Seen Live | My Glorious / Jupiter Jones – Konvoi Tour – 29.10.2011 – Substage / Karlsruhe

Licht und Schatten. Wenn der Samstagabend im Substage in Karlsruhe ein eigenes Moto gesucht hätte, dann wäre Licht und Schatten das mit Sicherheit Passendste gewesen. Es spielten auf: Jupiter Jones, die Schreiber und Performer der besten Radionummer, die das Jahr 2011 zu hören bekam, begleitet von My Glorious, dem Wiener Dreier der gerade sein zweites Album auf den Markt gebracht hat und meines Wissens in Deutschland noch keine Airtime bei einer der großen Radiostationen verbuchen konnte.

Gehen wir erst einmal auf den Teil des Abends ein, der für mich eindeutig und unanfechtbar Schatten war: Jupiter Jones. Wenn man dem Auftritt der Fünf-Mann-Combo ein eigene Motto verpassen wollte, dann wäre es dies: Ein Blindes Huhn findet auch mal ein Korn. Dabei standen die Vorzeichen gar nicht schlacht. Wie gesagt, Still ist für mich das beste Radioliedchen des Jahres, die Band konnte mich trotz deutschem Text damit im Sturm für sich gewinnen. Die Band kommt aus Rheinland-Pfalz, auch das weckt bei mir große Sympathien; außerdem ist es eine echte Band: Fünf Freunde, die zusammen musizieren weil es Ihnen Spaß macht. Die Gesangsstimme: kraftvoll und eindringlich; die Instrumentierung: pompös aber gut bedient; die Sounds; knackig und perfekt aufeinander abgestimmt. Selten hab ich einer Gruppe so sehr den Erfolg gegönnt.

Aber was sich dann aber im Substage zeigte, deutete sich schon auf dem aktuellen Album an: Die Songs gibt es in zwei Modi: Vollgas und Leerlauf. Einen Song zu finden, der alleine nur wenigstens zwischen Vollgas und Leerlauf variieren würde ist schon unmöglich. Wer glaubt er fände auch nur Ansätze von Beschleunigungsphasen oder gar Entschleunigung, der hat, man verzeihe mir die Offenheit, schlichtweg keine Ahnung.

So spielte sich Jupiter Jones zur dennoch ungebremsten Freude des Publikums durch ein Set, dass zunächst einmal nur Vollgas kannte, dann ein bißchen im Leerlauf dümpelte, dann wieder Vollgas gab um dann, glücklicherweise vor einer eventuellen Zugabe, Still zu spielen, was, wie gesagt, ein genialer, hoch gefühlvoller, dynamisch abwechslungsreicher und bewegender Song ist. Ich habe an diesem Abend meine Jungfräulichkeit verloren: Ich bin nach Still gegangen. Es war einfach zu öde.

Es tut mir wirklich leid das sagen zu müssen, aber der Auftritt war ansonsten stinklangweilig. Dachte man beim Opener noch es könne ein gutes Konzert werden, war die Illusion spätestens nach dem Dritten nicht differenzierbaren Song dahin und echte Langeweile machte sich breit. Den Großteil des Publikums mag es nicht gestört haben, aber ich habe schon Rockkonzerte erlebt, und gemessen an diesen Standards ging da auch im Publikum Nichts. Nun mag die Menge auch mehrheitlich aus Menschen zusammengestellt worden sein, die sonst eher Konzerte von Herbert Grönemeyer und Xavier Naidoo besuchen. Wer sich aber so sehr als Rockband verkaufen will und dann so weichgespült, ausgelutscht und ideenlos serviert, der findet bei mir keinen Anklang. Assoziationen, die mir während des Konzertes so in den Sinn kamen, liefen über Matthias Reim bis hin zu Pur. Und das geht wirklich gar nicht.

