Retrozension | Pearl Jam – Yield

Pearl Jam - YieldWieder einmal ist es an der Zeit uns den Dinosauriern des Grunge zu widmen. Nach dem vielleicht nicht so gut angekommenen Vorgänger No Code schickten sich die fünf gesellen aus Seattle an, ein wenig aus der Versenkung aufzuerstehen und brachten 1998 mit Yield ihr fünftes Studioalbum heraus. Wie schon die beiden Vorgänger erschien auch dieses Pearl Jam Album im schicken Digipack, eine Marotte, die sich mittlerweile voll etabliert hat.

Mit Yield schafften Pearl Jam nicht nur einen Bruch in ihrem Umgang mit den Medien und Musiksendern, sondern packten auch eine lange nicht gekannte Spielfreude in die Songs. Fast könnte man von Pearl Jam Reloaded sprechen. Schon der Opener Brain of J offenbahrt die Rückkehr der Band zum echten Alternativschrammelrock. Das schöne daran ist, dass man nicht mehr Wut, Enttäuschung und Depression in dem Song erkennt, sondern einen klaren Hang zu Hoffnung und Freude. Das soll jetzt natürlich nicht heißen, dass PJ anfangen Pop-Musik zu produzieren. Dennoch erfreute es mich damals ungemein bei der Band eine Art Neuanfang wahrzunehmen. Auch das nachfolgende Faithful bietet ebendiese Grundstimmung und weiß dadurch auf ganzer Linie zu überzeugen.

No Way zeigt, dass die Band auch soundtechnisch zu Experimenten bereit ist. Heraus gekommen ist ein kraftvoll zurückhaltender Song, der einen zum Mitwippen animiert und dabei tierisch Spaß macht. Given to Fly ist dann ein wenig nachdenklicher gestimmt. Passend zum Text weckt der Song bei mir irgendwie immer Gedanken an einen weiten Himmel. Keine Ahnung warum dass so ist, spricht aber für die Band. Dieser Song wurde als Single ausgekoppelt und, was deutlich erwähnenswerter ist, wurde mit einem Musikvideo geehrt.

Wishlist, ebenfalls eine Single des Albums, ist dann ein sehr zurückhaltender, ruhiger Song mit einem wunderbar nachdenklichen Text, im Grunde einer sehr romantischen Liebeserklärung. Pilate ist dann die erste Überraschung auf dem Album. Ein total zurückgenommener Strophenteil wird durch einen sehr rockigen Refrain abgelöst, der insbesondere Klangmäßig sehr spannend ist. Irgendwie klingt das ganze zunächst ungewohnt und fremd, irgendwie abgehackt. Inzwischen mag ich den Song aber sehr.

Do the Evolution ist ohne Frage das Highlight auf dem Album. Einen dermaßen rockigen Song habe ich bisher nur selten gehört. Irgendwie geht es ganz klar vorwärts und reißt einen mit. Nicht unerwähnt bleiben darf hier das zugehörige Video, dass im Stil ein wenig an Szenen aus Pink Floyds The Wall erinnert, dabei aber eine ganz eigene, zum Songtext passende Message transportiert. Für mich gehört dieser Song zu den Top Ten Songs der 90er Jahre. Red Dot, der nächste Track auf dem Album ist kein Song, irgendwie. Mehr so eine Art musikalisches Fragment. Macht aber nix, danach gehts ja weiter.

MFC gehört für mich zu den Songs mit dem schönsten Textanfang. Da heißt es “Sliding, out of Revers into Drive, this wheel will be turning right, off in the sunset she’ll ride“. Mit so wenigen Worten wird hier eine komplette Szene aufgebaut. Mag jetzt nicht so spektakulär zu lesen sein. Ich aber kniee nieder vor der Genialität dieser Zeile. Der Song ist übrigens auch stark, nebenbei bemerkt. Low Light passt dann eher in die Kategorie Pearl Jam auf No Code. Im Dreivierteltakt mit vielleicht etwas zu bemühter Zweistimmigkeit entfaltet sich ein ruhiger, entspannter Song mit viel Orgelklang und einigen taktlichen Raffinessen.

