Recently Released | Trip Fontaine – Lambada

Es gibt diese Momente in der Musik. Man hört Musik einer Band und fühlt sich unmittelbar heimisch, verstanden, zufrieden, ja vielleicht sogar ein Stück weit erlöst. Für mich passiert das bei Bands, die erkennbar einen eigenen Stil prägen, die sich von Vermarktungsgedanken zumindest scheinbar nicht beim Songwriting beeinflussen lassen, die sich vielleicht auch trauen die ein oder andere Konvention links liegen zu lassen und einfach das musikalisch raushauen, was in ihnen schlummert.

Trip Fontaine schaffen genau das. Macht der Albumtitel Lambada vielleicht auch erst einen anderen Eindruck; schließlich sind wir alle noch geschädigt vom Jahr 1989, als ein gleichnamiger Song 10 Wochen lang die deutschen Charts anführte. Das Plattencover zu Trip Fontaines neuestem Werk dürfte da auch nicht ganz zufällig einen Strand zeigen, wenn’s auch nicht sehr brasilianisch aussieht…
Widmen wir uns aber mal dem eigentlichen Inhalt des Albums; der Musik.

Den Anfang macht ein Ruf nach Kunst. I’ll gain eternal Life hat Tempo, fängt aber zunächst noch eher ruhig an. Bedächtige Melodie, ein weing Gitarrengeklimper, ein paar Synths, Bass und Drums. Der Refrain lässt dann aber den Song erst richtig zur Blüte kommen. Und damit wird eine der tragenden Säulen des Albums schon freigelegt: Rock mit aufgedrehten Verstärkern, ordentlich Overdrive und Kraft. No Guts geht mit noch mehr Tempo rein, erinnert entfernt ein bißchen an diverse Bush-Nummern, bleibt aber der Trip Fontaine Linie des Albums absolut treu. Schön auch hier der dynamische Umfang des Stücks; ruhige Passagen finden ihren Platz neben High-Voltage Rock. Das gefällt.

Besonders schön: The lastest Type of Flu. Fast schon jazzig steigt der Song ein. Ein bißchen Becken, dazu Klänge wie aus einem Rhodes Piano und einen Groove, der sich durch den ganzen Song zieht. Dazu wieder die sehr relaxte Gesangsstimme und dann ein Refrain, der kein Morgen zu kennen scheint. Ein echtes Highlight. Bobo Blues macht dan Erinnerungen an Portugal. The Man’s Chicago wach. Distortion auf 100% und es wird losgebrezelt, was das Zeug hergibt. Dabei kommen aber Melodie und Ideenreichtum keinesfalls zu kurz. Ganz im Gegenteil eröffnet sich nach dem ersten Sturm ein ganz neuer Song; es geht wieder relaxt, groovy und behutsam zu. Besungen werden die harten Zeiten, der Rotwein, die Sterne und man trifft sich dann doch wieder bei Distortion auf Voll und Los! Genial gut.

Erste Entspannung gibt der Song Wit Taker her, der tatsächlich das Tempo reduziert, etwas Besinnung einkehren lässt und – moment mal, was ist das für ein Krach? Auch hier lassen Trip Fontaine den Song sich verändern und haben den Mut die eigentliche Songidee weiter zu denken. Die Songs bekommen die Chance sich frei zu spielen und größer zu werden, als das zunächst den Anschein hat. Fast wie in Trance wird so der Song zu einem Hort der Improvisation und Experimentierfreude. Ein bißchen verrückt, aber wahrhaft. New Sweater ist dagegen ein geradezu klassischer Indie-Popsong. Kurz, knackig eingängig. Zum Mithopsen und -grölen und -singen.

Weiter gehts mit Muskelschwede, wo mal wieder die Belastungsgrenze des Equipments ausgereizt wird. Vollstoff auf allen Fronten und die ganzen 3:40. Das könnte dann wohl schon Post-Rock sein. Jetzt darf dann aber auch Mario Basler mal mitspielen. Eine obertonverzierte “Ballade” (schlechter Wortwitz!!!) geziert durch eine wunderbar klare Bridge und einen wundersamen Zwischenteil. Fantastisch gut.