Kommen wir zum Licht: My Glorious. Einzige Enttäuschung war die sehr klare Rolle als Vorband. Hier hätte ich mir einen sozialistischeren Abend gewünscht: Keine Zugabe, ein leider sehr knappes Set, aber eine Band, die vom Start weg überzeugen konnte. Die Dreierkombo aus Drums, Bass und Gitarre und dreifachem Gesang zauberte einen überraschend vollen Klang auf die Bühne. Gespielt wurden überwiegend Songs aus dem neuen Album, es fanden aber auch Songs aus dem Debut den Weg auf die Bühne und funktionierten dort ebenso prächtig. Besonders beeindruckend war, was die Band aus dem recht kurzen Auftritt herausholte und wie wenig sich die Band darum zu scheren schien, dass dies eben nur ein Supportgig war.

My Glorious bewiesen, dass sie auf die Bühne gehören, dass Rockmusik bei Ihnen kein Vorwand für Pop, sondern echte Leidenschaft ist. Und das merkt man auch den Songs an, die echte Gefühle vermitteln konnten, die dynamisch interessant sind und die wirklich mitreißen können. Highlights waren für mich eindeutig die Songs Flower und Minefield, aber auch das zu Dritt ausgeführte Drumsolo gehört zu den Dingen, die in Erinnerung bleiben. Dazwischen bewies die Band sogar noch Humor genug, eine bodenlos schlechte Rezension wortwörtlich zu zitieren und als Überleitung zu nutzen, das Publikum ohne viel Mühe zum Mitsingen zu bewegen.

So gut My Glorious waren, so schnell war der Auftritt leider auch schon zu Ende. Daher meine Forderung an dieser Stelle: Gebt uns eine echte Tour, ihr könnt es und ihr verdient sie!

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Recently Released | My Glorious – Inside my Head is a scary Place

Eine Email in meinem Postfach machte mich vor einigen Wochen auf das zweite Release von der Wiener Band My Glorious aufmerksam. Mein Interesse war sofort geweckt, hatte ich doch schon in der Rezension von Home is where your Heart breaks das Gefühl, dass My Glorious viel Potenzial zu großer Musik haben. Eine kurze Anfrage und das Album war auf dem Weg zu mir. Mittlerweile hatte ich ausreichend Gelegenheit, den zweiten Longplayer ausführlich zu genießen.

Man soll es zwar nicht tun, aber ich möchte gleich mal ein wenig Fazit vorwegnehmen: Das Album ist richtig gut geworden. Deutlich besser als das Debut und vor allem endlich auch angemessen produziert. Schon die ersten Töne vom ersten Track Minefield schaffen es, die Aufmerksamkeit voll auf die Musik zu lenken. Der Song fängt mit einer fantastisch schönen Disharmonie der Gitarre an, lässt sogleich geradezu ungeduldig das Schlagzeug Spannung erzeugen und zeigt sich dann druckvoll, aber mit viel Bedacht und vor allem Liebe zum klanglichen Detail arrangiert und produziert. Das Tanzbein juckt sofort, der Refrain ist eingängig genug, dass man schon beim zweiten Einsetzen das Gefühl hat Mitsingen zu müssen. Ein fantastischer Start in das zweite Album. I love what I feel kommt darauf etwas poppiger daher, rhytmisch untermalt durch dezente Synthiesounds, gezielt pointierten Gitarrenriffs und einem treibenden Rythmus steht der Song dem Opener in Nichts nach.

Wer sich bis hier noch nicht ganz mit dem Album anfreunden konnte, der kann bei Flower sicher nicht mehr widerstehen. Ein Midtempo-Gitarrenpicking wird durch eine wundervoll melancholische Melodie unterlegt; die Drums dezent zurückgenommen und doch voll präsent, ist der Song absolut perfekt produziert und extrem stimmungsvoll. Es fällt auf, dass die Band es mittlerweile viel besser versteht, auch die gesanglichen Aspekte besser einzusetzen. Das kann auch bei It’s only Love festgestellt werden. Der Song ist wieder rockiger und kann mit griffigem Refrain und starker Strophe auf Anhieb überzeugen.

