Retrozension | Live – The Distance to Here

1999 legten Live mit The Distance to Here ihr viertes Album vor und mussten damit an ihren eigenen Erfolg anknüpfen, der mit Throwing Copper und insbesondere Secret Samadhi zuvor zementiert wurde. Keine einfach Aufgabe, schließlich überzeugten Live auf den beiden Vorgänger-Alben durch Alternative-Rock, der genau auf den Punkt gebracht war, der griffige Melodien bot und noch dazu sehr gut den Zeitgeist traf.

Um schon einmal ein wenig dem Fazit vorzugreifen, The Distance to Here konnte für mich nicht an die Qualität der beiden Vorgänger anknüpfen, obwohl auch dieses Album wirkliche gute Songs bietet. Das Album klingt von den ersten Tönen an im Grunde unverwechselbar nach Live. Das liegt überwiegend an der sehr eigenwilligen Stimme von Ed Kowalczyk. Ansonsten entfernen sich Live, wie ich finde leider, von ihrem Erfolgsrezept und versuchen mehr und mehr ihre Songs auszufeilen.

In der Konsequenz gibt es dadurch Tracks, die weniger auf eine Stimmung setzen, als dass versucht wird, durch hier und da noch eine Koloration den Songs mehr Tiefe zu verpassen. Das funktioniert leidlich. Vielmehr hat man den Eindruck, dass die meist guten Grundriffs durch das übertriebene Songwriting überfrachtet werden. Das betrifft nicht nur die Instrumentierung sondern auch und gerade den Gesang von Mr. Kowalczyk.  Viel zu viele Extremmanöver, wenig Griffigkeit und irgendwie das Gefühl, dass die Band selbst beim Album nicht den Flow gefunden hat tragen dazu bei, dass das Album nicht nur gute Eindrücke hinterlässt.

Auch die gibt es aber. Die meisten Songs sind im Grunde gut, bedienten auch in vielen Dingen die Bedürfnisse damaliger Live-Fans und konnten auch mich damals zumindest einige Wochen immer wieder dazu bringen, das Album zu hören. Besonders gut gefielen mir damals die Songs Where Fishes Go, Vodoo Lady und das herzerweichende Dance with You. Auch Sun, The Dolphin’s Cry und They stood up for Love würde ich hier zu den besseren Stücken der Platte zählen. Langfristig gesehen muss ich allerdings festhalten, dass das Album dann zwischenzeitlich auch mehrere Monate, wenn nicht Jahre unbeachtet zwischen anderen CDs im Regal stand oder lag. Denn insgesamt fehlt hier der Flow, der das Album als Gesamtwerk greifbar macht. Hatte man bei Secret Samadhi noch das Gefühl, alles sei aus einem Guss, scheinen Live auf The Distance To Here selbst auf der Suche nach dem Grundthema zu sein. Sie probieren sich aus, versuchen aktiv “besser” zu werden und sich technisch auszufeilen, verlieren dabei aber das große Ganze aus dem Auge.

Im Resultat ist The Distance to Here damit ein leider nur gutes Album, dass nie vollends begeistert und hinter dem knappen, aber wirkungsvollen Rock der sehr erfolgreichen Vorgängeralben zurücksteht. Retrospektiv kann man sagen, dass sich damit für die Band ein Wandel andeutet, der über die nächsten Alben unstet, aber doch unausweichlich weiter voranschritt.

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Recently Released | Akron/Family – Set ’em Wild, Set ’em Free

Wieder einmal eine musikalische Erleuchtung, die ich dem Popkiller zu verdanken habe: Die neue Platte der Band Akron/Family. Der etwas ungewöhnliche Bandname ist im Prinzip nur der Auftakt zu einem noch ungewöhnlicheren musikalischen Abenteuer. Der Albumtitel Set ’em Wild, Set ’em Free weckt Bilder einer weiten Prärie mit Büffelherden und Mustangs, und tatsächlich ordnet sich die Musik der Amerikaner (sehr dezent) dem amerikanischen Folk-Rock unter. Keine Angst, wirklich Country ist das nicht und auch Erinnerung an die ein oder andere irische Folk-Band sind glücklicherweise fehl am Platz.

Das Album hatte mich schon mit dem ersten Track völlig überzeugt. Da hatte ich zwar die anderen Songs noch gar nicht gehört, aber allein die Idee hinter Everyone is guilty war schon so überragend, dass der Rest nur gut sein konnte. Der Song startet mit sehr trickigen Percussion und geht dann in ein funkig-grooviges Riff über. Schon hier absolut grandios. Aber es kommt tatsächlich noch besser. Zunächst setzt der fast schon gospelhafte Gesang ein, geht dann aber radikal in eine Art über, die man sonst am ehesten von der Band Battle kennt. Dann eine Interlude á la Portugal. The Man und wieder zurück. So viele Einflüsse in nur einem Song so gekonnt verarbeitet kennt man sonst wirklich nicht. Mir bleibt nur helle Begeisterung.

Ganz anders darf dann der Song River daher kommen. Geradezu brav läutet er die ruhigere Phase des Albums ein, klingt dabei vor allem beim Gesang zunächst nach einer ruhig-melodiösen 50er Jahre Rock-‘n-Roll Nummer, schafft es aber bei aller scheinbarer Banalität immer mal wieder aus den bekannten Muster auszubrechen. Wirklich schön.
Ähnlich zurückhaltend geht es bei Creautures zu. Die Nummer klingt mehr nach Elecronica denn nach Folk oder Rock, atmet aber eindeutig Rockatmosphäre. Ein sehr chilliges Stück, das ein wenig nach Jazz klingt und wundervoll gesungen ist.

The Alps & their Orange Evergreen ist dann die erste Nummer, die man aufrichtiger Weise als Folk bezeichnen darf. Sehr gut vergleichbar mit Matt Costa, entspannt und nachdenklich zugleich, dazu ein schickes Picking auf der Gitarre. So kann man es sich gut gehen lassen. Auch Set ’em Free ist eindeutig eine Folknummer. Hierzu gibt es auch auf YouTube ein Video, aber sehenswert ist das nicht unbedingt, dafür überzeugt der Song an sich durch Country-Atmosphäre im erträglichen Maß, ein gutes Picking und einer bestechend einfachen, aber gehaltvollen Melodie.

Gravelly Mountains of the Moon entzieht sich auf wundervolle Weise jeder Genre-Einordnung. Hier kommt wieder mehr die künstlerische Ader der Band durch. Die Eröffnung macht wildes Querflötengezwitscher. Erst sehr langsam bekommt der Song Struktur, wird zunächst um Gitarre und Bläser ergänzt um dann mit einer nicht wirklich in der Tonleiter liegenden Melodie ergänzt zu werden. Das ist schräg, zugegeben für sich genommen nicht wirklich überzeugend, und kann sicher den ein oder anderen davon überzeugen, dass die Band scheiße ist. Ist aber falsch. Denn die Nummer funktioniert innerhalb des Albums sehr gut. Vor allem nachdem sie letztlich in die wohl wildeste Gitarrenorgie übergeht, die ich in den letzten Jahren gehört habe. Dazu klingt die Band hier so wunderbar direkt und ehrlich nach Rock, dass man einfach nur dahinknien möchte. Das ist Psychedelic Rock in Reinkultur.

Many Ghosts ist dann wieder mehr Song. Bietet wieder etwas gemächlichere Klänge und vor allem eine Melodie. Dazu schicke glockenhafte Klänge im Hintergrund und einen schön schrägen Refrain. Danach MBF das wieder mehr nach Proberaum zu, Verstärker auf laut und dann losgeschrammelt klingt. Ist zwar letztlich kaum mehr als eine Noise-Attacke, macht aber im Zusammenhang doch Spaß und hat seine Berechtigung auf dem Album. Das meine ich ernst.

Dann mein zweiter erster Favorit, They will Appear. Das Stück beginnt in einer Atmosphäre, die mich unglaublich an Fuzzmans Liabale erinnert. Wir erinnern uns kurz: Liabale ist ein Stück, das nach Österreichischer Volksmusik klingt. Doch auch hier schon die ersten Klanglichen Andeutungen in Richtung Mike Watt, der sich gegen Ende sozusagen auch klanglich durchsetzt. Einfach ein klasse Song.

Die beiden letzten Stücke The Sun will Shine und Last Year beruhigen das Album wieder spürbar bilden einen angemessenen Abschluss nach einer wirklichen Achterbahnfahrt. Schön vor allem das musikalische Zitat von “Nehmt Abschied, Brüder” am Ende von The Sun will Shine, sei es Absicht oder nicht. Es ist da.

Set ’em Wild, Set ’em Free ist wagemutig, verrückt, anders aber auch durchweg gut. Hier gibt es wirklich keine Schwachpunkte und auch wenn hier die Grenzen dessen, was landläufig noch als Musik bezeichnet wird, häufig weit überdehnt werden – das kann man natürlich auch gerne als Vorteil auslegen – ist das Album mit Sicherheit einer der Knaller des Jahre. Am ehesten lässt sich das Gesamtkunstwerk wohl mit Mugisons Mugiboogie gleichsetzten. Oft verwegen aber immer wieder auch einfach gute simple und ruhige Nummern und insgesamt ein Act, der die Grenzen der Musik wieder etwas ausbaut. Kurzum: Saugeil!

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