Retrozension | Nirvana – Incesticide

Im Dezember 1992, also kurz vor Release des letzten Studioalbums In Utero, erschien Nirvanas Incesticide. Bei dem Longplayer handelt es sich um eine B-Seiten Sammlung, die im grunde wohl vor allem deshalb veröffentlicht worden war, weil man befürchtete, den Hype um die Band aus Seattle nicht ausgiebig genug in Produkte umzusetzen.

Heraus kam dabei eben Incesticide. Die Platte präsentiert sich als Zusammenstellung von Songs, die Kurt & Co. in den Jahren um Bleach und Nevermind geschrieben hatten und die zumindest in Teilen zuvor unveröffentlicht waren. Der logische Nebeneffekt ist, dass man sehr schnell bemerkt, dass die Songs eben aus mehreren Schaffensperioden der Band stammen und daher teils deutlich andere Produktionsqualitäten aufweisen. Auch songwritingtechnisch lassen sich hier sehr große Bandbreiten identifizieren. Teils klingen die Songs fast wie eine Demoaufnahme, teils sind die Stücke etwas banal, und dennoch lassen sich auch wirkliche Schätze entdecken.

Der Opener Dive gehört nach meiner Einschätzung zur letzteren Kategorie.  Auch Sliver, ein Song der bereits 1990 als SIngle heraussgebracht wurde und nach relativ kurzer Zeit vergriffen war darf getrost zu den Klassikern im Nirvana-Repertoire gerechnet werden. Stain ist vom Songwriting her immer nch sehr spannend, fällt in der Produktion aber ein wenig ab. Hier wäre sicher mehr rauszuholen gewesen.

Dafür legt Been a Son deulich nach. Das Stück gehört für mich zu den Highlights des Albums. Eine knackige Nummer, die trotz leichter Schwächen in der Produktion wirklich Spaß macht und mitreißt. Turnaround hingegen ist zwar nicht schlecht, aber so richtig begeistern kann der Track zumindest mich nicht. Molly’s Lips ist mir dann schlicht zu simpel und punklastig. Keine Spur von Grunge auch bei Son of a Gun. Das Stück ist nicht schlecht, könnte aber auch fast von Green Day stammen. Auch (New Wave) Polly, oder besser gesagt insbesondere (New Wave) Polly, eine speedige Punkversion des Songs Polly aus Nevermind reiht sich in diese belanglosen Punknummern mit ein und hat im Grunde auf einer Rarities-Compilation nichts zu suchen.

Beeswax entschädigt dann deutlich. Klanglich eindeutig der Schaffensperiode um Bleach zuzuordnen handelt es sich hierbei um ein ziemlich unorthodoxes, aber sehr eigenwillig interessantes Stück. So liebt man Nirvana auch heute noch. Downer verwundert alleine schon durch Anwesenheit auf dem Longplayer, schließlich ist der Song die Schlußnummer auf Nirvanas Erstlingswerk Bleach gewesen. Immerhin, eine wirklich gute, knackige Nummer. Mexican Seafood scheint mir auch zur Bleach-Periode zu gehören. Eine interessante Nummer ohne große Besonderheiten aber auch nicht schlecht.

Hairspray Queen wirkt dagegen schon wieder etwas spritziger und vor allem abgedrehter. Ziemlich schräg klingende Gitarrenriffs, noch schrägere Gesangsparts und dazu ein krachiger Rythmus. Cooler Track, aber nicht geeignet so nebenbei zu laufen, was aber ja im Grunde eher Prädikat als Kritik ist. Aero Zeppelin ist dann eine ziemlich fette Nummer, die mit besserer Produktion sicher auch einen Albumsplatz verdient gehabt hätte. So bleibt die Freude eines wirklich starken Tracks auf Incesticide mit dem Charme einer Demo. Big Long Now war zumindest in meiner Depri-Teenie-Phase mein absoluter Favorit auf dem Silberling. Eine wunderbar traurige Stimmung ekszessiv ausgekostet und zelebriert. Das Feinste vom Feinen im Sinne der Brückenspringer-Fraktion. Nur Aneurysm kann diesem Song dann doch tatsächlich noch eins draufsetzen. Hier wird gerockt das die Schwarte kracht. Ein wirklich griffiges Riff treibt den Song voran, der für Incesticide eine außergewöhnliche Produktionsqualität liefert und zudem auch vom Songwriting her das absolute Highlight der Platte darstellt. Zumindest heute mein Favorit der Zusammenstellung und ein genialer Abschluss einer interessanten Zusammenstellung.

