Seen Live | Akron/Family – Studio 672 Köln/18. November 2009

Keinen Aufwand scheute ich diesen Mittwoch, um im Auftrag des Popkillers Akron/Family live zu sehen. Einziges Konzert der Band, das halbwegs in meiner “Nähe” stattfand, war der dieswöchige Auftritt in Köln im Studio 672. Nun, zum Einen wurde die Tour vom Popkiller präsentiert, zum Anderen muss ich sagen, dass das Album der drei Amis für mich das absolute Releasehighlight des Jahres ist.

Es war daher sozusagen erste Bloggerpflicht, auch einen etwas größeren Aufwand in Kauf zu nehmen, um die Band live erleben zu können. Aufwand hieß in diesem Fall nach der Arbeit in den Zug, dann ins Auto, 260 km, 2h 45 min Fahrtzeit und 10 Autobahnbaustellen (Danke, Konjunkturpaket) in Kauf zu nehmen, um den Weg nach Köln zu bewältigen. Der Bericht zum Konzert ist bereits seit gestern auf Popkiller.de zu lesen, und wird nun auch noch hier nachgereicht. Benjamin von Popkiller (ja, das bin ich) schreibt also:

So richtig lässt sich gar nicht beschreiben, was da gestern im Studio 627 in Köln passierte. Gegen viertel vor zehn betraten drei schüchtern wirkende, bärtige Musiker die Bühne, ohne großes Tamtam, fragten erst mal das Publikum, ob es ihm gut ginge, erwähnten noch, dass eigentlich eine Freundin zur Verstärkung mit auf die Bühne kommen sollte, diese aber wegen nicht näher spezifizierter Probleme mit der „Transportation“ es doch nicht schaffte und begannen sogleich, mit Hilfe zahlreicher Livesamples im Endlosloop Schritt für Schritt eine Soundkulisse aufzubauen, die einen zweifeln lies, dass da tatsächlich nur drei Männlein auf der Bühne standen.

Und was für drei Männlein: Optisch wie aus einem schlechten Witz. Treffen sich ein Hippie, einer aus den Achtzigern und ein Computernerd und machen gemeinsam Musik. Und was für Musik. Für mich ohne jeden Zweifel stammt das bislang beste Album des Jahres 2009 von Akron/Family. Nun also das ganze live. Die Eröffnung ist schon eine sehr interessante Wahl: Gravelly Mountains of the Moon, ein Stück, dass man eigentlich nur mit dem Label Programmmusik treffend beschreiben kann. Aber es funktioniert. Das Stück wird auf das Wesentliche eingedampft. Zwei Gitarren, ein Bass und zur Einleitung die bereits erwähnte vielschichtige Soundkulisse, die auch insgesamt das Markenzeichen des Abends werden sollte. Auch der nächste Songs wird als wunderbar ruhige Ballade intoniert; glasklar gespielt, sehr fein abgemischt und von vorn bis hinten der pure Genuss.

Aber Akron/Family können und wollen auch anders: Immer wiederverfallen sie in wildeste Improvisationstiraden, immer mit dem Ziel, eine von Loops geprägte, völlig anarchisch wirkende Soundkulisse aufzuschichten, die – umso erstaunlicher – immer wieder zu Klängen führt, die einem vom Album her bekannt vorkommen. Und so werden aus gelegentlich überlangen und unnötig wirkenden Minuten dann doch wieder nur Intros zum nächsten Stück. Die Übergänge zwischen den Songs, die hauptsächlich aus den beiden letzten Alben Set em Wild, Set em Free und Love is Simple stammen, sind überwiegend fließend. Oft kommt man über mehr als zwanzig Minuten nicht zum Klatschen, denn Akron/Family verschnaufen nur selten, ziehen Ihr Programm mit voller Konzentration durch. So hat man auch immer wieder den Eindruck, dass es sich bei dieser Rock-Orgie eigentlich um ein Jazz-Konzert ohne Jazz handelt. Oder um die Darbietung einer Symphonie.