In Hiding ist dann wieder von mehr Freude durchsetzt. Und das obwohl der Song exakt das verarbeitet, was Pearl Jam jahrelang ausgemacht hatte. Das Zurückziehen, nicht vor die Tür gehen wollen (sinnbildlich gesprochen) und die Angst vor dem was die Welt von einem erwartet. Irgendwie merkt man aber auch den erfolgten Befreiungsschlag und das tut gut. Push me, Pull me ist ein ganz besonderer Song. Taktwechsel, eine teils undurchdringbare Soundzusammensetzung sowie eine Türklingel machen dieses musikalische Experiment zu dem bisher besten von Pearl Jam. Das das ganze dabei noch als Song zu erkennen ist tut dem ganzen dabei keinen Abbruch.

Schon sind wir wieder am Ende eines Albums angekommen. Mit All those Yesterdays nehmen Pearl Jam für dieses mal Abschied und das auf wirklich gute Weise. Auch wieder eher in bekannter Manier mit ruhigen Klängen und einem eindringlichen aber simplen Gitarrenriff. Der Song steigert sich dann aber und entfaltet sich immer mehr. Die einzigartig gute Stimme Eddie Vedders rundet das Paket ab. Ein gutes Ende.

Yield kann als musikalischer Befreiungsschlag gesehen werden. Die Band hatte es endlich geschafft sich mit ihrer Rolle in der Rockmusik anzufreunden und dabei eine Zufriedenheit erlangt, die sich in den Songs geradezu fassen lässt. Das tut dem Album sehr gut und freute mich damals als Fan ganz besonders, weil das Damoklesschwert des baldigen Ende der Band mit Yield endlich abgeschafft schien. Bis heute scheint das ja auch so geblieben zu sein.


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Retrozension | Fun lovin’ Criminals – Come find Yourself

Fun Lovin' Criminals - Come find YourselfManchmal, aber nur manchmal soll Musik einfach nur Spaß machen. Ich denke da mir Garantie nicht an so Dinge die man auf Malle als Musik bezeichnet und auch die akustischen Extremausfälle, die manche Menschen sich beim Après-Ski so antun sind nicht, an was ich gerade denke.

Vielmehr habe ich gerade, und das ganz wortwörtlich, die Musik der Fun Lovin’ Criminals im Kopf. Ganz speziell das Album Come Find Yourself aus dem Jahr 1996. Das Erstlingswerk der Band aus NYC macht nämlich einfach tierisch Spaß und lässt sich nicht nur als Musik bezeichnen, man kann sogar mit Fug und Recht behaupten, dass es sich dabei um ausgezeichnet gute Musik handelt.

Der Musikstil lässt sich als Alternative Rock, bzw. Alternative Hip-Hop klassifizieren. Dabei entfalten die Jungs einen Charme, der einen mitnimmt und extrem aufheitern kann. Der Opener Fun Lovin’ Criminals folgt der Tradition vieler Hip-Hop Alben (so zumindest mein Klischee davon) zunächst einmal die Band zu “introducen”. Macht aber nix, außer Spaß. Reiner Hip-Hop ist ziemlich was ganz anderes. Ich würde hier eher eine Melange aus Rock mit leichten jazzig-loungigen Einflüssen unterstellen. Passive-aggressive folgt diesem Stil, wie überhaupt so ziemlich das ganze Album und eignet sich so fast zur Tiefenentspannung. Hier bricht lediglich der Refrain mit krass-verzerrten Gitarrensounds ein wenig aus dem Schema.

Scooby Snacks gehört dann wohl zu DEN Kultsongs der Band. Angereichert mit zahlreichen Originalton-Zitaten aus Quentin Tarantinos Meisterwerken Pulp Fiction und Reservoir Dogs. Dazu ein ziemlich cooler Bassriff und ganz Tarantino typischen Gitarrensounds ist der Song zu Recht gut bekannt und kann durchaus auch ein Albumhighlight genannt werden. Smoke ‘em zeigt sich dann wieder ganz entspannt. So lässige Bassriffs kennt man ziemlich wenige. Wirklich toll. Dazu die sehr relaxte und voluminöse Stimme von Hugh “Huey” Morgan. Das passt einfach vorne und hinten.

Bombin’ the L erinnert mich dann ein bißchen an die Beastie Boys, aber eigentlich nur vom Gitarrenriff. Wirklich begründen kann ich es nicht. Die Nummer ist auf jeden Fall eine der hektischeren auf dem Album. Soll aber keine Kritik sein. Nach der Hektik muss dann natürlich wieder eine Nummer wie I can’t get with That kommen. So sanft …….. .

