend durch das Piano und den Bass getragen, die verqueren Lyrics geben einem Rätsel auf aber auch hier unterliegt eine Simplizität, die ich einfach faszinierend finde.

Fitter Happier lässt dann in ungewöhnlicher Weise den Computer zu Wort kommen. Im Grunde besteht der Titel nur aus den elektronisch verlesenen Lyrics, unscheinbar hinterlegt mit Samples und Pianoklängen. Electioneering bringt dann einen der vielleicht ehrlichsten Rocknummern auf OK Computer. Hier treibt der Rythmus, hier krachen die Riffs und es wird einfach mal wieder ganz bodenständig gerockt. Textlich ist diesem Song, wie eigentlich allen auf dem Album, sehr viel abzugewinnen, wenn man sich ein wenig Zeit für eine Interpretation nimmt.

Climbing up the Walls ist die nächste Nummer und hier wird wieder stärker auf elektronische Klangwelten gesetzt. Zurückhaltung und Depression in hervorragender Intonierung, kein Hit aber irgendiwe absolut notwendig und grundehrlich. Sehr schön auch das anschließende No Surprises, das zunächst irgendwie an ein Schlaflied erinnert. Textlich entpuppt sich der Song jedoch zunächst als abschließende Gedanken eines Selbstmörders, diese werden dann in der letzten Strophe unmittelbar mit einem ruhigen leben in einem hübschen Vorstadthäuschen gesetzt. Sozialkritik am Rande des Erträglichen. Davon mag man halten was man möchte, die Umsetzung macht auch diesen Song zu einem der vielen absoluten Highlights des Longplayers.

Lucky setzt noch einmal alles auf große Emotion und wirkt fast etwas pathetisch. Aber nur fast. EIn grandioser Refrain und ebenso grandiose Strophen, dazu wieder eher grungenahe Gitarrenarrangements, die nicht unwesentlich an Bush erinnern, nur das Bush nie diese Genialität erreicht haben. The Tourist schließt dann letztlich das Album. Auch hier setzen Radiohead ganz klar auf ruhige, melancholische Elemente. Sehr gemäßigtes Tempo, sehr stark zurückgenommene Instrumentierung, dafür aber umso mehr Raum für den Gesang gelassen. So wirkungsvoll können Songs produziert werden, wenn die Musiker in einer Band dazu bereit sind sich selbst mal ein bißchen zurückzunehmen. Das Ergebnis ist dafür absolut umwerfend.

Ich habe es bereits zu Anfang vorweggenommen, aber ich wiederhole mich gerne. Mit OK Computer haben Radiohead sich eine eigene Liga geschaffen, die meines Wissens nach bislang auch nur von Radiohead bedient wird. Die Band hat sich dem Fortschreiben der Rockmusik verschrieben und mit OK Computer 1997 ein Werk vorgelegt, dass derart viele Maßstäbe setzte, dass man meinen müsste ein komerzielle Erfolg sei so nicht machbar. Ganz im Gegenteil schaffte es das Album im United Kingdom (sowie in Neuseeland) gar auf Platz 1 der Albumcharts. Darüber hinaus dürfte es wohl auch retrospektiv zu einem der Einflussreichsten Alben der 90er Jahre gehören. Besonders reizvoll für mich ist dabei diese irgendwie vorhandene, aber kaum greifbare Nähe der Songs und Arrangements zum Jazz. Zwar klingt wirklich Nichts auf OK Computer wie Jazz, aber die Atmosphäre und Songtiefe scheint mir unmittelbar vergleichbar zu einem Künstler wie Miles Davis. Fest steht: Ok Computer ist ein Geniestreich, wie er nach diesem Album nur Radiohead selbst wieder gelungen ist.

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Retrozension | Radiohead – The Bends

Radiohead hatten mit ihrem Debutalbum Pablo Honey bereits Aufmerksamkeit generieren können. Der Nachfolger The Bends sollte die Band aus England schließlich als feste Größe im Rock-Business etablieren. 1995 erschienen ist The Bends deutlich dichter als das Vorgängerwerk. Wer Muse mag wird The Bends mit Sicherheit lieben. Auf keinem anderen Album geben sich Radiohead dermaßen rockig.