Fest steht: es ist ein wahrer Genuss, den drei Multiinstrumentalisten zuzusehen. In den Improvisationsphasen kann gelegentlich die ein oder andere Länge entstehen und ob das in jedem Moment noch Musik ist, was da dargeboten wird, oder ob hier doch nur Krach gemacht wird, ist Jedem im Publikum selbst überlassen. Kunst ist es allemal, definitiv kein Pop aber Rock as Rock can be. Ehrlich, rau, experimentell, spannend, mitreißend, laut, auch zu laut, dringlich, genial.

Nach etwas mehr als eineinhalb Stunden ist das Spektakel dann vorbei. Eine Zugabe, Everyone is Guilty, lassen sich Akron/Family noch entlocken, dann gehen die Lichter wieder an und des Spektakel ist vorbei. Die Eindrücke und der Tinnitus aber halten noch eine ganze Weile an.

Soweit der Bericht auf Popkiller. Viel möchte ich dem gar nicht hinzufügen. Der Abend war gut, das Konzert echt ein Erlebnis trotz hier und da der ein oder anderen Länge in den Noise-Improvisationsteilen, aber durch die immer wieder hergestellten Übergänge in die Songs lies sich das auch immer wieder verschmerzen.

Akron/Family überzeugten mich dadurch, dass sie ihre Songs irgendwie komplett demontierten, um sie dann Schicht für Schicht wieder zusammenzusetzen, mal mit mehr Variationen gegenüber den Studioversionen, mal mit Weniger. Das Live-Erlebnis war jedenfalls die kleine Reise wert. Also zurück, 260 km, 10 Baustellen, diesmal nur 2 1/2 Stunden Fahrtzeit und vor allem keine Zugfahrt bis ich um halb drei im Bett lag. Zugegeben, der nächste Tag auf der Arbeit war hart, aber wofür ist man denn noch jung?

Die Deutschlandtour ist leider mit dem Kölnkonzert zu Ende gegangen, wenn die Band aber wieder in die Lande kommt kann ich allen Freunden experimentellen Alternativerocks nur empfehlen hinzugehen.

Similar Posts:

Recently Released | Akron/Family – Set ’em Wild, Set ’em Free

Wieder einmal eine musikalische Erleuchtung, die ich dem Popkiller zu verdanken habe: Die neue Platte der Band Akron/Family. Der etwas ungewöhnliche Bandname ist im Prinzip nur der Auftakt zu einem noch ungewöhnlicheren musikalischen Abenteuer. Der Albumtitel Set ’em Wild, Set ’em Free weckt Bilder einer weiten Prärie mit Büffelherden und Mustangs, und tatsächlich ordnet sich die Musik der Amerikaner (sehr dezent) dem amerikanischen Folk-Rock unter. Keine Angst, wirklich Country ist das nicht und auch Erinnerung an die ein oder andere irische Folk-Band sind glücklicherweise fehl am Platz.

Das Album hatte mich schon mit dem ersten Track völlig überzeugt. Da hatte ich zwar die anderen Songs noch gar nicht gehört, aber allein die Idee hinter Everyone is guilty war schon so überragend, dass der Rest nur gut sein konnte. Der Song startet mit sehr trickigen Percussion und geht dann in ein funkig-grooviges Riff über. Schon hier absolut grandios. Aber es kommt tatsächlich noch besser. Zunächst setzt der fast schon gospelhafte Gesang ein, geht dann aber radikal in eine Art über, die man sonst am ehesten von der Band Battle kennt. Dann eine Interlude á la Portugal. The Man und wieder zurück. So viele Einflüsse in nur einem Song so gekonnt verarbeitet kennt man sonst wirklich nicht. Mir bleibt nur helle Begeisterung.

Ganz anders darf dann der Song River daher kommen. Geradezu brav läutet er die ruhigere Phase des Albums ein, klingt dabei vor allem beim Gesang zunächst nach einer ruhig-melodiösen 50er Jahre Rock-‘n-Roll Nummer, schafft es aber bei aller scheinbarer Banalität immer mal wieder aus den bekannten Muster auszubrechen. Wirklich schön.
Ähnlich zurückhaltend geht es bei Creautures zu. Die Nummer klingt mehr nach Elecronica denn nach Folk oder Rock, atmet aber eindeutig Rockatmosphäre. Ein sehr chilliges Stück, das ein wenig nach Jazz klingt und wundervoll gesungen ist.

