Retrozension | Red Hot Chili Peppers – By The Way

Dass die Red Hot Chili Peppers grundsätzlich eine der besten Bands sind, die im Laufe der 90er zu berechtigtem Weltruhm gekommen sind, steht wohl grundsätzlich nicht zur Debatte. Wenige andere Bands schafften es so grundlegend einen eigenen Sound zu entwickeln und fast schon ein eigenes Genre zu begründen.

Das erstaunliche an den RHCP war aber für mich das wiederaufstehen, nachdem die Band eigentlich schon komplett abgeschrieben war. Californication war der Befreiungsschlag nach langer Pause und einem guten, aber erfolglosen Album. Nach dem Erfolg von Californication kann By the Way sicher kein einfaches Album für die Band gewesen sein. Schließlich galt es genau das durchzumachen, an dem die Band nach Blood Sugar Sex Magik schon einmal gescheitert waren: Den Erfolg des Vorgängeralbums einzustellen und die Fans an der Stange halten.

Die Band entschloss sich erfreulicherweise zu einem recht mutigen Ansatz für ihr achtes Studioalbum: By the Way wurde ganz anders angegangen. Es wurde erwachsener, nachdenklicher und insgesamt ein Schritt in eine neue Richtung. Der Stil der Band verschiebt sich ganz stark in eine “gesetztere” Richtung; die Songs werden ruhiger und detaillierter in der Produktion umgesetzt. Die Zweistimmigkeit vieler Songs wirkt bisweilen etwas ungelenk und entwickelt gerade daraus ihren ganz eigenen Charme. Es scheint geradezu, als sei bei den Red Hot Chili Peppers ein neuer kreativer Prozess in Gang gesetzt, der den Weg in die Zukunft der Band weisen würde.

Es finden sich zwar nach wie vor noch funkige Crossover-Stücke wie etwa Throw away Your Television oder Can’t Stop, die Oberhand gewinnen aber die eher nachdenklichen Songs, die auf Californication noch einen eher zaghaften Einstand hatten. Das sind wunderbare, entspannte und sehnsüchtige Songs, die eine neue Ära bei den RHCP einläuten.

Die Chili Peppers entfernen sich damit aus ihrer Comfortzone, was insbesondere nach dem erneuerten Erfolg mit Californication erfreulich mutig war. Das Ergebnis spricht für sich. By the Way war zum Erscheinen ein absolut richtiges und gutes Album. Im Nachhinein verblasst es allerdings aus meiner Sicht ein wenig hinter den kantigeren und damit etwas spannenderen Alben Blood, Sugar, Sex, Magik, Californication und aus meiner Sicht sogar One Hot Minute.

Dennoch ist By The Way ein wirklich gutes Album, dass außerdem stilistisch den Weg ebnete für das darauf folgende Stadium Arcadium. Ich muss zugeben, dass ich deutlich weniger oft höre, als die anderen Alben der Band (Freaky Stiley mal außen vor gelassen).

Immer noch gut

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Retrozension | Pearl Jam – Binaural

Pearl Jam waren, sind und werden auch immer die wahre Größe des Seattle Rock sein. Keine der Bands, die im Zuge des Nirvana-Hypes zu Weltruhm gekommen sind kann in Sachen Beständigkeit und kreativem Output mit den einzig wirklich verbleibenden Grunge-Größen mithalten.

Das Jahr 2000 sollte für die Band ein besonders prägendes Jahr werden. Am Anfang stand hierbei die Veröffentlichung des sechsten Studioalbums Binaural. Der Titel verweist auf die besondere Aufnahmetechnik, die hier zur Verwendung gekommen ist. Kurz gefasst wird hierbei ein Modellkopf zwischen zwei Mikros platziert. Damit soll ein besonders lebensechter Raumklang eingefangen werden. Mehr darüber weiß natürlich Wikipedia (Achtung: Englisch!).

Weiterhin besonders zu erwähnen ist, dass Binaural das erste Studioalbum ist, auf dem Matt Cameron, allen bekannt als Drummer von Soundgarden, die Holzklöppel auf die Trommeln hauen darf nachdem Jack Irons das Handtuch geworfen hatte. Schlagzeuger hielten sich bei Pearl Jam bis dahin nie besonders lange …

Erwähnenswert natürlich auch der Schicksalsschlag von Roskilde, als während eines Konzert der Band neun Fans/Zuhörer in der Menschenmenge erdrückt wurden.