Der Opener Planet Telex markiert ziemlich gut die Bandbreite, in der sich The Bends bewegt. Dichte Sounds, viel Atmosphäre, viel Gewicht auf Produktion und einen sehr eigensinnigen musikalischen Stil. Insgesamt vielleicht einer der besten Opener die ich kenne. Auch der Titelsong The Bends ist ein sehr eingängiger Rocksong. Hier ist die Nähe zum amerikanischen Alternative Rock und Grunge ganz klar zu erkennen. Lediglich gesanglich zeigen Radiohead schon erste Ansätze dessen, was in OK Computer so deutlich zum Tragen kommen würde.

High and Dry widmet sich der ruhigeren, noch melancholischeren Seite des Albums. EIn sehr ruhiger, getragener Song mit traurig schöner Melodie und Text. Die Stimme von Thom York ist in großen Teilen verantwortlich für die Eindringlichkeit dieses Liedchens. Fake Plastic Trees beruht sogar noch stärker auf der Stimmgewalt des schmächtigen Frontmanns. Der Song steigert sich im Verlauf immer stärker bis hin zur musikalischen Ekstase. Sowas geht unter die Haut – wirklich genial.

Bones täuscht dann irgendwie Fröhlichkeit vor, die man dem Song aber dann doch nicht abnimmt. Dabei geht es dann wieder deutlich rockiger zu. Ein geniales Riffspektakel im Refrain, dezentere Klänge im Strophenteil und wieder diese Eindringlichkeit, als wäre jedes gesungene Wort bedeutend auf Leben und Tod. (Nice Dream) stützt sich wieder stärker auf akustische Klangwelten. Die Schönheit dieses Songs lässt sich für mich im Grunde nicht in Worte packen. Hört am besten selbst mal wieder rein. Ich schmelze bei solchen Songs einfach dahin.

Just dürfte zu den bekannteren Songs auf The Bends zählen. Auch hier wieder starker Hang zum Alternative Rock des “neuen” Kontinents und ein genialer Song, aber abgesehen vom Gitarrensolo am Schluß sicher kein Highlight auf dem Album, was alleine schon für die Gesamtqualität des Longplayers spricht. My Iron Lung ist dann wirklich in Musik verpacktes Genie. Dieses so schepp klingende Riff berührt einfach mit jeder Note. Dazu der sehr eigenwillig verpackte Refrain und das alles in perfekter Produktion. Hier hat auch der Produzent Nigel Godrich ein dickes Lob verdient. Da passt einfach alles.

Bullet Proof … I wish I was lautet der Titel des nächsten Songs und hier kann man sich getrost zurück lehnen und einfach in den Klangsphären schwelgen. Hier zeigt sich ganz deutlich, was ich bis heute an Radiohead so bewundern kann, Hier scheint einfach jeder Klang so unglaublich gut erarbeitet und der Song so wunderbar arrangiert. Da zeigt sich ein klarer Unterschied zu Bands, die weniger hart an ihren Stücken feilen. Der Sound zeigt aber klar, dass sich jedes Feilen unendlich lohnt. Black Star wirkt gegen die vorigen Songs erstaunlich leicht. Das ändert nichts an der sehr melancholischen Grundstimmung, aber der Song klingt eher nach Travis (aber sowas von) als nach Grunge, und das tut zuweilen auch mal gut. Sulk passt sehr gut in die selbe Kategorie, ich glaube soeben entdeckt zu haben auf welcher Inspiration wenigstens zwei Alben von Travis beruhen. Den gleichen Produzenten hatten sie ja eh. Der Song hat wieder ein fantastisches Gitarrensolo gegen Ende. Ich liebe diesen Krach! Mit Street Spirit (Fade Out) geht dann auch das zweite Album von Radiohead zu Ende. Eindrucksvoller lässt sich dieses wirklich ergreifend traurige und geniale Album nicht beenden.

Insgesamt gehört The Bends sicher zu den drei besten Alben von Radiohead bisher. Nach diesem Album entfernte sich die Band deutlich vom Grunge und schuf mehr oder weniger ihre eigene Musikrichtung, die auch meines Wissens nach bis heute keine andere Band zu bedienen weiß. Hier würde ich mich aber liebend gern vom Gegenteil überzeugen lassen. Denjenigen, die bedauern, dass Radiohead heute nicht mehr so klingen wie auf The Bends kann man wiederum nur Muse ans Herz legen. In der Wertung gibts auf jeden Fall von mir keine Abzüge!

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Retrozension | Radiohead – Pablo Honey

Radiohead - Pablo HoneyRadiohead werden momentan ja ziemlich heiß gekocht – und das völlig zu Recht, wie ich finde. Das zuletzt erschienene Album In Rainbows hat neben dem Rummel um seine Veröffentlichung auch musikalisch eine Menge Beachtung befunden.

Ich selbst hänge gerade mehr oder weniger in einer Dauerrotation des Studiowerks der Band fest, und da wird es natürlich auch mal Zeit, dass ich mit der Retrozensierung der Band aus Oxfordshire beginne. Und da vorne nun mal am Anfang liegt, ist das Debutalbum Pablo Honey heute im Fokus meiner Aufmerksamkeit.

Pablo Honey erschien im Jahr 1993 und fiel zunächst nicht wirklich auf. Und das obwohl das Album wirklich unter die Haut geht. Schon der Opener You zeugt vom großen Talent der fünf Briten. Zugegeben, von den genialistischen Ansätzen der Band, die sich spätestens seit OK Computer aufgetan haben ist auf Pablo Honey nichts zu merken. Aber das Album kann dennoch auf ganzer Linie überzeugen. Grundsätzlich wird einem hier Alternative Rock bester britischer Sorte geboten.

Jeder dürfte wohl die Single Creep kennen, die das Potential hatte, zu einer Hymne der Grunge-Generation aufzusteigen. Wenigstens ebenso bemerkenswert sind meines Erachtens nach Songs wie Stop Whispering, Thinking About You, Ripcord oder auch Anyone Can Play Guitar. Im Grunde hat das Album auf ganzer Linie keine Durchhänger. Wer allerdings Radiohead als äußerst kopflastige Band kennt, der mag durchaus ein bißchen enttäuscht werden. Denn auf Pablo Honey werden keine neuartigen Songstrukturen erprobt oder Hörgewohnheiten auf den Kopf gestellt. Ganz im Gegenteil handelt es sich dabei um eine ziemlich geradlinige Produktion bester Güte. Bisweilen kommt mit beim Hören Good Feeling, das Debutalbum von Travis in den Sinn, das mehr als gelegentlich ganz ähnlich – wenn auch etwas unbedarfter – klingt.

Aus heutiger Sicht kann ich nur sagen, dass mir Pablo Honey immer noch uneingeschränkt gut gefällt. Es finden sich darauf einige der besten Alternative Rock Songs, die die frühen Neunziger zu bieten hatten. Und auch nach 15 Jahren klingt kein Track irgendwie angestaubt. Zugegeben, Cover und Albumtitel waren eine schlechte Entscheidung, dafür haben sich Radiohead keine musikalischen Schnitzer erlaubt.

Was mir an Pablo Honey und an Radiohead retrospektiv besonders gefällt ist, dass wenige Bands bisher so stark den Mut zur Veränderung ihres eigenen Stils gezeigt haben. Bei Radiohead kann man diese Verwandlung von Pabo Honey über The Bends bis zu OK Computer sehr schön nachvollziehen. Für mich der beste Beweis, dass es sich musikalisch rentiert, wenn Bands nicht so sehr das Augenmerk auf die Vermarktungsfähigkeit ihrer Musik legen, sondern sich ganz entspannt musikalisch Fortentwickeln.

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