Take it easy, Karsten geht dann wieder etwas klassischere Wege und erinnert mich ganz stark an eine andere Band, mir ist aber bislang noch nicht eingefallen, an welche. Da ist nur dieses Gefühl … Wie dem auch sei; gute Indiepop-Nummer, schön untermalt mit Trompete an genau der richtigen Stelle. Sehr gut. Sehr gut auch Doom 1, das wieder einen Ticken schräger ist, bekannte Songstrukturen eher abzulehnen scheint und sich dennoch wunderbar zusammenfügt.

Den Schlusspunkt darf dann Sparkles setzen. Hier wird nochmal geradzu klassisch gerockt. Dabei ist Sparkles nochmal eine ungehemmte Rocknummer die ein würdiges Ausrufezeichen hinter das gesamte Album setzt.

Lambada ist zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd gewöhnlich. Trip Fontaine haben ein Album zusammengestellt, das seinesgleichen suchen muss. Hier wird auf höchstem Niveau gerockt, dabei kennt die Band keine Angst vor ihrer eigenen Courage und keinen Respekt vor “Betreten-Verboten”-Schildern. Hier wird abseits der Wege gerockt. Dazu kommt eine makellose Produktion, die überhaupt keine Wünsche offen lässt. Trip Fontaines drittes Album ist nicht bloß gute Musik, das Album hat das Zeug, dass beste Album des Jahres zu sein. Hier scheint eine Band über sich selbst hinaus gewachsen zu sein, die ich vorher noch gar nicht kannte, die aber nach Lambada unbedingt gekannt werden sollte.

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(Soon to be) Recently Released | The Great Bertholinis – Gradual Unfolding of a Conscious Mind – Part 3

Zugegeben, meine klassische Kategorie Recently Released musste ein wenig verbogen werden für diesen Post, aber ich bin gerne bereit hier einmal Fünfe gerade sein zu lassen. Es geht nämlich um große Kunst; wirklich große Kunst.

Der Popkiller wars mal wieder; völlig unscheinbar segelt mir da vor einigen Tagen ein Reviewexemplar einer CD mit dem wunderschön-sperrigen Titel Gradual Unfolding of a Conscious Mind – Part 3 ins Haus. Der Bandname The Great Bertholinis sagte mir Nichts und ehrlich gesagt verhieß der auch scheinbar nichts Gutes. Scheinbar, wohlgemerkt.

Gradual Unfolding (Ich kürze es mal ein wenig ein) beginnt auch eher gewöhnlich. Wundervoll, aber doch gewöhnlich scheint das Intro Bright Days (Intro) zunächst ein relativ gewöhnliches Album anzukündigen. Hier klingts nach Donovan und ein bißchen erinnert es an die Eröffnung von Variety Lab, allerdings gemischt mit Akron/Family, was in etwa so gut passt wie Osterhasen unterm Weihnachtsbaum. Aber es funktioniert prächtig. Mit Run to Hide kommt es aber dann doch noch ganz anders. Hier wird klar, dass es hier eben nicht um klassischen Indie-Pop/-Rock geht. Erinnerungen an The Doors und deren Alabama Song lassen sich für das geschulte Ohr nicht vermeiden. Damit beginnt die etwas verrückte Reise, auf die uns The Great Bertholinis mitnehmen. Musikalisch werden hier Einflüsse in den Klang und die Arrangements eingebracht, die auf den ersten Blick eher unvereinbar scheinen: Donovan, The Doors, The Beatles, Cake, Fat Freddy’s Drop und so viele mehr, dass ich sicher bin die Hälfte gar nicht zu kennen. Vordringlich auch der leichte Südosteuropäische Klangeinschlag, der dem Promomaterial nach in Ungarn beheimatet sein soll.