Wir wollen uns aber mal der Musik zuwenden, die Binaural zu bieten hat. Eröffnet wird mit Breakerfall erfreulich kraftvoll. Keine Frage, hier wird Rockmusik zelebriert. Irgendwie klingt der Song deutlich anders als alle anderen Songs, die die Band bis dahin geschrieben hatte. Man scheint sich ein wenig vom Grunge loszulösen, was natürlich auch dringend nötig ist anno 2000. Auch God’s Dice hält das Tempo hoch, experimentiert mit vielen Soli-Einwürfen, vollem Sound und voller Energie. Pearl Jam klingen geradezu erfrischend, weniger wehleidig als noch auf No Code oder teilweise auch noch auf Yield. Retrospektiv kann man behaupten, dass Binaural für den aktuellen Sound der Band wohl mit am prägensten war. Evacuation wirkt dann geradezu experimentell, fragmentiert. PJ experimentieren mit ihrem Sound gnadenlos und lassen die Fans teilhaben. Ob Evacuation wirklich Album-Qualität hat, bleibt Geschmackssache.

Bekanntere Klänge werden mit Light Years angeschlagen. Eine klassische PJ-Slow-Rock-Nummer, die schnell zum Mitsingen verleitet und einen den Alltag wahlweise vergessen oder umso schmerzhafter erleben lässt. Verdammt gut, aber sicher nichts Neues an sich. Nothing as it Seems hingegen hat das Zeug, aus dem Pearl Jam Evergreens gestrickt sind: episch gut und doch ganz persönlich, nah und verletzlich präsentiert sich die Band. Gitarrensoli, die aus den Untiefen des Raums zu kommen scheinen, perfekt produziert und doch mit diesem Live-Gefühl versehen. Dazu ein Eddie Vedder, der überwiegend zurückhaltend singt, dabei aber dennoch perfekt die Stimmung des Songs trifft. Zu recht einer der besten Pearl Jam Songs bis heute.
Thin Air ist dann eine perfekte Akustik-Gitarren Nummer, die insbesondere aufgrund der fragil wirkenden Zweistimmigkeit, eine besondere Schönheit zu entfalten weiß. Schön auch die leichten Country-Einschläge ab Strophe zwei.

Insignificance rockt einfach nur gewaltig. Der Song strotzt nur so vor Energie, bleibt dabei aber PJ-typisch eher nachdenklich. Besonders gut sind die etwas fuzzigen Gitarrensounds, die fast schon zu modern für die Band wirken. Tolle Nummer. Geniales Nicht-Solo gegen Ende! Noch nie hat die Abwesenheit eines Solos so gut gewirkt. Of the Girl ist einer der Songs, die mit dem Binaural Verfahren auf Band gebannt wurden. Eine sehr organisch wirkendes Stück, das insbesondere die Solo-Qualitäten von Mike McCready in den Vordergrund stellt. Ansonsten sehr entspannt und beeindruckend gut.

Grievance bringt wieder etwas Tempo und experimentierfreude ins Album. Stakkatogitarren, Druck, Optimismus reißen mit und machen Spaß. So einfach ist das. Rival wird von Hundegeknurre eingeleitet, nur um dann in einem besonders schweren Groove einzusteigen und einen sehr spannenden Dialog zwischen den beiden Gitarren von Gossard und McCready zu eröffnen. Dazu reichlich viel klangliche Skurrilitäten, wie dissonante Klavierklänge, viel Hintergrundgeschreie und Zwischenrufe. Man spürt förmlich den Spaß, den die Aufnahme gemacht haben muss. Toll.

Sleight of Hand ist hingegen wieder sehr ruhig, sehr schwermütig und trübsinnig. Man hat so ein bißchen den Eindruck, dass die Nummer nicht unbedingt so richtig in das Album passt. Es fehlt ein bißchen der richtige Guss. Nicht schlecht, aber auch nicht wirklich toll. Soon Forget klingt fast wie Somewhere over the Rainbow, dank Ukulele, einsamer Gesangsperformance von Eddie Vedder und einer leicht bedröpselten Stimmung. Der übliche Lückenfüller, den Pearl Jam auf nahezu jedem Album zu präsentieren wissen. Trotzdem nett, und natürlich voll mit Botschaft versehen. Dafür macht der Song schnell Platz für das fast monumentale Parting Ways. Nur etwas dreieinhalb Minuten geben Pearl Jam ihrer Schlussnummer, die sich dennoch langsam entfalten darf und dabei ins schier übermenschliche wächst. Genial gut, typisch Pearl Jam und vielleicht ein wenig zu viel des Guten, aber was solls; mir hat die Nummer immer richtig gut gefallen. Besonders wenn die schrammige Gitarre dazwischenkracht stellt sich ein Gänsehaut-Gefühl ein. Nach einigen Minuten Stille darf man sich dann noch ein wenig Gehacke auf einer Schreibmaschine anhören. Was das soll weiß man nicht, aber Hidden Tracks waren scheinbar mal in Mode.

Binaural ist sicher nicht das beste Album von Pearl Jam, aber es macht auch heute noch Spaß und landet auch bei mir immer mal wieder im Player und auf meinen Ohren. Insbesondere die klanglich Prägung lässt sich auf den beiden letzten Alben der Band wiederfinden, was ich besonders spannend finde, schließlich klingt das dazwischen liegende Riot Act nochmal ganz anders.


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Recently Released | Trip Fontaine – Lambada

Es gibt diese Momente in der Musik. Man hört Musik einer Band und fühlt sich unmittelbar heimisch, verstanden, zufrieden, ja vielleicht sogar ein Stück weit erlöst. Für mich passiert das bei Bands, die erkennbar einen eigenen Stil prägen, die sich von Vermarktungsgedanken zumindest scheinbar nicht beim Songwriting beeinflussen lassen, die sich vielleicht auch trauen die ein oder andere Konvention links liegen zu lassen und einfach das musikalisch raushauen, was in ihnen schlummert.

Trip Fontaine schaffen genau das. Macht der Albumtitel Lambada vielleicht auch erst einen anderen Eindruck; schließlich sind wir alle noch geschädigt vom Jahr 1989, als ein gleichnamiger Song 10 Wochen lang die deutschen Charts anführte. Das Plattencover zu Trip Fontaines neuestem Werk dürfte da auch nicht ganz zufällig einen Strand zeigen, wenn’s auch nicht sehr brasilianisch aussieht…
Widmen wir uns aber mal dem eigentlichen Inhalt des Albums; der Musik.

Den Anfang macht ein Ruf nach Kunst. I’ll gain eternal Life hat Tempo, fängt aber zunächst noch eher ruhig an. Bedächtige Melodie, ein weing Gitarrengeklimper, ein paar Synths, Bass und Drums. Der Refrain lässt dann aber den Song erst richtig zur Blüte kommen. Und damit wird eine der tragenden Säulen des Albums schon freigelegt: Rock mit aufgedrehten Verstärkern, ordentlich Overdrive und Kraft. No Guts geht mit noch mehr Tempo rein, erinnert entfernt ein bißchen an diverse Bush-Nummern, bleibt aber der Trip Fontaine Linie des Albums absolut treu. Schön auch hier der dynamische Umfang des Stücks; ruhige Passagen finden ihren Platz neben High-Voltage Rock. Das gefällt.

Besonders schön: The lastest Type of Flu. Fast schon jazzig steigt der Song ein. Ein bißchen Becken, dazu Klänge wie aus einem Rhodes Piano und einen Groove, der sich durch den ganzen Song zieht. Dazu wieder die sehr relaxte Gesangsstimme und dann ein Refrain, der kein Morgen zu kennen scheint. Ein echtes Highlight. Bobo Blues macht dan Erinnerungen an Portugal. The Man’s Chicago wach. Distortion auf 100% und es wird losgebrezelt, was das Zeug hergibt. Dabei kommen aber Melodie und Ideenreichtum keinesfalls zu kurz. Ganz im Gegenteil eröffnet sich nach dem ersten Sturm ein ganz neuer Song; es geht wieder relaxt, groovy und behutsam zu. Besungen werden die harten Zeiten, der Rotwein, die Sterne und man trifft sich dann doch wieder bei Distortion auf Voll und Los! Genial gut.

Erste Entspannung gibt der Song Wit Taker her, der tatsächlich das Tempo reduziert, etwas Besinnung einkehren lässt und – moment mal, was ist das für ein Krach? Auch hier lassen Trip Fontaine den Song sich verändern und haben den Mut die eigentliche Songidee weiter zu denken. Die Songs bekommen die Chance sich frei zu spielen und größer zu werden, als das zunächst den Anschein hat. Fast wie in Trance wird so der Song zu einem Hort der Improvisation und Experimentierfreude. Ein bißchen verrückt, aber wahrhaft. New Sweater ist dagegen ein geradezu klassischer Indie-Popsong. Kurz, knackig eingängig. Zum Mithopsen und -grölen und -singen.

Weiter gehts mit Muskelschwede, wo mal wieder die Belastungsgrenze des Equipments ausgereizt wird. Vollstoff auf allen Fronten und die ganzen 3:40. Das könnte dann wohl schon Post-Rock sein. Jetzt darf dann aber auch Mario Basler mal mitspielen. Eine obertonverzierte “Ballade” (schlechter Wortwitz!!!) geziert durch eine wunderbar klare Bridge und einen wundersamen Zwischenteil. Fantastisch gut.

Take it easy, Karsten geht dann wieder etwas klassischere Wege und erinnert mich ganz stark an eine andere Band, mir ist aber bislang noch nicht eingefallen, an welche. Da ist nur dieses Gefühl … Wie dem auch sei; gute Indiepop-Nummer, schön untermalt mit Trompete an genau der richtigen Stelle. Sehr gut. Sehr gut auch Doom 1, das wieder einen Ticken schräger ist, bekannte Songstrukturen eher abzulehnen scheint und sich dennoch wunderbar zusammenfügt.

Den Schlusspunkt darf dann Sparkles setzen. Hier wird nochmal geradzu klassisch gerockt. Dabei ist Sparkles nochmal eine ungehemmte Rocknummer die ein würdiges Ausrufezeichen hinter das gesamte Album setzt.

Lambada ist zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd gewöhnlich. Trip Fontaine haben ein Album zusammengestellt, das seinesgleichen suchen muss. Hier wird auf höchstem Niveau gerockt, dabei kennt die Band keine Angst vor ihrer eigenen Courage und keinen Respekt vor “Betreten-Verboten”-Schildern. Hier wird abseits der Wege gerockt. Dazu kommt eine makellose Produktion, die überhaupt keine Wünsche offen lässt. Trip Fontaines drittes Album ist nicht bloß gute Musik, das Album hat das Zeug, dass beste Album des Jahres zu sein. Hier scheint eine Band über sich selbst hinaus gewachsen zu sein, die ich vorher noch gar nicht kannte, die aber nach Lambada unbedingt gekannt werden sollte.


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(Soon to be) Recently Released | The Great Bertholinis – Gradual Unfolding of a Conscious Mind – Part 3

Zugegeben, meine klassische Kategorie Recently Released musste ein wenig verbogen werden für diesen Post, aber ich bin gerne bereit hier einmal Fünfe gerade sein zu lassen. Es geht nämlich um große Kunst; wirklich große Kunst.

Der Popkiller wars mal wieder; völlig unscheinbar segelt mir da vor einigen Tagen ein Reviewexemplar einer CD mit dem wunderschön-sperrigen Titel Gradual Unfolding of a Conscious Mind – Part 3 ins Haus. Der Bandname The Great Bertholinis sagte mir Nichts und ehrlich gesagt verhieß der auch scheinbar nichts Gutes. Scheinbar, wohlgemerkt.

Gradual Unfolding (Ich kürze es mal ein wenig ein) beginnt auch eher gewöhnlich. Wundervoll, aber doch gewöhnlich scheint das Intro Bright Days (Intro) zunächst ein relativ gewöhnliches Album anzukündigen. Hier klingts nach Donovan und ein bißchen erinnert es an die Eröffnung von Variety Lab, allerdings gemischt mit Akron/Family, was in etwa so gut passt wie Osterhasen unterm Weihnachtsbaum. Aber es funktioniert prächtig. Mit Run to Hide kommt es aber dann doch noch ganz anders. Hier wird klar, dass es hier eben nicht um klassischen Indie-Pop/-Rock geht. Erinnerungen an The Doors und deren Alabama Song lassen sich für das geschulte Ohr nicht vermeiden. Damit beginnt die etwas verrückte Reise, auf die uns The Great Bertholinis mitnehmen. Musikalisch werden hier Einflüsse in den Klang und die Arrangements eingebracht, die auf den ersten Blick eher unvereinbar scheinen: Donovan, The Doors, The Beatles, Cake, Fat Freddy’s Drop und so viele mehr, dass ich sicher bin die Hälfte gar nicht zu kennen. Vordringlich auch der leichte Südosteuropäische Klangeinschlag, der dem Promomaterial nach in Ungarn beheimatet sein soll.

I am Can beispielsweise erinnert mich aber erstmal ziemlich stark an die Niederländer von Voicst, was an der leichten poppigen Art liegen dürfte, in der dieser Song sich breit macht. Die Bläserarrangements tun natürlich ihr Übriges dazu. Wirklich gute Laune in Musikform. Weiter gehts mit The Things I Gave, einer Nummer, die sich wieder mehr dem Südosten unseres Kontinent zuwendet. Eingeleitet wird zunächst krachig-rockig, dann kommt etwas Geflöte und dreht die Erwartungen auf den Kopf. Ich liebe so etwas. Der Song wackelt dann auch hin und her zwischen ungarischem Volksfest und Ska-inspiriertem Indie-Pop. Einfach Cool.

Puzzle with a Million Thoughts scheint dagegen John Lennon und die späten Beatles wieder aufleben zu lassen. Eine fantastische, eher ruhig angelegte Nummer, die auch wieder durch ein sehr sorgsames Arrangement und eine auf den Punkt gebrachte Produktion zu glänzen weiß. So gut, dass man sogar den Lala-Teil am Schluss ohne Abzug verzeihen kann. Why do you Trust fängt zunächst etwas desorinetiert an, fängt den Hörer dann aber doch schnell ein und zeigt in Richtung sanftem aber großartig aufgebautem Refrain. Das ist auch das schöne an The Great Bertholinis: Sie wissen auch mit leisen Tönen umzugehen und den maximalen Effekt durch eine geniale Komposition zu erzielen.

Lucky Pinto kommt wieder deutlich poppiger daher, mehr Tempo, mehr Ska-Einfluss, etwas weniger schräge Ideen aber dennoch ein fantastischer und sehr positiver Song. String Puppets and Bees wird dagegen wieder orchestraler/philharmonischer. Geradzu lautmalerisch der Einsatz der Bläser, ganz zaghaft untermalt durch Bass und rhythmisiert durch Gitarre. Sehr schön auch die chorale Unterstützung im Refrain. Ich weiß nicht genau woran es liegt, aber man fühlt sich fast schon in die 1920er Jahre zurückversetzt. Wahrscheinlich sind es die wunderbar blechernen Trompeten und der auf Grammophon getrimmte Gesang. Toll.

Resetera rockt dagegen schon fast beängstigend mit breitem Bassriff los. Kommt dann etwas braver daher, als man erwartet und vielleicht auch als man sich wünscht; es bleibt aber eine Nummer, die voll das Niveau der anderen Songs hält. Feine Arrangements, gute Instrumentierung, gutes Songwriting. Zucker Serenade ist die vielleicht beste Komposition auf dem ganzen Album. The Great Bertholinis haben hier keine Scheu davor wirklich groß zu klingen, halten sich in (gut dosiertem) Pathos genauso wenig zurück wie in der großen musikalischen Geste. Ein echter Gassenhauer, wenn man so will.

Den Abschluss bilden die ruhigen Stücke Lost the Key und Bright Days. Während Lost the Key sehr gefühlvoll mit Dynamik spielt, ist Bright Days die vollendete Fassung des schon als Intro verwendeten Themas. Auch hier wieder der starke Bezug zu Donovan und Variety Lab und das gute Gefühl, ein wirklich gutes Album gehört zu haben.

The Great Bertholinis sind musikalisch mutig unterwegs. Die acht Musiker haben offenbar eine eigene Nische gefunden und haben sich darin breit gemacht. Die Musik ist so vielseitig, das echte vergleiche wirklich schwer fallen. Akron/Family fällt mir mehr als einmal ein, weil beide Bands ähnlich breite Einflüsse in ihrer Musik verarbeiten, wenn auch Akron/Family deutlich mehr King Crimson gehört haben dürften. Das schöne ist aber, das The Great Bertholinis vor allem klanglich für sich stehen. Das kommt auch in der nahezu perfekten Produktion voll zur Geltung und kann gar nicht genug gelobt werden. Gradual Unfolding of a Consious Mind – Part 3 ist damit ein musikalisches Kleinod und ein echter Schatz. Absolut Topp!

Das Album erscheint am  22. Oktober. Da The Great Bertholinis aber bereits auf Tour sind, wollte ich hier nicht so lange warten, die Platte zu besprechen. Ich schätze live ist die Band ein echtes Erlebnis, daher auch die Empfehlung die Gelegenheit zu nutzen. Termine gibts bei Hazelwood Tourism.


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Recently Released | Herrenmagazin – Das wird alles einmal Dir gehören

Mein Verhältnis zu deutschsprachigem Rock als zerrüttet zu bezeichnen, wäre ganz eindeutig eine Untertreibung. Umso mehr konnten mich in meinem Nebenblogjob beim Popkiller die vier Jungs von Herrenmagazin überraschen. Gerade deshalb, weil sie all das tun was andere deutschsprachige Rockbands vor ihnen auch tun und mir trotzdem irgendwie gefallen.

Das wird alles einmal Dir gehören heißt das zweite Album der Band. Das erste ist an mir völlig unbemerkt vorüber gegangen, daher kann ich dazu keine Vergleiche und Einschätzungen abgeben. Was ich allerdings sagen kann ist, dass das zweite Album gut funktioniert.

Herrenmagazin klingen instrumental irgendwie nach Brit-Pop-Punk, so ein Hauch von Arctic Monkeys und was es da noch so gibt schwingt da mit. Gesanglich befinden wir uns scheinbar wieder in den achtzigern des letzten Jahrhunderts. Der Gesang ist ungeschliffen, gesanglich keine Meisterleistung, stellenweise fast schief. Nicht einmal die Stimmen klingen besonders gut. Aber Herrenmagazin machen aus ihren Zutaten Musik, die mehr ist als die Summe ihrer Teile.

Die herausragende Leistung ist insgesamt wohl die Betextung der Stücke, denn Herrenmagazin machen wahrlich intelligente Lyrics. Hier wird nicht bloß versucht eine Gesangslinie über die Musik zu quetschen. Da ist vielmehr festzustellen, dass die Musik durch die Texte hervorragend ergänzt wird. Die Texte tragen einen deutlichen Teil zum Entstehen der Stimmung der Platte bei. So etwas schaffen die wenigsten Musiker. National wie international. Umso mehr fühle ich mich mit meiner sonst so üblichen Vorverurteilung deutscher Musik etwas irritiert.

Die Produktion der Scheibe könnte um ein vielfaches besser sein, aber das braucht es gar nicht, wie mein persönliches Highlight auf der Platte Keine Angst zeigt. Hier scheint kaum produziert worden zu sein, aber das Stück ist genau so auf den Punkt gebracht, wie es sein muss. Manchmal ist weniger eben mehr.

Herrenmagazin werden nicht zu meiner Lieblingsband, das mag ich einmal vorweg nehmen. Das wird alles einmal Dir gehören wird auch nicht zu meiner Lieblingsplatte. Aber Herrenmagazin haben mir gezeigt, dass auch deutsche Rockmusik tief bewegend sein kann, ohne das sonst so übliche Pathos, das übertriebene Leiden, das aufgesetzte Cool-Sein. Herrenmagazin haben ein wunderbare Album auf den Markt gebracht, dass Hoffnung macht für die deutsche Musikszene. Musik um der Musik willen, ohne Anbiederung an GZSZ, ohne Marktstudie, ohne Simplifizierung mit Blick auf Radiotauglichkeit. Respekt!


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