Recently Released | Franz Ferdinand – Tonight: Franz Ferdinand

Das meine Ohren zu dem Vergnügen kamen, die neue Franz Ferdinand Platte zu belauschen, verdanke ich voll und ganz dem Popkiller. Denn selbst wäre ich wohl kaum auf die Idee gekommen, das aktuelle Werk der schottischen Britpopcombo anzuschaffen. Nur um hier keine Zweifel aufkommen zu lassen, ich halte Franz Ferdinand für eine hoch kreative Truppe mit wirklich guten Hits, das Problem ist jedoch, dass die beiden ersten Alben insgesamt eher nicht so gut sind. Hat man die Hits nämlich durchgehört, macht sich fast so etwas wie Langeweile breit.

Nun, Tonight: Franz Ferdinand ist anders. Schon der Opener Ulysses, gleichzeitig die erste Singleauskopplung, erinnert auf schockierende Weise zunächst einmal an die Popband Mika. Löst sich dann zwar schnell wieder in Richtung Franz Ferdinand auf, bleibt aber eine überraschend poppige Nummer. Auffallend bereits hier ist die nicht unwesentliche Ergänzung des Sounds durch Synthies. So wird Ulysses zu einer starken Eröffnungsnummer, die auch den Charakter des Albums ziemlich gut repräsentiert.  Auch Turn it On verbleibt erst einmal in klassischen Poprythmen. Dennoch schaffen es Franz Ferdinand auch hier unverwechselbar nach sich selbst zu klingen.

Man ahnt es fast: Auch No You Girls klingt irgendwie ungewohnt poppig, ja fast funkig und doch nach Franz Ferdinand. Von der Struktur her eine sehr einfacher Song,  der vielleicht gerade deshalb sofort mitreißt und zum mitwippen zwingt. Hier, wie auch schon in Ulysses, greift die Band auch gerne mal  zum Stilmittel der Atonalität und schafft es so auch einer sonst so glatten Nummer noch etwas mehr Ecken zu verleihen. Send Him Away orientiert sich stärker an Retroeinflüssen und klingt ein bißchen nach siebziger-Jahre Rock mit viel Funk und einer Basslinie, die auch einem Tatort-Vorspann würdig wäre.

Twilight Omens ist für mich eines der Highlights des Albums. Irgendwie in einer sehr düsteren Stimmung verpackt, dennoch irgendwie leicht und absolut tanzbar. Dazu ein cooler Refrain und ein Synthiethema, das einfach im Ohr hängen bleibt. Wirklich groß! Es folgt Bite Hard, ein Stück das zunächst anfängt wie ein sehr schönes ruhiges Beatles-Stück, dann aber in eine fast punkige Nummer übergeht, die besonders im Refrain stark an Franz Ferdinand Hits wie etwa Do You Want To erinnert. What She Came For klingt dann irgendwie wie Punkrock aus den 60er Jahren. Ein Widerspruch in sich, aber ich lasse das mal so stehen.

Live alone widmet sich dann wieder etwas stärker dem Pop. Geht dabei fast ein Stückchen zu weit, denn der Song erinnert teils zu stark an die gar nicht so glorreichen Produktionen aus den 70er Jahren. Dennoch eine absolut tanzbare und melodiös einprägsame Nummer. Direkt gefolgt von Can’t Stop Feeling, einem Dance-pop Stück der Extraklasse, natürlich ein bißchen in Richtung Britpop verzerrt und wirklich gut. Auch hier wieder eine eindrucksvoll produzierte Soundkulisse mit Synthiesounds und diesem funkigen Bass. Lucid Dreams ist dann irgendwie das am meisten hervorstechende Stück auf dem Album. Zunächste eine weniger auffälige Nummer , die erst zum Refrain wirklich Druck entwickelt, dann aber abgeht wie Schmitz’ Katze. Etwa in der Hälfte der Gesamtspielzeit des Songs ist das “Lied” dann fertig und geht über in einen fast vollelktronische Rythmustrack, der hier und da noch leichte Referenzen zum Song aufweist. Solche Experimente kennt man bereits von anderen Bands, so konsequent und vor allem so lang hat das aber meines Wissens noch keine Rockband ausgehalten. Spannend daran ist, dass man an sich selbst bemerkt, dass einem auch diese Rythmussektion absolut ins Ohr gehen kann. Selbsterkenntnis kommt also frei Haus.

Dream again zeigt sich dann wieder versöhnlich mit all denjenigen, die die Selbsterkenntnis nicht hören wollten. Der Song erinnert jedoch dank Dissonanz zunächst eher an einen Albtraum. Ist aber durch und durch passend zum Restalbum. Katherine Kiss Me gibt sich dann noch als Friedensangebot an all Jene, die in Tonight: Franz Ferdinand gar keinen Anker werfen konnten. Lennonesk gesungen, McCartneyesk gezupft und irgendwie eine traurige Schönheit nach einer wilden Reise durch Klanglandschaften, die man bestimmt nicht erwartet hätte.

Tonight: Franz Ferdinand ist ein schwieriges Album für eingefleischte Fans der Band, denn vom Retrostil-Britpop versuchen Franz Ferdinand immer weiter wegzukommen, und das gelingt auch ziemlich gut. Die gute Nachricht ist, dass die neuen Franz Ferdinand klanglich dennoch sehr nah an den alten Franz Ferdinand. Liegen. Was dem Album vermutlicht fehlt, ist ein klarer Radiohit, denn kein Song steht wirklich hervor. Was für manche jedoch ein Abwertungsgrund darstellen würde, ist in diesem Fall meiner Meinung nach ein klares Indiz dafür, dass das Album eine durchgängige Qualität erreicht hat, die Franz Ferdinand Alben bislang gefehlt hatte. Tonight: Franz Ferdinand wird vermutlich nie den Status der Vorgängeralben erreichen, es ist aber mit Sicherheit das beste Album der Band bisher.


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