I am Can beispielsweise erinnert mich aber erstmal ziemlich stark an die Niederländer von Voicst, was an der leichten poppigen Art liegen dürfte, in der dieser Song sich breit macht. Die Bläserarrangements tun natürlich ihr Übriges dazu. Wirklich gute Laune in Musikform. Weiter gehts mit The Things I Gave, einer Nummer, die sich wieder mehr dem Südosten unseres Kontinent zuwendet. Eingeleitet wird zunächst krachig-rockig, dann kommt etwas Geflöte und dreht die Erwartungen auf den Kopf. Ich liebe so etwas. Der Song wackelt dann auch hin und her zwischen ungarischem Volksfest und Ska-inspiriertem Indie-Pop. Einfach Cool.

Puzzle with a Million Thoughts scheint dagegen John Lennon und die späten Beatles wieder aufleben zu lassen. Eine fantastische, eher ruhig angelegte Nummer, die auch wieder durch ein sehr sorgsames Arrangement und eine auf den Punkt gebrachte Produktion zu glänzen weiß. So gut, dass man sogar den Lala-Teil am Schluss ohne Abzug verzeihen kann. Why do you Trust fängt zunächst etwas desorinetiert an, fängt den Hörer dann aber doch schnell ein und zeigt in Richtung sanftem aber großartig aufgebautem Refrain. Das ist auch das schöne an The Great Bertholinis: Sie wissen auch mit leisen Tönen umzugehen und den maximalen Effekt durch eine geniale Komposition zu erzielen.

Lucky Pinto kommt wieder deutlich poppiger daher, mehr Tempo, mehr Ska-Einfluss, etwas weniger schräge Ideen aber dennoch ein fantastischer und sehr positiver Song. String Puppets and Bees wird dagegen wieder orchestraler/philharmonischer. Geradzu lautmalerisch der Einsatz der Bläser, ganz zaghaft untermalt durch Bass und rhythmisiert durch Gitarre. Sehr schön auch die chorale Unterstützung im Refrain. Ich weiß nicht genau woran es liegt, aber man fühlt sich fast schon in die 1920er Jahre zurückversetzt. Wahrscheinlich sind es die wunderbar blechernen Trompeten und der auf Grammophon getrimmte Gesang. Toll.

Resetera rockt dagegen schon fast beängstigend mit breitem Bassriff los. Kommt dann etwas braver daher, als man erwartet und vielleicht auch als man sich wünscht; es bleibt aber eine Nummer, die voll das Niveau der anderen Songs hält. Feine Arrangements, gute Instrumentierung, gutes Songwriting. Zucker Serenade ist die vielleicht beste Komposition auf dem ganzen Album. The Great Bertholinis haben hier keine Scheu davor wirklich groß zu klingen, halten sich in (gut dosiertem) Pathos genauso wenig zurück wie in der großen musikalischen Geste. Ein echter Gassenhauer, wenn man so will.

Den Abschluss bilden die ruhigen Stücke Lost the Key und Bright Days. Während Lost the Key sehr gefühlvoll mit Dynamik spielt, ist Bright Days die vollendete Fassung des schon als Intro verwendeten Themas. Auch hier wieder der starke Bezug zu Donovan und Variety Lab und das gute Gefühl, ein wirklich gutes Album gehört zu haben.

The Great Bertholinis sind musikalisch mutig unterwegs. Die acht Musiker haben offenbar eine eigene Nische gefunden und haben sich darin breit gemacht. Die Musik ist so vielseitig, das echte vergleiche wirklich schwer fallen. Akron/Family fällt mir mehr als einmal ein, weil beide Bands ähnlich breite Einflüsse in ihrer Musik verarbeiten, wenn auch Akron/Family deutlich mehr King Crimson gehört haben dürften. Das schöne ist aber, das The Great Bertholinis vor allem klanglich für sich stehen. Das kommt auch in der nahezu perfekten Produktion voll zur Geltung und kann gar nicht genug gelobt werden. Gradual Unfolding of a Consious Mind – Part 3 ist damit ein musikalisches Kleinod und ein echter Schatz. Absolut Topp!

Das Album erscheint am  22. Oktober. Da The Great Bertholinis aber bereits auf Tour sind, wollte ich hier nicht so lange warten, die Platte zu besprechen. Ich schätze live ist die Band ein echtes Erlebnis, daher auch die Empfehlung die Gelegenheit zu nutzen. Termine gibts bei Hazelwood Tourism.

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