So geht es auch weiter: A heart on Fire lässt zunächst den Bass die Führung übernehmen und schiebt ordentlich nach vor. Refrain: tausend Punkte; stadiontauglich wie die Wutz! I held a Gun nimmt das Tempo dann komplett raus. Stützt sich erst voll auf den Gesang, lässt dann ganz organisch die Instrumente nach und nach die Führung übernehmen und steigert den Song zu bis zur Ekstase und wieder zurück. Ganz ehrlich, wer da nicht drin aufgehen kann, dem ist nicht mehr zu helfen. Pop my Vein steigert wieder das Tempo und den Schalldruck. Der Bass regiert und treibt, der Gesang ist angemessen düster und treibt dann in einen Refrain, der mir fast einen Tick zu brav und glatt ist. Der Song behauptet sich zwar dank der starken Strophe und einer sehr guten Bridge, gehört aber nicht ganz zu meinen Favoriten.

Druckvoll und getrieben geht es bei God made Man then Man made God weiter. Die Melodie hat es mir irgendwie angetan und es wird auch wieder hemmungslos drauf los gerockt. Wie gut es mir gefällt, wenn man seinem Verzerrer genügend Auslauf gibt kann ich gar nicht oft genug sagen. My Glorious machen in dieser Hinsicht Alles richtig; Kopfschütteln (die gute Variante) ist hier obligatorisch. Mit When I call your Name wird es geradezu balladesk. Das Gitarrenpicking weckt Erinnerung an alte Guns’n’Roses-Zeiten. Die brachialen Drums dazu runden das Bild ab. Auch am Hall wird hier nicht gespart und dank gutem Songwriting funktioniert die Nummer prächtig. Chorale (The Empty Space) entfernt sich dennoch wieder vom Produktionsrock der 90er und setzt den ebenso ruhigen Indierock-kontrapunkt. Durchgehende Zweistimmigkeit und Songstruktur erinnern an den österreichischen Kollegen Fuzzman. Der Song lässt bei mir wieder keine Wünsche offen. Wird ekstatisch gesteigert und ist konsequent geschrieben und umgesetzt. Perfekt.

A Crook. A Creep. A Thief. arbeitet wieder mit mehr Druck, Hall und schafft es trotzdem, dass man sein Feuerzeug, bzw. mittlerweile sein Smartphone, in die dunkle Nacht halten möchte. The World is Telling Me deutet dann das Ende des Albums schon an. Man fühlt, dass die Reise gleich zu Ende gehen wird und so passt die Melancholie und Verletzlichkeit, die der Song ausstrahlt einfach 100 %-ig. Besonders schön ist, das die Gesangsstimme fein dosiert manche Töne knapp verfehlt und so dem Song enorm an Authentizität verleiht. Der Refrain wird dann quasi von der Gitarre gesungen und so blöd das auch klingen mag, ist das genau das Richtige an dieser Stelle, gibt Zeit und Raum zum Genießen, Schwelgen und Entspannen. Outro bringt dann rein Piano-instrumental die Platte zu Ende. Ein Abspann läuft vor dem gesitigen Auge, lässt die Stimmungen der Platte nochmal Revue passieren. Es wächst die Ungeduld, die Platte wieder von vorn zu Hören. Die fast zweiminütige Pause und der Hidden Track (Schlafliedchen) führen zu Abzügen in der B-Note. Sei’s drum.

Das Fazit wurde zwar schon vorweggenommen, muss hier aber nochmal begründet und ausgeführt werden: Inside my Head is a scary Place ist ein grandioses Alternative-Rock Album. My Glorious machen alles richtig und bekommen endlich auch die Produktion, die sie verdienen. Die Band ist musikalisch um zwei bis drei Größen gewachsen, ist sich dabei stilistisch treu geblieben und konnte sogar in Punkto Songwriting noch zulegen. Das Album gönnt sich keine Fehler oder Lieblosigkeiten, steckt voller Leidenschaft und Herzblut, bleibt vom ersten bis zum letzten Takt hochspannend und hat dazu das Potenzial Alternative Rock ins Radio zu tragen. Kurzum: Ich liebe die Scheibe. Empfehlung: Kaufen!