Als Fazit lässt sich villeicht feststellen, dass auch bei einer so vergötterten Band wie Nirvana manche Songs schlechter waren als andere und verdientermaßen nicht auf Studioalben zu hören waren. Das macht für mich die Band im Grunde noch fantastischer, weil man sieht das auch ein Kurt Cobain an seinen Songs feilen musste und nicht nur Topsongs zu schreiben vermochte. Dabei ist Incesticide eine gute Rarities und B-Sides Compilation die Spaß macht, aber doch deutlich hinter den Alben zurückbleibt. So wie es im Grunde sein sollte.


Similar Posts:

For Your Interest | Nirvanas Unplugged-Auftritt auf DVD

Endlich ist es soweit. Nirvanas legendärer MTV-Unplugged Auftritt wurde diese Woche auf DVD veröffentlicht. Zu sehen gibt es dass komplette Konzert, eine Dokumentation mit dem Titel “Bare Witness” sowie Aufnahmen aus den Proben.

Ich schätze da muss ich demnächst mal wieder zum DVD-Händler meines Vertrauens  pilgern um mir diese Stück Rock-Geschichte zu sichern. Ich hatte bislang eh nicht verstanden warum es die MTV-Unplugged Konzerte überwiegend nicht auf DVD zu kaufen gibt. Wenn es dann demnächst auch noch die Pearl Jam Unplugged Session gibt wäre ich vollstens zufrieden.

Similar Posts:

Retrozension | Nirvana – Bleach

Nirvana - Bleach

Das Nirvana Anfang der neunziger Jahre eine der besten Bands auf dem Planeten waren, ist wohl unbestritten. Dass es jedoch Nirvana auch schon vor Nevermind gab, ist zumindest hierzulande den meisten genausowenig bekannt wie die Tatsache, dass es Nirvana auch nach Nevermind noch gab. Heute geht es hier eindeutig um das Vor-Nevermind.

Es war tatsächlich eine der ersten CDs in meiner damals noch nicht als solche zu erkennenden Musikbibliothek. Vermutlich unter den ersten fünf CDs, mit Sicherheit aber unter den ersten zehn. Das Debutalbum Bleach der Band aus Seattle, WA, damals noch ohne Dave Grohl, dafür noch mit Chad Channing und Dale Crover. Ich selbst hatte die Platte damals von meinen Schwestern zum Geburtstag bekommen und mich zunächst riesig gefreut, dann reingehört und mir die erste Entäuschung nicht anmerken lassen, war ja schließlich ein Geschenk. Bleach klingt im Grunde keinen Meter weit wie Nevermind. Was darauf zu hören ist ist zunächst wirklich schräg und nicht unbedingt etwas, das man als Teenageranfänger gerne hört.

Was Bleach aber für mich wurde ist etwas völlig anderes. An dieser CD lernte Ich damals, dass man eine CD wirklich nicht auf den ersten Eindruck hin im CD-Regal stehen lassen sollte. Denn wenn man ein paar Runden mitgehört hat, dann fängt das Album an zu wachsen. Plötzlich scheint jeder Ton genau da zu sitzen wo er hin muss und die anfangs sehr schrägen Songs haben plötzlich einen Hook wo man eigentlich keinen erwartet hätte.

Zugegeben, Bleach ist nicht das Nirvana-Highlight. Vielmehr ein Album dem man anmerkt, dass auch Nirvana nur eine Band waren wie es sie zu tausenden gab und auch heute noch gibt. Und genau das empfinde ich persönlich als sehr angenehm.

Die ein oder andere Songperle gibt es auch auf Bleach zu entdecken. Mir gefallen am besten der Opener Blew, About A Girl (Der Song der auch im legendären MTV-Unplugged Konzert gespielt wurde), Love Buzz sowie das wirklich coole Big Cheese. Aber auch ansonsten ist Bleach durchweg eine interessante Platte, die ich schon viel zu lange nicht mehr gehört hatte. Nicht unbedingt alltagstauglich aber auf jeden Fall hörenswert.

Gute Platte - wenn man sich mal reingehört hat.

Similar Posts:

Retrozension | Nirvana – Smells Like Teen Spirit

Nirvana - Smells Like Teen Spirit

Im Grunde habe ich diesen Moment gefürchtet, seit ich diesen Blog gestartet habe. Es ist an der Zeit die Retrozension für Nirvanas Hyperalbum Nevermind zu verfassen. Im Grunde sollte man meinen, dass das eine einfache Aufgabe sein müsste. Das ich das Album mag ist wohl wenig überraschend. Dass das Album für die Entwicklung von Grunge und Alternative Rock ein absoluter Meilenstein ist, dürfte auch wenig überraschen. Aber wie verfasst man eine Retrozension über ein solches Album, ohne allzu sentimental zu werden und die üblichen Clichées zu dreschen? Nun, Ich will es versuchen.

Zuerst einmal muss ich gestehen, dass Nevermind in seinem Erscheinungsjahr 1991 gehasst habe. Ich war damals zarte 10 Jahre alt und dachte Elvis sei cool. Insbesondere das, in Smells Like Teen Spirit ständig wiederkehrende, “… hello, hello, hello, hello how low …” verspottete ich damals gerne als “Helau”. Nun ja, ein paar Monate später, als meine Schwestern die Nirvana-Kassettenicht mehr hören wollten und Elvis für mich – Gott sei dank – entzaubert war, gefiel mir die Musik aus Seattle plötzlich überirdisch gut. Ich schätze ich habe damals wochenlang Nichts anderes mehr gehört als eben diese eine Kassette. Dies führte führ mich dann auch zum kauf von In Utero und später dann eben auch zum Kauf von Nevermind auf CD.

Nevermind war wegweisend in vielerlei Hinsicht. Das Album markierte das Ende der Überrock-/Kuschelmetal-Bands wie Guns ‘n Roses, die als letzte Bastion versuchten die 80er-Jahre ins neue Jahrzehnt zu retten. Nirvana waren nicht überproduziert und nicht bis ins letzte durchkomponiert. Der Sound war ungewohnt roh und agressiv. Dennoch kamen Nirvana ohne das Metal-typische Grunzen oder dem Pseudo-Metal typischen Pathos aus. Stattdessen transportierte die Band zwischen all der Wut im Song auch noch Melodien die zeigten, dass ihre Musik mit Seele erfüllt ist.

Im Grunde waren Nirvana mit dieser Art Musik nicht allein auf der Welt. Das zeigt sich insbesondere daran, wie viele Bands aus Seattle direkt nach Nirvana unglaublich erfolgreich wurden mit sehr ähnlichen musikalischen Konzepten. Nirvana hatten aber das “Glück” mit Kurt Cobain wohl eine der interessantesten Charaktere der Rockmusik seit Jim Morrisson als Frontmann gehabt zu haben. Die Tragik, die Kurt als einsame Kühlerfigur der Grungebewegung transportierte, half sicherlich die Band zu den Vorreitern der Bewegung zu machen.

Musikalisch ist Nevermind im Grunde sehr einfach gestrickt. Mit Punkbesetzung (Gitarre, Bass und Schlagzeug) und im Grunde ohne technische Raffinesse gelang es der Band dennoch einen neuen Sound zu kreieren. Die Mischung aus Wut und Melancholie, wenn nicht gar Depressivität, zauberte einige der interessantesten Songs der früheren 90er-Jahre zu Tage. Meine persönlichen Favoriten sind da In Bloom, Lithium, in Kombination die beiden Songs Territorial Pissings und das darauffolgende Drain You und natürlich auch den Evergreen (welch lustiges Wort) Smells Like Teen Spirit. Auch heute noch entfalten diese und auch die anderen Songs auf Nevermind eine unglaublich starke Energie. Das Album strotzt nur so vor Kraft und bleibt dennoch fast immer mainstreamtauglich. Diese Leistung dürfte unter anderem dem Produzenten Butch Vig geschuldet sein, der es schaffte aus dem noch ungeschliffenen Rohmaterial der Band echte Hits zu machen.

Zugegeben, in den letzten Jahren habe ich Nirvana und auch Nevermind immer seltener gehört. Nicht, dass ich die Songs nicht mehr mögen würde aber irgendwie passen sie nicht mehr so oft zu meiner Stimmungslage wie noch in meiner Jugend. Dennoch gehört das Album unbestreitbar zu den besten Alben die je aus Seattle kamen. Gerade weil es so roh und unverfälscht ist.

Meilenstein!

Similar Posts:

Retrozension | Nirvana – In Utero

Nirvana - In UteroZu Nirvana muss man eigentlich keine Einführung verfassen. Ihr Album Nevermind brachte mit einem Schlag die Grunge-Bewegung ins Bewusstsein einer ganzen Generation. Zugegeben, an mir ging dieser Hype damals fast gänzlich vorbei. Ich war aber auch erst neun Jahre alt und kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass mir der Song Smells Like Teen Spirit damals jedesmal tierisch auf die Nerven ging, wenn er aus dem Kassettenspieler meiner Schwestern schmetterte.

Nie hätte Ich damals geglaubt, dass meine erste selbst gekaufte CD einmal von Nirvana stammen könnte. Aber nachdem ich zwischenzeitlich den Geschmack an Rockmusik entdeckt hatte – Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass das über Guns ‘n Roses geschehen ist – und auch Nirvana sich in mein Herz gespielt hatten, war ich bereit für meinen ersten CD-Kauf: In Utero von Nirvana musste es sein.

Was einen auf In Utero erwartet ist insgesamt deutlich weniger Mainstream als noch auf Nevermind. Schon der Opener Serve the Servants ist knüppelhart und kann Eltern in den Wahnsinn treiben ;-) . Noch härter kommt auch gleich der nächste Song Scentless Apprentice daher. Spätestens hier muss einem klar sein, dass In Utero kein Nevermind II geworden ist. Und das ist auch gut so. Die Band klingt wesentlich direkter, weniger produziert und eigentlich fast nach einem Live-Mitschnitt. Eigentlich ein logischer Entwicklungsschritt, wenn man Cobains Abneigung zur produktionsüberladenen Rockmusik aus den 80er-Jahren betrachtet.
Für Fans des Nevermind-Stils gibt es aber auch ein paar gewohntere Klänge. Die Single Heart-Shaped Box beispielsweise verwöhnt mit einem insgesamt sehr ruhigen und melodiösem Gesamteindruck. Das darauf folgende Rape Me klingt in den ersten Takten gar fast gänzlich nach Smells Like Teen Spirit. In gewohnte Bahnen führen auch die Songs Pennyroyal Tea und All Apologies. Dafür setzen Milk It und Radio Friendly Unit Shifter wieder auf den harten, hardcore-lastigen Sound der Anfangstracks. Insgesamt eine sehr ausgewogene Mischung zwischen Wut und Melancholie, nicht ganz ohne Hoffnungsschimmer, aber doch immer voll brückenspringertauglich.

In Utero insgesamt ist für mich inzwischen kein alltagstaugliches Album mehr. Man muss einfach in der richtigen Stimmung sein, und vor allem bewusst zuhören, um die volle Qualität des Albums zu erfassen. Dennoch ist das Album äußerst stark, äußerst direkt und wahrscheinlich mehr Nirvana als Nevermind je sein kann. Den Status seines Vorgängers hat das Album dennoch, oder gerade deshalb nie erreicht. Als Nirvana-Fan kann man jedoch nicht darauf verzichten und auch Liebhaber von Seattles Musikszene kommen um dieses Album sicher nicht herum.

Meine Wertung:

rating 4 star

Similar Posts: