Retrozension | Green Day – Insomniac

Green Day - Insomniac

Nachdem ich mit Blind Melon bereits einen Schritt in die musikalische Vergangenheit unternommen habe, sind heute mal wieder Green Day dran. Das Green Day bei mir einen dicken Stein im Brett haben, dürften regelmäßige Leser bereits mitbekommen haben.

Nach dem Smash-Erfolg des 94er-Albums Dookie veröffentlichten die Drei sehr zu meiner Freude bereits kurze Zeit später das Nachfolgealbum Insomniac. Das Ergebnis war ein Album, das sich zwar ziemlich gut verkaufte, in der breiten Öffentlichkeit im Gegensatz zu Dookie aber fast gar nicht wahrgenommen wurde.

Dabei enthält Insomniac durchaus Nummern, die auch ohne Probleme auf Dookie hätten Platz finden können. Vielleicht liegt aber auch genau darin das Problem. Die Produktion von Insomniac weißt keine nennenswerten Entwicklungen gegenüber dem Vorgängeralbum auf. Ich vermute, dass hier ganz klar strategische Entscheidungen der Plattenfirma dahinter standen, die nicht davon ausgegangen ist, dass die Punkwelle sich sehr lange halten würde. Die Konsequenz hieß also, möglichst schnell möglichst viel auf dem Markt unterbringen und hoffen, dass es keiner merkt. Dennoch sollte man deswegen nicht urteilen, dass Insomniac nicht gut sei.

Einige Songs sind durchaus echte Green Day Hits geworden. Für mich gehören zu den Highlights die Songs Bab’s Uvula Who?, 86, der insbesondere durch einen überraschend ernsten Text auffällt – die Band behandelt hier den Vorwurf, den Punk verraten zu haben – , Brain Stew/Jaded (2 Songs, die einfach unzertrennlich zusammen gehören) sowie der letzte Song der Platte Walking Contradiction. Allerdings fehlen so klare Hitnummern wie es Basket Case und When I come Around auf Dookie waren. Das ist aber an sich natürlich kein Qualitätsurteil.

Ich denke was auch dafür gesorgt hat, dass die Platte weniger erfolgreich war, ist die Tatsache, dass sich der Green Day Sound wieder etwas vom mainstreamigen Punk wegbewegt hatte und stattdessen (wieder) in Richtung härterer Rockmusik ging. Das zeigt sich insbesondere am ebenfalls sehr guten Panic Song.

Alles in allem halte ich Insomniac für einen würdigen Dookie-Nachfolger, der es aber letztendlich nicht schafft, den Vorgänger zu übertrumpfen. Ich kann nur sagen, dass ich vermutlich beide Alben gleich häufig höre. Insomniac ist ein gutes Album, dass es auch heute noch wert ist, das ein oder andere Mal aus den Lautsprechern zu ertönen. Die Green Day-Magie wirkt auf jeden Fall.

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Retrozension | Blind Melon – Soup

Blind Melon - Soup

Es wird mal wieder Zeit in der musikalischen Vergangenheit zu stöbern. Heute mit Blind Melon und dem Album Soup. Außer, dass Soup eines der genialsten Cover der Rockgeschichte hat, findet sich auf dem Longplayer auch ein ganzer Haufen wirkich raffinierter Musik.

Die Karriere der Band hatte im Grunde genommen noch gar nicht angefangen, da war auch schon wieder alles vorbei. Auf der Tour zum 1995er Album Soup starb Sänger Shannon Hoon im Schlaf an einer Überdosis. Bis zum Tod des Sängers kamen so nur zwei Studioalben zustande. Das Debutalbum Blind Melon wurde übrigens durch Pearl Jam mit dem Titel Bee Girl geehrt. Wer das Cover sieht, versteht den Titel.

Aber schauen wir dch einmal ins Album herein. Soup ist vor allem eines: anders. Zumindest wenn man versucht, sich in die 90er Jahre zurückzuversetzen. Blind Melon fallen durch ungewöhnliche Songs, ungewöhnliche Riffs und einen verdammt hohen Gesang auf. Wer zu Soup mitsingen kann ohne dabei Halsweh zu bekommen hat meinen vollen Respekt.

Der Song Galaxie stellt das Intro zum Album. Rockmusik lässt sich hier zunächst noch nicht erkennen. Bläser geleiten den Gesang sinnbildlich zum Begräbnis. Klingt alles ein bißchen nach langsamem New Orleans-Begräbnis – und ist noch verhältnismäßig in humanen Tonlagen unterwegs. Der Song steigt dann aber unvermittelt ins Rockgenre ein. Mit einem irgendwie recht leichtfüßigen Riff und einem bestechend guten Refrain. Mitsingen tut zwar weh, macht aber tierisch Laune. Aber bitte nicht, wenn Mitmenschen zuhören können. Ganz anders geht es da bei 2×2 zu. Mit einem recht holprigen Bridge/Refrain wird man sozusagen direkt ins kalte Wasser geworfen. Dafür zeigt auch hier die Strophe eine unglaubliche Leichtigkeit und Harmonie. Unbedingt höhrenswert ist hierbai auch das Gitarrensolo. Hier weint die Gitarre förmlich, aber mit einer Inbrunst, dass man sich als Freund der Rockmusik nur darin baden möchte.

Vernie, der dritte Song des Albums, ist schlichtweg fantastisch. Das Songschema ist recht klassisch gehalten, ein ruhiger Rocksong mit schön deprimierender Grundstimmung. Zum Dahinschmachten. Ein Liebesliedchen eben. Umso krasser wirkt da der Kontrast zum fast schon Country-mäßigen Skinned. Ob der Song als Spaß oder als Message gegen Tiertötung ist, ist mir auch heute nicht ganz klar. Der Test spricht für zweiteres, die Musik für erstes. Macht aber auf jeden Fall Spaß. Etwas theatralisch geht dann Toes across the Floor zur Sache. Mit einem sehr schönen Bassriff als Grundlage und viel Gefiddel auf den Sechseitern entpuppt sich aber auch dieser Song als wahre Perle.

Walk beginnt irgendwie wie ein Song, der auch von Tracy Chapman stammen könnte. DIE müsste aber kastriert werden, um auch nur annähernd die Stimmlage von Shannon Hoon nachzuahmen 😉 . Dumptruck haut dafür wieder mehr auf die Rockschiene. Beeinddruckend, was die Gitarristen sich da so zusammenklimpern. Anfangs hatte ich gerade mit diesem Song immer meine Probleme. Inzwischen finde ich ihn aber auch ziemlich cool. Hat so ein bißchen was von Mike Watt. Eines meiner absoluten Lieblingsliedern war früher in jedem Fall Car Seat (God’s Presents). Absolute Herzschmerzvertone der Oberklasse. Untermalt mit Flöten- und Violinentönen, Klavier darf auch nicht fehlen. Echt schön.

Geradezu positiv kommt dann Wilt daher. Ein funkiges Gitarrenriff und eine fröhlicher Drumline lassen uns den Herzschmerz von eben vergessen. Zumindest kurz. The Duke reißt uns nämlich wieder in die Abgründe der eher traurig anmutenden Alternative Rock-Variante, die Blind Melon zelebrieren. Und das ist gut so. Leichtfüßig kommt hingegen St Andrew’s Fall daher. Dennoch überwiegt auch hier ein eher nachdenklicher Grundtenor. Ein geradzu klassisches Rocksongthema stimmt dann der Song New Life an: Drogenkifferjunkiepappi hofft angesichts seines Kindes auf tiefgreifende Veränderungen im Leben. Dieses Thema wird unter anderem ja auch von den Stone Temple Pilots besungen. Was in diesem Fall daraus geworden ist habe ich ja bereits erwähnt.

Ein absolutes Highlight des Albums ist dann Mouthfull of Cavities. Trotz Löcher in den Zähnen das sicher gefühlvollste und ehrlichste Stück des ganzen Albums. In der richtigen Stimmung kann dieser Song einem die Welt erklären. Ich kann nur empfehlen den Song möglichst laut und oft zu hören. Lemonade erscheint im Gegensatz dazu fasst wie der verzweifelte Versuch, die Ehrlichkeit des Vorgängersongs wieder wegzuwischen, so zu tun, als ob nicht geschehen wäre. Damit schließt dann das Album auch. Zum Abschluss darf die Bläserkapelle die Trauergemeinde noch vom Grab weggeleiten.

Klanglich liegen Blind Melon sehr eigenständig auf einer Linie, die heute am ehesten von Portugal. The Man verfolgt wird. Ein wirklich ungewöhnliches und teilweise auch sehr kompliziertes Arrangements vereint mit einer nicht unbedingt radiotauglichen Gesangslinie. Wer aber den Mut hat, sich darauf einzulassen kann auf Soup sehr viel Großartiges entdecken. Seien es die höchst spannenden Gitarrenriffs, die sher filligranen Gesangslinien und Mehrstimmigkeiten oder einfach nur ein Stück ungewöhnliche Rockmusik.

Der frühe Tod des Sängers hat uns vermutlich um viele weitere gute Songs gebracht. Die Band brachte nach dem Tod des Sängers noch ein Album raus, das mit Gesangsschnipseln aus früheren Sessions zusammengeschustert wurde. Inzwischen haben sich Blind Melon einen neuen Sänger genommen, und wollen in diesem Jahr ein neues Album aufnehmen. Man darf gespannt sein.

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