Recently Released | Radiohead – The King of Limbs

Fangen wir diese Rezension doch einmal ganz anders an. Mit Dankbarkeit, dass Retrozension.de nicht den Anspruch hat Nachrichten als Erster unter die Leute zu bringen, sondern die Zeit hat, Musik wirken zu lassen bevor man seinen Senf abgibt. Sehr dankbar! Aber soviel sei nur als Ankündigung genutzt, dass es die Tage auch eine kleine Presseschau zu diesem Thema geben wird.

Widmen wir uns nun dem Release um das es hier gehen soll. Radiohead haben dieser Tage mit rekordverdächtig kurzer Ankündigung den Releasetermin für ihr achtes Studioalbum bekannt gegeben (Digitalrelease Samstag den 18.02.2011) und dann doch noch einen Tag früher releast. Ich liebe Radiohead und habe natürlich zugegriffen. Ich freue mich schon jetzt darauf in ein paar Wochen das Newspaper-Album in den Händen zu halten. Bei In Rainbows hatte ich die Gelegenheit leider nicht genutzt.

Zwischenzeitig kann man aber ja schon das Machwerk hören, und das habe ich in den letzten Tagen ausgiebig getan.
The King of Limbs ist keine leichte Kost, aber das war bei Radiohead schon vorher klar. TKOL ist zudem enttäuschend, weil es mal wieder so anders ausgefallen ist, als erwartet. Wer Gitarrenklänge erwartet wird kaum fündig. Verzerrerklänge sind noch spärlicher gesät. TKOL ist näher an Amnesiac als an jedem anderen Radiohead-Longplayer und doch gar nicht vergleichbar. Der erste Eindruck erinnerte mich am ehesten an Jazz. Vermutlich geht das in eine Fusion-Richtung, so gut kenne ich mich da aber nicht aus.

Acht Songs sind auch so eine Enttäuschung und kein Vergleich zu opulenten Hail to the Thieves-Zeiten; die Gesamtspielzeit erreicht nicht mal 38 Minuten. Ist deswegen das ganze Album eine Enttäuschung? Man ahnt es schon: Mitnichten!

TKOL liebt die Stille, vielmehr die Ruhe, ist fragil und hauchzart. Ich fühle mich an eine Seifenblase erinnert, ein Traum, der jederzeit zu zerplatzen droht und einen doch völlig in seinen Bann zieht. Die Schöhnheit der Songs liegt in der Detailverliebtheit der Arrangements. In der offen höhrbaren Verletzlichkeit des gesamten Konzepts. Der erste Hördurchgang lässt einen leiden. Man ist enttäuscht, desillusioniert und ein wenig orientierungslos. Die Songs wirken völlig belanglos; soll das etwa Radiohead nach dem Geniestreich von In Rainbows sein? Man sucht vergeblich nach Rock, nach den Elementen, die Radiohead bisher dann doch noch als Rockband durchgehen ließen, obwohl die Musik schon längst nicht mehr so richtig in die vorbereitete Schublade passen wollte.

Aber The King of Limbs wächst schnell und nachhaltig. Die Songs dringen ein, sickern geradezu ins Unterbewusstsein und nisten sich fröhlich ein in ihrer ausgesprochenen Unfröhlichkeit. Schon Freitagabend kamen mir einzelne Höreindrücke nicht mehr aus dem Sinn. Es entstand eine wahre Sucht nach den so herrlich minimalistsch aber doch effektvoll inszenierten Stücken.

Alle Songs bedienen dabei ähnlichen Grundstimmungen der Melancholie. Es gibt keine groß angelegte dynamische Vielfalt im Sinne von Track 1 rockt und Track 5 ist dafür eher balladesk angelegt. Nein, Radiohead bearbeiten im Wesentlichen acht musikalische Einfälle mit allem gebotenen Ernst und dem musikalischen Wissen, dass im wirtschaftlich verwertbaren Musikbereich so wohl nur bei Radiohead gefunden wird. Dabei bauen sie die einzelnen Tracks sehr gekonnt auf und schaffen dynamische Bandbreiten, die ohne das übliche Laut-Leise auskommen. Da liegen noch in den entferntesten Winkeln der Klanglandschaft Elemente, die es zu entdecken und zuzuordnen gilt. Dass das ganze Album dabei dennoch so organisch und aufgeräumt wirkt ist die wahre Kunst und wohl auch die wahre Arbeit beim austüfteln der Stücke gewesen.

Das Album könnte keinen oder kaum Wiederhall erwarten, käme es von einer unbekannten Indiecombo. Das ist schade, aber leider wahr – sagt aber glücklicherweise nichts über die Qualität und melancholische Schönheit des Machwerks aus.
Radiohead stehen schon lange weit außerhalb des Mainstreams, sogar weit außerhalb jeglicher Kategorien und Genres, in die Musikblogger und -journalisten so gerne einordnen; ich nehme mich da nicht raus.

Das Radiohead dennoch so gut funktionieren und millionenfach Platten unters Volk bringen; dass sie mit ihrem Album derart die Medien beherrschen, einfach weil jeder glaubt, seine Meinung zum Ausdruck bringen zu müssen, das spricht für sich und hat alleine schon jeglichen Respekt verdient. Das Radiohead es aber davon scheinbar unbelastet weiterhin schaffen, geniale, wenn auch schwierige Alben zu schreiben, ohne den Versuchungen des simpleren Pops und den Verlockungen des einfacheren Ruhms zu verfallen, dass zeichnet sie in meinen Augen wahrlich aus.

Über all dem Meta-Zeugs sollte nicht vergessen werden, dass The King of Limbs nicht an In Rainbows anknüpft, es aber auch keinen Takt lang versucht. TKOL steht für sich, genau wie die alte Eiche, deren Namen es sich entliehen hat. Ob es gefällt ist Geschmackssache. Mir jedenfalls gefallen die Songs verdammt gut.

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