 

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You Asked For It | My Glorious – Home is where the Heart Breaks

Eine weitere freundliche und sehr gut passende Anfrage zu einer Rezension erreichte mich von der Band My Glorious aus Wien. Mit Home is where the Heart breaks legen die drei Österreicher gerade ihr erstes Studioalbum vor, nachdem Sie offenbar – von mir allerdings unbemerkt – mit ihrer EP Leper bereits den ein oder anderen Achtungserfolg auch schon in Übersee feiern konnten. Gerne habe ich mich bereit erklärt, mir das neue Album anzuhören und meinen Senf dazu zu geben, und ich darf schonmal vorwegnehmen, dass ich es nicht bereut habe.

Anfangs ging mir das zugegebenermaßen anders. Der erste Durchlauf lies mich zweifeln, ob ich hier einen Bezug zum Album finden würde, auf dessen Basis sich eine vernünftige und faire Rezension schreiben lassen würde. Zwar gefiel mir der Opener Love Extender gleich im ersten Anlauf, mit den nachfolgenden Songs hatte ich aber so meine Mühe. Das darf zum Teil daran gelegen haben, dass ich das Album zunächst im Auto hörte. Zum Teil aber sicher auch daran, dass die ein oder andere Melodie für meine Ohren zunächst etwas wahllos klang.

Mittlerweile habe ich das Album aber mehrfach laufen lassen und ich finde das Albumsdebut von My Glorious wirklich ordentlich. Denn hier wird hier ehrlich und sauber gerockt. Kein weichgespielter Poprock, kein ausschließlich in Melancholie verfallener Alternativerock, der nicht in Fahrt kommt. Nein, My Glorious drehen gerne mal auf und klingen dabei hier und da ein ganz feines bißchen wie bekannte Größen aus dem Genre des Alternative und damit überwiegend gut.

Die Top-Songs dabei sind für mich beispielsweise das bereits erwähnte sehr rockige Love Extender, das sehr schöne und ruhige Horse und das sich langsam aufbauende Use Me, das, wenn es letzlich losbricht erschreckend nah an Audioslave ist, zumindest was die Instrumentenleistung betrifft. Als Schwachpunkt sehe ich den Song Atmosphere. Der klingt etwas uninspiriert und auch scheint mir der Sänger hier etwas jenseits der Grenze dessen zu sein, was die Stimme leisten kann. Dafür überrascht das anschließende und fast schon nach Prog-Rock klingende It’s love when wieder positiv.

Es ist also nicht alles gut am Album, aber erfreulicherweise glaube ich, dass das insgesamt weniger an My Glorious liegt als an der Produktion. Leider habe ich auf dem ganzen Album das Gefühl, dass die Songs unnötig dumpf klingen. Das ist nicht so tragisch als dass man sich das Album nicht anhören könnte, aber im Vergleich zu anderen CDs fällt doch irgendwie auf, dass hier irgendetwas klanglich nicht stimmt. Ansonsten gibt es auch das ein oder andere Effektexperiment in Gesang und Schlagzeug, dass ich persönlich für einen Fehler halte. Es drängt sich auch sonst permanent das Gefühl auf, dass mit etwas mehr Führung in der Produktion viel mehr aus den wirklich gut geschrieben Songs rauszuholen gewesen wäre. Das haben My Glorious, oder genauer gesagt der Tonmeister leider nicht ausgeschöpft. Das ist insofern wirklich schade, weil ich die Songs potenziell für sehr stark halte und mir gerade die sehr rockige Gesamtausrichtung ziemlich gut gefällt.

Insgesamt aber darf man Home is where the Heart breaks nicht nur überzeugten Förderern von Bands aus dem deutschen Sprachraum ans Herz legen. Wem der Sinn nach ehrlichem Alternativerock steht, der kann bei My Glorious durchaus fündig werden. Die Band hat deutlich Potenzial. Da kann man auch mal über Produktionsmängel und -versäumnisse hinweghören.

Das Album von My Glorious ist seit Freitag den 05. Februar 2010 erhältlich.

P.S.: Vielleicht liegt das auch an mir, aber Albencover mit einem Herz sehen irgendwie auch alle gleich aus …

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