So gehts dann im Grunde auch weiter. Mal ein bißchen schneller, mal wieder hundertprozentig relaxt, aber immer mit Klasse und dem nötigen Funk. Besonders hervorheben möchte ich da noch das Louis Armstrong Cover des James Bond Soundtrack-Songs We have all the time in the World. Wenn man schon versucht Louis Armstrong zu covern, dann kann das fast nur so funktionieren. Wirklich gut. Auch Methadonia sollte als Highlight nicht unerwähnt bleiben. Könnte übrigens fast von Barry White sein, aber nur fast. Außerdem I can’t get with That in der Schmoove Version. Mein perönlicher Favorit auf dem Album.

Die Fun Lovin’ Criminals gehören zu den erstaunlichen Musikern, denen es gelingt den Spaß den SIe beim musizieren haben zu 95% direkt an die Hörer weiterzugeben. Zwischen all dem eher schwermütigen Zeug, dass ich sonst so höre muss ich den FLC wohl das Etikett “Ausnahme” deutlich anheften. Ich freu mich aber, dass mir die Musik empfohlen wurde. Come Find Yourself ist eine wirkliche Erweiterung meiner Musiksammlung und wird immer wieder mal ausgiebigst gehört.


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Retrozension | Silverchair – Freak Show

Silverchair - Freak ShowIm Jahre 1997, also zwei Jahre nach dem Erfolgsdebut Frogstomp, legten Silverchair das zweite Album unter dem Titel Freak Show vor. Ganze dreizehn neue Titel beherbergt das Album und wer die CD in den heimischen PC/Mac einlegt kommt außerdem in den Genuss von Bonuskontent, den man aber nicht wirklich unbedingt braucht.

Insgesamt zeigen sich die drei Australier auch auf Freak Show wieder extrem rockig. Die Parallelen zu Nirvana, die in der Presse ja immer wieder betont wurden, lassen sich nicht vollständig leugnen. Allerdings muss man Silverchair auch zugestehen, einen deutlich eigenständigen Sound gegenüber den Grungegöttern aus Seattle ausgeprägt zu haben.

Hier wird klanglich deutlich dichter gerockt als Nirvana das jemals getan hatten. Dafür lassen sich hier und da klangliche Anlehnungen an den Sound von Alice in Chains ausmachen.  Der Opener Slave und das darauf folgende Freak rocken entsprechend eindeutig und machen ohne Zweifel Spaß beim Hören. Doch schon Abuse Me geht einen erkennbar ruhigeren Weg und weißt die Richtung für viele Songs des Albums. Frontmann Daniel Johns versucht sich im Songwriting ganz klar am eher deprimiert klingenden Grunge und schafft dies auch ganz ordentlich, ohne aber wirkliche Klassiker aus der Feder zaubern zu können.

Lie to Me bringt dann eher wieder die Stärken der Band hervor. In dem gerade einmal 1:22 Minuten “langen” Stück mit knapp zwei Textzeilen brilliert die Band im Grunde im Kompaktformat. Wer hier keine Nirvanaeinflüsse hören kann, der kennt Nirvanas Hidden Tracks nicht. No Association erinnert dann ganz enorm an Milk It von Nirvanas In Utero. Hat aber durchaus eine eigenständige Existenzberechtigung – soll heißen, nicht alles was einen an bereits gehörtes erinnert stinkt.

Die weiteren Songs wie Cemetery, Petrol & Chlorine, Pop Song for us Rejects und der Rest spielen im Grunde genau in diesem Spannungsfeld des Grunge. Das macht Freak Show zu einem durchweg guten Album, das allerdings auch eine große Schwäche hat: keiner der Songs ist wirklich so gut, dass er sich bei mir zu den Lieblingssongs hätte einreihen können. Klanglich erkennt man das meiste wieder, die Songstrukturen haben andere Bands bereits auschöpfend behandelt und Innovationslust kann man Silverchair von vorne bis hinten leider nicht vorwerfen. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich den Kauf des Albums jemals bereut hätte, prägend für den Grunge waren Silverchair aber eben mangels genau dieser Kreativität auch nie wirklich. Insofern gibts nur eine mittelmäßige Bewertung. Gefreut, das Album mal wieder gehört zu haben, habe ich mich aber dennoch. Und wers eh im heimischen CD Regal stehen hat, der kann ja auch mal wieder reinlauschen. Zum mitgehen ist es allemal gut.


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Retrozension | King’s X – Dogman

King's X - DogmanDie heutige Retrozension widmet sich einer Band, die vermutlich vielen gar nicht bekannt ist. King’s X heißt das Dreiergespann aus Houston, Texas das mir zuallererst mit dem Album Dogman über den Weg lief. Das Album stammt aus dem Jahr 1994 und ist zu diesem Zeitpunkt bereits das fünfte Album der Band. Die Musik lässt sich im Grunde nur schwer schubladisieren. Gespielt wird wirklich guter Rock mit alternative-grunge Einschlag, Funk-Einflüssen, Gospel und Blues-Charme aber eben auch mit Classic Rock und Metal Präzision.

Der Opener Dogman rockt wie der Teufel und sogleich bemerkt man, dass King’s X wie nur wenige andere Bands einen ganz eigenen Sound entwickelt haben. Hervorstechenstes Merkmal ist dabei wohl der verzerrte Bass-Sound und die Tatsache, das dem Bass insgesamt eine ungewohnt zentrale Rolle zukommt. Bassist ist in diesem Fall übrigens der Sänger und Frontmann Doug Pinnick. Der überzeugt neben seinen Bass-Fähigkeiten auch durch eine wunderbar ausgewogene Gesangsstimme.

Shoes steigt mit mehrstimmigem Gesang hinterher und zeigt deutlich die Songwriting Qualitäten der Band. Hier geht es etwas gelassener zu als noch beim Opener. Der Song weiß in jedem Fall zu überzeugen. Auch das darauffolgende Pretend ist klanglich sehr ausgewogen und zeigt insbesondere in der Melodie seine Stärken. Was auffällt, ist die unglaublich klare Produktion der Songs. Flies and Black Skies klingt dahingegen fast schon gospelhaft, etwas bedrückter und wartet dabei sogar mit Background-Gesang auf. Besonders schön ist auch das Gitarrenspiel von Ty Tabor, der hier ganz besonders viel Raum für seine Solofähigkeiten bekommt, sich ansonsten aber auch zurückzuhalten weiß.

Black the Sky springt dann wieder zurück auf die rockigere Schiene der Band und kommt mit einer sehr funkigen Grundlinie daher. Dazu die wirklich grandios entspannte und doch spannende Stimme von Doug Pinnick. Der Refrain ganz klar und eindeutig im Grunge-Stil mit ein wenig klanglichen Anleihen bei Alice in Chains. Wirklich klasse. Im Solopart scheinen dann die Chili Peppers zugegen zu sein. Die Mischung ist dennoch einzigartig und man hat nie das Gefühl, dass hier lediglich abgekupfert wurde. Fool You bleibt im eher gospeligen-poppigen Bereich zumindets im Strophenteil. Der Refrain rockt auch hier enorm und dicht. Hier kann auch der Gesang wieder voll überzeugen.

Don’t Care rockt dann wieder eindeutiger als die Vorgängersongs. Fällt dafür im Refrain auf die Gospelelemente zurück. Ich muss aber dazusagen, dass es nicht klingt wie Sister Act, also keine Berührungsängste bitte! Mit Sunshine Rain folgt dann einer meiner früher Favoriten aus dem Album. Vom Arrangement her fast ein bißchen zu aufgeräumt, aber mit einer unglaublichen Dynamik und klanglichen Spannweite versehen, dass es einen einfach berühren muss. Auch wenn die Mehrstimmigkeit gelegentlich ein bißchen an die Münchner Freiheit erinnert.

Complain gehört dann wieder in die Kategorie “grundehrliche Rocknummer”. Zum Entfrusten absolut geeigent. Auch Human Behaviour reiht sich in diese Kategorie ein und verführt auf Konzerten ganz ungemein zum Mitgrölen. Kopfschütteln nicht ausgeschlossen. Cigarettes ist dann wieder ein ganz klares Highlight des Albums. Ungewöhnlich bedrückt aber auch ehrlich spielt die Band in diesem Song ihre stärken aus und schafft dabei ein balladeskes Element auf dem Album, dass mehr ist als nur ein willkommener Ruhepol. Um zum Konzertbild zurück zu kehren: Feuerzeuge raus, mitwippen und dazu mitsingen soweit die Stimme trägt, was bei dem gewaltigen Stimmumfang von Pinnick zugegeben nicht ganz einfach ist.

Go to Hell kann man kaum als mehr bezeichnen als als eine Prelude zu dem darauffolgenden Pillow, andererseits besteht da aber auch kein wirklicher Zusammenhang. Deshalb gleich weiter zum quasi letzten Stück des Albums. Auch hier geht es eher wieder etwas ruhiger zu. Die Stimmung von Cigarettes wird teilweise aufgegriffen und darau ein klassischer Rausschmeisser gestrickt, der an der einen oder anderen Ecke überrascht, ansonsten aber wunderbar vertraut klingt. Pillow ist deshalb nur quasi letzter Song, weil die Band sozusagen als Bonus noch eine wirklich spaßige live  Coverversion von Jimmi HendrixManic Depression hinterherschiebt. Hatte sich Jimmi Hendrix in seiner Interpretation doch ganz klar eher dem depressiven Teil einer manischen Depression gewidmet, zeigen King’s X uns ganz klar die Bedeutung von Manie. Man merkt auch nebenbei das unglaubliche Livepotenzial der Band, die ich im übrigen häufiger live gesheen habe als jede andere Band aus meiner Musiksammlung. Ich kann nur sagen jeder Besuch hat sich gelohnt. Falls ihr die Gelegenheit haben solltet, geht hin.

Im Fazit zeichnet sich im Grunde ganz klar eine Topwertung ab. King’s X gehört wohl zu den am meisten verkannten Talenten der Rockszene, was einerseits sehr traurig ist, andererseits aber auch den gewaltigen Vorteil hat, dass man sie an den besseren weil kleineren Locations live zu sehen bekommt. Solltet ihr Dogman nicht kennen, dann hört mal rein und gebt der Band eine Chance. Ihr werdet es höchstwahrscheinlich nicht bereuen.


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Retrozension | Alice in Chains – Alice in Chains

Alice in Chains - Alice in ChainsIrgendwie kam ich dank der Foo Fighters und dank der Erinnerungen an Nirvana mal wieder auf die Idee Alice in Chains in meine Gehörgänge zu lassen. Die Band um den mittlerweile verstorbenen Lane Staley gehörte irgendwie ja doch immer zu den großen/Größen des Grunge. Für mich spielte sie aber immer ein Schattendasein hinter Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden. Dennoch hat es das selbstbetitelte Album Alice in Chains mit dem traurig schauenden dreibeinigen Hund doch geschafft, bis zu mir vorzudringen.

Um es vorwegzunehmen: Alice in Chains (also die Band) sind sehr gewöhnungsbedürftig. Klanglich fällt es mir immer wieder schwer, sie wirklich dem Grunge zuzuordnen, da die Band sehr viele Soundanleihen dem Metal entnommen hat. Dazu ist die Stimme von Staley sehr nasal und damit ebenso gewöhnungsbedürftig wie etwa die von Billy Corgan (Smashing Pumpkins). Wer aber über all das zunächst einmal hinwegsehen kann, bekommt ein sehr spannendes und hochinteressantes Album zu Hören.

Grind als Opener ist bereits sehr harter Tobak. Da stampfen Gitarre, Bass und Schlagzeug bulldozerhaft alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Auch Brush Away hält einen sehr düsteren Sound mit viel wummerndem Bass. Sludge Factory kann da ohne weiteres mithalten: hier kommt noch ein sehr jammerhafter Backgroundgesang dazu. Dann dauert das gute Stück auch gleich ganze 7:12 Minuten. Spätestens hier wird klar, dass das Album bei weitem keine leichte Kost ist. Dennoch lohnt sich das durchhalten. In den prall gefüllten Klangwelten lassen sich Dinge entdecken, die einem klar machen, warum Alice in Chains doch mit den großen Kindern spielen durften.

Zwischendurch gibts dann auch mal einfacher gestrickte Songs, sozusagen zur Entspannung dazu. Heavens Beside You ist so ein Kandidat eines wirklich guten wirklichen Grunge Songs. Und von der Sorte gibts noch mehr: zum Beispiel Shame in You, Nothin’ Song, das sehr düstere Frogs und das finale Over Now. Hier zeigen die Jungs Qualitäten jenseits des brettharten Rocks und die sind vielfältig.

Ein wenig hervorheben möchte ich noch den Song God Am, der für mich der Grundstein in den Atheismus gelegt hat. Das mich Lyrics gedanklich beeinflussen gab es vorher schon gelegentlich und auch danach wieder, aber kein Song hat jemals so profund mit so wenig Worten mein Weltbild verändert. Ich spiele hier auf die Refrainzeile “Can I be as my god am” an. Wörtlich übersetzt lautet das in etwa: “Kann ich so sein wie mein Gott bin?”. Ums mal ganz knapp zu sagen ist das die Kernaussage der Projektionstheorie Ludwig Feuerbachs, mit der sich – wie ich meine –  jeder mal näher beschäftigen sollte, in einen Satz. Mehr will ich dazu dann auch gar nicht sagen. Mich hat der Song aber tiefgreifend beeinflusst.

Im Fazit muss ich sagen, dass Alice in Chains kein Album für jedermann ist. Dafür sind die Klangwelten die hier aufgebaut werden einfach zu vielschichtig, schwer begreifbar und auf den ersten “Blick” zu unattraktiv. Aber wer sich mit dem Album beschäftigt entdeckt sicher eines der Highlights der Grungebewegung. Wers noch nicht kennt sollte es einfach mal ausprobieren.


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Retrozension | Foo Fighters – In Your Honor

Foo Fighters - In Your Honor Lange Zeit hatte die Band um Dave Grohl bei mir einen schweren Start. Das änderte sich erst 2005 mit Erscheinen des Doppel-Longplayers In Your Honor. Dafür war der Einstieg in die Diskographie dann umso rasanter; innerhalb weniger Monate konnte ich so sämtliche Alben nach und nach in meine Sammlung aufnehmen.

Kommen wir aber zunächst einmal auf In Your Honor zu sprechen. Verpackt im schönen Digipack, besteht das Album musikalisch aus zwei Teilen mit jeweils exakt 10 Songs. Das raffinierte daran ist, dass der erste Albumteil knallhart rockt, während der zweite eher melancholische, akustisch arrangierte Liederchen enthält. Zudem befindet sich auf den Rückseiten der CDs (ja, auch eine CD hat eine Rückseite) jeweils eine DVD-Schicht, die auf  Disc Eins eine kleine Making-of Dokumentation zum Entstehen des Albums enthält und auf Disc Zwei einen 5.1 Surround-Mix des gesamten Albums, abspielbar zum Beispiel auf dem heimischen Computer. Wer sich jetzt wundert, dass die eigene Version des Albums nicht so umfangreich ausgestattet ist, der hätte ebenso wie ich im CD-Handel auf die teurere Limited Edition optionieren müssen. Ob sich so etwas lohnt ist Geschmackssache, ich denke aber schon.

One

Anders als etwa die Smashing Pumpkins auf Mellon Collie and the Infinite Sadness haben die Foo Fighters sich erspart, eigene Titel für die zwei Silberlinge zu suchen. So heißt Disc Eins schlicht und ergreifend One, wie die zweite Scheibe heißt, verrate ich später. Musikalisch steigen die Foos gleich voll ein. Der Opener In Your Honor ist sowas von ehrlichem, uramerikanischem Alternative Rock, dass man den Song eigentlich nur lieben kann. Wer die Foos schon vorher kannte wird insgesamt eher wenig überrascht gewesen sein. Für mich öffnete sich damals aber eine neue Welt da, wie ich eingangs schon erwähnte, dies meine erste ernsthafte Begegnung mit den Foos war. Die Musik ist so unglaublich reif, so erwachsen und doch unverfälscht, dass ich mich ernsthaft frage, wie ich so ein Phänomen so lange nicht für mich entdecken konnte. No Way Back macht da keinen Unterschied. Dave Grohl spielt sein Gesangstalent voll aus und reißt einfach mit. Wer da mithören kann ohne den Takt wenigstens zu klopfen ist musikalisch vermutlich tot.

Best of You ist dann die erste Single aus In Your Honor und war für mich mit der Grund die 17 oder 20 Euro in die CD zu investieren. Das Video dazu ist zwar nach meinem Befinden reichlich einfallsfrei inszeniert, hat aber seinen Zweck was mich betrifft wie man sieht völlig erfüllt. Weiter rockts ohne Pause und ohne wesentliche Tempovariation durch DOA, Hell und The Last Song, der eigentlich wirklich an ein Albumende gehört hätte und zwar nicht nur aus textlichen Gründen. Free Me macht aber schnell klar, dass das Ende des Rock noch lange nicht gekommen ist und so bretzeln die Foos noch ein bißchen weiter.

Resolve ist meines Wissens die zweite Singleauskopplung des Doppelalbums gewesen und gefällt mir persönlich besser als Best of You, aber im Grunde haben Singles ja auch glücklicherweise nichts bis nicht viel über die Qualität von Alben zu sagen. Zwischen den beiden Singles lassen sich auch hier acht hervorragende Rocksongs entdecken, die den beiden Singles in nichts nachstehen. Der ruhigste Song auf One ist dann The Deepest Blues are Black. Eine kleine Pause kann aber ja auch wirklich nicht schaden. Den Abschluss von One macht dann End Over End, ein Song der ebensogut wie The Last Song als Plattenabschluss funktioniert. Hier kann man der Band höchstens vorwerfen, sich nicht zwischen den Nummern entschieden zu haben und zwei “Rausschmeisser” auf eine CD gepackt zu haben.

Two

Der pfiffige Leser hat es sich wahrscheinlich schon denken können. Die Zweite Disc trägt analog zur Bennenung der ersten den schlichten Namen Two. Still leitet die Scheibe mit sphärischen Klängen ein. Dazu spielt ein recht simples aber völlig ausreichendes Gitarrenriff bis Dave Grohl mit sanfter Stimme einsetzt. Schnell wird klar: hier ist träumen erlaubt. In ruhigem Tempo wird der Melodie Raum gegeben, sich zu entfalten. Die Band experimentiert mit anderen Elementen als auf One und scheint sich dabei nicht im Mindesten unwohl zu fühlen. What if I do? steigt dann direkt hitverdächtig hinterher. Eine unglaublich anschmiegsame Melodie in Verbindung mit einem direkt eingängigen aber nicht nervig naivem Refrain, das ist Songwriting wie man es nicht jeden Tag zu hören bekommt.

In die selbe Kategorie passt Miracle. Hier stimmt einfach alles: Melodie, Instrumentierung, Stimmung. Led Zeppelin-Legende John Paul Johnes ist hier übrigens am Piano zu hören. Danach darf er dann noch für Another Round in die Mandolinensaiten greifen. Das Tempo bleibt verhalten, die Grundstimmung eher nachdenklich aber nicht depressiv; schön und ergreifend. Friend of a Friend ist das am simpelsten arrangierte und produzierte Stück: nur Dave mit viel Hall in der Stimme und einer Akustikgitarre in den Händen. Textlich lassen sich hier ohne Zweifel Geschichten zu Kurt Cobain erkennen. Das hat einen guten Grund, denn der Song ist nach Aussage von Dave Grohl der erste Song den er überhaupt jemals geschrieben hat – und zwar noch zu Nirvana-Zeiten.

Over and Out wirkt dahingegen wieder wie ein musikalischer Qunatensprung. Extrem klare Gitarrenklänge und diese Stimme … ich bin begeistert. On the Mend schließt sich da insgesamt perfekt an und lässt einen gerade weiter in seinen Gedanken schwelgen. Virginia Moon, aufgenommen mit Norah Jones, die sowohl Pianoklänge als auch Gesang beisteuert, gehört der Song für mich zu den Perlen des gesamten Albums. Gitarre spielt hier übrigens niemand aus der Band sondern Joe Beebe, der mir dennoch völlig unbekannt ist.

Cold Day in the Sun wirkt dann fast ein bißchen unpassend auf Two. Im Grunde handelt es sich dabei um einen ganz eindeutig rockigen Song. Singen darf hier Drummer Taylor Hawkins. Der Song ist gut, aber passt nicht 100%-ig ins Konzept. Einen Tiefpunkt möchte ich das aber ausdrücklich nicht nennen. Razor ist dann der sehr spannende Abschluss des zweiten Albumsteils. Josh Homme von QOTSA darf die Gitarre bedienen, Dave singt gedankenverloren auf grandios schöne Weise das sehr ergreifende Liedchen.

Ich habe mittlerweile mehrfach in Foren und Bewertungen gelesen, dass In Your Honor nicht zu den stärksten Momenten der Foos zählen soll. Wie man zu einem solchen Schluss kommen kann, erschließt sich mir auch heute, nachdem ich alle Albend der Band kenne, nicht. Für mich zählt das Album zu den klaren Highlights der 2000er und ich bin froh, die Foos dann doch noch für mich entdeckt zu haben. Auch wenn es ketzerisch klingen mag: Ich bin mir sicher, dass Kurt Cobain keine besseren Songs hätte schreiben können, würde er noch leben.


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