The Alps & their Orange Evergreen ist dann die erste Nummer, die man aufrichtiger Weise als Folk bezeichnen darf. Sehr gut vergleichbar mit Matt Costa, entspannt und nachdenklich zugleich, dazu ein schickes Picking auf der Gitarre. So kann man es sich gut gehen lassen. Auch Set ’em Free ist eindeutig eine Folknummer. Hierzu gibt es auch auf YouTube ein Video, aber sehenswert ist das nicht unbedingt, dafür überzeugt der Song an sich durch Country-Atmosphäre im erträglichen Maß, ein gutes Picking und einer bestechend einfachen, aber gehaltvollen Melodie.

Gravelly Mountains of the Moon entzieht sich auf wundervolle Weise jeder Genre-Einordnung. Hier kommt wieder mehr die künstlerische Ader der Band durch. Die Eröffnung macht wildes Querflötengezwitscher. Erst sehr langsam bekommt der Song Struktur, wird zunächst um Gitarre und Bläser ergänzt um dann mit einer nicht wirklich in der Tonleiter liegenden Melodie ergänzt zu werden. Das ist schräg, zugegeben für sich genommen nicht wirklich überzeugend, und kann sicher den ein oder anderen davon überzeugen, dass die Band scheiße ist. Ist aber falsch. Denn die Nummer funktioniert innerhalb des Albums sehr gut. Vor allem nachdem sie letztlich in die wohl wildeste Gitarrenorgie übergeht, die ich in den letzten Jahren gehört habe. Dazu klingt die Band hier so wunderbar direkt und ehrlich nach Rock, dass man einfach nur dahinknien möchte. Das ist Psychedelic Rock in Reinkultur.

Many Ghosts ist dann wieder mehr Song. Bietet wieder etwas gemächlichere Klänge und vor allem eine Melodie. Dazu schicke glockenhafte Klänge im Hintergrund und einen schön schrägen Refrain. Danach MBF das wieder mehr nach Proberaum zu, Verstärker auf laut und dann losgeschrammelt klingt. Ist zwar letztlich kaum mehr als eine Noise-Attacke, macht aber im Zusammenhang doch Spaß und hat seine Berechtigung auf dem Album. Das meine ich ernst.

Dann mein zweiter erster Favorit, They will Appear. Das Stück beginnt in einer Atmosphäre, die mich unglaublich an Fuzzmans Liabale erinnert. Wir erinnern uns kurz: Liabale ist ein Stück, das nach Österreichischer Volksmusik klingt. Doch auch hier schon die ersten Klanglichen Andeutungen in Richtung Mike Watt, der sich gegen Ende sozusagen auch klanglich durchsetzt. Einfach ein klasse Song.

Die beiden letzten Stücke The Sun will Shine und Last Year beruhigen das Album wieder spürbar bilden einen angemessenen Abschluss nach einer wirklichen Achterbahnfahrt. Schön vor allem das musikalische Zitat von “Nehmt Abschied, Brüder” am Ende von The Sun will Shine, sei es Absicht oder nicht. Es ist da.

Set ’em Wild, Set ’em Free ist wagemutig, verrückt, anders aber auch durchweg gut. Hier gibt es wirklich keine Schwachpunkte und auch wenn hier die Grenzen dessen, was landläufig noch als Musik bezeichnet wird, häufig weit überdehnt werden – das kann man natürlich auch gerne als Vorteil auslegen – ist das Album mit Sicherheit einer der Knaller des Jahre. Am ehesten lässt sich das Gesamtkunstwerk wohl mit Mugisons Mugiboogie gleichsetzten. Oft verwegen aber immer wieder auch einfach gute simple und ruhige Nummern und insgesamt ein Act, der die Grenzen der Musik wieder etwas ausbaut. Kurzum: Saugeil!

Similar Posts: